Schlafe ein, mein Kind von Andrew Brown

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Coldsleep lullaby, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.

  • Kapstadt: Zebra Press, 2005 unter dem Titel Coldsleep lullaby. 260 Seiten.
  • München: btb, 2009. Übersetzt von Mechthild Barth. ISBN: 978-3-442-73951-6. 383 Seiten.

'Schlafe ein, mein Kind' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Stellenbosch, Südafrika: Im Fluss treibt die Leiche einer jungen Weißen. Die Öffentlichkeit hat den Täter schnell ausgemacht: Ein illegaler Einwanderer aus Burundi soll die Tat begangen haben. Doch was hat es mit den geheimnisvollen, bedrohlichen Schlafliedern auf sich, die Melanie gesammelt hat? Wusste sie um die Gefahr, in der sie sich befand? Und weshalb fehlt eine Seite aus ihrem Notizbuch? Detective Eberard Februarie, eigentlich damit beschäftigt, seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln, lässt der Fall keine Ruhe. Und gemeinsam mit der resoluten Polizeianwärterin Xoliswa stößt er auf ein Ereignis, das tief in die verwobene Geschichte Südafrikas zurückreicht – und das noch immer lange Schatten wirft …

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Familie, zwei Geschichten und zweimal das gleiche Verbrechen« 72°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

»Die Seife auf dem Waschbecken, durch das Liegen im Wasser glitschig und weich geworden, hatte eine ungesunde rosa Farbe. Als er versuchte, sie in die Hand zu nehmen, löste sie sich in einzelne Stücke auf, die an blasse Nacktschnecken erinnerten.«

 »Die älteren Bäume waren am Fuß dick angeschwollen, was ihnen ein fast surreales Aussehen verlieh, da sie mit den Bürgersteigen zu verschmelzen schienen.«

Zwei willkürlich gewählte Zitate aus den ersten Kapiteln von Andrew Browns Schlafe ein, mein Kind. Mit hohen Erwartungen las ich diesen Roman an. Immerhin hatte er in Südafrika einen Literaturpreis ergattert – ich wollte es nach den ersten Seiten nicht glauben. Da werden also zwei Geschichten erzählt, beide spielen in Stellenbosch, der Vorzeigestadt in den südafrikanischen Vinelands, liegen jedoch zeitlich ein paar hundert Jahre auseinander.

Denn während Inspektor Februarie mit der jungen farbigen Polizeianwärterin Xoliswa Nduku in der Gegenwart ermitteln, wird im anderen Erzählstrang die Zeit des Anfangs der Kolonialisierung und des Weinanbaus beschrieben, in der Gouverneur van der Stel mit Hilfe seines Statthalters van der Keesel die Sklaven in den neu angelegten Weinbergen beaufsichtigte.

Im Eerste Rivier schwimmt die Leiche eines Mädchens, die Tochter eines Juraprofessors und Anwalts. Februarie, der klischeehafte(?) Einzelgänger, wird auf den Fall angesetzt und findet schnell eine Spur und einen Verdächtigen. Doch dann geschieht etwas grauenvolles: Der Vater der Toten besucht den Verdächtigen in seiner Zellen und wird nach eigenem Bekunden angegriffen, so dass er ihn in Notwehr erschießen muss. Für Februarie scheint alles klar, doch Nduku misstraut der Version des Vaters. Beide finden ein Notizbuch der Toten mit Schlafliedern, die immer düstere und grausamere Texte haben. Die letzten Seiten fehlen – ein Hinweis auf den Mörder?

 Im anderen Handlungsstrang bittet der Sklave Frederik Boorman um Freilassung. Van der Keesel, der klischeehafte(!) Fiesling, zögert dies hinaus, missbraucht währenddessen jedoch fortwährend Frederiks schöne Frau. Doch als er die fünfzehnjährige Tochter erblickt, kennt der Statthalter nur noch ein Ziel. Was er nicht ahnt, mit Sanna findet er eine echte Gegnerin.

 Es lohnt sich weiterzulesen

Man braucht Geduld und Ausdauer. Die ersten hundert Seiten sind schwerfällig und zäh. Schwer zu beurteilen, ob Autor oder Übersetzerin sich hier erst einmal aufwärmen mussten, bis der schwülstige, von Adjektiven und Metaphern überladene Text endlich ein wenig flüssiger wird. Aber dann, irgendwo zwischen Schlafliedern, Historienklimbim und Durchschnittskrimi, beginnt plötzlich irgendwo ein Fünkchen Genialität aufzublitzen. Da gehen dem Polizisten die Motive durch den Kopf, aber nicht, weil er den Mörder sucht, sondern seinen eigenen Trieben unterlegen ist. Da tut sich was in den Charakterzügen der Hauptakteure, sie werden tiefgründiger und man lernt immer neue Seiten von ihnen kennen. Da ermitteln der Sohn freigelassener Sklaven und eine Farbige Seite an Seite in den Sphären der weißen Oberschicht. Da erhält die zunächst immer wieder störende Unterbrechung durch Schlaflieder auf einmal einen Sinn, so dass man wieder zurückblättern mag, um den genauen Aufbau noch einmal zu studieren. Der Bezug zum Fluss, Reinheit, Unschuld (?). Der Zweikampf zwischen dem Weißen und dem Schwarzen, zwischen Tag und Nacht, Gerechtigkeit und Sünde, Gut und Böse.

Schlafe ein, mein Kind hat tatsächlich literarisches Niveau, auch wenn Bäume mit Füßen und Nacktschnecken aus Seife zunächst tiefe Falten des Zweifels in die Stirn des Lesers furchen können. Die Verbindung der beiden Erzählstränge und der Schlaflieder beseitigt jedoch die letzten Spuren dieses Zweifels. Brown, selber Anwalt, beweist letztlich deutlich, dass er was auf dem Kasten hat. Durchhalten!

Thomas Kürten, Oktober 2009

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Jürgen zu »Andrew Brown: Schlafe ein, mein Kind« 10.06.2011
Ein kluges, packendes Buch, das die Kolonialgeschichte ebenso wie das heutige Leben in Südafrika lebendig werden lässt. Es gibt einen spannenden Einblick sowohl in ein Land voller Widersprüche und mit einer komplizierten Geschichte als auch in die menschliche Psyche an sich.

Der Roman wechselt zwischen zwei Geschichten, die 300 Jahre auseinander liegen: Die moderne Story ist ein Thriller, der sich um Inspector Februarie und den Mord an einer jungen Studentin dreht. Zuerst scheint klar auf der Hand zu liegen, wer der Mörder sein muss. Doch schon bald wird deutlich, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht - gerade nicht in einem Land, wo vieles schwarz und weiß zu sein scheint. Der Inspektor, der selbst keine makellose Vergangenheit aufweisen kann, gerät immer tiefer in ein Netz aus Vorurteilen, Schuld und Begierde.

Die zweite Geschichte spielt in den frühen Tagen Stellenboschs zur Zeit der Kolonialisierung des Kaps durch die Holländer. Sie handelt von dem skrupellosen Winzer van der Keesel und seiner Beziehung zu einer Sklavenfamilie. Van der Keesel entwickelt eine düstere Begierde für eine junge Sklavin, die ihn auf unerwartete Weise an Grenzen stoßen lässt, welche er als Kolonialherr nicht kennt oder erwartet.

Je weiter sich die beiden Geschichten entwickeln, desto mehr nähern sie sich einander an, bis sich schließlich eine überraschende Verbindung ergibt, die noch einmal zeigt, wie vielschichtig die Geschichte dieser Nation ist.

"Schlaf ein, mein Kind" ist ein Roman, der nicht nur ausgezeichnet geschrieben ist und viele ungewöhnliche Bilder findet, sondern es auch schafft, ein diffiziles Bild eines Landes und seiner Charaktere zu zeichnen. Eindeutig fünf Sterne! Nicht ohne Grund hat Andrew Brown dafür den angesehensten Preis Südafrikas gewonnen!
mylo zu »Andrew Brown: Schlafe ein, mein Kind« 04.10.2010
Also mich hat das Buch angenehm überrascht. Die zwei nebeneinader erzählten Geschichten, 300 Jahre auseinander, in beiden Opfer und Täter aus der gleichen Familie und die auArt des Verbrechens ist auch nahezu gleich, die Art des Töten.
Die Sprache ist gut zu lesen, es fängt den Leser ein und hat die nötige Spannung.
Wieder ein neuer Autor aus Afrika der lesenswert ist. Freue mich auf den zweiten Roman, für diesen gibt es 80 Punkte.
Anja S. zu »Andrew Brown: Schlafe ein, mein Kind« 29.01.2010
Mir hat dieses Buch gut gefallen, ich wuerde es jedoch nicht als Meisterwerk bezeichnen und einen Preis wuerde ich ihm auch nicht unbedingt geben.
Die Sammlung der Schlaflieder ist beeindruckend, es ist sogar eines des ermordeten afroamerikanischen Buergerrechtlers Medgar Evers dabei. Die Charaktere sind teilweise etwas klischeehaft, warum muss eigentlich jeder Polizist ein Antiheld sein?
Aber ich wuerde durchaus noch ein weiteres Buch von Herrn Brown lesen.
Bio-Fan zu »Andrew Brown: Schlafe ein, mein Kind« 25.01.2010
Was für ein tolles Buch! Ich muss gestehen, dass ich gegen Ende sogar ein paar Tränchen wegblinzeln musste und das passiert mir wahrlich nicht häufig.
Das Schicksal zweier Familien in Südafrika- das des alleinerziehenden Uniprofessors in der Jetzt-Zeit, das der Sklavenfamilie vor ca. 300 Jahren- so unterschiedlich wie es nur sein kann, dann doch so ähnlich.

"Schlaf ein, mein Kind" ist ein wenig aussagekräftiger Titel, weist nur darauf hin, dass Schlaflieder von zentraler Bedeutung sind. Jedem Kapitel des Buches ist ein Wiegenlied vorangestellt, die im Tagebuch eines der Opfer entdeckt wurden. Angefangen mit dem kindlich-naiven "Schlaf, Kindlein,schlaf" verändern die Lieder ihren Charakter, werden zunehmend bedrohlich, wie sich parallel dazu auch die Situation der Betroffenen zuspitzt.

Es zeichnet einen guten Autor, dass er sowohl Politik und Historie, als auch persönliche Schicksale mit entsprechender emotionaler Tiefe in einen Plot packen kann, ohne ihn zu überfrachten.

Unbedingt empfehlenswert! 90 Grad
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