Nazi Paradise von Angelo Petrella

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Nazi Paradise, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Pulp Master.

  • Padua: Meridiano Zero, 2007 unter dem Titel Nazi Paradise. 138 Seiten.
  • Berlin: Pulp Master, 2009. Übersetzt von Bettina Müller-Renzoni. ISBN: 978-3927734432. 115 Seiten.

'Nazi Paradise' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der namenlose Protagonist, ein wütender junger Skinhead aus dem neapolitanischen Großstadt- Dschungel, knackt Websites von Banken, manipuliert Konten und relaxt anschließend in einem erotischen Chatroom. Er hasst Rote und Bürgerliche gleichermaßen, doch das Fußballstadion besucht er mit religiöser Inbrunst. Seine Welt ist die der Hacker, Ultras, Junkies und Zuhälter und sie wird bestimmt von Schlägereien und Verrat. Korrupte Polizisten zwingen ihn, in einer Villa auf Capri den Computer eines Bonzen zu knacken, der für sie gefährliche und kompromittierende Informationen enthält. Doch dann läuft etwas schief, und plötzlich ist es sein Kopf, der rollen soll.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Mensch aus Hass« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Klar, zunächst einmal spricht etliches gegen dieses Buch. Sein Preis, zum Beispiel. 12,80 € für 115 Seiten und das noch nicht einmal »gebunden mit Lesebändchen«? Beutelschneiderei, kriegt man bei großen Verlagen billiger. – Nein, eben nicht. Große Verlage packen so etwas wie Angelo Petrellas Nazi Paradise gar nicht erst an, und wollte Pulp Master an diesem Buch auch nur annähernd eine Art Mindestlohn verdienen, hätte man den Preis noch um etliche Euronen erhöhen müssen. Kleine und mutige Verlage zahlen eben mehr für kleine und dennoch große Bücher.

 Gegen das Buch spricht – zunächst – auch sein Protagonist, ein italienischer Skinhead aus Neapel. Einen Namen hat er keinen, aber selbst wenn er einen hätte: Wer möchte schon bei so einem im Kopf sitzen und mitkriegen, was da gedacht wird? Unser namenloser Held verbringt seine Tage damit, dunkelhäutigere Mitmenschen zu verprügeln, Frauen »Judenfotzen« zu nennen, mit seinen Freunden das Fußballstadion zu besuchen, um dort fröhlich den Hooligan zu spielen. Manchmal begibt er sich in einen »Erotikchat«, trifft dort Gleichgesinnte und turnt sich, wenn er Glück hat, dabei so ein, dass es für eine kleine diskrete Handübung reicht. Überhaupt: Computer. Davon versteht er etwas. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich damit, die Konten argloser Menschen zu plündern. Und dieses Talent wird ihm eines Tages zum Verhängnis.

 Zwei korrupte Polizisten nämlich, die ihm auf die Schliche gekommen sind, zwingen ihn dazu, anlässlich einer Party den Rechner des Gastgebers zu knacken und einige brisante Dokumente zu besorgen. Unser kahlköpfiger Freund hat keine Lust dazu, versucht zu türmen – und erlebt nun eine böse Überraschung nach der anderen.

 Eine böse Überraschung, die dem Leser erspart bleibt. Petrella erzählt die Geschichte in der unverarbeiteten Sprache seines Helden, der so schnell und schnörkellos denkt, wie er lebt. Knapp über 100 Seiten übelste Denke also, Sympathie wird man für diesen Menschen wohl kaum empfinden, ein Nazi ist das halt. Doch Vorsicht: Was uns Petrella hier vorführt, ist eben kein Musterexemplar rechtsradikaler Ideologie, kein dumpfes Blut-und-Boden-Bürschlein, in dessen Gehirn die beiden letzten verbliebenen Gehirnzellen miteinander Billard spielen. Der Protagonist ist hochintelligent, er ist sogar zu unverbindlichem Smalltalk fähig, wenn es nicht anders geht. Sein Leben ist die Provokation am gedanklichen Limit, der Feind austauschbar, Hauptsache, es gibt ihn. Dass er am Ende, als er sich nach den erwähnten bösen Überraschungen halbwegs aus der dampfenden Kacke befreit hat, gar mit seinem »ideologischen Widerpart« gemütlich einen trinkt, kommt daher nicht überraschend. Man ist sich ja so ähnlich.

 Was uns Petrella hier also vorführt, ist ein Mensch, der sich über Negatives definiert, antibürgerlich und jenseits von Weltanschauung. Man mag solchen Leuten tagtäglich begegnen, ohne sie zu erkennen, sie können Schlipse tragen und einer geregelten Arbeit nachgehen, also ganz normal sein. Sie verstecken das Desaster, das in ihnen wütet, während es Petrellas Skinhead offen zeigt. Genau diese Erkenntnis macht »Nazi Paradise« zu jenem kleinen großen Roman, der bei allen Extremen so gefährlich alltägliche Dinge auszuplaudern versteht. In einer unverputzten Sprache, einer schnellen Krimihandlung und mit Kriegsszenen in vor Hass brennenden Gehirnen.

Dieter Paul Rudolph, Januar 2010

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Federfrau zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 14.03.2010
besonders gefallen hat mir, dass es petrella gelungen ist, überdeutlich zu zeigen, wie sinnlos und austauschbar der hass ist, der uns da entgegenschlägt - eigentleich eher zufall, ob da einer als faschist, skin oder anarcho auftaucht. hauptsache, es findet sich einer, der anders ist und auf den man draufhauen kann.
viel verstörender als die sprache ist, dass das nicht irgendeine realität weit weg ist, sondern eine, die vor der haustür lauert und nur zu gerne unter den teppich gekehrt wird.
oli zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 15.02.2010
ein typischer "pulp masters". brutal offen und an keiner stelle beschönigend. habe vom autor bisher nicht gehört aber das ging mir bei buddy giovinazzo auch so und heute habe ich alles von ihm gelesen. mich hat der roman an vielen stellen an uhrwerk orange von burgess errinnert. kompromisslos, teilweise vergleichbar mit einen unmittelbaren magenschlag. lesen.lesen.lesen. ein wunder das es dieses kleine buch nur knapp 120 seiten so weit geschafft hat.
HerrHansen zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 01.02.2010
„Nazi Paradise“ – die erste Frage, die ich mir nach der Lieferung angehört habe war „Was liest Du denn jetzt?“

Gute Frage. Ich wusste es selbst noch nicht worauf ich mich eingelassen habe. Aber Romane, die in Italien spielen wecken grundsätzlich meine Neugierde. Neapel ist ein Pflaster, welches ich in Italien nicht wirklich mag, da sieht es mit dem Umland schon anders aus. Egal, tut ja auch nicht viel zur Sache.

Interessant fand ich das Vorwort von Thor Kunkel – und das soll schon etwas heißen, da ich normalerweise gerne auf Vorworte verzichte.

Der eigentliche Roman als solches versucht durch einen ungewöhnlichen Schreibstil zu überzeugen. Der Hauptakteur bleibt anonym, lässt den Leser jedoch intensiv an Teilen seines faschistischen Lebens bzw. einem kurzen Abschnitt dessen teilhaben. Naja, das allein ist noch kein Garant für einen guten Roman. Aber die Art und weise, wie es Petrella gelingt, den Leser in das Leben des hassenden Faschisten zu ziehen ist vielfältig. Der Leser nimmt am Newsletter und am Chat der Hauptperson teil und erkennt stückweise, wie kaputt diese ist. Es ist fast schon erschreckend, dass man auf den Gedanken kommen könnte, dass Taten zum Ende des Romans gerechtfertigt erscheinen, weil man langsam in die Gefühlslage der Hauptperson einsteigt.

Der Titel täuscht, wie hier ja auch bereits angemerkt nicht für den deutschen Markt – „Nazi Paradise“ verbindet man hier vielleicht eher mit etwas anderem, passt aber auf die Bezeichnung, die im europäischen Ausland gerne verwendet wird. Nazi wird dort tatsächlich häufig mit Faschist gleichgesetzt.

Alles in Allem ein interessantes Buch, vielleicht nicht die 88° die versprochen wurden, aber für den geneigten Leser von lauwarmer Kost doch sehr weit entfernt, wenn man von der eigentlichen Handlung einmal absieht….
d.p.r. zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 10.01.2010
Hey Pieke, das klingt ja wie das Thema für ne neue Kolumne! Ich bin natürlich kein Übersetzer, aber ein bisschen mit SPrache hab ich auch zu tun. Ich eröffne hier mal einen Thread und frag unsere werte Leserschaft, was sie von Übersetzungen hält, ob sie das überhaupt wahrnehmen... Mailtechnisch noch immer Land unter. Liegt wohl am Server. Mails kommen alle rein, aber ich krieg keine raus. Melde mich aber heute noch...
bye
Pieke Biermann zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 09.01.2010
Danke, lieber Jochen - und wenn ich mein Genörgel dreisterweise gleich noch ausweiten darf (kleiner Finger > Hand usw): Wie wär's denn, wenn die KC auf Distinktionsgewinn spielt? Etwa so: Alle RezensentInnen müssen mit mindestens einem Satz mitteilen, wie es um die Übersetzung des jeweils Rezensierten bestellt ist... Dh sie müssen sich zu dem Thema selbst AUCH eine (bitte fundierte!) Meinung bilden. Würde die Aufmerksamkeit enorm erhöhen, und es wird Zeit dafür - der deutschsprachige Buch-Markt LEBT nämlich zu einem riesigen Teil von übersetzten Texten - und das ist ja erstmal ein großes Glück!
Zum Lob/Verriss der Arbeit der OriginalautorInnen gehört dann aber dasselbe in Sachen Übersetzung, nicht zuletzt weil DAS AUCH die Qualität von Ü. heben kann. (Näheres dazu im Krimijahrbuch 2009...)
Aloha - P.
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Leanne zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 09.01.2010
Schade nur, dass das Buch zur Zeit nicht lieferbar ist... oder nicht mehr lieferbar ist, weil die KC ähnlich wie seinerzeit Frau Heidenreich derart großes Interesse an einem bis dahin unbekannten Buch verursacht, dass ein kleiner Verlag mit der Lieferung nicht mehr nachhalten kann? Wäre ja schön :-)
Jochen zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 09.01.2010
Liebe Pieke, herzallerliebster dpr, zwar "Jack der Schlitzer" gebeutelt, werde ich in den nächsten Tagen die Bibliographie um Übersetzerin und weitere Daten ergänzen...

Und natürlich ist der werte Herr Petrella ein würdiger Voltreffer; eine derart verwegene Mischung aus tumbem Skinhead und fast klassischem Privatdetektiv ist schon was Besonderes. Da nehmen wir auch die allzu gehetzten letzten 20 Seiten in Kauf...
Pieke Biermann zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 08.01.2010
Prima, danke, dear dpr! Ist natürlich "peanuts" verglichen mit Heyne, die ihren Olen Steinhauer mit einem Schauspieler auf Tour schicken, beide mit Foto fietschern, aber in der ganzen edlen Einladung steht nirgends, wer die Texte, für die eigens ein Schauspieler..., denn ins Deutsche gebracht hat. When will they ever learn?
Aloha - P.

Ich sende auch gern mit dem Rest des eventuell vorgeschriebenen Kontingents Zeichen liebe Grüße dazu! Aber komm mal wieder aus Deinem Mail-Salat raus, woll?
d.p.r. zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 08.01.2010
"sie" statt "ich". Sonst meckert noch einer.

bye
dpr
*300 Zeichen, ach ja. Okay, dann empfehle ich aus dem Hause Pulp Master auch gerade noch Jim Nisbet, "Dunkler Gefährte". Is anders, aber auch gut. Und sage noch, dass der neue Ellroy im Februar erscheint. Knapp 800 Seiten. Geht knackig los. So, das müsste reichen.
d.p.r. zu »Angelo Petrella: Nazi Paradise« 08.01.2010
Hast ja recht, Pieke. ich werde die Jungs hier zurechtstutzen, weil ich den ÜBersetzer nicht angeben. In diesem Fall einer ÜBersetzerIN: Bettina Müller-Renzoni.

bye
dpr
*der immer noch Mailprobleme hat
**und Multimediasachen kloppt
***und der noch 68 Zeichen eingeben muss und dich deshalb lieb grüßt.

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