Der Dieb der süßen Dinge von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1996
unter dem Titel Il ladro di merendine,
deutsche Ausgabe erstmals 2000
bei Edition Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Sizilien, 1990 - 2009.
Folge 3 der Salvo-Montalbano-Serie.
- Palermo: Sellerio, 1996 unter dem Titel Il ladro di merendine. 315 Seiten.
-
Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2000.
Übersetzt von Christiane v. Bechtolsheim.
ISBN:
3-7857-1513-7. 315 Seiten. -
Bergisch Gladbach: BLT, 2001.
Übersetzt von Christiane v. Bechtolsheim.
ISBN:
3-404-92076-7. 317 Seiten.
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ISBN 3-404-92076-7, 315 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe
Leseprobe
Aus dem Italienischen von Christiane v. Bechtolsheim
Kapitel Fünf
»Signor Questore? Hier ist Montalbano. Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich kann morgen abend nicht zu Ihnen zum Essen kommen.«
»Tut Ihnen leid, dass wir uns nicht sehen können, oder ist es die pasta al nero di seppia?«
»Beides.«
»Wenn es um eine berufliche Verpflichtung geht, kann ich nicht...«
»Es ist nichts Berufliches …Es ist nur so, dass für vierundzwanzig Stunden meine …meine...«
Verlobte? Das klang so antiquiert. Freundin? In dem Alter, in dem sie beide waren?
»Frau?« schlug der Questore vor.
»Genau.«
»Signorina Livia Burlando muß Sie sehr gern haben, wenn sie eine so lange und anstrengende Reise auf sich nimmt.«
Er hatte seinem Chef nie etwas von Livia erzählt, offiziell konnte er von ihrer Existenz gar nichts wissen. Nicht mal als Montalbano im Krankenhaus gelegen hatte, nachdem er bei einer Schießerei verletzt worden war, waren sich die beiden begegnet. »Wir würden sie gern kennenlernen,« sagte der Questore, »meine Frau würde sich sehr freuen. Bringen Sie sie morgen abend einfach mit.«
Das Festmahl am Samstag war gerettet.
»Spreche ich mit Signor Commissario? Mit ihm persönlich?«
»Ja, Signora, ich bin dran.«
»Ich wollte Ihnen etwas bezüglich des Signore sagen, der gestern früh umgebracht wurde.«
»Kannten Sie ihn?«
»Eigentlich nicht. Ich habe nie mit ihm gesprochen. Sogar seinen Namen habe ich erst gestern Abend in den Nachrichten erfahren.«
»Signora, ist das, was Sie mir zu sagen haben, wirklich wichtig?«
»Ich denke schon.«
»Gut. Kommen Sie heute nachmittag gegen fünf zu mir ins Büro.«
»Ich kann nicht.«
»Dann eben morgen.«
»Auch morgen nicht. Ich bin gelähmt.«
»Ich verstehe. Ich komme zu Ihnen, vielleicht sofort.«
»Ich bin immer zu Hause.«
»Wo wohnen Sie, Signora?«
»Salita Granet 23. Ich heiße Clementina Vasile Cozzo.«
Auf dem Weg zu der Verabredung hörte er, wie jemand nach ihm rief. Es war Maggiore Marniti, der mit einem jüngeren Offizier an einem Tischchen vor dem Café Albanese saß.
»Ich möchte Ihnen Tenente Piovesan vorstellen, den Kapitän des Patrouillenboots Fulmine, das...«
»Montalbano, freut mich«, sagte der Commissario. Aber er freute sich keineswegs. Die Geschichte mit dem Fischkutter war er losgeworden, warum zogen sie ihn nun doch wieder hinein?
»Trinken Sie einen Kaffee mit uns.«
»Ich habe wirklich zu tun.«
»Nur fünf Minuten.«
»Na gut, aber ohne Kaffee.«
Er setzte sich.
»Bitte, sprechen Sie«, sagte Marniti zu Piovesan.
»Per me no xe vero gnente.«
»Was, meinen Sie, stimmt hinten und vorne nicht?«
»Mir stößt die Geschichte mit dem Fischkutter ganz schön auf. Wir haben um ein Uhr nachts Mayday von der Santopadre empfangen, sie gab uns ihre Position durch und teilte uns mit, sie werde von dem Patrouillenboot Rameh verfolgt.«
»Welche Position war es?« erkundigte sich der Commissario zu seinem eigenen Bedauern.
»Kurz außerhalb unserer Hoheitsgewässer.«
»Und Sie sind sofort losgefahren.«
»Eigentlich hätte das Patrouillenboot Lampo hinfahren müssen, das war am nächsten dran.«
»Und warum ist die Lampo nicht gefahren?«
»Weil eine Stunde zuvor ein Fischerboot, das ein Leck hatte, einen Notruf abgesetzt hatte. Der Lampo ist noch die Tuono hinterhergefahren, und deshalb war ein weites Gebiet auf dem Meer unbewacht.«
Fulmine, Lampo, Tuono – Blitzschlag, Blitz und Donner: ziemlich mies, das Wetter bei der Marine, dachte Montalbano. Aber er sagte:
»Und natürlich war weit und breit kein Fischerboot in Seenot zu sehen.«
»Natürlich nicht. Und auch ich, als ich dann an Ort und Stelle war, fand weder eine Spur von der Santopadre noch von der Rameh, die übrigens in dieser Nacht sicher nicht auf Patrouille war. Ich weiß nicht recht, aber die Sache stinkt.«
»Wonach?« fragte Montalbano.
»Nach Schmuggel.«
Der Commissario erhob sich, breitete die Arme aus und zog die Schultern hoch.
»Was soll man da machen? Trapani und Mazàra haben die Ermittlungen übernommen.«
Montalbano konnte eben gut schauspielern.
»Commissario! Dottore Montalbano!« Jetzt rief ihn schon wieder jemand. Wie groß waren seine Chancen wohl, noch vor Mitternacht bei Signora – oder Signorina – Clementina anzukommen? Er wandte sich um: Es war Gallo, der hinter ihm herlief.
»Was ist denn?«
»Gar nichts. Ich hab’ Sie gesehen, und da hab’ ich Sie gerufen.«
»Wo gehst du denn hin?«
»Galluzzo hat mich von Lapecoras Büro aus angerufen. Jetzt kauf’ ich ein paar panini und leiste ihm Gesellschaft.«
Salita Granet 23 lag gegenüber der Nummer 28, die beiden Häuser sahen gleich aus.
Clementina Vasile Cozzo war eine elegant gekleidete siebzigjährige Dame. Sie saß im Rollstuhl. Die Wohnung war tipptopp. Gefolgt von Montalbano, rollte sie ganz nah an ein Fenster mit Gardinen. Sie machte dem Commissario ein Zeichen, sich einen Stuhl zu holen und sich ihr gegenüberzusetzen.
»Ich bin Witwe«, begann sie, »aber mein Sohn Giulio läßt es mir an nichts fehlen. Ich bin pensioniert, früher war ich Grundschullehrerin. Mein Sohn zahlt mir eine Haushälterin, die sich um mich und die Wohnung kümmert. Sie kommt dreimal täglich, morgens, mittags und abends, wenn ich ins Bett gehe. Meine Schwiegertochter, die mich liebt wie eine eigene Tochter, kommt mindestens einmal am Tag vorbei, ebenso Giulio. Abgesehen von diesem Unfall, der vor sechs Jahren passiert ist, kann ich mich nicht beklagen. Ich höre Radio und sehe fern, aber vor allem lese ich. Da, sehen Sie!«
Sie zeigte auf zwei mit Büchern vollgestopfte Regale.
Wann würde die Signora – und nicht Signorina, wie er jetzt wußte – wohl zur Sache kommen?
»Es war mir wichtig, Ihnen das alles zu sagen, denn Sie sollen wissen, dass ich kein klatschsüchtiges altes Weib bin, das seine Zeit damit verbringt, andere Leute zu beobachten. Aber manchmal sieht man eben Dinge, die man eigentlich nicht sehen will.«
Das schnurlose Telefon, das die Signora neben der Armlehne liegen hatte, klingelte.
»Giulio? Ja, der Commissario ist gerade bei mir. Nein, ich brauche nichts. Bis später.«
Lächelnd sah sie Montalbano an.
»Giulio war gegen unser Treffen. Er wollte nicht, dass ich mich in Dinge einmische, die mich nichts angehen, wie er meint. Jahrzehntelang haben die anständigen Leute hier nichts anderes getan, als immer wieder zu sagen, dass die Mafia sie nichts angehe, das sei deren Sache. Aber ich habe meine Schüler gelehrt, dass das nenti vitti, nenti sacciu – ich weiß nichts, ich habe nichts gesehen die schlimmste aller Todsünden ist. Und jetzt, wo es an mir ist, zu erzählen, was ich gesehen habe, da kann ich doch nicht kneifen!«
Sie schwieg und seufzte. Signora Clementina Vasile Cozzo gefiel Montalbano immer besser.
»Bitte entschuldigen Sie, ich schweife ab. Vierzig Jahre lang habe ich als Lehrerin nichts anderes getan als zu reden. Es ist mir zur Gewohnheit geworden. Stehen Sie auf.«
Montalbano war ein braver Schüler und gehorchte.
»Stellen Sie sich hinter mich und beugen Sie sich bis zu meinem Kopf herunter.«
Als der Commissario ihr so nahe war, dass man hätte meinen können, er flüstere ihr etwas ins Ohr, schob die Signora die Gardine beiseite.
Es war fast, als wäre er selbst im ersten Zimmer des Büros von Signor Lapecora, denn die Scheibengardinen, waren zu dünn, als daß sie den Blick hinein verwehrt hätten. Gallo und Galluzzo aßen panini, die eigentlich halbe Brotlaibe waren. Zwischen ihnen eine Flasche Wein und zwei Pappbecher. Das Fenster bei Signora Clementina lag etwas höher als das andere, und durch den besonderen Blickwinkel erschienen die beiden Polizisten und die Gegenstände im Zimmer leicht vergrößert.
»Im Winter, wenn sie das Licht einschalteten, sah man besser«, erklärte die Signora und ließ die Gardine fallen.
Montalbano setzte sich wieder hin.
»Und, Signora, was haben Sie gesehen?« fragte er.
Clementina Vasile Cozzo sagte es ihm.
Als sich der Commissario nach ihrem Bericht verabschieden wollte, hörte er, wie die Wohnungstür auf- und wieder zuging.
»Das Dienstmädchen kommt«, sagte Signora Clementina.
Eine kleine stämmige Frau Anfang Zwanzig mit strengem Gesichtsausdruck trat ein und musterte den Eindringling kritisch.
»Alles in Ordnung?« fragte sie argwöhnisch.
»Ja, alles in Ordnung.«
»Dann gehe ich in die Küche und setze Wasser auf«, sagte sie und ging, ganz und gar nicht beruhigt, hinaus.
»Also, Signora, dann danke ich Ihnen und...« begann der Commissario und erhob sich.
»Bleiben Sie doch zum Essen.«
Montalbano fühlte, wie sein Magen ganz blaß wurde. Signora Clementina war ja lieb und nett, aber sie ernährte sich bestimmt von Grießbrei und Kartoffeln.
»Ich habe wirklich viel zu...«
»Pina, mein Mädchen, kocht hervorragend, glauben Sie mir. Heute gibt es pasta alla Norma, Sie wissen schon, pasta mit gebratenen Auberginen und gesalzener Ricotta.«
»Gesù!« sagte Montalbano und setzte sich wieder hin.
»Und danach einen Schmorbraten.«
»Gesù!« sagte Montalbano noch mal.
»Worüber wundern Sie sich denn?«
»Ist so eine Mahlzeit nicht ein bißchen schwer für Sie?«
»Warum? Mein Magen ist besser als der einer Zwanzigjährigen, die den ganzen Tag mit einem halben Apfel und einem Glas Karottensaft auskommt. Sie teilen doch wohl nicht die Meinung meines Sohnes Giulio?«
»Ich hatte noch nicht das Vergnügen, sie kennenzulernen.«
»Er sagt, in meinem Alter zieme es sich nicht, solche Sachen zu essen. Er findet mich ein bißchen schamlos. Seiner Meinung nach müßte ich mich von Breichen ernähren. Also? Bleiben Sie?«
»Ich bleibe«, sagte Montalbano entschieden.
Er überquerte die Straße, stieg die drei Stufen hinauf und klopfte an die Tür des Büros. Gallo öffnete.
»Ich habe Galluzzo abgelöst«, erklärte er und fragte dann:
»Dottore, kommen Sie aus dem Büro?«
»Nein, warum?«
»Fazio hat angerufen, er wollte wissen, ob wir Sie gesehen haben. Er sucht Sie. Er muß Ihnen was Wichtiges sagen.«
Der Commissario lief zum Telefon.
»Bitte entschuldigen Sie, Commissario, aber ich glaube, es ist wirklich wichtig. Erinneren Sie sich, dass Sie mich gestern Abend gebeten haben, wegen dieser Karima eine Suchmeldung per Telex rauszugeben? Und jetzt hat vor einer halben Stunde Dottor Mancuso von der Ausländerpolizei in Montelusa angerufen. Er sagt, er hätte aus purem Zufall erfahren, wo die Tunesierin wohnt.«
»Wo denn?«
»In Villaseta, Via Garibaldi 70.«
»Ich komme sofort, dann fahren wir hin.«
Am Eingang zum Kommissariat wurde er von einem etwa vierzigjährigen eleganten Herrn aufgehalten.
»Sind Sie Dottor Montalbano?«
»Ja, aber ich habe keine Zeit.«
»Ich warte schon seit zwei Stunden auf Sie. Ihre Mitarbeiter wußten nicht, ob sie überhaupt noch kommen würden. Ich bin Antonino Lapecora.«
»Der Sohn? Der Arzt?«
»Ja.«
»Mein Beileid. Kommen Sie herein. Aber nur fünf Minuten.«
Fazio kam ihnen entgegen.
»Der Wagen steht vor der Tür.«
»Wir fahren in fünf Minuten. Ich muß noch mit dem Signore hier sprechen.«
Sie betraten Montalbanos Zimmer; der Commissario bat den Arzt, Platz zu nehmen, er selbst setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
»Bitte.«
»Nun, Commissario, ich lebe seit etwa fünfzehn Jahren in Valledolmo, wo ich meinen Beruf ausübe. Ich bin Kinderarzt. In Valledolmo habe ich auch geheiratet. Damit will ich nur erklären, dass die Beziehung zu meinen Eltern unvermeidlich nicht besonders eng ist. Unter uns gesagt, wir hatten nie ein besonders inniges Verhältnis. Wir verbrachten die hohen Feiertage miteinander, das schon, wir telefonierten auch alle vierzehn Tage einmal. Deshalb war ich sehr überrascht, als ich Anfang Oktober letzten Jahres einen Brief von meinem Vater bekam. Ich habe ihn dabei.«
Er griff in die Jackettasche, zog den Brief heraus und reichte ihn dem Commissario.
Liebster Nino, ich weiß, dass Du Dich über diesen Brief wundern wirst. Eigentlich wollte ich nicht, dass Du von einer Angelegenheit erfährst, in die ich verwickelt bin und die inzwischen sehr ernst für mich zu werden droht. Aber jetzt ist mir klar, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich brauche unbedingt Deine Hilfe. Komm sofort. Und sag Mamma nichts von diesem Brief.
Kuß,
Papà
»Und, was haben Sie gemacht?«
»Na ja …Ich mußte zwei Tage später nach New York …Ich war einen Monat lang fort. Als ich zurückkam, rief ich meinen Vater an und fragte ihn, ob er mich noch brauche, und er sagte nein. Später haben wir uns getroffen, aber er hat nicht mehr davon gesprochen.«
»Haben Sie eine Idee, worum es sich bei der bedrohlichen Geschichte, die Ihr Vater erwähnte, handeln könnte?«
»Damals dachte ich, es ginge um die Firma, die er gründen wollte, obwohl ich entschieden dagegen war. Wir haben uns sogar gestritten. Dazu kam noch, dass meine Mutter mir gegenüber ein Verhältnis meines Vaters mit einer Frau erwähnte, das ihn zu hohen Ausgaben zwang...«
»Moment. Sie glaubten also, dass es bei der Hilfe, um die Ihr Vater Sie bat, hauptsächlich um ein Darlehen oder etwas ähnliches ging?«
»Wenn ich ehrlich sein soll, ja.«
»Und Sie haben sich nicht darum gekümmert, obwohl der Brief so besorgt und beunruhigend klang.«
»Nun ja, schauen Sie...«
»Verdienen Sie gut, Dottore?«
»Ich kann mich nicht beklagen.«
»Eine Frage: Warum wollten Sie mir den Brief zeigen?«
»Weil jetzt, nach dem Mord, alles anders aussieht. Ich dachte mir, der Brief könnte bei den Ermittlungen von Nutzen sein.«
»Nein, das kann er nicht«, sagte Montalbano ruhig. »Nehmen Sie ihn wieder mit und bewahren Sie ihn gut auf. Haben Sie Kinder, Dottore?«
»Eines. Calogerino, er ist vier.«
»Ich hoffe für Sie, dass Sie Ihren Sohn niemals brauchen werden.«
»Warum?« fragte Dottor Antonino Lapecora irritiert.
»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – wenn das wirklich so ist, säßen Sie schön in der Scheiße.«
»Was nehmen Sie sich da heraus?«
»Wenn Sie nicht innerhalb von zehn Sekunden verschwinden, lasse ich Sie unter irgendeinem Vorwand verhaften.«
Der Dottore verließ so fluchtartig das Zimmer, dass der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, umkippte.
Aurelio Lapecora hatte seinen Sohn verzweifelt um Hilfe gebeten, doch der hatte sich mal eben einen Ozean weit von seinem Vater entfernt.
Bis vor dreißig Jahren bestand Villaseta aus etwa zwanzig Häusern oder vielmehr Hütten, die auf halbem Weg zwischen Vigàta und Montelusa links und rechts die Provinciale säumten. Doch in den Jahren des Wirtschaftsbooms gesellte sich zur Bauwut (auf der die Verfassung unseres Landes zu fußen scheint: »Italien ist eine Republik, die sich auf die Bautätigkeit gründet«) auch noch der Straßenbauwahn, und so war Villaseta eines Tages zur Schnittstelle von drei Schnellstraßen, einer Überlandstraße, einem sogenannten »Hosenträger«, zwei provinciali und drei interprovinciali geworden. Einige dieser Straßen bereiteten dem leichtsinnigen ortsunkundigen Reisenden nach ein paar Kilometern touristischen Panoramas mit zweckmäßigerweise rot angestrichenen Leitplanken, an denen Richter, Polizisten, Carabinieri, Steuerfahnder und sogar Gefängniswärter ermordet worden waren, die Überraschung, unerklärlicher- oder allzu erklärlicherweise am Fuß eines Hügels zu enden, der so öde war, dass man argwöhnen mußte, er sei noch nie von einem Menschen betreten worden. Andere Straßen indes hörten unversehens am Meeresufer auf, am Strand mit seinem hellen feinen Sand, wo weit und breit kein Haus und bis zum Horizont kein Schiff zu sehen war und der leichtsinnige Reisende leicht dem Robinson-Syndrom anheimfallen konnte.
Villaseta, wo man immer schon dem Hauptinstinkt gefolgt war, rechts und links jedweder Straße Häuser hinzustellen, entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem ausgedehnten Labyrinth.
»Wie sollen wir denn da die Via Garibaldi finden?« jammerte Fazio, der am Steuer saß.
»Wo sind die Vororte von Villaseta?« erkundigte sich der Commissario.
»An der Straße nach Butera.«
»Da fahren wir hin«, sagte Montalbano zu Fazio.
»Woher wissen Sie, dass die Via Garibaldi dort ist?«
»Überleg mal, Fazio.«
Er wußte, dass er nicht irrte. Er hatte selbst beobachten können, dass in den Jahren unmittelbar vor dem erwähnten Wirtschaftswunder im Zentrum jedes Dorfes und jeder Stadt die Straßen zur gebührenden Erinnerung an die Väter des Vaterlandes benannt worden waren (zum Beispiel Mazzini, Garibaldi, Cavour), alten Politikern (Orlando, Sonnino, Crispi) und Klassikern (Dante, Petrarca, Carducci; Leopardi traf man seltener an). Nach dem Boom hatten sich die Straßennamen geändert – die Väter des Vaterlandes, die alten Politiker und die Klassiker landeten in der Peripherie, während Pasolini, Pirandello, De Filippo, Togliatti, De Gasperi und der unvermeidliche Kennedy ins Zentrum einzogen (natürlich John und nicht Bob Kennedy, obwohl Montalbano in einem abgelegenen Dorf in den Monti Nebrodi mal auf eine Piazza F.lli Kennedy, einen Gebr.-Kennedy-Platz, gestoßen war).
Der Commissario hatte zwar recht, aber auch wieder unrecht. Recht hatte er, weil an der Straße nach Butera, wie er vorausgesehen hatte, tatsächlich eine Verschiebung bei den Straßenbenennungen stattgefunden hatte. Unrecht hatte er, weil die Straßen dieses sogenannten Viertels nicht nach den Vätern des Vaterlandes, sondern, weiß der Himmel warum, nach Verdi, Bellini, Rossini und Donizetti benannt waren. Fazio beschloß entmutigt, einen alten Bauern, der auf einem mit dürren Ästen beladenen Esel saß, um Auskunft zu bitten. Aber der Esel wollte einfach nicht stehenbleiben, und so war Fazio gezwungen, den Motor zu drosseln und ganz langsam neben ihm herzufahren.
»Können Sie uns bitte sagen, wo die Via Garibaldi ist?«
Der Alte schien nicht gehört zu haben.
»Wo geht’s denn zur Via Garibaldi raus?« fragte Fazio noch mal etwas lauter.
Der Alte wandte sich um und sah den Fremden zornig an.
»Garibaldi raus? In unserem Land geht alles den Bach runter, und da sagen Sie Garibaldi raus? Her mit Garibaldi! Er soll wiederkommen, und zwar sofort, und diesem Sauhaufen mal richtig in den Arsch treten!«
Kapitel Sechs
Die Via Garibaldi, die sie schließlich doch noch fanden, grenzte an das dürre gelbe Hinterland, das hin und wieder vom Grün eines kümmerlichen Gärtchens unterbrochen wurde. Die Nummer 70 war ein kleines Haus aus unverputztem Sandstein. Zwei Zimmer: Das untere betrat man durch eine ziemlich niedrige Tür neben einem schmalen Fenster; das obere, das einen kleinen Balkon hatte, erreichte man über eine Außentreppe. Fazio klopfte, und nach einer Weile öffnete eine alte Frau, die in ein verschlissenes, aber sauberes weites Hemd, eine gallabiya, gekleidet war. Als sie die beiden sah, erging sie sich in einen Schwall arabischer Worte, in den sich ab und zu spitze Schreie mischten.
»Na dann, gut’ Nacht«, stellte Montalbano irritiert fest und verlor sogleich den Mut (der Himmel war wieder leicht bewölkt).
»Warte mal!« sagte Fazio zu der Alten und streckte ihr in der internationalen Geste, die »stop« bedeutet, seine Handflächen entgegen. Die Alte verstand und verstummte augenblicklich.
»Ka-ri-ma?« fragte Fazio, und weil er fürchtete, den Namen nicht richtig ausgesprochen zu haben, wackelte er mit den Hüften und strich sich über eine ebenso wallende wie imaginäre Haarpracht. Die Alte lachte.
»Karima!« sagte sie und wies mit dem Zeigefinger zu dem oberen Zimmer.
Sie stiegen die Außentreppe hinauf – Fazio vornweg, in der Mitte Montalbano und dann die Alte, die unverständliches Zeug vor sich hin kreischte. Fazio klopfte, aber niemand antwortete. Das Gekreisch der Alten wurde noch lauter. Fazio klopfte wieder. Da schob die Alte resolut den Commissario beiseite, überholte ihn, drängte Fazio weg, stellte sich mit dem Rücken zur Tür, machte Fazio nach, indem sie sich übers Haar strich und mit den Hüften wackelte, und ließ ihrer Mimik die Geste folgen, die »weggegangen« besagte; dann senkte sie die ausgestreckte Hand, hob sie wieder, spreizte die Finger und wiederholte die Geste »weggegangen«.
»Hatte sie ein Kind dabei?« fragte der Commissario erstaunt.
»Sie ist mit ihrem fünfjährigen Sohn weggegangen, wenn ich das richtig verstanden habe«, bestätigte Fazio.
»Ich will mehr darüber wissen«, sagte Montalbano. »Ruf im Ausländeramt in Montelusa an, sie sollen jemanden schicken, der Arabisch kann. So schnell wie möglich.«
Fazio ging, gefolgt von der Alten, die ununterbrochen auf ihn einredete. Der Commissario setzte sich auf eine Stufe, zündete sich eine Zigarette an und startete ein Wettstillsitzen mit einer Eidechse.
Buscaìno, der Polizeibeamte, der Arabisch sprach, weil er in Tunesien geboren war und bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr dort gelebt hatte, kam nach nicht einer knappen Dreiviertelstunde. Als die Alte hörte, dass der Neuankömmling ihrer Sprache mächtig war, entschied sie sich unverzüglich zur Kooperation.
»Sie sagt, sie will alles dem Onkel erzählen«, übersetzte Buscaìno.
Erst ein Kind, und jetzt auch noch ein Onkel?
»Und wer soll das sein?« fragte Montalbano verblüfft.
»Der Onkel, also, der Onkel wären Sie, Commissario«, erklärte der Beamte, »das ist eine respektvolle Anrede. Sie sagt, dass Karima gestern früh gegen neun gekommen ist, ihren Sohn geholt hat und schnell wieder weggegangen ist. Sie meint, dass sie sehr nervös wirkte, als habe sie Angst gehabt.«
»Hat sie den Schlüssel zu dem oberen Zimmer?«
»Ja«, sagte der Beamte, nachdem er gefragt hatte.
»Laß ihn dir geben, dann schauen wir mal rein.«
Während sie die Treppe hinaufstiegen, redete die Alte ohne Punkt und Komma, und Buscaìno übersetzte schnell. Karimas Sohn war fünf Jahre alt; die Mutter ließ ihn, wenn sie arbeiten ging, bei der Alten; der Bub hieß François, sein Vater war ein Franzose, der in Tunesien auf Durchreise gewesen war.
Karimas Zimmer war blitzsauber, es gab ein Doppelbett, ein Bettchen für das Kind, abgetrennt durch einen Vorhang, einen kleinen Tisch mit Telefon und Fernseher, einen größeren Tisch mit vier Stühlen, ein Toilettentischchen mit vier schmalen Schubladen und einen Schrank. Zwei der Schubladen waren voller Fotografien. In einem Winkel befand sich hinter einer Schiebetür aus Plastik ein Kämmerchen mit Toilette, Bidet und Waschbecken. Hier roch es sehr intensiv nach Volupté, dem Parfum, das der Commissario schon in Lapecoras Büro gerochen hatte. Außer dem Balkon gab es noch ein Fenster, das hinten auf einen kleinen gepflegten Garten hinausging.
Montalbano nahm eine der Fotografien; sie zeigte eine schöne Frau Anfang Dreißig mit dunkler Haut und großen ausdrucksvollen Augen, die ein Kind an der Hand hielt.
»Frag sie, ob das Karima und François sind.«
»Ja«, sagte Buscaìno.
»Wo essen sie denn? Hier steht nirgends ein Herd.«
Die Alte und der Beamte unterhielten sich lebhaft miteinander, dann berichtete Buscaìno, dass das Kind immer bei der Alten aß, und Karima auch, wenn sie daheim war, was abends manchmal vorkam.
Empfing sie zu Hause Männer?
Die Alte war ganz empört, als sie die Übersetzung vernahm. Karima sei beinah ein Dschinn, eine Heilige, ein Mittelding zwischen Mensch und Engel, niemals könne sie haram, etwas Unerlaubtes, machen, sie verdiene sich ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts als Dienerin, indem sie Männern ihren Dreck wegputze. Sie sei ein gutes Mädchen und sehr großzügig; für Einkäufe, Kinderhüten und Putzen gebe Karima ihr viel mehr, als sie dafür brauche, und nie wolle sie das Restgeld haben. Der Onkel, sprich Montalbano, sei doch gewiß ein feinfühliger und rechtschaffener Mann, wie könne er da so etwas von Karima denken?
»Erklär ihr«, sagte Montalbano und sah sich dabei die Fotografien in der Schublade an, »daß Allah groß und barmherzig ist, aber wenn sie Scheiße redet, wird Allah sicher böse, weil sie die Justiz hinters Licht führt, und dann schaut sie ziemlich blöd aus der Wäsche.«
Buscaìno übersetzte gewissenhaft, und die Alte schwieg, als ob ein Federantrieb sein Ende erreicht hätte. Dann zog ein inwendiges Schlüsselchen ihn wieder auf, und die Alte fing erneut an, in einer Tour zu quasseln. Der Onkel sei sehr weise und habe natürlich recht, er sehe das ganz richtig. In den letzten zwei Jahren habe Karima öfter Besuch von einem jungen Mann erhalten, der in einem großen Auto gekommen sei.
»Frag sie, welche Farbe es hatte.«
Der Dialog zwischen der Alten und Buscaìno war lang und mühselig.
»Ich glaube, sie meint metallicgrau.«
»Was taten dieser junge Mann und Karima?«
Was ein Mann und eine Frau eben machen, Onkel. Die Alte hatte über ihrem Kopf das Bett quietschen hören.
Verbrachte er die Nächte bei Karima?
Nur einmal, und am nächsten Morgen hatte er Karima mit dem Auto zur Arbeit gefahren.
Aber er war ein böser Mann. Einmal war nachts ein furchtbarer Krach gewesen.
Karima hatte geschrien und geweint, und dann war der böse Mann weggefahren.
Die Alte war raufgelaufen und hatte Karima schluchzend vorgefunden, Schläge hatten Spuren auf ihrem nackten Körper hinterlassen. François war zum Glück nicht aufgewacht.
Hat der böse Mann sie zufällig auch Mittwoch abend besucht?
Woher wußte der Onkel das nur? Ja, er war da, hat aber nichts mit Karima gemacht, er hat sie im Auto mitgenommen.
Um wieviel Uhr?
Vielleicht um zehn. Karima hatte François zu ihr runtergeschickt und gesagt, sie werde über Nacht wegbleiben. Sie kam am nächsten Morgen gegen neun zurück und verschwand dann mit dem Kind.
Hat der böse Mann sie begleitet?
Nein, sie kam mit dem Bus. Aber der böse Mann erschien eine Viertelstunde, nachdem Karima und ihr Sohn weggegangen waren. Als er erfuhr, dass die Frau nicht da war, stieg er wieder ins Auto und fuhr los, um sie zu suchen.
Hat Karima gesagt, wo sie hin wollte?
Nein, sie hat gar nichts gesagt. Sie selbst hat gesehen, wie die beiden zu Fuß Richtung Villaseta vecchia gingen, da ist die Bushaltestelle.
Hatte sie einen Koffer dabei?
Ja, einen ganz kleinen.
Die Alte solle nachsehen, ob etwas aus dem Zimmer fehlte.
Sie riß den Schrank auf, woraufhin sich augenblicklich eine Wolke Volupté ins Zimmer entlud, öffnete ein paar Schubladen und wühlte darin herum.
Schließlich sagte sie, Karima habe eine Hose, eine Bluse und Slips in ihrem Koffer, Büstenhalter trage sie keinen. Dann habe sie noch Kleidung zum Wechseln und Wäsche für den Kleinen eingepackt.
Sie solle genau hinschauen, ob sonst noch etwas fehlte.
Ja, das große Buch, das immer neben dem Telefon lag.
Es stellte sich heraus, dass das Buch eine Art Notiz- und Tagebuch war. Bestimmt hatte Karima es mitgenommen.
»Sie geht davon aus, dass sie nicht lange fortbleibt«, stellte Fazio fest.
»Frag sie«, sagte der Commissario zu Buscaìno, »ob Karima oft über Nacht wegblieb.«
Nicht oft, manchmal. Aber sie sagte immer Bescheid.
Montalbano dankte Buscaìno und fragte ihn:
»Kannst du Fazio nach Vigàta mitnehmen?«
Fazio sah seinen Chef erstaunt an.
»Warum, was machen Sie denn?«
»Ich bleibe noch ein bißchen hier.«
Unter den vielen Fotografien, die der Commissario sich jetzt genauer ansah, war ein großer gelber Umschlag mit zwei Dutzend Aktfotos von Karima, mal in provozierender, mal in eindeutig obszöner Pose, eine Art Musterkatalog für erstklassige Ware. Warum hatte eine solche Frau keinen Ehemann oder reichen Geliebten gefunden, der für sie sorgte, sondern war zur Prostitution gezwungen? Auf einem Foto sah die hochschwangere Karima verliebt zu einem großen blonden Mann hoch, an dem sie förmlich klebte, wahrscheinlich dem Vater von François, dem Franzosen auf Durchreise in Tunesien. Andere Fotos zeigten Karima als Kind mit einem kleinen Jungen, der nur wenig älter war als sie. Sie sahen sich ähnlich, hatten dieselben Augen und waren zweifellos Geschwister. Es gab sehr viele Fotos mit dem Bruder, die im Lauf der Jahre geschossen worden waren. Das jüngste mußte das sein, auf dem Karima mit ihrem wenige Monate alten Sohn auf dem Arm und dem Bruder zu sehen war, der eine Art Uniform trug und eine Maschinenpistole in der Hand hatte. Montalbano nahm das Foto und ging die Treppe hinunter. Die Alte stampfte Hackfleisch in einem Mörser und fügte gekochte Getreidekörner hinzu. Auf einem Teller lagen Fleischspießchen zum Braten bereit, jeder Spieß in ein Weinblatt gewickelt. Montalbano legte seine Fingerspitzen wie zu einer Artischocke zusammen und bewegte sie von oben nach unten und wieder zurück. Die Alte verstand die Frage. Erst zeigte sie auf den Mörser.
»Kubba.«
Dann nahm sie ein Spießchen in die Hand.
»Kebab.«
Der Commissario hielt ihr das Foto hin und zeigte auf den Mann. Die Alte antwortete etwas Unverständliches. Montalbano ärgerte sich über sich selbst: Warum hatte er Buscaìno nur so schnell weggeschickt? Dann fiel ihm ein, dass die Tunesier jahrelang mit Franzosen zu tun gehabt hatten. Er versuchte es.
»Frère?«
Die Augen der Alten leuchteten auf.
»Oui. Son frère Ahmed.«
»Où est-il?«
»Je ne sais pas«, sagte die Alte und breitete die Arme aus.
Nach diesem Dialog, der aus einem Lehrbuch für Konversation hätte stammen können, ging Montalbano noch mal in das obere Zimmer und holte das Foto mit der schwangeren Karima und dem blonden Mann.
»Son mari?«
Die Alte machte eine verächtliche Geste.
»Simplement le père de François. Un mauvais homme.«
Die schöne Karima war schon zu vielen schlechten Männern begegnet und begegnete ihnen weiterhin.
»Je m’appelle Aisha«, sagte die Alte plötzlich.
»Mon nom est Salvo«, sagte Montalbano.
Es setzte sich ins Auto, fand die Pasticceria wieder, an der er vorhin vorbeigefahren war, kaufte zwölf cannoli und fuhr wieder zurück. Aisha hatte unter einer winzigen Pergola hinter dem Haus, dort, wo es in den Garten ging, den Tisch gedeckt. Das Land außen herum war öde. Der Commissario wickelte als erstes sein Päckchen aus, und die Alte aß zur Vorspeise zwei cannoli. Die kubba begeisterte Montalbano nicht, aber die kebab schmeckten nach säuerlichen Kräutern, was sie richtig lebhaft machte; er nannte es so, denn ihm fehlten die passenden Adjektive.
Beim Essen erzählte Aisha ihm wahrscheinlich ihr Leben, aber das Französische war ihr abhanden gekommen, und sie redete nur noch Arabisch. Dennoch nahm der Commissario regen Anteil: Wenn die Alte lachte, lachte auch er; wenn die Alte traurig aussah, machte er ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.
Als sie fertig gegessen hatten, räumte Aisha den Tisch ab, und Montalbano rauchte, mit sich und der Welt zufrieden, eine Zigarette. Dann kam die Alte zurück; sie machte ein geheimnisvolles und verschwörerisches Gesicht. In der Hand hielt sie eine längliche, flache schwarze Schatulle, in der sie möglicherweise einmal eine Kette oder etwas ähnliches aufbewahrt hatte. Aisha öffnete sie, darin lag ein Sparbuch der Banca Popolare von Montelusa.
»Karima«, sagte die Alte und legte den Finger an die Lippen, um deutlich zu machen, dass das ein Geheimnis war und auch eines bleiben mußte.
Montalbano nahm das Sparbuch aus der Schachtel und schlug es auf.
Volle fünfhundert Millionen.
Im vergangenen Jahr – hatte Signora Clementina Vasile Cozzo ihm erzählt – hatte sie schrecklich unter Schlaflosigkeit gelitten, gegen die sie nichts hatte tun können; zum Glück dauerte dieser Zustand aber nur ein paar Monate. Den größten Teil der Nacht verbrachte sie mit Fernsehen oder Radiohören. Lesen konnte sie nicht, das ging nicht so lange, weil ihre Augen nach kurzer Zeit müde wurden. Einmal, es mochte etwa vier Uhr morgens gewesen sein, vielleicht auch früher, hörte sie zwei Betrunkene grölen, die direkt unter ihrem Fenster eine Schlägerei begannen. Sie schob die Gardine beiseite, nur so, aus Neugierde, und sah, dass in Lapecoras Büro Licht war. Was hatte Signor Lapecora denn mitten in der Nacht noch zu tun? Und tatsächlich – Lapecora war gar nicht da, niemand war da, das Zimmer war leer. Signora Vasile Cozzo glaubte, er hätte vielleicht vergessen, das Licht zu löschen. Plötzlich tauchte, aus dem anderen Zimmer, das sie zwar nicht sehen konnte, von dessen Existenz sie aber wußte, ein junger Mann auf, einer, der ab und zu ins Büro kam, auch wenn Lapecora nicht da war. Dieser junge Mann war völlig nackt, lief ans Telefon, nahm den Hörer ab und begann zu sprechen. Offenbar hatte das Telefon geklingelt, aber das hatte die Signora natürlich nicht gehört. Kurz darauf kam, ebenfalls aus dem anderen Zimmer, Karima herein. Auch sie war nackt; sie hörte zu, wie der junge Mann lebhaft diskutierte. Dann war das Gespräch zu Ende, der junge Mann packte Karima am Arm, und sie gingen in das andere Zimmer zurück. Sie führten zu Ende, worin das Telefon sie unterbrochen hatte. Später erschienen sie wieder, inzwischen angezogen, löschten das Licht und fuhren mit dem großen metallicgrauen Auto des Mannes weg.
Diese Geschichte hatte sich im Lauf des letzten Jahres vier- oder fünfmal wiederholt. Meistens taten oder sagten sie stundenlang gar nichts, und wenn er sie am Arm nahm und ins Nebenzimmer führte, dann geschah es aus purem Zeitvertreib. Er schrieb oder las manchmal, dann döste sie auf dem Stuhl, den Kopf in Erwartung des Telefonanrufs auf den Tisch gelegt. Ab und zu tätigte der junge Mann nach einem solchen Telefongespräch selbst ein oder zwei Anrufe.
Diese Frau, Karima, machte montags, mittwochs und freitags das Büro sauber – aber was um Himmels willen gab es da sauberzumachen?—, manchmal ging sie ans Telefon, aber nie holte sie Signor Lapecora an den Apparat, obwohl er selbst anwesend war und ihr zuhörte, wenn sie sprach, mit gesenktem Kopf, den Blick auf den Boden gerichtet, als ob ihn die Sache gar nichts anginge oder er beleidigt wäre.
Nach Meinung von Signora Clementina Vasile Cozzo war die Putzfrau, die Dienerin, die Tunesierin eine schmutzige, üble Person.
Sie tat nicht nur, was sie mit dem dunkelhaarigen jungen Mann machte, sondern bezirzte manchmal auch den armen Lapecora, dem gar nichts anderes übrig blieb, als nachzugeben und mit ihr in das andere Zimmer zu gehen. Einmal, als Lapecora an dem Tischchen mit der Schreibmaschine saß und Zeitung las, hatte sie sich vor ihn hingekniet, seine Hose aufgeknöpft und, immer noch kniend …An dieser Stelle war Signora Vasile Cozzo errötet und hatte ihre Erzählung abgebrochen.
Es war klar, dass Karima und der junge Mann einen Schlüssel zum Büro besaßen; vielleicht hatten sie ihn von Lapecora bekommen, vielleicht hatten sie sich auch einen Nachschlüssel machen lassen. Ebenfalls klar war, auch ohne Zeugen, die unter Schlaflosigkeit litten, dass Karima in der Nacht, bevor Lapecora umgebracht wurde, mehrere Stunden in der Wohnung des Opfers verbracht hatte, wie der Geruch nach Volupté bewies. Besaß sie auch einen Wohnungsschlüssel, oder hatte Lapecora, wissend daß seine Frau eine starke Dosis Schlafmittel genommen hatte, sie hereingelassen? Wie auch immer – die Geschichte ergab keinen Sinn. Warum sollten sie riskieren, von Signora Antonietta überrascht zu werden, wenn sie sich doch bequem im Büro treffen konnten? Aus einer Laune heraus? Um einer Beziehung, die langweilig zu werden drohte, das Prickeln der Gefahr beizumischen?
Und dann war da noch die Sache mit den drei anonymen Briefen, die zweifellos im Büro verfaßt worden waren. Warum hatten Karima und der dunkelhaarige junge Mann das getan? Um Lapecora in Schwierigkeiten zu bringen? Eher nicht. Davon hätten sie nichts gehabt. Sie hätten sogar riskiert, dass sie ihr Telefonquartier oder das, was die Firma inzwischen war, nicht mehr hätten nutzen können.
Um all das besser zu verstehen, mußte man die Rückkehr von Karima abwarten, die, da hatte Fazio ganz recht, untergetaucht war, um nic ht auf gefährliche Fragen antworten zu müssen, und erst zurückkommen würde, wenn sich die Wogen geglättet hatten. Der Commissario war sicher, dass Aisha ihr Wort halten würde. In unmöglichem Französisch hatte er ihr erklärt, dass Karima in schlechte Kreise geraten war und daß dieser böse Mann und seine Kumpane früher oder später nicht nur sie, sondern auch François und sogar Aisha selbst umbringen würden. Er hatte den Eindruck, dass er sie genug erschreckt und ganz gut überzeugt hatte.
Sie vereinbarten, dass die Alte ihn anrufen würde, sobald Karima auftauchte, sie brauchte nur nach Salvo zu fragen und ihren Namen zu nennen, Aisha. Er gab ihr die Telefonnummern seines Büros und von zu Hause und legte ihr ans Herz, sie gut zu verstecken, wie sie es mit dem Sparbuch getan hatte.
Natürlich funktionierte diese Abmachung nur unter einer Voraussetzung – daß Karima nicht die Mörderin war. Aber wie der Commissario es auch drehte und wendete, mit einem Messer in der Hand konnte er sie sich nicht vorstellen.
Im Schein des Feuerzeugs blickte er auf die Uhr: fast Mitternacht. Seit über zwei Stunden saß er auf der Veranda, im Dunkeln, damit ihn die Schnaken und Sandmücken nicht bei lebendigem Leib auffraßen, und dachte immer wieder über das nach, was er von Signora Clementina und Aisha gehört hatte.
Eine Sache mußte noch geklärt werden. Konnte er zu dieser späten Stunde die Vasile Cozzo noch anrufen? Die Signora hatte ihm erklärt, dass das Dienstmädchen sie nach dem Essen auskleidete und in den Rollstuhl setzte. Dann war sie zwar für die Nacht zurechtgemacht, aber sie legte sich noch nicht hin, sondern sah bis spät abends fern. Vom Rollstuhl ins Bett und umgekehrt schaffte sie es allein.
»Signora, es ist unverzeihlich, ich weiß.«
»Aber ich bitte Sie, Commissario! Ich war wach, ich habe ferngesehen.«
»Ecco, Signora. Sie sagten, der junge Mann habe manchmal gelesen oder geschrieben. Was hat er denn gelesen oder geschrieben? Konnten Sie das irgendwie erkennen?«
»Er las Zeitungen und Briefe. Und schrieb auch Briefe. Aber er benutzte nicht die Schreibmaschine, die im Büro steht, er hatte eine Reiseschreibmaschine dabei. Brauchen Sie noch etwas?«
»Ciao, amore, hast du schon geschlafen? Nein? Wirklich nicht? Ich bin morgen mittag gegen eins bei dir. Du brauchst dir meinetwegen gar keine Gedanken zu machen. Wenn ich komme und du bist nicht da, dann warte ich. Ich habe ja einen Hausschlüssel.«
