Kaltes Feuer von Adrian Hyland

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Gunshot Road, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: Australien, 1990 - 2009.
Folge 2 der Emily-Tempest-Serie.

  • Melbourne: Text Publishing, 2010 unter dem Titel Gunshot Road. 371 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2010. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3518462133. 360 Seiten.

'Kaltes Feuer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Emily Tempest ist zurück in Moonlight Downs. Hier im Outback Australiens wurde sie geboren, als Tochter einer Aborigine und eines Weißen. Sie kennt die Welt der »Blackfellers« und der »Whitefellers«, wie sie hier heißen, doch in keiner fühlt sie sich wirklich zuhause. Nun soll ausgerechnet sie als Hilfspolizistin zwischen diesen Welten vermitteln. Als der Geologe Doc, ein alter Freund ihres Vaters, tot aufgefunden wird, stellt Emily gegen den Willen ihrer Vorgesetzten Nachforschungen an. Sie glaubt nicht, daß Doc das Opfer eines tödlichen Streits geworden ist, und findet bald heraus, daß er einer großen Sache auf der Spur war. Vor Jahren hatte Emily Tempest ihre Aborigine-Gemeinde verlassen, um die Welt zu sehen. Jetzt ist zurück im Outback – und arbeitet ausgerechnet für die Polizei. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag wird sie mit dem Tod eines alten Freundes konfrontiert. Alle glauben, daß er von einem Betrunkenen erschlagen worden ist. Doch die Steinskulptur im Garten des Toten erzählt eine andere Geschichte. Und Emily geht ihr auf den Grund.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine sympathische Heldin« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Wenn wir mal einen Blick auf die Veröffentlichungen des ersten Quartals diesen Jahres werfen, werden wir feststellen, dass die deutschen Verlage mit einer Unzahl an Titeln im Krimi/Thriller-Bereich aufwartet. Eine gutsortierte Berliner Krimi-Spezial-Buchhandlung listet für Februar sage und schreibe 192 Titel. Boomt das Genre immer noch? Oder sind das erste Zeichen einer Torschlusspanik innerhalb der Verlage? Die exzellenten Verkaufszahlen der letzten Jahre haben die Verlage mutiger werden lassen und vielen Newcomern wurde eine Chance eingeräumt. Neben eher nur wenigen erwähnenswerten Neulingen ist auch viel Ausschuss verlegt worden, das meiste ist wohl der Mittelmäßigkeit zu zuordnen. Der argentinische Autor Ernesto Mallo hat gegenüber der Krimi-Couch mal geäußert, es gäbe nur drei Formen von Literatur – gute, mittelmäßige und schlechte – und nach seiner Ansicht sei die mittelmäßige Literatur die schlimmste. Ohne das hier vertiefen zu wollen, der Mann hat Recht.

Relativ neu und leider nur Mittelmaß ist der australische Autor Adrian Hyland, der mit Kaltes Feuerseinen zweiten Kriminalroman um seine Ermittlerin Emily Tempest vorlegt. Emily Tempest ist die Tochter eines weißen Vaters und einer Aborigine- Mutter. Damit hat Hyland sich schon ein grundsätzliches Problem eingehandelt – er ist männlich und weiß. Ihm gelingt es nicht, die natürliche Barriere von Geschlecht und Rasse, die ihn von seiner Protagonistin trennt, zu überwinden. Wie Wolfgang Franßen in seiner Rezension zu Outback Bastard richtig feststellt, bleibt Hyland ein Außenstehender, der die Situation der Aborigines gut beschreiben kann, der aber ihre Gefühls- und Gedankenwelt nur erahnen kann. Da der Krimi hauptsächlich im Umfeld der Aborigines angesiedelt ist, ist eine raumgreifende Oberflächlichkeit schon vorprogrammiert.

Nach längerem Auslandsaufenthalt zurück in ihrer Heimat, dem Outback, und nach Lösung ihres Falles (Outback Bastard) übernimmt Emily Tempest die Stelle einer Kontaktbeamtin im Polizeidienst in dem kleinen Städtchen Bluebush. Der Superintendent der Dienststelle ist ein alter Freund von Emilys Vater, der ihr den Job nahegelegt hatte. Da dieser schwer erkrankt, muss sich Emily mit seinem Nachfolger herumschlagen. Bruce Cockburn ist ein arroganter wie ignoranter Weißer, der Emily direkt deutlich macht, was er von ihr und ihresgleichen hält.

Emilys erste Bewährungsprobe lässt nicht lange auf sich warten. Im Weiler Green Swamp Well (ein Pub und ein paar Häuser) ist der alte, immer seltsamer werdende Geologe Albert Ozolins erschlagen aufgefunden worden. Neben seiner Leiche lag noch trunken und schnarchend sein Saufkumpan Petherbridge. Da die beiden sich am Abend zuvor heftig gestritten hatten, ist für den neuen Chef schnell alles klar. Ohne großes Federlesen verhaftet er den Verdächtigen.

Emily, die sowohl Ozolins als auch Petherbridge von früher her kannte, glaubt nicht, dass der eine der Mörder des anderen sein kann. Die etwas exzentrischen Alten hatten sich zwar häufig und lautstark über Gott und die Welt gestritten, aber im Grunde waren sie einander freundschaftlich zugetan.

Auch hatte der Ermordete in seinen letzten Monaten hinter seinem Haus sehr akribisch einen Steingarten angelegt, dessen Konzeption wohl mehr bedeutete als einen Sinn für Schönheit. Emily beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Mit der Unterstützung ihres Volkes versucht sie, Doc Ozolins` Wege durch das Outback zu rekonstruieren. Dabei stößt sie auf ein lange zurückliegendes Verbrechen.

Einen Kriminalfall als Vehikel für eine Reise durch das australische Hinterland zu nutzen, ist gut und schön, doch sollten ein Spannungsaufbau oder einzelne Spannungselemente nicht außen vor bleiben. Bis auf eine Szene, in der sich die Protagonistin aus Dummheit oder Naivität in eine lebensbedrohliche Situation begibt, will kein richtiger Thrill aufkommen. Hyland schickt seine Heldin kreuz und quer durch den Busch. So erfahren wir einiges über das Leben der Aborigines, das hier in den Northern Territories relativ authentisch wirkt, im Gegensatz dazu steht das Leben der Ureinwohner in den Städten, das durch Alkohol und Armut geprägt ist.

 Ein Lichtblick ist die Heldin selbst, die aus der Ich-Perspektive heraus erzählt. Hyland hat sie – ohne tiefer gründen zu wollen (können?) – sehr selbstbewusst dargestellt. Ihr respektloses Mundwerk – was besonders den jüngeren Lesern gefallen wird – ist für einige Lacher gut, läuft aber manchmal Gefahr, ins Ordinäre abzurutschen. Sie ist trotz ihres weißen Erbteils eine Aborigine durch und durch. Da kommt keine Ambivalenz auf, kein Zweifel, auf welcher Seite sie zu stehen hat. Fast schon mütterlich kümmert sie sich um den Sohn eines befreundeten schwarzen Musikers, der immer Gefahr läuft, eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen. Dieser Neben-Handlungsstrang nimmt relativ breiten Raum ein, vermittelt sehr gefühlvoll die karitative Seite der Heldin, ist aber im Gesamtkontext eher kontraproduktiv.

Hylands Ansatz nicht nur einen Krimi schreiben zu wollen, sondern auch dem Leser Wissenswertes über eine nicht so bekannte Population zu vermitteln, ist sehr lobenswert. Viel gewollt – sagt man, und sicherlich in allerbester Absicht, doch die einzelnen Komponenten erheben sich nicht aus dem Mittelmaß, an Spannung gebricht es.

Kaltes Feuer ist Infotainment in Romanform. Es ist gradlinig aufgebaut, hat weder Ecken noch Kanten, gibt wenig Anlass, sich einen Kopf zu machen, fordert den Leser nicht. Das einzige Plus dieser Reihe ist die sympathische Heldin Emily Tempest, eine Figur, die eindeutig Potenzial hat, deren weiteren Weg man durchaus verfolgen kann, aber nicht muss.

Jürgen Priester, Februar 2011

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Heidrun SchrotGATTE zu »Adrian Hyland: Kaltes Feuer« 19.04.2017
Die hier beschriebene Meinung des Herrn Priester finde ich sehr überheblich. Ich habe mich das erste Mal mit dem Outback Australiens in dieser Form auseinandergesetzt. Mag es auch Romanform sein und nicht in allen Komponenten autentisch. Das kann ich nicht beurteilen jedoch hat dieser Roman mich dazu gebracht mich mit dem Schicksal der Urbevölkerung zu beschäftigen ihre Bilder ihre Träume ernster zu nehmen als wir es im Allgemeinen mit Urbevölkerungen so tun. Wir (weiß) sind ja gerne bereit nur unsere Geschichte als wahr anzunehmen und Andere nun gut Sie wissen was ich meine. Ich bedaure sehr keine weiteren Romane oder Geschichten des sehr humorvollen Herrn Hyland und seiner Emily gefunden zu haben.
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