Weißer Schnee, rotes Blut von Andrea Maria Schenkel (Hg.)

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.

  • Berlin: Ullstein, 2009. ISBN: 978-3-550-08741-7. 248 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2010. ISBN: 978-3-548-28291-6. 248 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2009. Gesprochen von Burghart Klaußner u. a. Sebastian Bezzel, Brigitte Hobmeier. ISBN: 3899036751. 2 CDs.

'Weißer Schnee, rotes Blut' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

In Sebastian Fitzeks Geschichte geht eine von der Weihnachtshektik gestresste Mutter einem Mörder in die Falle. Jan Costin Wagner erzählt von einem ganz normalen Familienvater, der plötzlich in einen Abgrund blickt. Elisabeth Herrmann nimmt uns mit zu einer Toten unter dem Eis. Heinrich Steinfest erzählt, was passieren kann, wenn eine einsame Frau Weihnachten mit einem Fremden verbringt. Und in Andrea Maria Schenkels Erzählung kommt es im tief verschneiten Bayern während der Christmette zu einem grausamen Mord. Erleben Sie Weihnachten außerdem mit fesselnden Storys von Friedrich Ani, Anne Chaplet, Zoran Drvenkar, Robert Hültner, Linus Reichlin und Michael Theurillat.

Das meint Krimi-Couch.de: »Weihnachten, abwechslungsreich und – blutig« 78°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Eine illustre Riege deutschsprachiger Krimi-Autoren hat Andrea Maria Schenkel für diesen weihnachtlichen Sammelband spannender Kurzgeschichten um sich versammelt. Nicht alle haben direkt mit Weihnachten zu tun, aber sie spielen ausnahmslos in der Zeit um das Fest. Einige Beiträge sind wirklich herausragend, mit viel Spannung auf den wenigen Seiten. Andere sind eher durchschnittlich, aber keine fällt völlig aus dem Rahmen.

Nach einem Vorwort der Herausgeberin macht Friedrich Ani den Anfang mit einer nachdenklich machenden Erzählung. Es geht dabei um Kommunikation in der Familie, den Tod des Großvaters und eine junge Liebe. Keine wirkliche Kriminalgeschichte, aber spannend zu lesende Lektüre.

Mit Anne Chaplets Beitrag wird dann die »Schlagzahl« deutlich erhöht. Sie schildert das tragische Ende eines Mannes, der kurz vor dem Ableben seiner Ehefrau eine bittere Wahrheit erfährt – und damit so gar nicht zurecht kommt.

Zoran Drvenkars Geschichte ist ein Auszug aus seinem im Herbst 2010 neu erschienenen Roman. Es geht darin um drei Jugendfreunde, deren Beziehung in eine Tragödie mündet. Meisterhaft und spannend erzählt, sehr hintersinnige Dialoge. Ein echtes Highlight, das Appetit auf den ganzen Roman macht.

Während einige Beiträge durchaus etwas länger sind, braucht Sebastian Fitzek ganze elf Seiten, um den Lesern reihenweise kalte Schauer über den Rücken zu schicken. In der Geschichte geht eine von der Weihnachtshektik gestresste Mutter einem äußerst perfiden Mörder in die Falle. Ein wirkliches Bravourstück.

Ein weiterer Bonbon ist die Erzählung von Elisabeth Herrmann. Sie braucht ein paar Seiten mehr, aber es kommt nicht einen Moment Langeweile auf. Es geht um junge Mädchen, die ermordet unter dem Eis von Wasserwegen zwischen Berlin und Magdeburg gefunden werden. Ein kniffliges Rätsel für die Ermittler, mit hoch dramatischem Finale und düsteren Charakteren.

Robert Hültner nutzt in seinem Beitrag die bayrische Mundart, um authentisch einen Mord – und seine Aufklärung – in einem kleinen Bauerndorf zu schildern. Wie er auf wenigen Seiten höchst plastisch den Mikrokosmos in der bajuwarischen Provinz schildert, ist außerordentlich spannend und amüsant zugleich.

Linus Reichlin schildert zwar keinen Kriminalfall, gibt aber tiefgehende Einblicke in die menschliche Psyche.

Herausgeberin Andrea Maria Schenkel liefert den Lesern des Sammelbandes ein weiteres Schmankerl. In ihrer Erzählung kommt es im tief verschneiten Bayern während der Christmette zu einem grausamen Mord – eigentlich durch Zufall. Und dabei schildert sie, wie eine kriminelle Karriere ein ungewolltes Ende finden kann.

Heinrich Steinfest erzählt kurz und höchst kompakt, was passieren kann, wenn eine einsame Frau Weihnachten mit einem Fremden verbringt. Die Geschichte von Michael Theurillat ist wiederum kein Kriminalfall, vermittelt jedoch auf wenigen Seiten eine ungeheure Tragik.

Abschließend vermittelt Jan Costin Wagner eindrucksvoll einen Blick in die Psyche eines Familienvaters, der am Weihnachtsabend vielfältigen Versuchungen ausgesetzt ist. Ebenfalls kein Krimi – aber spannend und nachdenklich machend.

Insgesamt wurde hier ein überaus gelungener Sammelband zusammen gestellt, bei dem die wirklich guten Kurzgeschichten überwiegen. Die Autoren zeigen damit, dass sie die Aufforderung zur Mitarbeit an einem solchen Sammelband durchaus ernst nehmen, und nicht »nur mal eben« eine Geschichte zu Papier bringen. Einige Beiträge sind allerdings keine Kriminalgeschichten, was eine höhere Bewertung verhindert. Gleichwohl sind auch diese Erzählungen durchaus lesenswert – wenn auch nicht »atemlos spannend«, wie der Umschlagtext verspricht. Aber Klappen- und Umschlagtexte sind ein ganz eigenes, und keineswegs erfreuliches Thema. Also lieber die Geschichten aus diesem Sammelband genießen, statt sich über irreführende Klappentexte zu ärgern.

Andreas Kurth, Dezember 2010

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