Die Passion des stillen Rächers von Andrea Camilleri

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel La pazienza del ragno, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Edition Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Sizilien, 1990 - 2009.
Folge 8 der Salvo-Montalbano-Serie.

  • Palermo: Sellerio, 2004 unter dem Titel La pazienza del ragno. 253 Seiten.
  • Mailand: Mondolibri, 2005. 253 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2006. Übersetzt von Christiane v. Bechtolsheim. ISBN: 978-3-7857-1581-9. 253 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2007. Übersetzt von Christiane v. Bechtolsheim. ISBN: 978-3-404-92267-3. 253 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006. Gesprochen von Gerd Wameling. ISBN: 3-7857-3196-5. 4 CDs.

'Die Passion des stillen Rächers' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Kaum hat Salvo Montalbano seine Schussverletzung auskuriert, erhält er auch schon einen Anruf aus dem Kommissariat: Auf einer einsamen Landstraße hat man den Motorroller von Susanna Mistretta, einer junger Studentin, gefunden, die mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf nahe der Fundstelle lebt. Der Vater, der unverzüglich eine Vermisstenanzeige aufgegeben hat, ist sich sicher: Susanna ist entführt worden. Doch Commissario Montalbano findet bald heraus, dass es sich bei der Entführung um die Tarnung für eine weitaus vielschichtigere Sache handelt. Zu viele Details passen nicht zusammen, die Aussagen der Zeugen widersprechen sich. Doch das Netz der Verwirrungen, das hier ausgelegt wurde, scheint undurchdringbar und der stille Rächer geduldig genug, um in aller Ruhe abzuwarten, bis sein Opfer in die verhängnisvolle Falle tappt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Commissario Montalbano zeigt Nerven« 77°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Ganz egal, welchen Fall der Leser aus Andrea Camilleris sizilianischer Krimi-Reihe mit Salvo Montalbano auch liest, folgende bewährte Komponenten erwarten ihn so sicher, wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche: ein unkonventioneller Ermittler, Haute Cuisine auf sizilianisch und jede Menge trockener Humor. Eher selten trifft man dagegen auf Mafia-Kriminalität, denn auch auf Sizilien gibt es Morde und andere Gewaltverbrechen aus Habgier oder Leidenschaft.

Die berühmte innere Stimme

Um drei Uhr, siebenundzwanzig Minuten und vierzig Sekunden wacht Salvo Montalbano jede Nacht verschwitzt und schwer atmend aus dem Schlaf auf, seitdem ihn vor zwanzig Tagen ein Menschenhändler angeschossen hat. So auch in der Nacht in der ihn, obwohl er noch krank geschrieben ist, Catarella anruft, um das Verschwinden eines Motorrollers zu melden. Fazio wird später erklären, dass es eigentlich um die Entführung der Halterin geht, die junge Studentin Susanna Mistretta ist offensichtlich gekidnappt worden.

Aus der Sicht des Vaters Salvatore Mistretta und der ihres Freundes Francesco Lipari kann es keinen anderen Grund für Susannas Verschwinden geben, da sie niemals ihre depressive und todkranke Mutter allein gelassen hätte. Dennoch ist Montalbano zunächst skeptisch. Wer sollte eine Studentin entführen, deren Familie bekanntermaßen seit Jahren in würdiger Armut lebt? Schließlich melden sich die Kidnapper und fordern ein Lösegeld von 6 Milliarden. Euro oder Lira? Scheinbar haben sie die Euroumstellung noch nicht verinnerlicht.

In publikumswirksamen Fernseh-Botschaften machen die Entführer klar, dass sie es absolut ernst meinen. Offensichtlich ist Susannas Vater, der nur mit Hilfe seines Bruders für die Pflege seiner sterbenden Ehefrau aufkommen kann, nicht der Adressat dieser Geldforderung. Montalbano und seine Kollegen rollen Stück für Stück eine tragische Familiengeschichte auf, die den Unbekannten als Grundlage für einen sorgfältig ausgeklügelten Racheakt dient.

Ein durchschaubarer Plot

Die Passion des stillen Rächers bietet sicherlich nicht den raffiniertesten und spannensten Plot in der mittlerweile recht umfangreichen Reihe von Kriminalromanen mit dem launischen Sizilianer. Dieser Montalbano-Krimi ist wie immer interessant und durchgehend logisch konstruiert. Als Leser hat man allerdings den Eindruck, dass Camilleri hier absichtlich relativ früh durchblicken lässt, wer hinter der Entführung steckt. Warum? Vielleicht um auf einen für diese Krimi-Reihe eher untypischen, weil politischen Hintergrund aufmerksam zu machen. Es geht um ein Gesetz, dass die Rückführung und Nutzung illegaler Einkünfte erleichtert, indem es die Verjährungsfristen verkürzt. Obwohl Camilleri in seinen Krimis immer ein kritisches Auge auf die italienische Justiz geworfen hat, ist seine hier geübte Kritik an der Regierungspolitik der »Erneuerter Italiens« ungewöhnlich direkt. Dazu gesellt sich ein zynischer Blick auf den Missbrauch der Informationspflicht und die Manipulation der öffentlichen Meinung durch die Medien.

Ein etwas ernsterer Montalbano

Eigenwillig, unbequem, immer ehrlich und direkt; so kennt und liebt der Montalbano-Fan seinen sizilianischen Commissario. Doch auch ein derart prägnanter Charakter verändert und entwickelt sich mit den Jahren. In Die Passion des stillen Rächers wirkt Montalbano nachdenklicher und verletzlicher – wie abzusehen nach dem Vorgängerroman Das kalte Lächeln des Meeres. Seine Schlussverletzung scheint ihm die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen geführt zu haben, eine Erkenntnis die den sonst so coolen Ermittler erschreckt und verunsichert. Einmal mehr bestätigt Montalbano seinen wichtigsten Grundsatz, er fühlt sich im Zweifelsfall eher der Gerechtigkeit verpflichtet, als dem Gesetz. Den gewohnt bissigen Humor, die Leidenschaft und seinen guten Appetit hat er glücklicherweise kein bisschen eingebüßt.

Letzterer wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, da seine Partnerin Livia ihm eine Diät verordnet hat. Die kulinarischen Genüsse müssen daher leider etwas kürzer treten. Dennoch begeistert auch Die Passion des stillen Rächers durch sizilianische Lebensart, Humor, derbe Sprüche und skurrile Typen, wie dem stets treuen und konfusen Catarella oder dem »Hühnerarschgesicht« Ragonese. Darüber hinaus beweist Camilleri auch in diesem Montalbano-Krimi seine Funktion als Gewissen und juristische Kontrollinstanz Italiens. Trotz des eher schwachen Kriminalfalls, ist Die Passion des stillen Rächers aufgrund der typisch sizilianischen Atmosphäre, der unvergleichlich charmanten Charaktere und der interessanten politischen Reflektion auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

Eva Bergschneider, Januar 2007

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Stephan Weiss zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 08.08.2009
ein guter Krimi in einer Reihe von amüsanten und sehr von Lebensart geprägten Storys...die Figur Montalbano entwickelt Charakter- und dem Autor sei Dank - dieser Charakter gibt immer mal Anlaß zur Kritik. Sehr kurzweilig und gut am Stück zu lesen. Geschichten wie sie sein könnten ,in einem Leben wie es sein kann und das in einem Land das es schon gibt.
tedesca zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 09.03.2009
Einmal mehr ein grandioses Lesevergnügen. Ich habe auch die sieben Bücher vor diesem gelesen und freu mich schon auf die folgenden, Camilleri schreibt einfach umwerfend gut. Komisch, liebevoll, satirisch und respektvoll schildert er seine Landsleute mit allen ihren Eigenheiten, vor allem auch den kulinarischen, sodass einem oft das Wasser im Mund zusammenläuft.

Vigáta ist ein fiktiver Ort, aber es könnte jede kleine Stadt in Sizilien sein. Montalbano ist ein typischer italienischer Macho, der jedoch mehr und mehr auch seine sensiblen Seiten entdeckt, die vor allem seine Freundin Livia in ihm zum Vorschein bringt.

Es ist sicher schwierig, einen Text zu übersetzen, der mit so vielen lokalen Ausdrücken und Phrasen gespickt ist, aber ich denke, es ist ganz gut gelungen. Vor allem die Dialoge mit dem Carabineri Catrella finde ich immer so komisch, deshalb habe ich hier auch zwei zitiert.

Die Geschichte selbst ist spannend, Montalbano lässt sich von den Beteiligten der Entführung nicht aufs Glatteis führen, er allein durchschaut letztendlich die Ränke, die hier geschmiedet wurden und bildet sich sein eigenes Urteil darüber, was richtig und was falsch ist.

Eine absolute Empfehlung für alle, die gern Geschichten mit südlichem Lokalkolorit lesen, in denen es weniger um Mord und Brand geht, sondern um das Menschliche mit all seinen Auswüchsen.
mira23 zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 23.05.2008
Habe diesen Titel so wie auch die beiden nachfolgenden Montalbano-Krimis in der italienisch-sizilianischen Originalsprache gelesen. Ist gar nicht so schwierig, wenn man einigermassen Italienisch kann und die sizilianischen Verben lernt. Oft habe ich schon nur ob den Sprachwendungen gegrinst und das Buch in vollen Zügen genossen. Es war wie eine von Montalbano's köstlichen Mahlzeiten in Buchformat. Wer Sizilien kennt und liebt wird dies verstehen. Soll man Mordgeschichten so geniessen können? Dies ist vielleicht die einzige Frage die dabei offen bleibt. Die Antwort überlasse ich jedem einzelnen selbst.
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Christiane34 zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 27.04.2008
Wie bei allen Krimis von Camileri hat auch diese Buch eine gute Prise Humor.
Wie auch schon jemand vor mir bemerkte, ist es aber doch etwas anders. Ein wenig schwerfaelliger koennte man sagen. Als wirklich schlecht moechte ich das Buch hier allerdings nicht bewerten. Es ist allein wegen der Sprache, dem Flair welches der Autor in seinen Buechern verbreitet lesenswert. Montalbano ist sicher einer der liebenswertesten Krimihelden die mir je "begegnet"sind.
Die meisten Buecher mit ihm kann ich auch wirklich jedem empfehlen, dieses ist vieleicht nur etwas fuer echte Fans.
Anja S. zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 27.12.2007
Dieser Camilleri hat nicht die Klasse seiner Vorgänger. Das Buch ist etwas dröge geschrieben und auch längst nicht so witzig wie sonst. Dennoch ist es ein weit überdurchschnittlicher Krimi im Vergleich zu vielen anderen Büchern.
Ulli zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 22.03.2007
Tut mir leid, ich kann meinen Vorgängern leider nicht zustimmen. Lange hatte ich mich auf den nächsten Camilleri gefreut und wurde bitter enttäuscht. Die Bücher werden mir inzwischen - wie soll ich sagen - zu "konfus". Hat nicht mehr den alten Biss und erinnert mich zu sehr an seine Kurzgeschichten, die ich auch nicht mag! Für mich war's das mit der Serie!

Ulli
hoffmann9471 zu »Andrea Camilleri: Die Passion des stillen Rächers« 17.09.2006
Insgesamt kann man Neueinsteigern in die Welt der Italo-Krimis immer Camilleri empfehlen; und zwar jeden Montalbano-Fall. Das ist Süditalien und insbesondere Sizilien. Das ist vor allem auch viel Humor und Einsicht in die sizilianische Gesellschaft, die aus sehr viel mehr Komponenten besteht als nur der Mafia. Aber natürlich gibt es eben auch die Mafia, und die besteht aus vielen verschiedenen Zweigen und Gruppen. Ich jedenfalls bin immer neugierig auf jeden neuen Fall und darauf, wie Montalbano sich wieder so durch das Leben schlägt.
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