Hell's Kitchen von Thomas Adcock

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel Sea of Green, deutsche Ausgabe erstmals 1993 bei Haffmans.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1970 - 1989.

  • New York: Mysterious Press, 1989 unter dem Titel Sea of Green. 295 Seiten.
  • München: Heyne, 1993. Übersetzt von Jürgen Bürger. ISBN: 3-453-06463-1. 381 Seiten.
  • Zürich: Haffmans, 1993. Übersetzt von Jürgen Bürger. ISBN: 3-251-30007-5. 381 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 1998. Übersetzt von Jürgen Bürger. ISBN: 3-492-25674-0. 381 Seiten.

'Hell's Kitchen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Was ist los in Hell´s Kitchen, dem verkommenen New Yorker Stadtteil der irischen Einwanderer? Kaum hat Detektiv Neil Hockaday, genannt Hock, von der SCUM-Patrol dort eine bezahlbare Wohnung gefunden, mehren sich die Leichen um ihn: Zuerst trifft es seinen Spitzel, dann liegt der verdächtige Mieteintreiber Griffiths nackt und tot in seiner Badewanne. Die Ereignisse überschlagen sich, als Hock offiziell den heiklen Auftrag erhält, den bedrohten schwarzen Prediger Father Love zu schützen. Als Neil die unheilvolle Verbindung der Fälle erkennt, ist es fast zu spät.

Das meint Krimi-Couch.de: »Meilenstein des harten Krimis – ein anarchisches Debüt, das sich gegen schnelles Lesen wehrt.« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Alle nennen ihn Hock. Hock, das ist Neil Hockaday von der Street Crime Unit Manhattan, kurz SCUM. »Scum« heißt Abschaum, und da liegt schon die erste Fährte auf dem lohnenswerten Weg zu einem wunderbar poetischen, düsteren und harten Kosmos.

Es ist der Weg in eine fremde Welt – und auch in eine fremde Zeit, denn Hell’s Kitchen erschien auf Deutsch erstmals 1993. Das war die Zeit, in der skrupellose Immobilienhaie in historischen Dimensionen ihrer Habgier nachgehen konnten, als in US-amerikanischen Großstädten ganze Stadtviertel weg planiert wurden und sich kaum jemand darum scherte. Die Reagan-Politik hatte die Armen noch stärker geschwächt und Leuten wie Donald Trump Aufwind verschafft. Hock schert sich darum. Er kommt aus dem Viertel und zieht, frisch geschieden, wieder mitten hinein:

»Da war ich also wieder. Da war ich, startete einen neuen Versuch mit einem alten Leben; frisch eingezogen in drei zugige Zimmer eines schäbigen, alten Hauses ohne Fahrstuhl in dem ausgelaugten Teil der Stadt, wo ich mit der Erfahrung aufgewachsen war, dass regelmäßige Mahlzeiten echte Errungenschaften und sich vollzulaufen zu lassen einen absoluten Sieg bedeuten.«

So beginnt, nach einem Prolog, das erste Kapitel. Da weiß man als Leser sofort: Achtung! Keine Distanz! In diesem Buch wird es kein sauberes Dahinplätschern von durchdachter Polizeiarbeit geben, kein analytisches Beobachten von außen; hier geht es an die Substanz. Die erbärmliche Welt ist echt, ohne die comichafte Ironie, die viele Hard-boiled-Krimis so leicht konsumierbar macht.

Der Manhattaner Bezirk Hell’s Kitchen, der seit Jahrzehnten offiziell Clinton oder Midtown West heißt, ist zur Zeit des Romans ein heruntergekommener Stadtteil. Gerade jetzt verändert sich das Viertel komplett: Aus einer rauen Gegend, in denen Bandenkriege an der Tagesordnung waren – die »West Side Story«, Mutter aller Bandenkampfwerke, spielt hier! –, wurde durch korrupte Politiker und radikale Makler eine schnieke Gegend, die als aufstrebendes, sicheres und attraktives Viertel gilt. Clinton. Nicht Hell’s Kitchen, natürlich.

Zu den Zeiten des Romans war das noch anders. Da konnten sich die Ärmeren das Viertel noch leisten, die Mieten waren einigermaßen erträglich. Im Roman schlagen sich die Menschen des Viertels irgendwie durch: Huren, Taschendiebe, Ladenbetreiber, Kellnerinnen, Barkeeper und Arbeitslose. So richtig in Teufels Küche aber leben die unzähligen Obdachlosen und Junkies, die in einem grausigen Canyon weit unter der Stadt hoffnungslos vor sich hin vegetieren. Im Dschungel, einer nahezu mythischen Unterwelt.

Dass aus der Gegend mal was werden könnte, weiß Daniel Prescott; er weiß auch, dass sich hier sehr viel Geld verdienen lässt, wenn man hemmungslos, gnadenlos, mitleidslos, bedenkenlos und was-sonst-los vorgeht. Prescott ist ein wahrlich obszöner Tycoon, der aus einem Wolkenkratzerschloss heraus operiert – kaum verdeckt Donald Trump. Der nicht genug zu lobende Übersetzer Jürgen Bürger schreibt in seinen sinnvollen Anmerkungen denn auch ausführlich über den wahren Trump und schließt mit der Bemerkung ab: »Das Urteil, ob Ähnlichkeiten oder Parallelen zwischen dem fiktiven Daniel Prescott und dem realen Donald Trump bestehen, bleibt dem Leser überlassen.« Das ist eine glatte Lüge.

Leute wie Prescott sorgen dafür, das die Zahl der Kaputten im Dschungel ständig wächst, dass alles noch hoffnungsloser wird. Zwischen diesen Extremwelten pendelt Hock hin und her. Er geht zu Fuß, und er erkennt: Nur wer die Geschichte des Viertels kennt, weiß, warum die Menschen in der Gegenwart sich so benehmen, wie sie es tun. Es ist keine Sekunde ein Geheimnis, auf welcher Seite Hock steht. Dabei geht es durchaus sehr politisch zu:

Angelo schlug auf ein Zeitungsfoto von George Bush ein und sagte zu jemandem namens Flaherty am anderen Ende der Theke: »Du meinst, dieser Bursche hier wäre unheimlich? Warte nur, bis du die Delegierten auf seinem Nominierungskonvent siehst – pensionierte Nazis, Irre, die an Hämorrhoiden leiden, perverse Fernsehevangelisten, Gauner, die Pyramiden verkaufen wollen, junge Börsenmakler.«

Und nur ein paar Zeilen weiter meldet sich Hock selbst zu Wort:

Ich hob mein Glas und meinte: »Auf die Politik in den U.S. of A. – auf die hohe Kunst, Stimmen von den Armen und Geld von den Reichen zu kriegen, indem man verspricht, die einen vor den anderen zu schützen.

Natürlich gibt es auch einen Fall – der führt Hock in den Dschungel zehn Meter unter Straßenniveau, eine stillgelegte unterirdische Bahntrasse. Der Fall: Ein «Jesus-Freak aus dem Radio» wird bedroht, Father Love, der mit üblen, wenn auch plumpen Methoden den Armen das wenige Geld aus der Tasche zieht. Aber in der Kollekte sammeln sich nicht nur Dollars, sondern auch Morddrohungen. Hock wird von seinem Vorgesetzten auf den Fall angesetzt, von Inspector Tomassino Neglio – einem «Mann der Akten und Memoranden und Mittagessen im Rathaus und feinen Cocktailpartys und Mondscheindiners auf Yachten, deren Gastgeber jene Leute sind, denen New York gehört, und die von einigen anderen Leuten besucht werden, die meinen, die Stadt schon allein wegen der Tatsache zu leiten, dass sie genau zu diesem Zweck gewählt wurden.»

Richtig: Einen solchen Satz muss man zweimal lesen. Nichts für Leute, die Wortschatz und Satzbau gängiger Bestseller-Krimis gewöhnt sind.

Hock stolpert über mehrere Tote. Buddy-O, der Freund, der ihm seine Wohnung besorgte und nebenbei als Informant dient, wird in der Nachbarwohnung erwürgt; in seiner eigenen Klauenfuß-Badewanne findet Hock den Mieteintreiber Howie Griffiths tot auf, bekleidet einzig mit einem Eispickel. Buddy-O hatte ihm noch von einem Schwarzen erzählt, der durchs Viertel laufe und einen Auftragskiller suche. Selbstverständlich hängen alle diese Fälle zusammen – aber wie?

Hilfreiche Aufschlüsse erhält Hock von einem Charakter von geradezu homerischer Kategorie: Der «ehrenhafte Dieb» Lionel, der «Holy Redeemer», ist der König des Dschungels und führt Hock ein in die Unterwelt, wo ihn weitere unvergessliche Figuren erwarten. Echte Gestalten, keine Statisten – dafür sorgen auch überraschende Familienzusammenführungen. Der Unterwelt-Philosoph Lionel erklärt Hock nicht nur Details, die ihn in voranbringen, er erklärt ihm auch das Prinzip der «angemessenen Marktmiete":

»Man setzt einfach ein Wolfsrudel Crackheads oder Nutten oder die ganz normalen kreischenden New Yorker Psychos in eine Wohnung, die in einem Haus frei geworden ist, das im Wesentlichen von ganz normalen Mietern bewohnt wird. Und dann ziehen diese Spießer aus, die nur versuchen, ihre Kids halbwegs anständig großzuziehen, und vielleicht glauben, sie hätten ein Recht darauf, nach Hause zu kommen, nachdem sie sich den ganzen Tag den Arsch abgearbeitet haben, und eine Büchse Bier aufzureißen und in ihren Unterhosen rumzusitzen, ohne Angst haben zu müssen, durch Schüsse draußen auf dem Flur oder irgendwas anderes eine Scheißangst eingejagt zu bekommen ...«

Die Folge: Die Spießer ziehen aus und machen Platz für überteuerte Wohnungen für Neureiche. Lionels Ausführungen bringen Hock in der dichtmaschigen Erzählung weiter, sie bereiten das Finale vor – und das ist tatsächlich furios und überraschend.

Hell’s Kitchen ist ein Meisterwerk der akribischen Beobachtung, keine hektische Kriminalliteratur, sondern wütend, dunkel und beklemmend. Dabei passiert viel, durchaus auch actiongeladen, aber im Vordergrund steht immer, dass Hock die Zusammenhänge einer komplexen Struktur zu erkennen hat, die weit in der Vergangenheit verankert ist. Es ist nicht zuletzt die Mischung aus hochgradiger Ernsthaftigkeit und mitreißendem Humor, die Adcocks atmosphärisch dichtes Buch so herausragend macht.

Zudem verfügt Hell’s Kitchen über einen kenntnisreich ausgesuchten Soundtrack. Hank Williams steht neben Ray Charles, schon im Prolog singt Billie Holiday. Songs aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren bevölkern das Buch, manchmal nur durch eine Textzeile belegt. Zuhören lohnt sich. Und das Lesen, natürlich.

Matthias Kühn, Februar 2012

Ihre Meinung zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen«

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Bio-Fan zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen« 21.04.2009
Bei all meiner Zuneigung zu den "lonesome cowboys" der Großstadt, aber mit Neil "Hock" Hockaday konnte ich mich nicht anfreunden. Auch mein 2. Versuch mit "Hell´s Kitchen" drohte, ein vorzeitiges Ende zu nehmen.
Adcocks Protagonist Hock besitzt zwar alle Attribute des hardboiled detective, nur wirkt er auf mich irgendwie unecht - ihm fehlt der nötige Stallgeruch.
Wenn ich vergleichsweise an seine literarischen Kollegen (Vorbilder?) denke, ob nun Hoke Moseley von Charles Willeford oder Milton Chester "Milo" Milodragovitch von James Crumley - das sind doch ganz andere Kaliber.
Genauso distanziert erlebte ich Adcocks Beschreibungen von Hockadays "Milieu", die Schattenseiten der Metropole New York. Mag aber sein, daß ich mich zu sehr in den Adcockschen Satzkonstruktionen verheddert habe, so daß kein feeling aufkommen konnte.
Das Kapitel: Hockaday in New York ist für mich passé. 70 Grad
Stefan83 zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen« 10.11.2008
Der New Yorker Staddteil "Hell's Kitchen". Über viele Jahre war es eine der rauhesten Gegenden des Big Apples und das Revier der irischen Einwanderer. Ende der 80er Jahre hat sich hier einiges verändert.

Die Einwohner sind längst nicht nur noch Iren und aus dem treffenderen "Hell's Kitchen" hat man das besser klingende Clinton gemacht. Nun ist es ein sogenanntes In-Viertel. Neu-Reiche, Yuppies, Künstler und die jungen Erfolgreichen sind bereit eine Menge Knete für die Mieten abzudrücken, um den historischen Charakter des Viertes genießen zu können. Die letzte Bastion der Alteingesessenen wird dabei langsam aber stetig ins soziale Abseits gedrängt. Für sie wird der alte Name des Viertels immer der einzig Wahre bleiben.

In diesem Schmelztiegel von Armut, Gewalt und Verfall zieht Neil Hockaday, genannt "Hock", Detective der SCUM-Patrol, seine Runden. Selbst hier aufgewachsen, ist er nach seiner Scheidung zurückgekehrt, um als anständiger Bulle in einer Welt von korrupten Kollegen das Böse zumindest ein wenig einzudämmen. Und schon bald gerät er an einen Fall, der all seine Fähigkeiten erfordert. Er wird abgestellt den schwarzen Prediger Father Love zu beschützen, dem in Regelmäßigkeit Drohungen während der Kollekte zugegangen sind. Was anfangs wie ein Routine-Auftrag klingt, bringt Hock passenderweise bald in Teufels Küche.

Im weiteren Verlauf wird nicht nur ein alter Freund und Spitzel erwürgt in der Nachbarwohnung aufgefunden, sondern auch ein verdächtiger Miteintreiber segnet samt Eispickel im Bauch in Hocks Badewanne das Zeitliche. Eine Verbindung der Fälle scheint außer Frage zu stehen. Hock putzt Klinken, schmiert Spitzel und führt Gespräche, bis er sich schließlich der unheilvollen Wahrheit nähert, die ihn wohl ebenso sehr überrascht wie den bis dahin gebannten Leser.

Thomas Adcocks` Debüt ist ein klassisches Exemplar des "Hardboiled"-Genres, das aber wohl durchaus auch noch im Bereich des "Krimi-Noir" eingeordnet werden könnte. Die Welt in Adcocks Büchern ist düster, ist dreckig. Und der Plot geht weit über den allgemeinen Spannungsaufbau eines Krimis hinaus. Vielmehr ist es eine detaillierte Milieustudie, die nicht nur den Finger in eine (immer noch) klaffende Wunde New Yorks legt, sondern mithilfe trockensten Humors und gleichzeitig erschütternder Ehrlichkeit am Moralverständnis des Lesers rührt.

"Hell's Kitchen" zieht einen tief hinein in eine Welt hinter der Wall Street und den gleißenden Wolkenkratzern. Eine Welt, in der Armut und Tod alltäglich sind und damit ein Störfaktor, ein schwarzer Fleck auf der weißen Weste, den es aus Sicht der Politiker zu entfernen gilt. Die Figuren und die Orte sind authentisch, glaubhaft, was durch den inhaltlich unheimlich aufschlußreichen Epilog noch untermauert wird. Knisternde Spannung, Verfolgungsjagden und Blutströme wird man hier erfolgslos suchen. Adcocks Erfolgsrezept liegt stattdessen im gelungenen Wechsel zwischen Momenten der eindringlichen Ruhe und Szenen mit knisternder, atemloser Action. Und nicht zuletzt in einem treffenden Ende, das den Leser mit einem seltsamen Gefühl im Magen zurücklässt.

Insgesamt ist "Hell's Kitchen" ein tolles Debüt aus den Spätachtzigern, das allen Fans des Hardboiled-Genres nur ans Herz gelegt werden kann, dem Leser allerdings auch das ein oder andere Mal das gewisse Quentchen Geduld abverlangt.
6 von 7 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Luca zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen« 27.06.2008
Als ich das Buch fertig gelesen hatte,fand ich es spontan sehr gut.
Im nachenein fallen mir aber doch ein paar Kritikpunkte auf.
Da ist zum einen die beziehung von "Hock" zu Mona,die mir den Hauptcharakter ein ganzes stück unsympatischer macht,als er zu anfang erschien.
Außerdem,hätte man aus dem ende sehr viel mehr machen können.

93%
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bartensen zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen« 07.09.2007
Ein spannendes, melancholisches Paradestück in Sachen Krimi Noir ... Tolle und lebendige Charaktere, ein interessanter Schauplatz und ein darum gesponnener spannender Kriminalfall ... Die weiteren Bücher um Neil Hock Hockaday liegen natürlich schon auf dem SUB.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Carline zu »Thomas Adcock: Hell's Kitchen« 20.08.2007
Ich durfte Bekanntschaft machen mit Detective Neil Hockaday – genannt Hock, Ermittler im New Yorker Stadtviertel Hell’s Kitchen. Ein Einzelkämpfer mit nützlichen Kontakten zum „Milieu“, der Johnnie Walker zum Freund hat.
Thomas Adcocks eingehende Beschreibung der Charaktere und detaillierte Schilderungen der Örtlichkeiten vermitteln einem das Gefühl als bewege man sich gemeinsam mit Hock durch die Story.
Die Handlung ist spannend und kommt ohne Gemetzel und bluttriefende Einzelheiten zu einem überraschenden Ende. Sehr empfehlenswert.

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