Die stumme Braut von Alicia Giménez-Bartlett

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel El silencio de los claustros, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Piper.

  • Barcelona: Destino, 2009 unter dem Titel El silencio de los claustros. 462 Seiten.
  • München: Piper, 2011. Übersetzt von Sybille Martin. 464 Seiten.

'Die stumme Braut' ist erschienen als

In Kürze:

Das Kloster der Herz-Jesu-Schwestern in Barcelona: Inbegriff von Ruhe und Besinnung – und so ziemlich der letzte Ort, an dem man die lebenslustige, zungenfertige Inspectora Petra Delicado vermutet. Bis ein rätselhafter Mord und die noch rätselhaftere Entführung eines mumifizierten Heiligen die Erkundung des sakralen Gebäudes unumgänglich macht. Und so wird die Suche nach dem Kloster-Mörder zum kuriosesten Fall in der Ermittlerkarriere von Petra Delicado und Subinspector Fermín Garzón. Und die Jagd nach der Mumie hält nicht nur die Nonnen des heiligsten Herzens Jesu, sondern das ganze Land in Atem.

Das meint Krimi-Couch.de: »Petra Delicado rettet den Fall« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermin Garzón haben es mit einem spektakulären Fall zu tun. Im Kloster der Herz-Jesu-Schwestern in Barcelona wird die Leiche des erschlagenen Cristóbal del Espiritu Santo, einem Mönch des Heilig-Geist-Ordens in Poblet, neben dem Altar gefunden. Cristóbal war seit mehreren Tagen mit der Restaurierung der mittelalterlichen Mumie des Heiligen Asercio de Montcada beschäftigt. Doch auch von der Mumie fehlt plötzlich jede Spur. Zunächst sind Delicado und Garzón schnell mit ihren Ermittlungen fertig, da der Fall den katalanischen Kollegen der Mossos d’Esquadra übertragen wird. Auf Druck der Klosteroberin landet der Fall jedoch nach wenigen Tagen wieder bei der Policia National.

»Mein Chef hat mir gesagt, Sie hätten den Polizeipräsidenten angerufen und um Hilfe gebeten, damit die Presse Sie in Ruhe lässt.«
»Ja, er war sehr freundlich, aber ich bezweifle, dass er mich ernst genommen hat. Und zwar deshalb, weil ich es in solchen Fällen genauso mache: Wenn ich um etwas gebeten werde, sage ich den Leuten, was sie hören wollen, verspreche aber nichts. Ihr Chef hat mir auch nichts versprochen.«
»Das nennt man Politik.«
»Oder die schlechte Angewohnheit von Führungskräften, die keine Lust haben, die Dinge zu regeln.«

Mit Hochdruck starten erneut die Ermittlungen, wobei sich diese alles andere als einfach darstellen. Da beide Klöster nahezu keinen Kontakt zur Außenwelt haben und stattdessen auf ihre eigenen Hierarchien bestehen, müssen sich Delicado und Garzón erst einmal den nötigen Respekt verschaffen. Zudem gibt es kaum verwertbare Spuren, lediglich eine Zeugin namens Eulalia Hermosilla will gesehen haben, wie zwei Männer die Mumie weggetragen haben. Doch Eulalia ist eine alkoholkranke Obdachlose und wurde noch von der Mossos d’Esquadra befragt. Nun fehlt jede Spur von ihr, so dass eine Sondereinheit gegründet wird, um nach ihr zu suchen. In der Zwischenzeit will Comisario Coronas die Medien besänftigen und zieht den Starpsychologen Doktor Beltrán zu den Ermittlungen hinzu, sehr zum Unwillen von Delicado.

Die Ermittlungen treten auf der Stelle, da wird in einem stillgelegten Gebäude die Leiche der Obdachlosen gefunden. Auch sie wurde erschlagen und wenig später tauchen einzelne Körperteile des Heiligen Asercio an Orten auf, an denen früher Klöster standen, die unter anderem während der Tragischen Woche im Jahre 1909 zerstört wurden …

Der bereits achte Fall der spanischen Topautorin Alicia Giménez-Bartlett hat es in sich und führt weit in die spanische (Kirchen-)Geschichte zurück. Dabei kommen die charismatischen Ermittler und allen voran die Ich-Erzählerin Petra Delicado kaum einen Schritt weiter, was sich bis kurz vor Ende des Romans nicht groß ändern soll. So lebt denn der Plot vor allem von der zu Zynismus und Feierabendbier neigenden Protagonistin, die nicht nur mit dem Fall überfordert scheint, sondern zeitweise auch mit ihrem Privatleben. Seit einem Jahr ist sie nun bereits zum dritten Mal verheiratet, doch dieses Mal ist alles anders, denn ihr Mann Marcos bringt aus zwei früheren Ehen gleich drei Kinder mit, die regelmäßig bei ihrem Vater und somit bei ihrer neuen Stiefmutter zu Besuch sind. Dabei wollen sie natürlich ausführlich wissen, was es mit dem »Mumien-Schlitzer« auf sich hat.

Die wortwitzigen Dialoge sind der große Pluspunkt des Romans, wobei auch die geschichtlichen Aspekte durchaus interessant sind. Zudem birgt das Leben hinter dicken Klostermauern für einige Überraschungen. Ohne Einhaltung der Hierarchie geht hier gar nichts und selbst die Bewegungsfreiheit wird arg eingeschränkt. Subinspector Garzón hat es bei den Herz-Jesu-Schwestern ebenso schwer wie Delicado im Kloster von Poblet. Dass ausgerechnet eine Nonne und ein Bruder bei den Ermittlungen Detektiv spielen und die Polizei auf die Spur mit den zerstörten Kirchenbauten bringt, sorgt zunächst für zusätzlichen Zündstoff. Zu abgefahren scheint diese Theorie zu sein und dennoch klammert man sich an jeden Strohhalm.

»Ja, richtig, aber sagen Sie mir, was sollen wir im Kloster tun, mit wem reden, was fragen? Zuerst müssen wir nachdenken.«
»Gut. Einverstanden, Inspectora, ich mache mich auf die Suche nach dem Seelenklempner, wie Villamagna ihn nennt. Und was tun Sie?«
»Nachdenken, Fermin, nachdenken, Sie wissen schon, diese praktische und unübliche Beschäftigung.«

Der Plot bleibt über weite Strecken – selbst für die Ermittler – unüberschaubar und findet später eine etwas plötzliche Erklärung. Dennoch wird man dank der mitunter überforderten, aber wortgewaltigen und durchweg sympathischen Delicado entschädigt, wenngleich ihr neues Familienleben ein wenig zu viel Platz in der Handlung einnimmt.

Jörg Kijanski, September 2011

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