Zerrissen

  • Knaur
  • Erschienen: Oktober 2020
  • 8
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Thomas Gisbertz
58°1001

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2020

Mäßiger True-Crime-Thriller

Dr. Fred Abel muss vor Gericht in einem besonders schweren Fall von Misshandlung aussagen: Ein 22 Monate altes Mädchen hat gleich zwei massive Schädel-Hirn-Traumata erlitten, die nicht von einem einfachen Sturz herrühren können, wie es dessen Mutter behauptet. Bei dem Opfer, das aufgrund der Verletzungen mit schweren Spätfolgen rechnen muss, handelt es sich ausgerechnet um die Nichte von Abels langjähriger Kollegin Sabine Yao. Das Verhältnis zwischen den beiden Rechtsmedizinern wird durch die Geschehnisse einer harten Belastungsprobe unterzogen…

Brutaler Mord

Währenddessen findet Privatermittler Lars Moewig, ein alter Freund Fred Abels, im Berliner Kickbox-Club „Drachenhöhle“ eine mehr als grausam zugerichtete Leiche in einem Boxsack, in dem das Opfer scheinbar zu Tode geprügelt wurde. Moewig bittet Abel unmittelbar um Hilfe. Schon bald führen ihre Nachforschungen beide in die Welt libanesischer Drogen-Clans, die ihre ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit haben.

Neuer Co-Autor

Über Autor Michael Tsokos muss man nicht mehr viel sagen: Er leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Tsokos ist Deutschlands bekanntester Forensiker. 2014 gründete er in Berlin die erste Gewaltschutzambulanz. Bekanntheit erlangte Tsokos auch durch zahlreiche Sachbücher, in denen er über seine Arbeit in der Rechtsmedizin berichtet, sowie die beiden Thriller-Reihen um Paul Herzfeld und Dr. Fred Abel. Zerrissen ist der nunmehr vierte Band über die BKA-Einheit für Extremdelikte, der Abel angehört.

Neu ist diesmal der Co-Autor: Nachdem Tsokos in den ersten drei Bänden der Fred-Abel-Reihe von Schriftsteller Andreas Gößling (Rattenflut u.a.) Unterstützung erhielt, steht nun der ehemalige BILD-Nachrichtenchef Wolf-Ulrich Schüler an seiner Seite. Schüler ist seit 2019 stellvertretender Chefredakteur in der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL.

Bewegend bis klischeehaft

Thematisch ist Tsokos‘ neuester True-Crime-Thriller brandaktuell - das gilt insbesondere für das Auftreten der sogenannten Clans, problematischer arabischer Großfamilien, derer sich in den letzten Monaten auch die Tagespresse häufig annahm. Zuletzt rückte die Clankriminalität in NRW - speziell dem Ruhrgebiet - oder auch die Klage des bekannten Rap-Sängers Bushido gegen einen Clan-Chef und Ex-Geschäftspartner in den Fokus der Öffentlichkeit.

Des Weiteren weiß keiner besser als der Berliner Rechtsmediziner Tskokos, dass die im Roman dargestellten Fälle und Schicksale leider keine Fiktion, sondern oftmals traurige Realität sind. Insofern hat es der Leser - wie bei allen Romanen des Autors - in der Tat mit wahren Verbrechen zu tun. Tsokos selber weist im Nachwort auch darauf hin, dass in seinen Augen nur „echte[n] Profis“ eine literarische Verarbeitung wahrer Kriminalfälle gelingen kann.

Allerdings sind die beiden Autoren im Bereich des fiktionalen Schreibens weniger professionell vorgebildet; ein Sachbuch würde für die Geschichten daher angemessener sein, denn die Darstellung der mitunter berührenden Schicksale verliert durch die zu sachliche Schilderung und die trockene, fast schon hölzerne Sprache an Ausdrucksstärke. Der Leser wird regelrecht von Fall zu Fall gehetzt, bekommt es mal mit medizinischem Fachjargon, mal mit nüchternen Obduktionsergebnissen oder mit einem der gefühlt 100 Cliffhanger zu tun.

Das Autoren-Duo lässt sich keine Zeit für seine Figuren oder die Geschichten hinter den Geschichten. Es wäre interessant gewesen, die sogenannten Clans nicht nur als kriminelle und höchst brutale Sippschaft darzustellen, die das Recht stets in die eigenen Hände nimmt, sondern stärker die internen Strukturen und familiären Erwartungen in den Vordergrund zu rücken. So bleibt es bei einer zwar weitgehend richtigen, aber insgesamt zu oberflächlichen Beschreibung. Das gelingt dem Profiler Axel Petermann in seiner True-Crime-Reihe, die er in Zusammenarbeit mit Claus C. Fischer veröffentlicht, bedeutend besser, da sie stärker die Perspektive des Täters einnehmen – hier fehlt diese fast gänzlich.

Vielleicht würde man auch mehr Tiefe in der Handlung erreichen, wenn sich das Team um Dr. Abel - auch anders als in der Wirklichkeit - nur mit einem Fall beschäftigen würde, statt zahlreiche Nebenplots aufzubauen, die letztendlich keine Rolle spielen und nur am Ende kurz aufgeklärt werden.

Zähes Lesen

Wenn Tsokos und Schüler versuchen, Fred Abel eine persönlichere Seite zu geben, indem sie auf dessen Privatleben und seine Beziehung zu seiner Partnerin Lisa eingehen, dann geht das gründlich daneben. So möchte unter anderem Abels Freundin ihm gleich zu Beginn der Handlung etwas sehr Wichtiges mitteilen. Leider braucht sie dafür den ganzen Roman, sodass man oftmals genervt rufen will: „Jetzt sag es ihm endlich!“

Des Weiteren wollen die Kapitel, die sich mit dem Privatleben des Rechtsmediziners beschäftigen, so gar nicht zum Rest des Romans passen. Insgesamt wirkt die Darstellung des Geschehens oftmals so blutleer wie manche Leiche auf dem Sektionstisch der Hauptfigur. Allein die kurzen Kapitel sorgen für Abwechslung und Tempo.

Fazit

Mit Zerrissen gelingt dem Autoren-Duo Tsokos/Schüler ein hochaktueller True-Crime-Thriller, der diesen Namen inhaltlich auch verdient hat. Aber ein Roman ist eben mehr als das bloße Schildern von Gewalttaten, Brutalität und Verbrechen. Seinen besonderen Reiz erhält das Buch sicherlich durch das Bewusstsein des Lesers, es mit weitgehend realen Fällen zu tun zu bekommen. Wer einen sprachlich anspruchsvollen, in die Tiefe gehenden Thriller sucht, wird hier aber weniger gut bedient.

Zerrissen

Prof. Dr. Michael Tsokos, Knaur

Zerrissen

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