Vermisst

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Wien: Zsolnay, 2013, Seiten: 352, Übersetzt: Markus Lemke
  • Jerusalem: Keter, 2011, Titel: 'Tik ne’edar', Originalsprache

Couch-Wertung:

85°
Wertung wird geladen
Lars Schafft
Der Krimi im Krimi - und am Ende ist vielleicht alles ganz anders

Buch-Rezension von Lars Schafft Jul 2013

Seit dem Tod der israelischen Autorin Batya Gur vor gut acht Jahren ist bis auf einige singuläre Ausnahmen nichts aus dem hebräischen Sprachraum an Kriminalliteratur bei uns erschienen. Folgerichtig heißt es auch mehrmals in Dror Mishanis Debütroman Vermisst, dass es gar keine solcher Bücher gebe. Gut, dass uns der Autor eines Besseren belehrt und mit Fall eins für Inspektor Avraham "Avi" Avraham Batya Gurs Nachfolge antritt.

Fast trivial

Die Geschichte an sich ist oberflächlich betrachtet fast trivial: Der 16-jährige Ofer verschwindet spurlos. Seine Mutter will ihn bei Avraham als vermisst melden, doch der Inspektor gibt sich desinteressiert. Was soll hier in Cholon, einer kleinen Satellitenstadt von Tel Aviv, schon geschehen? Wahrscheinlich sei der Junge nur ausgebüxt und komme schon wieder. Doch dem ist nicht so. Tag um Tag verstreicht, ohne dass Ofer wieder auftaucht. Und Avraham muss sich schon sehr bald eingestehen, dass er einen Fehler begangen hat. Was nur sein erster, nicht letzter in Vermisst sein soll...

Dieser Avraham Avraham ist nicht nur wegen seines Namens eine außergewöhnliche Figur. Während der Arbeit ständig in Uniform, Kettenraucher, schrecklich menschlich und dazu noch begeisterter Krimileser, der in seiner Freizeit wenig Besseres zu tun hat, als den Detektiven in seinen Krimis aufzuzeigen, dass sie mit ihren Ermittlungen Unrecht hatten. Ein verschlossener Eigenbrötler, der in seiner komplexen Welt nicht immer alles versteht.

Der Traum vom großen Roman

Eine weitere Hauptfigur ist der Englischlehrer Seev, der dem vermissten Ofer bis vor Kurzem noch Nachhilfe gab und ihm sehr nahe stand. Das macht ihn, der so davon träumt, den einen, großen Roman zu schreiben und deswegen sogar Schreibseminare besucht, natürlich zu einem der Hauptverdächtigen. Für den Leser wohlgemerkt: Avraham durchsteigt das Beziehungsgeflecht lange Zeit nicht, obwohl Seev als auch Ofer in seiner direkten Nachbarschaft wohnten.

Die direkte Nachbarschaft ist wie eingangs erwähnt eine dieser charme- wie schmucklosen Vorstädte der Metropolen. Nicht fies, nicht heruntergekommen, aber auch nicht erste Lage. Man kann hier wohnen und schlafen, viel mehr aber auch nicht. Sehr subtil schildert Dror Mishani diesen Ort, den er nur zu gut kennt, ist er doch selbst dort geboren und aufgewachsen. Der Leser spürt die Atmosphäre Cholons, als Reiseführer wie mancher Regiokrimi ist Vermisst glücklicherweise überhaupt nicht zu gebrauchen. Überhaupt muss man als Außenstehender schon sehr genau hinschauen, um mitzubekommen, dass es sich um einen israelischen Krimi handelt.

Wenn der Literaturwissenschaftler selber schreibt

Und dass es sich überhaupt um einen reinrassigen Krimi handelt. Natürlich ist es vordergründig einer, aber Dror Mishani kann seine Herkunft als Literarwissenschaftler nicht verleugnen. Mehrmals zu schreiben und zu erläutern, dass und warum es keine hebräischen Kriminalromane gebe, obwohl man gerade einen in der Hand hält, ist nur ein Hinweis darauf. Aus dem Protagonisten einen bekennenden Krimikenner zu machen, kommt dazu. Und ein weiterer: Die Beschäftigung mit der Literatur an sich, wie am Beispiel Seevs. Ein ganzes Kapitel dreht sich um das Schreiben und Textrezeption, das geschriebene Wort wird gar zum vermeintlichen Tatmotiv. Dass Mishani ganz am Ende die ganze Ermittlung und damit auch die Geschichte des Romans infrage stellt, ist ein kluger Twist für den aufmerksamen Leser. Manche mögen das verspielt oder als zu viel Liebe zum eigenen Text bezeichnen - Postmoderne wäre sicherlich auch nicht falsch.

Aber keine Angst: Vermisst ist keinesfalls ein verschwurbelter Roman aus der verkopften Perspektive eines Akademikers. Er liest sich jederzeit unaufdringlich, klug formuliert mit abwechslungsreichem wie originellem Stil, der einen ganz eigenen Sog bildet.

Halten wir unterm Strich fest: In leisen Tönen führt Autor Dror Mishani seinen Protagonisten in Vermisst ein und kreiert damit eine der derzeit interessantesten Figuren des zeitgenössischen Kriminalromans. Leichthändig spielt er mit dem Genre, dass die Lektüre eine wahre - und intelligente - Freude ist.

Vermisst

Vermisst

Deine Meinung zu »Vermisst«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

BEHIND THE DOOR
Der Raum. Die Tat. Das Rätsel.

Lies die Geschichte, erkunde den Tatort und bringe Licht in das Dunkel um einen mysteriösen Kriminalfall. Welche Auffälligkeiten bringen die Ermittlungen voran? Welches Indiz überführt den Täter? BEHIND THE DOOR - spannende und interaktive Kurz-Krimis auf Krimi-Couch.de.

mehr erfahren