Das Treiben von Anke Gebert

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 bei Scherz.

  • Bern: Scherz, 2001. ISBN: 3-502-51807-6. 175 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007. ISBN: 978-3-596-16930-6. 175 Seiten.

'Das Treiben' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Seit zwölf Jahren sitzt Noras Vater in Haft. Damals wurde er für den Mord an ihrer Mutter verurteilt, obwohl er stets seine Unschuld beteuerte. Nora ist felsenfest davon überzeugt, dass ihr Vater nicht der Täter ist, und versucht alles, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Als ein anonymer Brief mit Hinweisen bei ihr eintrifft, entschließt sie sich, in ihr Heimatdorf Wolfshagen zurückzukehren – den Ort, an dem alles geschah. Engagiert und selbstbewusst stellt sie Nachforschungen an und ist sicher, den wahren Mörder in dieser trügerischen Idylle zu finden. Doch die dörfliche Gemeinschaft hält fest zusammen, und je mehr sie sich von der mittlerweile erwachsenen Tochter des Opfers provoziert fühlt, desto gefährlicher wird ihre Suche für Nora.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Treiben bedeutet nicht nur Jagd auf Tiere...« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Jürgen Herbst droht seiner Frau Helga während eines Streits, dass er sie umbringen werde. Kurz darauf wird Helga, auf einer Landstraße liegend, von betrunkenen Jugendlichen, die viel zu schnell unterwegs sind, überfahren. Doch Helga war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Aufgrund der Indizien und einer Aussage der siebenjährigen Tochter Nora, die den Streit der Eltern mitbekam, wird Jürgen Herbst zu lebenslanger Haft verurteilt.

Zwölf Jahre später hofft Nora vergeblich, dass ihr Vater frühzeitig entlassen wird. Nie hat sie geglaubt, dass er der Mörder ihrer Mutter gewesen sein könnte. Da sie sich aufgrund ihrer Aussage, die sie als kleines Kind nicht richtig einordnen konnte, schuldig an seiner Verurteilung fühlt, beschließt sie in ihren alten Heimatort Wolfshagen zurückzukehren und die damaligen Ereignisse aufzuklären.

Doch Wolfshagen ist ein kleiner Ort, ein Kaff, in dem die Dorfgemeinschaft eine verschworene Einheit bildet.

»Meinetwegen kann alles so bleiben wie es ist. Meinetwegen kann hundert Jahre lang alle so weitergehen. Ist doch alles bestens bei uns.«

Aber nicht alles ist bestens in Wolfshagen, denn was damals geschah, soll nicht wieder ausgegraben werden und so erfährt die mittlerweile 19-jährige Nora, dass sie keineswegs in ihrer alten Heimat von allen erwünscht ist. Ihre Mutter Helga lies es damals recht locker angehen, kam als Frau aus der Stadt mit der dörflichen Enge nie so recht klar und zog daher bei jeder Gelegenheit die Blicke der (argwöhnischen) Frauen und erst recht der (notgeilen) Männer auf sich.

Verdächtige gibt es also reichlich …

Eine Geschichte, in der ein lang zurück liegender Mord aufgeklärt werden soll, kann normalerweise keinen Preis für besondere Originalität gewinnen, da einem die Ausgangssituation nur allzubekannt vorkommt. Gleichwohl kann, wie im vorliegenden Fall, daraus aber eine sehr unterhaltsame Lektüre entstehen, zu der es nur weniger Stilmittel bedarf: Eine gelungene Szenerie (hier das spießig-miefige Dorfleben), mehrere tatverdächtige Personen und einen spannend-unterhaltsamen Schreibstil. Alle drei Punkte werden von Anke Gebert mustergültig umgesetzt!

Wolfshagen ist ein kleines Kaff in dem jeder Vorgarten gleich aussieht, abgesehen von dem der Familie Herbst, denn Helga wollte sich schon immer von den Dorfbewohnern abgrenzen. So spielte sie ständig mit den Männern, nur um sie rechtzeitig abzuweisen. Gleichzeitig wollte sie damit ihren Mann provozieren, um herauszufinden, ob dieser sie noch immer begehrt. Während sich nicht alle (männlichen) Dorfbewohner gerne zurückweisen ließen, stieg in Jürgen eine immer größer werdende Eifersucht empor, der mit der spielerisch aufreizenden Art seiner Frau zunehmend Probleme hatte.

Was damals wirklich geschah erzählt Anke Gebert mit einigen raffinierten Blindspuren garniert, so dass der Leser ein ums andere Mal in die Irre geführt wird. Doch die eigentliche Stärke des Romans ist zweifellos die bitterböse Beschreibung der Dorfidylle beziehungsweise die Charakterisierung der Einwohner. Selten kam einem soviel ätzender Provinz-Mief entgegen, musste man an sich halten angesichts der Kleingeistigkeit der Figuren.

Alles in allem legt Anke Gebert eine sehr kurzweilige Geschichte vor, die zum Mitraten einlädt und deren doppeldeutiger Titel sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Die Charaktere sind gut gezeichnet, die Auflösung ist originell und so gibt es am Ende nicht viel zu kritisieren.

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