Erleuchtung von Anne Chaplet

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei List.
Folge 8 der Paul-Bremer-Serie.

  • Berlin: List, 2012. 320 Seiten.

'Erleuchtung' ist erschienen als

In Kürze:

Hauptkommissar Giorgio DeLange reist aus beruflichen Gründen nach Peru. Zurück in Frankfurt, wird er von Schlägern angegriffen. Drogen werden bei ihm gefunden. Seine Beförderung wird ausgesetzt. Dann wird seine Lebensgefährtin bedroht, Staatsanwältin Karen Stark. Wer will sein Leben zerstören? Und vor allem, warum? DeLange nimmt die Kampfansage an. Da stößt die Staatsanwältin auf eine Verbindung zwischen einer Mordserie in einem hessischen Dorf und der peruanischen Guerillabewegung Leuchtender Pfad. Und der Fall bekommt plötzlich eine ganz neue Wendung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Auch erleuchtetes Verbrechen zahlt sich nicht aus.« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Silke Wronkowski

Anne Chaplet schickt einen ihrer Protagonisten zu Anfang der Geschichte erst einmal auf einen nicht gar so lustigen Betriebsausflug nach Peru. Hauptkommissar Giorgio DeLange und seine Kollegen der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Frankfurter Polizei treten den Gegenbesuch bei den Kollegen an, deren Land und Leute erheblich mehr zu bieten haben als langweiliges Kantinenessen und eine Stadtführung: Serpetinen, die Anden, alkoholische Getränke mit geschlagenem Ei, Kokain und nicht zu vergessen keine einzige Verkehrsregel, geschweige denn ein Straßennetz das solche erfordern könnte.

Nicht verwunderlich also, dass DeLange zwar wahrnimmt, was die Reiseleiterin Shidy über die Inka und die Gräueltaten am Wegesrand erzählt, aber ab Höhenmeter 3.000 nicht mehr wirklich ganz da ist. Dennoch hindert es ihn nicht daran sich weiterhin Gedanken um den alten, unaufgeklärten Fall der verschwundenen Alexandra Raabe zu machen, welch günstiger Zufall, dass sein Lieblingshauptverdächtiger Dr. Karl-Heinz Neumann damals, Ende der 60er, auch seinen Weg nach Peru fand um den Kindern in den hinterwälderischen Dörfern Lesen und Schreiben beizubringen. Wer’s glaubt. DeLange jedenfalls nicht.

Zurück in Frankfurt nutzt er dann die Gunst der Stunde und eine Begegnung mit dem angesehen Politikberater auf dem Maskenball in der Frankfurter Oper, um Neumann fast beiläufig auf den »Pfad der Erleuchtung« anzusprechen, eine maoistische Sekten- und Terrorgruppierung in Peru. Ebenso beiläufig, aber für den Kommissar merklich genug, reagiert Charles, wie er sich damals nannte, darauf. Der Stein ist ins Rollen gebracht.

»Wer ist dein Freund? Willst du uns nicht vorstellen?«
»Das ist kein Freund«, sagte Neumann kurz.
»Das ist ein Störfall.«

Und wie er rollt, der Stein. Zuerst gibt noch nicht alles einen Sinn. Gut, der kleine Zwischenfall mit dem Bodyguard Neumanns am selben Abend auf der Herrentoilette, die ausstehende Beförderung, die in eine regelrechte Strafversetzung umgewandelt wird und zu guter Letzt die Tracht Prügel, die er vor seiner eigenen Haustür kassiert und ihm einen Filmriss nebst Krankenhausaufenthalt einbringt. Man hätte drauf kommen können, dass es Zusammenhänge gibt, aber manchmal braucht es ja den sprichwörtlichen Schlag auf den Hinterkopf, damit das Denken wieder einsetzt.

»Wie geht’s Jo?« fragte er.
»Es gibt Leute, die kaum ein Fettnäpfchen verfehlen. Und du bist darin Weltmeister.«

Während also Gorgio »Jo« DeLange allmählich klar wird, dass da jemand ganz oben an seinem Stuhl und seinem Ruf sägt, ihm sogar versucht verschwundenen Kokain unterzuschieben, rätselt seine Freundin – oder auch Nicht-Freundin, das weiß keiner so genau – Karen Stark, warum er sich so seltsam verhält und warum seine Töchter Caro und Flo, die sie bei sich aufnimmt, ihren vergötterterten Vater patu nicht im Krankenhaus besuchen wollen. Wen wundert’s, dass sie so gar nicht zu einem lockeren Gespräch mit ihrem besten Freund Paul Bremer aus Klein-Roda aufgelegt ist, auch nicht, wo er doch gerade eine übel zugerichtete Leiche auf dem örtlichen Friedhof entdeckt hat.

Allen bleibt nur die Flucht. DeLange entlässt sich selbst aus der Klinik und folgt seinem Instinkt, dass der Anfang irgendwo in Perus Vergangenheit zu finden ist. Kurzerhand besteigt er ein Flugzeug und hofft auf Unterstützung seines Freundes und Kollegen Tomás Rivas in Lima. Staatsanwältin Karen Stark kann seine Töchter Caro und Flo davon überzeugen, dass auch sie nicht mehr sicher sind in Frankfurt – ihr verwüstetes Arbeitszimmer und die zerschnittenen Klamotten der Mädchen sind aussagekräftig genug – und verfrachtet sie zu Paul nach Klein-Roda, besser gesagt auf den Ferienreiterhof im Ort. Doch »Sicherheit« ist auch dort eher ein Fremdwort, und der Body-Count steigt, und steigt, und …

Anne Chaplet mutet ihren Helden einiges zu auf ihrem Weg zur Erleuchtung, bis sich die Verbindungen zwischen Peru, dem Kokain und den Morden im Kaff Klein-Roda endlich verdichten. Ah, und nicht zu vergessen der Fall, den das Grüppchen um Paul Bremer und Karen Stark schon in Schrei nach Stille nicht abschließend aufklären konnte. Aber für all das lässt sie sich Zeit, fast ¾ des Buches, nimmt uns mit auf schneebedeckte Anden, in vor Hitze flirrende Dörfer und große, verbaute hessische Großstädte. Dabei schneidet sie zwar schnell zwischen Schauplätzen und erzählenden Personen, lässt sich aber dennoch ausreichend Zeit um dem Leser ein detailliertes Bild von Umgebung, Land und Leuten zu zeichnen.

Die Mischung macht die Musik und sorgt dafür, dass man weiterlesen will – auch wenn Lateinamerikanerinnen, die Rammstein zitieren, bevor sie im Bett zur Sache kommen, zum Schmunzeln anregen. Der unterschwellige Zynismus, der all ihren Figuren innewohnt, ihre liebenswerten »Unperfektheiten« – da ein Morgenmuffel, hier ein paar Pfunde zuviel, dort ein gluckenhafter Vater – verleihen der Geschichte eine äußerst charmante Echtheit. Selbst die mir persönlich mittlerweile aufstoßende Einflechtung des weltweit liebsten Sozialen Netzwerks, kommt hier herrlich unaufdringlich daher.

Piefiger Regionalkrimi-Charme? Nichts für Anne Chaplet! Auch wenn sie Frankfurt und sein Umland anschaulich wiedergibt. Abflauendes Lesevergnügen ob des mittlerweile achten Falls für die Frankfurter Runde? Mitnichten! Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am Schönsten ist. Oder, Frau Chaplet? Vielleicht doch ein Sequel mit Flo DeLange? Sie hätten allesamt noch genug Atem, um nicht in Frührente geschickt zu werden.

Silke Wronkowski, April 2012

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TochterAlice zu »Anne Chaplet: Erleuchtung« 21.11.2015
.beziehungsweise eine Geschichte, deren Fäden in Peru und in Deutschland, in der Vergangenheit - den "wilden" 60ern, den "ökomäßigen" 80ern - und der Gegenwart zusammenlaufen, steht im Mittelpunkt von Anne Chaplets neuem Kriminalroman.

Kommissar Giorgio DeLange trifft bei einer Dienstreise in Peru auf eine alte Geschichte, in der der ihm bekannte Karl-Heinz Neumann auftaucht... diese Geschichte hat mit viel Blut und Gewalt und mit großen Verlusten und nicht zuletzt mit der Terrororganisation "Leuchtender Pfad" zu tun. Karl-Heinz Neumann, einer der Player, begegnet ihm schließlich Monate später in der mondänen Umgebung des Maskenballs in der Alten Frankfurter Oper - von Seiten Neumanns ist diese Begegnung mehr als ungewollt, doch was steckt dahinter? Woher kennen sich die beiden, was sind die Hintergründe?

Wild geht es zu in der "Erleuchtung", wild und wirr - einerseits ist durchaus eine gewisse Spannung vorhanden, die sich durch die gesamte Geschichte zieht, doch zu wirr werden die Entwicklungen teilweise für meinen Geschmack, zu sehr springt die Handlung zwischen Hessen und Peru und verschiedenen Figuren hin und her.

Anne Chaplet schreibt fesselnd, literarisch anspruchsvoll und mit großer Kenntnis der internationalen Zeitgeschichte, daher ist auch ihr neues Werk auf sprachlicher Ebene ein Genuss und setzt sich wohltuend von der Masse deutscher Krimis ab. Doch leider vermag der Plot diesmal nicht Schritt zu halten mit den schriftstellerischen Fähigkeiten der Autorin, gerade zum Ende hin, wo doch eigentlich aufgelöst werden sollte, im letzten Drittel gibt es leider von allem - abgesehen von einer klaren Struktur und Auflösung - ein bisschen zu viel.
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