Die amerikanische Nacht

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

88°
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Jürgen Priester
Zwischen Illusion und Wirklichkeit

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2013

Der Name Marisha Pessl wird vermutlich den wenigsten Krimilesern etwas sagen. Die junge US-amerikanische Autorin debütierte 2006 mit dem Roman "Special Topics in Calamity Physics", bei uns Die alltägliche Physik des Unglücks (Fischer, 2007). Während der Roman in den USA sowohl von den Lesern als auch von den Kritikern recht positiv aufgenommen wurde, zeigte sich das deutsche Feuilleton eher skeptisch. Auch die deutsche Leserschaft war zwiegespalten. Dennoch verkaufte sich der Roman im deutschsprachigen Raum gut und konnte vordere Plätze in einigen Buch-Charts erklimmen. Je erfolgreicher sich ein Debüt verkauft, desto größer wird der Erwartungsdruck auf den Autor oder die Autorin, einen adäquaten Nachfolger zu präsentieren. Nicht wenige sind einem solchen Druck nicht gewachsen (Second-Novel-Syndrom). Zeitnot und Anspannung können zu einem für alle Seiten unbefriedigenden Ergebnis führen. Es mag auch ihrer ausgezeichneten pekuniären Lage geschuldet sein, dass Marisha Pessl sich sehr viel Zeit (7 Jahre) für ihren zweiten Roman nehmen konnte und auch genommen hat. Mit Die amerikanische Nacht (Original: Night Film) legt die Autorin ein ausgereiftes, vielschichtiges Werk vor, das viele Genres in sich vereint.

Den Rezensenten lag diesmal frühzeitig (Mitte Juli) ein, wenn auch noch unvollendetes, Leseexemplar vor, und der Bitte des Verlages, keine Rezensionen vor dem Release des Buches (12.09.2013) zu veröffentlichen, wurde weitgehend entsprochen. So beschäftigten sich einige Artikel im Vorfeld denn auch mehr mit der Person Marisha Pessl, und der Tenor, der aus allen biographischen Betrachtungen herauszulesen ist, lautet: zu jung, zu schön, zu reich, zu gebildet. Jüngst war im "Hamburger Abendblatt" die Zusammenfassung eines Interviews zu lesen, das die Journalistin Jenny Hoch mit der Autorin führte. Neben einer Bestätigung der gerade genannten Attribute und einem kurzen Einblick in den Roman spricht Hoch die Autorin auf augenscheinliche Übereinstimmungen ihres Werks mit dem Roman Schattenlichter von Theodore Roszak aus dem Jahre 1991 an. "Gosh, nein! Noch nie davon gehört." - antwortet Pessl errötend. Die Journalistin denkt sich ihren Teil.

Ob nun eigenständig mit zufälligen Parallelen oder doch aus fremden Quellen inspiriert, wird zu eruieren sein und diskutiert werden. Der Rezensent hat Schattenlichter bestellt und wird beizeiten in einem Nachtrag von seiner Einschätzung berichten.

"Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen", ist eine beliebte Floskel mit der Leser ihre Begeisterung für einen Roman, Krimi oder Thriller ausdrücken. Es sind meist jüngere Leser, die von diesem Phänomen berichten. Dem Rezensenten passiert es eher selten, dass er von einem Buch so sehr in den Bann gezogen wird, dass er die Zeit vergisst. Die amerikanische Nacht hat das geschafft. Ohne die Autorin zu kennen und ohne eine Ahnung, was ihn in diesem Roman erwartet, nur erstmal neugierig geworden durch die reichen Illustrationen im Text, verfing er sich schnell in dem feinen Gespinst der faszinierenden Handlung. Die Melange aus Thriller mit Mystery-Touch und Gesellschaftsroman entpuppte sich als "Ganz großes Kino". Ein Begriff, der für einen Roman über das geheime Leben eines Filmemachers treffender nicht sein kann.

Scott McGarth ist investigativer Journalist und erfolgreicher Buchautor. Er lebt im West Village auf Manhattan und hat eine Obsession mit Namen Stanislas Cordova. Vor fünf Jahren ließ McGarth sich in einer Fernsehsendung zu einer unbedachten Äußerung über den berühmten skandalumwitterten Regisseur und Drehbuchautor hinreißen, die ihn seine Karriere und Ehe kostete. Cordovas Verleumdungs- und Unterlassungsklagen waren erfolgreich und beendeten vorerst McGarth` umfangreiche Recherchen über den Mann, der aufgrund seiner ambitionierten Filme in gewissen Kreisen zur Kultfigur aufgestiegen war.

Als McGarth nun vom Freitod von Cordovas Tochter Ashley hört, ist nicht nur sein journalistisches Interesse geweckt, sondern alte verdrängte Rachegedanken keimen wieder auf. Er nutzt seine Kontakte zur New Yorker Polizei, um Genaueres über Ashleys Tod zu erfahren. Bei einer nächtlichen Stippvisite am Tatort in einer baufälligen Lagerhalle in Chinatown trifft McGarth den jungen Drogenfreak Hopper, der, wie er später erzählt, Ashley schon länger kannte. Die beiden freunden sich an, soweit Freundschaft mit dem unsteten Hopper überhaupt möglich ist. Zu ihnen gesellt sich Nora Halliday, die Person, die Ashley wohl als Letzte lebend gesehen hat, nämlich in dem Restaurant, in dem Nora am Empfang arbeitete. Zu dritt versuchen sie, Ashleys letzte Wege in New York zu rekonstruieren.

Die Suche der drei ist nicht nur die übliche Schnitzeljagd, die von Hinweis zu Hinweis führt, sondern auch ein Abschreiten der Stationen von Ashleys Leidensweg und eine Tour durch ein New York abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Düstere Straßenschluchten und Plätze mit obskuren Läden und Lokalitäten, in denen schräge Typen ihren diversen Geschäften nachgehen.

Last not least ist es auch eine Reise in die Vergangenheit, die zum vermuteten Ursprung alles Bösen führt, zum Filmemacher Stanislas Cordova, dem Schöpfer der (Alb)träume.

Wie eingangs kurz angesprochen, ist Die amerikanische Nacht nicht nur ein überaus spannender Thriller, sondern auch ein Roman über Vater-Tochter-Beziehungen, über Filmkunst, über Magie, auch schwarze, und Rituale, über Grenzerfahrungen des Lebens. Pessl schickt ihren Helden und damit auch den Leser auf eine Bühne, deren Kulissen aus Realität und Illusion bestehen, die sich schemenhaft vermischen. Auf dem Höhepunkt der Handlung ist es ihr gelungen, den Rezensenten fast wahnsinnig zu machen. Wer wissen will, wie letzte Bemerkung zu verstehen ist, der lese selbst. Es lohnt sich!

Die amerikanische Nacht ist ein großer Roman einer jungen hoffnungsvollen Autorin, die ihren Weg machen wird, wenn sie weiter in Ruhe und mit Sorgfalt arbeitet.

Zum Inhalt des Romans passt gut ein bekannter Spruch aus Shakespeares "Hamlet":

 

"Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden,
als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio."

 

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