Totenfang von Simon Beckett

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The Restless Dead, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Wunderlich.
Folge 5 der David-Hunter-Serie.

  • London: Bantam Press, 2017 unter dem Titel The Restless Dead. 560 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2016. Übersetzt von Sabine Längsfeld, Karen Witthuhn. ISBN: 978-3805250016. 560 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2016. Gesprochen von Johannes Steck. ungekürzte Ausgabe. ISBN: 3839815355. 560 CDs.

'Totenfang' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Sein fünfter Fall führt Dr. David Hunter in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen. Aber die wahren Gefahren lauern nicht in der Tiefe, sondern dort, wo er sie am wenigsten erwartet. Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche. Für die Zeit seines Aufenthalts kommt David Hunter in einem abgeschiedenen Bootshaus unter. Es gehört Andrew Trask, dessen Familie ihm mit unverholener Feindseligkeit begegnet. Aber sie scheinen nicht die einzigen im Ort zu sein, die etwas zu verbergen haben. Und noch ehe der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen kann, fordert die erbarmungslose Wasserlandschaft erneut ihren Tribut …

Das meint Krimi-Couch.de: »Zurück zu den Wurzeln« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Simon Becketts schriftstellerische Laufbahn begann im englischsprachigen Raum Mitte der 1990er Jahre. Einem deutschen Publikum blieben die Romane dieser Dekade vorerst vorenthalten – nicht ohne Grund, denn über deren Qualität lässt sich, besonders aus der Sicht eines Krimi-Lesers, trefflich streiten. Der Rowolth Verlag, der Simon Beckett für Deutschland unter Vertrag hat, veröffentlichte sie peu à peu in den 2000er Jahren, um die zeitlichen Lücken zwischen den David-Hunter-Romanen zu füllen. Die Begeisterung über diese »Lückenbüßer« hielt sich selbstredend in Grenzen. Es gab sogar Stimmen, die von »kalkulierter Geldschneiderei« sprachen.

Der kometenhafte Aufstieg des Autors in Deutschland gründete im 2006 erschienenen Die Chemie des Todes, dem Auftakt der David-Hunter-Reihe. In dieser Zeit hatten Krimis und Thriller mit forensischen Anthropologen, Pathologen oder Gerichtsmedizinern gerade Hochkonjunktur. Man erinnere sich an die Phalanx der amerikanischen Erfolgsautorinnen wie Kathy Reichs, Patricia Cornwell, Tess Gerritsen oder Karin Slaughter, deren Heldinnen den Weg bereiteten für den forensischen Anthropologen David Hunter. Dem ersten Hunter-Roman folgten Schlag auf Schlag Kalte Asche (2007), Leichenblässe (2009) und Verwesung (2010). Aufgrund des enormen Zeitdrucks, unter dem Beckett stand oder sich setzte, waren erste Abnutzungserscheinungen nicht übersehbar. Der Autor legte eine kreative Pause ein. Jetzt im Herbst 2016 ist er zurück mit seinem 5. David-Hunter-Roman Totenfang.

David Hunter ist nicht gut drauf. Seine Anstellung als Anthropologe bei einer Londoner Uni steht auf der Kippe, seine Einsätze als beratenden Forensiker für die Polizei sind auch rarer geworden und das bevorstehende verlängerte Wochenende, das er bei Freunden auf dem Lande verbringen will, wirkt auf einmal auch nicht mehr so reizvoll, wie er es geplant hatte. Als ihn am Abend vor der Abfahrt der Abruf eines ihm unbekannten Detective Inspector Lundy aus Essex erreicht und ihn bittet, bei der Bergung einer Wasserleiche zugegen zu sein, ist er alles andere als abgeneigt. Am nächsten Morgen macht er sich zeitig auf den Weg, obwohl das Küstengebiet nördlich der Themsemündung nur eine kurze Fahrtstrecke von London entfernt ist.

Auf dem Gelände einer geschlossenen Austernfischerei finden sich die Suchmannschaften und ein paar unerwartete Zuschauer ein. Unter letzteren befindet sich auch Sir Stephen Villiers, ein vermögender Gutsherr aus der Gegend, der befürchtet, dass die geborgene Leiche sein vor einem Monat spurlos verschwundener Sohn sein könnte. Die Befürchtung scheint sich zu bestätigen, als Villiers die Kleidung und die Armbanduhr des Toten als die seines Sohnes identifizieren kann. Die Leiche weist eine schwerwiegende Schussverletzung im Kopfbereich aus, die sich der junge Mann selbst zugefügt haben könnte. Ein genaueres Ergebnis kann nur eine Obduktion liefern, die auch alsbald stattfinden soll, zu der Hunter auch geladen ist. Auf dem Weg dorthin verfährt er sich und bleibt mit seinem Auto in einer Furt stecken. Erst am späten Nachmittag kann er von einem Anwohner aus seiner misslichen Lage befreit werden. Da sein Fahrzeug größeren Schaden genommen hat, muss er in einem Ferienhaus seines Retters übernachten. Am Folgetag wird eine weitere Wasserleiche entdeckt und Hunter bekommt doch noch die Gelegenheit, seine fachlichen Kompetenzen einzusetzen. Vieles entwickelt sich anders, als es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Simon Beckett ist ein guter Erzähler. Seine etwas behäbig daherkommende Plotentwicklung kompensiert er durch seine atmosphärisch dichte Beschreibungen des Küstenstriches um das Mündungsgebiet des Blackwater River. Das Marschland, das Watt, das Auf und Ab der Gezeiten, die kleinen halbverlassenen Küstenorte, Sturm und Regen erzeugen diese eigentümlich schauerliche Stimmung, wie wir sie aus britischen Romanen und Fernsehproduktionen kennen. In diese Landschaft passt nun genau ein Ermittler gesetzten Alters, der durch sein privates Schicksal und seine beruflichen Erfahrungen gereift einen komplizierten Fall zu durchdringen weiß. Dabei stehen seine Fähigkeiten als forensischer Anthropologe diesmal nicht so sehr im Vordergrund, was den Zartbesaiteten (inklusive dem Rezensenten) gefallen wird (hat).

An Totenfang gibt es nicht viel zu meckern, außer vielleicht, dass Simon Beckett die Spannungsschraube erst ziemlich spät anzieht. Aber dann geht es Schlag auf Schlag, der solide Kriminalroman steigert sich zu einem packenden Actionthriller. Ein Handicap, das allen Ich-Erzähler-Romanen anhaftet, bleibt bestehen, das ist die relative Unsterblichkeit des Hauptprotagonisten. Gute Autoren – man darf Simon Beckett dazu zählen – schaffen es aber, die Todesängste des Helden so zu vermitteln, dass der Leser gebannt mitzittert. Dazu gehört eine Verbundenheit, vielleicht gar Identifikation des Lesers mit dem Helden, was im Falle eines David Hunter nicht schwerfällt. Hunter ist ein sympathischer Mann, der den Verlust von Ehefrau und Tochter nun endlich überwunden hat und frei ist, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Sehr angenehm dabei, dass Beckett die Liebesgeschichte nicht über die Gebühr forciert.

Die deutschen Verlage haben es endlich geschafft, die imaginäre 20-Euro-Schwelle für gebundene Bücher zu überschreiten. Ob diese Preissteigerung gerechtfertigt ist, soll hier nicht diskutiert werden. Totenfang kostet 22,90 ¤, das ist ein stolzer Preis, dessen Akzeptanz überlegt sein sollte. Liebhaber der Hunter-Reihe können dennoch getrost zugreifen, denn Totenfang steht in punkto Qualität den beiden ersten Hunter-Romanen in nichts nach. Wer die Reihe noch nicht kennt, der sollte besser mit Die Chemie des Todes und Kalte Asche im preiswerten Taschenbuchformat beginnen.

Jürgen Priester, Oktober 2016

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Kommissar1999 zu »Simon Beckett: Totenfang« 05.04.2018
Hallo Krimifan,
du meintest sicher die andere Leiche. Habe ich auch nicht verstanden.Auch die Frage zum Stacheldraht wird nicht wirklich beanwortet. Insgesamt ist die Auflösung der Geschehnisse nicht wirklich überzeugend. Bis dahin ist das Buch sehr interessant geschrieben. Aber ein Krimi mit unvollständiger Lösung gefällt mir nicht sehr gut.
Krimifan55 zu »Simon Beckett: Totenfang« 04.04.2018
Hallo zusammen,
ich finde das Buch sehr gut geschrieben und spannend.
2 Fragen aber quälen mich (vielleicht habe ich die Antwort nicht verstanden):
Wer zerstörte den Kiefer von A. Rüssel und warum?
Wo war die wertvolle Schrotflinte die ganze Zeit und hatte der Protagonist wirklich die Muse, diese nach seinem ersten Schuss vom Tatort mitzunehmen?
Hat jemand die Antwort, ohne Spoiler, oder ist die Story unlogisch?
Danke.
susan11 zu »Simon Beckett: Totenfang« 19.02.2018
Ja, schade! War nicht so spannend wie die ersten Krimis. Und: Wasser, kalt, naß, dunkel. Igitt! Und das im Winter lesen:( Von Dr. Hunter wird mehr erwartet, als immer nur naß werden :))) Auch die forensischen Details waren dieses Mal sehr sparsam. Kein Vergleich zu seinem ersten Buch "Chemie des Todes". Die Erwartungshaltung wurde leider enttäuscht.
Perry Dask zu »Simon Beckett: Totenfang« 12.02.2018
Die ersten vier Bände kannte ich nicht. Habe diesen eher zufällig in die Finger bekommen. Und war enttäuscht. Nicht, weil die Geschichte keinen spannenden Momente gehabt hätte. Nein, eher weil die Sprache so hölzern ist. Hier spricht nicht ein gebildeter Wissenschaftler, sondern die "blasse Brillenschlange", die den Finger hebt und sagt: Ich weiß auch was!

Und wenn mich das noch nicht geschockt hat, dann ließen es die floskelhaften Formulierungen á la "Achtung Spannung!" mir kalt den Rücken runter laufen, um so eine Floskel gleich einmal zu nutzen.

Die Auflösung des Verbleibs der doppelläufigen Spezialanfertigung (so ist es kein Spoiler, oder?) geriet geradezu profan und wirkte wegen der Komplexität des Rests der Geschichte gerade deswegen unglaubhaft.

So konstruiert wie die Geschichte wirkte dann auch die Romanze zu Rachel. Hunter war schon mal verheiratet und hatte ein Kind. Beide tot. Was für eine Gelegenheit für einen emotionale Parforceritte. Es blieb auch hier hölzern.

Schade.
carlo fascher zu »Simon Beckett: Totenfang« 03.01.2018
Die Kritik mancher Leser kann ich nicht nachvollziehen. Bei dermassen viel Schrott auf dem Markt ist Beckett eine Ausnahmeerscheinung. Atmosphaerisch dicht und authentisch geschrieben war der Roman perfekt fuer diesen trueben Dezember.
Ist da noch Stoff fuer eine Fortsetzung?
Auch ich meine, dass die Qualitaet der Uebersetzung frueher erheblich besser war. Wird sich doch jemand finden! Ist doch bloss Englisch!
Bandit zu »Simon Beckett: Totenfang« 01.12.2017
Ich finde,seit Frauen in Hunter`s Leben eine Rolle spielen,verliert er sich (Hunter und der Autor) in Richtung Liebesdrama.Schade,kein Vergleich mehr zu Chemie des Todes.Leider geht es von Band zu Band bergab mit der Spannung,ähnlich wie bei Filmen mit teil 2,3,4 u.s.w.Trotzdem würde ich es wahrscheinlich ,,wieder tun``,um zu sehen ob es nochmal bergauf geht.
Vrone zu »Simon Beckett: Totenfang« 06.11.2017
2 Fragen, die mich sehr beschäftigen und die mir hoffentlich jemand beantworten kann. Ich denke, es verrät nichts relevantes, deswg. frage ich hier nach.

A) das vierte Buch endet damit, dass Hunter einen scheinbar dringenden Anruf annimmt. Im 5. Buch wird dieser nicht mehr erwähnt. Noch dazu sieht es beruflich nach dem letzten Fall nicht allzu gut für ihn aus. Also was sollte dieser letzte Satz?

B) im vierten Teil nimmt Sophie einen anderen Namen an --> Trask
So heißt auch die Familie im fünften Teil. Das hat mich dazu verleitet, auf eine Auflösung hinsichtlich einer Verbindung zu warten. Welche nicht kam. Also muss es Zufall sein... finde ich aber sehr unglücklich gewählt...

Ich würde mich freuen, wenn es dafür Erklärungen gibt, das fuchst mich nämlich total. An sich fand ich den 5. auch sehr gut, aber das lässt mir keine Ruhe!
Danke!!
juancho zu »Simon Beckett: Totenfang« 06.10.2017
eindeutig der schwächste teil der "hunterserie".. nachdem die ersten beiden sehr gut waren, die anderen dann gut bis ok, war der 5. mehr als nur mau... von anfang an ist klar, was hinter der geschichte steckt, dann immer die gleiche geschichte um seine melancholie etc. und dass er sich in die weibilche figur des romans verliebt, und zusätzlich die neuen übersetzer, die dem roman nicht die stimmung der besser übersetzen vorwerke geben konnten. war hunterfan, auch wenn 3 und 4 nicht mehr so berauschend waren, doch einen 6. teil kauf ich sicher nicht mehr, es war einfach viel zu schwach, platt, offensichtlich, irreal und durchschaubar. kein vergleich mehr zur "chemie des todes"
Dorothea Carl-Sulz zu »Simon Beckett: Totenfang« 27.06.2017
Mir ging es auch so, dass ich zu lange auf den Beginn des eigentlichen Krimis warten musste. Zu langatmige Beschreibungen von Themen, die wenig bedeutsame Seitenstränge waren. Und der Krimi war dann sehr simpel gestrickt. Sprachlich schlecht (liegt es an der Übersetzung?). Viele Klischees, fast denkt man dabei an einen Dreigroschenroman. Schade.
Monika zu »Simon Beckett: Totenfang« 29.05.2017
Ich war gespannt auf den neuen Hunter-Roman. Ich bin enttäuscht. Ich fand keinen Zugang zu diesem Roman. Ich habe mich wirklich durch die Seiten gequält. Die Vorgänger waren mit Abstand wesentlich besser, spannend und flüssig geschrieben. Ich habe alle gelesen und war begeistert. Auch der -Hof- war super.

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