Ein Grab in den Wellen von Abby Geni

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The Lightkeepers, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Pendo.

  • Berkeley: Counterpoint, 2016 unter dem Titel The Lightkeepers. 368 Seiten.
  • München: Pendo, 2017. Übersetzt von Urban Hofstetter. ISBN: 978-3866124233. 368 Seiten.

'Ein Grab in den Wellen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein Jahr lang will die junge Naturfotografin Miranda auf den Farallon-Inseln verbringen, ein abgelegener, unbewohnter Archipel vor der kalifornischen Küste. Ihre einzigen Gefährten sind ein paar Wissenschaftler, die in dieser Wildnis Fauna und Flora untersuchen. Sie beobachten die Wale und Robben, die extrem aggressiven Haie, die in diesen Gewässern jagen, sowie die überwältigende Vogelpopulation. In dieser unwirtlichen Umgebung scheint es nicht verwunderlich, dass sie allesamt Eigenbrötler sind. Doch mit der Zeit mehren sich mysteriöse Unfälle, eines Tages wird sogar einer der Forscher tot aufgefunden. Und Miranda fragt sich allmählich, ob die Inselgruppe, die von den Indianern seit jeher »Insel der Toten« genannt wird, tatsächlich verflucht ist, oder ob einer von ihnen ein grausames Spiel treibt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Für Tier- und Naturliebhaber zu empfehlen« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Die Farallon-Inseln sind ein streng geschütztes Naturschutzgebiet vor der Küste Kaliforniens, das üblicherweise nicht betreten werden darf. Es gibt keinen Hafen, nur über einen Netzkäfig erreicht man vom Boot aus die Hauptinsel Südost-Farallon, die einzige Insel, die bewohnt ist. Die fünf Forscher Mick, Galen, Forest, Andrew und Lucy sowie die Praktikantin Charlene teilen sich das einzige bewohnbare Haus der Insel, leben und arbeiten unter denkbar entbehrungsreichen Bedingungen. Genau hierhin zieht es die Naturfotografin Miranda, die sich für ein Jahr den Forschern anschließen möchte, um die Inselgruppe mit ihrer üppigen Tierwelt aufzunehmen.

»Stell mir keine Fragen, dann werde ich dir auch keine Lügen erzählen.«

Gleich von Beginn an merkt Miranda, dass die Forscher sehr eigenbrötlerisch veranlagte Menschen sind, die sich der Einsamkeit der Insel anvertraut haben. Wortkarg und abweisend behandeln sie die Fotografin und schließen Wetten ab, wie lange sie wohl aushalten wird. Nur mit Mick kann sich Miranda ein wenig anfreunden, ansonsten gehen alle stur ihrer Arbeit nach, beobachten Haie, Robben und Wale oder Erfassen die umfangreiche Vogelwelt. Doch Miranda arrangiert sich mit den Umständen, will unbedingt durchhalten, auch wenn die Stimmung sich nicht zu bessern scheint.

Nach der Vergewaltigung will Miranda nur noch weg

Im Gegenteil, eines Nachts wird Miranda gar von Andrew, der Lucys Freund ist, vergewaltigt, woraufhin sie sich drei Tage lang in ihr Zimmer zurückzieht. Fluchtgedanken ergreifen Besitz von Miranda, die nach diesem Vorfall unter keinen Umständen auf der Insel bleiben möchte.

Am vierten Tag geschieht aus ihrer Sicht jedoch ein kleines Wunder, denn sie wird von den anderen Bewohnern zu einer Felsspalte gerufen. Unten, im Meerwasser, schwimmt Andrews Leiche, geziert von einer schweren Kopfverletzung. Einmal mehr scheint die von den Indianern genannte »Insel der Toten« ihrem denkwürdigen Namen gerecht zu werden …

Der Spannungsbogen bleibt recht überschaubar

Die Ausgangssituation scheint altbekannt. Eine von der Umwelt abgeschlossene Insel, auf der insgesamt sieben Menschen leben. Nach Andrews Tod sind es folglich nur noch sechs und einer von ihnen könnte ein Mörder sein. Wer jedoch jetzt ein weiteres »Zehn-kleine-Negerlein«-Prinzip erwartet, in dem es eine nach der anderen Person dahinrafft, sieht sich schnell getäuscht. Im Gegenteil, die Handlung plätschert vor sich hin und überzeugt vor allem durch das beeindruckende Schauspiel, welches die Natur den Forschern bietet. Ich-Erzählerin Miranda berichtet detailverliebt über die Arbeit der Forscher beziehungsweise die Geschehnisse im Tierreich, die deutlich brutaler sind als die Ereignisse, die die Forscher selber betreffen.

»Die Kolonie besteht aus rund hunderttausend Lummen. Darüber hinaus sind noch vierzigtausend Alke, zwanzigtausend Kormorane und viertausend Taubenteisten auf den Inseln. [&] Inzwischen ist alles weiß, weil die Vögel die Steine flächendeckend mit Kot überziehen. Die Insel Saddle Rock, die ich von meinem Zimmerfenster aus sehen kann, wirkt wie auf den Wellen treibendes Packeis. Und auch die beiden Bäume sind über und über mit Schleim bedeckt. Der Gestank nach Ammoniak ist überwältigend und die Luft geradezu toxisch.«

So sicher wie die vier Jahreszeiten aufeinander folgen, so sicher wiederholen sich auch die Jahresabläufe bei den Tieren. Folgerichtig ist der Roman in vier Kapitel unterteilt, welche die Überschriften »Haisaison« (Sommer), Walsaison (Herbst), Robbensaison (Winter) und »Vogelsaison« (Frühjahr) tragen. Die wahren Stars des Romans sind die zahlreichen Tierarten, die es zu beobachten gilt.

Der Weiße Hai, dessen Weibchen bis zu zwanzig Fuß lang werden, sorgt für schaurigen Nervenkitzel. Die Wale sind etwas zurückhaltender, wenngleich von noch beeindruckender Größe, während die neugeboren Robben vor allem niedlich sind. Derweil zeigen vor allem die äußerst aggressiven Möwen, dass von ihnen die größte Gefahr für die Forscher ausgeht.

Wer einen packenden Kriminalroman erwartet, könnte hier enttäuscht werden

Wer Tier- und Naturfilme mag, der sollte sich »Ein Grab in den Wellen« auf keinen Fall entgehen lassen. Wer gerne Plots mit außergewöhnlichen Handlungsorten liest, der kommt hier ebenfalls voll auf seine Kosten. Wer jedoch einen packenden Krimi erwartet, der stößt an zahlreichen Stellen auf Längen, da die Beobachtung der Tierwelt im Fokus der Erzählung steht.

Mirandas Briefe an ihre längst verstorbene Mutter, die sie regelmäßig schreibt, aber verständlicherweise nicht abschickt, füllen zwar durchaus stimmungsvoll die Seiten, bieten für den Fortgang der Handlung jedoch nur stark eingeschränktes Potenzial. Allein die »Auflösung« auf den letzten Seiten bezüglich Andrews Ableben, welches vom FBI, das kurzerhand für einen Tag auf die Insel einflog, schnell als Unfall abgetan wurde, dürfte nicht wenige Leser überraschen.

Jörg Kijanski, August 2017

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