Nacht und Nebel von Ahmet Ümit

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Sis ve Gece, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Unionsverlag.

  • Istanbul: Beyoǧlu, 1996 unter dem Titel Sis ve Gece. 368 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2005. Übersetzt von Wolfgang Scharlipp. ISBN: 3293100023. 368 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2008. Übersetzt von Wolfgang Scharlipp. ISBN: 978-3293204348. 365 Seiten.

'Nacht und Nebel' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Mine, die heimliche Geliebte des Geheimdienstmitarbeiters Sedat, ist verschwunden. Er selbst hat bei der Aushebung eines Terroristenunterschlupfs kaltblütig auf Fliehende geschossen. Gibt es zwischen diesen beiden Ereignissen einen Zusammenhang? Sedat, der nur knapp einem Attentat entkommen ist, macht sich auf die Suche. Sie führt ihn in Istanbuls Künstlerszene, in die Schattenwelt der Kinderprostitution und Kleinstadtganoven. Kategorien wie »Gut« und »Böse« lösen sich auf. Das herrschende System verliert für Sedat Tag für Tag an Glaubwürdigkeit. Je näher er der Lösung des Falls kommt, desto mehr zerfällt seine Selbstsicherheit. In einem furiosen Finale bricht seine Lebenslüge zusammen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Zum besseren Verständnis einer für viele Europäer noch immer fremden Kultur und als geistiges Rüstzeug für eine fundierte Auseinandersetzung« 80°

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

Bei Nacht und Nebel stöbert der türkische Geheimdienst eine Terroristengruppe um die Revolutionäre Fahri und Sinan in ihrem Versteck auf. Es kommt zu einer Schießerei, bei der mehrere Personen getötet werden. Der Geheimdienstagent Sedat wird schwer verletzt, sein Partner Yildirim erschossen.

Als Sedat nach langen Fieberträumen im Krankenhaus erwacht, erfährt er zunächst nur unklare Einzelheiten der Kommandoaktion, doch langsam wird klar, dass es sich offenbar um Selbstjustiz des Geheimdienstes gehandelt hat. Eine offizielle Untersuchung steht bevor, die Nervosität innerhalb der Organisation steigt.

Sedat, der gemeinsam mit Yildirim einem reformorientierten Flügel angehörte, möchte den Ereignissen auf den Grund gehen. Wer hat auf ihn und Yildirim geschossen? Warum ist seine Freundin Mine spurlos verschwunden? Ist sie Gefangene der Terroristen? Es dauert lange, bis die Nacht zum Morgen wird, der Nebel entweicht und die wahren Begebenheiten ans Licht kommen. Die Schatten nehmen Gestalt an, und Sedat wird mit einer schrecklichen Erkenntnis konfrontiert …

Ahmet Ümit weiß, wovon er schreibt. Er war als Jugendlicher ein militantes Mitglied der türkischen kommunistischen Partei im Untergrund, bevor er sich der Literatur zuwandte. Der Roman hat daher auch autobiographische Züge und wirkt rundum authentisch. Der politische Hintergrund ist ihm wichtig, auch brisante Themen wie Selbstjustiz, Spannungen und Richtungskämpfe innerhalb des türkischen Geheimdienstes, gesellschaftliche Probleme der Minderheiten und der brutale Kinderhandel.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Sedats Suche nach Mine. Die eigentlichen politischen Gegner, Sedat und Fahri, sind durch das Mädchen Mine schicksalhaft verbunden. Beide widmen ihr Leben ausschließlich ihrem Ideal und ihrer Pflicht – dem Kampf gegen den Terrorismus bzw. dem Kampf gegen den Staat. Mine setzt bei beiden ins Unterbewusste verdrängte Gefühle frei. Sie steht gleichsam für den eigentlichen Sinn des Lebens, für Schönheit, Liebe, sie ist die Muse der beiden Kontrahenten.

Das Duell Staatsgewalt gegen Terrorismus entpuppt sich als opernhafte Inszenierung eines Liebesdramas. Doch was für andere Autoren den Stoff eines Groschenromans abgeben könnte, gestaltet Ahmet Ümit als sehr feinsinniges psychologisches Drama.

Seine Charaktere sind gut und böse zugleich, allen voran Sedat, der Ich-Erzähler, ein kaltherziger, brutaler, gewissenloser Geheimdienstscherge, zugleich aber auch Familienvater und so nebenbei mitten im zweiten Frühling einer romantischen außerehelichen Beziehung zu Mine. Solche Typen kennt man auch etwa von gewissen SS – Größen, die sowohl liebevolle Väter und Gatten als auch sadistische Mörder sein konnten.

Die psychologische Entwicklung einer derartigen Figur ist schwierig, auch unter Berücksichtigung des Lesers, der sich schwer tut, seine Sympathien für die Personen zuzuordnen. Doch Ümit ist es ausgezeichnet gelungen, die Ambivalenz des Protagonisten, die äußerlichen Zwänge und die tragische Befreiung der verdrängten Gefühlsebene zu schildern.

Es ist ein türkisches Buch, wie Ümit selbst sagt, und die türkischen gesellschaftlichen Verhältnisse klingen stets an. Besonders die oft tragische und für viele Europäer unerträgliche Unterdrückung der Frauen, die über ihr eigenes Leben nicht selbst entscheiden können, insbesondere da ihnen von den Männern schon rechtzeitig jede ökonomische oder politische Grundlage genommen wird. Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten kommen zu Wort, in Gesprächen oder Verhören, was sich in dieser unaufdringlichen Form als literarischer Kunstgriff erweist.

Ahmet Ümit besitzt eine ruhige, unaufgeregte Sprache, die selbst in Momenten äußerster Brutalität ihren ruhigen Fluss nicht verliert. Die Spannung ist nicht immer hoch, das Ende mit seiner überraschenden, für Sedat tragischen Wende ist jedoch geglückt und lesenswert.

Die Robert Bosch-Stiftung und der Unionsverlag haben dieses Buch in ihrer neu gegründeten »Türkischen Bibliothek« aufgenommen. In Zeiten wie diesen hat eine derartige Bibliothek vorbildhaften Charakter: Zum besseren Verständnis einer für viele Europäer noch immer fremden Kultur und als geistiges Rüstzeug für eine fundierte Auseinandersetzung.

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richter zu »Ahmet Ümit: Nacht und Nebel« 26.02.2009
Ich habe dieses Buch mit Skepsis zur Hand genommen, weder die Gestaltung des Buchumschlages noch der Klappentext machten mich neugierig. Der Anfang ist ziemlich seltsam, aber macht trotzdem Lust auf mehr. Es ist durchgehend spannend, und am schönsten finde ich, dass man am Ende sieht, das kein Detail unnötig erwähnt wurde. Am Ende treffen sich alle Handlungsfäden zu einem fulminanten Garn der Überraschung. Toll!
T. Turan zu »Ahmet Ümit: Nacht und Nebel« 12.09.2008
Gute Nachricht, nicht nur für Frau Yentür:

Jetzt erscheinen Ahmet Ümits Kriminalgeschichten aus Istanbul:
DER TEUFEL STECKT IM DETAIL

Verlag auf dem Ruffel
www.ruffel.de

Für Ümits kriminalistische Gesellschaftsstudien bietet Istanbul das ideale Untersuchungsfeld. Hier erreicht das Böse eine ungeheure Mannigfaltigkeit, da es sich nicht nur aus einer siebentausendjährigen Geschichte nährt, sondern auch aus den extremen sozialen Verhältnissen unserer Gegenwart mit ihrer Landflucht, Finanz¬konzentration, Drogensucht und ihrem Wertewandel. Die Kriminalität gehört für Ümit unmittelbar zum Menschsein, und er spürt sie überall auf. Seine Figuren kommen aus jeder Schicht der Gesellschaft, und Hauptkommissar Nevzat muß ebenso in vornehmen Villen am Bosporus recherchieren wie in herunter¬gekommenen Puffs von Beyoğlu.
Therese Yentür zu »Ahmet Ümit: Nacht und Nebel« 06.10.2007
Der Beginn des Romanes hat mich zuerst skeptisch gemacht:
Wer sind die Personen, deren Namen fallen, würde ich sie mir merken und zuordnen können? Aber dann gelingt es dem Autor mehr und mehr, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Und so ganz nebenbei erfährt man viel über das komplizierte Leben im Moloch Istanbul, über das Verhältnis einzelner ethnischer und sozialer Gruppen zu einander. Immer interessierter verfolgt man die Suche des eigentlich nicht sehr sympathischen "Helden" Sedat nach seiner Geliebten Mine. Am Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Auflösung auf den letzten Seiten ist genial. Sehr empfehlenswert! Hoffentlich erscheint bald ein weiteres Buch des Autors in deutscher Übersetzung!
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