Lauter reizende alte Damen

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1968, Titel: 'By the Pricking of my Thumbs', Seiten: 255, Originalsprache
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1970, Seiten: 246, Übersetzt: Edda Janus
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1971, Seiten: 172, Übersetzt: Edda Janus
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1982, Seiten: 172, Übersetzt: Edda Janus
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1995, Seiten: 172, Übersetzt: Edda Janus
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1997, Seiten: 172, Übersetzt: Edda Janus
  • München: Der Hörverlag, 2006, Seiten: 3, Übersetzt: Stephan Schad, Bemerkung: gekürzte Fassung; aus dem Englischen von Tanja Handels
  • Hamburg: Atlantik Verlag/ Hoffmann und Campe 2. Februar 2021. Übersetzung: Edda Janus. 224 Seiten

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Michael Drewniok
Todesengel für sämtliche Altersstufen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Schlechten Gewissens erinnert sich Thomas „Tommy“ Tuppence, Geheimdienstler im Quasi-Ruhestand, an Tante Ada, die in einem Pflegeheim auf dem Land ihr Seniorendasein fristet. Obwohl Ada ein garstiger Besen ist, begleitet Prudence - genannt „Tuppence“ - ihren Gatten ins Haus „Sonnenhügel“, flüchtet aber bald vor den Bosheiten der alten Frau und kommt mit einer anderen Bewohnerin ins Gespräch. Mrs. Lancaster ist offensichtlich nicht ganz klar im Kopf, erzählt aber so ernsthaft von einem toten Kind, das hinter einer Kaminplatte versteckt wurde, dass sie Tuppence in Erinnerung bleibt.

Einige Monate später ist Ada gestorben und Mrs. Lancaster verschwunden. Verwandte hätten sie aus dem Heim abgeholt, doch gefreut habe sich die alte Dame nicht, was Tuppence aufmerken lässt: Soll die Zeugin eines Verbrechens zum Schweigen gebracht werden? Obwohl Tommy nicht begeistert ist, beginnt Tuppence zu ermitteln. Sie findet heraus, dass Mrs. Lancaster womöglich nahe Sutton Chancellor in einem Landhaus gelebt hat. Das steht heute zur Hälfte leer; sein vorderer Bereich wird vom Ehepaar Perry bewohnt, das Unwissen über die Vormieterin vorgibt.

Tuppence mietet sich in Sutton Chancellor ein und stellt Fragen, die an unerfreuliche Ereignisse rühren: Im genannten Haus soll es spuken, und vor Jahren hat ein mehrfacher Kindermörder die Gemeinde heimgesucht. Als Tuppence entdeckt, dass tatsächlich Verdächtiges geschah, wird sie niedergeschlagen. Wieder vereint mit Tommy kommt das Paar nicht nur einer berüchtigten Verbrecherbande, sondern auch einer alten Tragödie auf die Spur …

„By the pricking of my thumbs / Something wicked this way comes“

„Bei des Däumchens Juckerei / Jemand Böses kommt vorbei.“ So spricht ahnungsvoll die zweite Hexe, als Macbeth, König von Schottland, aber auch Verräter und Mörder, in Akt 4, Szene 1 des gleichnamigen Theaterstücks ratsuchend an die Tür klopft. Agatha Christie liebte es, Kinderreime, Sprichwörter und Zitate in Buchtitel zu verwandeln. Für ihren 59. Kriminalroman ließ sie sich von einem wahrhaft großen Vorbild inspirieren: William Shakespeare.

1968 lag das letzte Abenteuer von Tommy und Tuppence Beresford 27 Jahre zurück. In N or M? (dt. N oder M?) hatten sie 1941 quasi im Kriegsdienst feindlichen Agenten das Handwerk gelegt. Wie war es ihnen ergangen? Nach Auskunft Agatha Christies hatten sich Leser nach den beiden Figuren erkundigt; deshalb kehrte sie zu ihnen zurück - dies auch deshalb, weil sie es reizvoll fand, die Beresfords nicht weiterhin jung, sondern gealtert auftreten zu lassen. Christie ging auf die 80 zu, das Alter und die damit verbundenen Herausforderungen bzw. Probleme waren ihr nicht fremd; in Lauter reizende alte Damen versuchte sie einen Spagat: Die Zeit ist über Tommy und Tuppence als Verbrecherjäger hinweggegangen, so wie die zwar weltberühmte, aber auch als Autorin gealterte Christie allmählich auf ein Nebengleis der Kriminalliteratur geriet.

Schon die Spitznamen sind ein eher wehmütiges Relikt an die Jugendjahre der Beresfords, die in den frühen 1920er Jahren (The Secret Adversary, 1922; dt. Ein gefährlicher Gegner) ebenso unbedarft wie begeistert erstmalig am „Großen Spiel“ der Geheimdienste in einem noch weltumspannenden britischen Empire teilgenommen hatten. Jahrzehnte später sind Tommy und Tuppence Eltern und Großeltern. Tommy wird vom Geheimdienst höchstens noch zu unwichtigen Konferenzen eingeladen, und Tuppence ist Hausfrau.

Dem Sensenmann den Stinkefinger zeigen

Vor allem Tuppence ist nicht bereit für den klassischen Ruhestand. Ihr Spürsinn hat sie nicht im Stich gelassen. Christie nimmt den Zufall fest in den Schwitzkasten und lässt Tuppence im Haus Sonnenhügel über eine wahre Kaskade unentdeckter Übeltaten stolpern. Tatsächlich besteht genau darin die Primärschwäche dieses Romans: Christie reißt diverse Plots an, ohne sich zu fokussieren und sie zufriedenstellend aufzulösen. Final wird alles erklärt, doch dies größtenteils indirekt und (dies wird zum echten Haken) ohne jenen Nachdruck, der die vorab aufgeworfenen Rätsel in den Dienst einer plausiblen Geschichte bringt.

Christies Romane um Tommy und Tuppence Beresford sind freilich keine ‚normalen‘ Krimis: Das Paar war in den „Roaring Twenties“ als unkonventionelles Abenteurer-Duo gestartet. Schon damals hatte Christie wenig Wert auf eine naturgetreue Darstellung des britischen Geheimdienst-Alltags gelegt. Sie orientierte sich an trivialliterarischen sowie cineastischen Vorbildern, die sie ohne Furcht vor dem Klischee instrumentalisierte.

Dabei konnte Tuppence über die übliche Funktion der „Jungfrau in Not“ hinaus aktiv werden. Christie war nie das, was man später als „Feministin“ bezeichnete, doch sie war durchaus willens, Frauen handlungstragende Rollen zu übertragen; schließlich konnte sie selbst auf eine überaus erfolgreiche Karriere als Theaterautorin, Schriftstellerin und Geschäftsfrau zurückblicken.

Alles verändert sich

Während Miss Marple und Hercule Poirot nicht wirklich alterten, sondern unverdrossen Fall auf Fall lösten, boten die Beresfords Christie eine Hintertür: Sie kamen ‚wirklich‘ in die Jahre, was die Autorin aufgriff und beeinflussend ins Geschehen einfließen ließ. Tommy und Tuppence sind nicht nur Ermittler, sondern auch ‚typische‘ ältere Leute, die zwar in der Gegenwart leben, doch gedanklich oft in die Vergangenheit zurückblenden. Diese Reminiszenzen sind Christie mindestens ebenso wichtig oder sogar wichtiger als „der Fall“ bzw. „die Fälle“, weshalb sie diesbezüglich die Zügel schleifen lässt.

Immerhin besinnt sie sich letztlich auf ihr Metier - ein Impuls, der fünf Jahre später fast erloschen war, als 1973 Postern of Fate (dt. Alter schützt vor Scharfsinn nicht) erschien, Christies letzter Roman, in dem sicher nicht grundlos erneut die Beresfords als Hauptfiguren agierten (bzw. primär in Erinnerungen schwelgten). Lauter reizende alte Damen ist (über-)reich an einschlägigen „Cozy“-Szenen, die in zeitlosen Landidyllen spielen. Hintergründig meint man jedoch einen sowohl bedauernden als auch kühlen Unterton zu spüren: Wenn es diese ‚Unschuld‘ überhaupt jemals gab, ist sie nun nur noch eine Illusion.

Zwar lässt die Plot-Harmonie wie gesagt zu wünschen übrig; Mehrfach-Mord im Altenheim, organisierter Großmaßstab-Raub sowie ungeklärte Kindsmorde wollen sich nicht wirklich zu einer zufriedenstellenden Vorgeschichte formen, auch wenn sich die Autorin nachträglich große Mühe gibt. Immerhin gelingt Christie die Charakterisierung einer gar nicht reizenden alten Dame, deren jahrzehntelange Untaten allerdings in allzu dramatischem Wahnsinn gipfeln: Wieder einmal schaltet sich das Schicksal ein und deckt schonend für sämtliche Beteiligten den Mantel des Schweigens über den Skandal sowie noch offene Fragen, die sich der Krimi-Purist besser verkneifen sollte.

Lauter reizende alte Damen im Film

2005 drehte der französische Regisseur Pascal Thomas die in seinem Heimatland spielende Krimi-Komödie Mon petit doigt m'a dit ..., in der Prudence mit einem „Bélisaire Beresford“ verheiratet ist.

Übler erging es der Vorlage, als sie 2006 im Rahmen der englischen Serie Marple für die Titelheldin ‚adaptiert‘ bzw. umgeschrieben wurde: Tuppence Beresford erschien radikal verändert als gehbehinderte, alkoholkranke, misslaunige Frau. Gänzlich ignoriert wurde der ursprüngliche Zeitrahmen; diese TV-Version spielt um 1950.

Fazit

Agatha Christies 59. Kriminalroman wirkt eher wie eine Hommage an den „Kuschel-Krimi“. Mindestens ebenso wichtig wie der (nur bedingt plausible) Plot sind die melancholischen Reminiszenzen an eine Vergangenheit, in der die Protagonisten (und die Autorin) jung und unternehmungslustig waren - ein Weg, auf dem zumindest die davon (noch) nicht betroffenen Freunde des klassischen Krimis ihr nur zögerlich folgen möchten.

Lauter reizende alte Damen

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