Die Namen der Toten von Sarah Bailey

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel All the Lost Ones, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Penguin.

  • Lodnon: Gregory & Company, 2017 unter dem Titel All the Lost Ones. 464 Seiten.
  • München: Penguin, 2018. Übersetzt von Stefan Lux. 464 Seiten.

'Die Namen der Toten' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Tunbridge Wells, eine ländliche Kleinstadt südöstlich von London gelegen, wird zum Schauplatz eines grausamen Mordes. Das Ermittlerteam um Sergeant Richard Vega und Detective Inspector Daria Rosen untersuchen den Fall des 15-Jährigen Deano Stowe, der zunächst grausam gefoltert und anschließend regelrecht exekutiert wurde. Bereits sechs Jahre zuvor wurde an derselben Stelle ein Jugendlicher auf ähnliche Weise getötet. Auch hier war Vega mit dem Fall beauftragt. Hat er damals einen Fehler begangen und den falschen Täter verhaftet? Oder handelt es sich um einen Nachahmungstäter? Was hat Reese, der Bruders des Opfers, mit der Tat zu tun? Richard Vega stößt bei seinen Ermittlungen auf immer mehr Ungereimtheiten und erkennt, dass viel mehr hinter dem Mord steckt als er zunächst vermutet.

Das meint Krimi-Couch: Düsterer Englandkrimi mit interessanten Ermittlern 80°

Krimi-Rezension von Thomas Gisbertz

Sergeant Vega wird bewusst zum »Murder Investigation Team« um DI Daria Rosen geholt, da er vor Jahren bereits im Mordfall des 11-jährigen Tom Healy ermittelt hat, der wie das jetzige Opfer mit einer Bolzenschusspistole hingerichtet wurde. Als Täter nahm Vega den damals 12-jährigen Shane Johnson fest, der erst vor vierzehn Tagen wieder aus der Jugendstrafanstalt entlassen wurde. Dieser kommt aber als Täter nicht in Frage, da er als Teil seiner Bewährungsauflagen einen Sender tragen muss und somit sein Aufenthaltsort immer bekannt ist.

Dennoch ist das Tatmuster zu ähnlich, um von Zufall ausgehen zu können. Es kommen Zweifel auf, ob Johnson damals wirklich der Täter war. Im Rahmen der Ermittlungen erfährt das Team um Rosen und Vega, dass der Vater des Opfers in illegale Geschäfte verwickelt war, für die er zu einer Geldstrafe und zweijähriger Bewährung verurteilt wurde. Hat dies etwas mit der Ermordung Deanos zu tun? Wollten sich ehemalige Geschäftspartner auf diese Weise an ihm rächen? Unklar ist auch, wo sich Deanos älterer Bruder Reese aufhält, den Vega damals im Rahmen der Ermittlungen zum ersten Mordfall als Zeugen befragt hat. Plötzlich gibt es einen weiteren Todesfall und es wird immer klarer, dass der Fall viel weitreichender ist als zunächst angenommen.

Glaubwürdige Ermittler mit Tiefgang

Detective Sergeant Richard Vaga ist sicherlich einer der interessantesten Ermittler der letzten Jahre. Erst nach und nach gewährt Bailey dem Leser einen Einblick in seine Vergangenheit. Dennoch bleibt vieles seiner Vita bis zum Schluss im Unklaren. Vega hat in früheren Jahren als Militärpfarrer gearbeitet und wird während des Falles immer wieder an diese Zeit erinnert. Sein Auftreten ist recht ambivalent: Zum einen erscheint er mitfühlend und gutmütig, zum anderen kann er aber Kollegen gegenüber sehr bestimmend, jähzornig und sogar gewalttätig werden. Seine hilfsbereite Seite zeigt er vor allem gegenüber Cherry, einem drogenabhängigen Mädchen, für welches er fast schon väterliche Gefühle entwickelt und die seit mehreren Jahren bei ihm wohnt.

Besonders ihr familiäres Schicksal scheint Vega sehr zu berühren. Beruflich zeigt er sich dagegen von einer rauen Seite. Er weiß, dass Gefühle und Nachlässigkeiten ihn an der Ausführung seines Berufes hindern. Fehler der Kollegen kann er nicht verzeihen. Sentimentalitäten sind ihm als Ermittler fremd. Wäre da nicht Detective Inspector Daria Rosen, mit der er eine Affäre hatte und von der er nicht loskommt, obwohl er weiß, dass sie ihren Ehemann nicht für ihn verlassen wird. Besonders in dieser Beziehung wird Vegas ständiges Schwanken zwischen Herz und Verstand immer wieder deutlich.

Interessante Nebenfiguren sorgen für reichlich Lesespaß

Dass bei aller Spannung, zuweilen auch Brutalität, der Lesespaß nicht verloren geht, dafür sorgen vor allem die interessanten Nebenfiguren. Da wäre zum einen Constable Zaid Khan, der erst seit Kurzem zum Team gehört und vor allem durch protzige Uhren, Anzüge und verspiegelte Sonnenbrillen auffällt. Obwohl beide anfänglich kaum etwas verbindet und sie sich gegenseitig zum Teil anfeinden, freunden sie sich im Laufe der Handlung mehr und mehr an.

Besonders seine jugendliche Unbekümmertheit und seine saloppe Ausdrucksweise lassen den Leser ebenso oft schmunzeln wie bei Vegas Vorgesetztem, Detective Chief Superintendent Bishop, der aufgrund seiner schnoddrigen Art immer wieder für humorvolle, teilweise sarkastische Spitzen sorgt. Dieser Humor steht im Kontrast zu den Grausamkeiten, mit denen sich die Ermittler herumschlagen müssen. Ähnlich wie die Polizeibeamten scheint der Leser genau diesen Humor und Sarkasmus zu brauchen, um mit der Gewalt innerhalb des Romans umgehen zu können.

Spannend und mit psychologischem Tiefgang

»Der Namen der Toten« ist ein spannender und lesenswerter Roman. Der Leser bekommt nie das Gefühl, dass es sich hierbei um einen Debütroman handelt. Sarah Bailey schafft mühelos den Spagat zwischen detaillierter Beschreibung der Ermittlungsarbeit und den privaten Einschüben aus dem Leben der Ermittler. Mit zunehmender Handlung wird auch deutlich, wie beides immer stärker miteinander verwoben ist und zusammenhängt. Die Autorin gibt den Figuren Zeit sich zu entwickeln, wobei auch Rückblenden das Bild der Figuren immer differenzierter erscheinen lassen.

Der Roman erlangt seine Spannung durch eine Mischung an dunklen Geheimnissen, Gewalt und interessanten Wendungen, die es kaum zulassen, das Buch aus der Hand zu legen. Besonders durch die Ambivalenz der Figuren, deren Verhalten und Aussagen sich zwischen Verzweiflung und Galgenhumor bewegen, glaubt man einen Einblick in das Seelenleben der Ermittler zu erhalten. Dadurch bricht Bailey die Distanz zum Leser auf und lässt ihn mit den Figuren mitfühlen. Dies gelingt ihr immer dann besonders gut, wenn sie dem Leser die Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit mancher Figuren vor Augen führt, die ihrem Schicksal nicht entkommen können.

Auch sprachlich weiß Baileys Debütkrimi zu überzeugen. Besonders wenn sie die Figuren ihren beruflichen Alltag reflektieren lässt, gewinnt der Roman an Tiefe. So sagt Vega zu DC Khan: »In diesem Job werden Sie ihren schlimmsten und ihren besten Seiten begegnen. Wir versuchen, ein bisschen Licht in die Finsternis zu bringen, mehr können wir nicht tun. Manchmal ist das genug. Oftmals auch nicht. Aber das muss ich Ihnen nicht erzählen. Sie werden selbst dahinterkommen.«

Gelungener Debütroman, der Lust auf Mehr macht

Sarah Bailey hat Kriminologie und Angewandte Psychologie studiert. Beides spürt man mehr als deutlich in diesem Roman. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit wird ebenso detailliert beschrieben wie die Psychologie der Figuren. In der Darstellung der polizeilichen Arbeit hebt sich die Autorin wohltuend von so manchem Regional- oder Inselkrimi ab. Ja, der Krimi ist düster und auch stellenweise brutal, er erscheint aber immer realistisch und verliert sich nicht in Gewaltorgien. Ein guter Krimi nach englischer Tradition. Wer Ian Rankin, James Oswald oder Stuart MacBride mag, liegt auch hier richtig. Man darf sich schon jetzt auf die nächsten Fälle des »Murder Investigation Teams« freuen.

Thomas Gisbertz, Februar 2018

Ihre Meinung zu »Sarah Bailey: Die Namen der Toten«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Sagota zu »Sarah Bailey: Die Namen der Toten« 27.03.2018
Bei "Die Namen der Toten" von Sarah Bailey (erschienen 2018 im Penguin-Verlag) handelt es sich um den 1. Fall einer Krimireihe, die von Stefan Lux ins Deutsche übersetzt wurde - und von der zu hoffen ist, dass weitere nachfolgen werden!

Mich hat dieser Kriminalroman sehr interessiert, da die Autorin Kriminologie und Angewandte Psychologie studierte, was man dem gut durchdachten und strukturierten Krimi anmerkt:

"Detective Richard Vega fühlt sich wie in einem schlechten Traum, als nahe der südenglischen Kleinstadt Tunbridge Wells die Leiche eines 15-Jährigen gefunden wird. Denn vor sechs Jahren stand er an derselben Stelle schon einmal über die Leiche eines Teenagers gebeugt, der auf dieselbe Weise getötet wurde. Hat Vega damals den Falschen verhaftet? Hat er erneut Schuld auf sich geladen? Denn es wäre nicht der erste Tod, der auf seinem Gewissen lastet. Doch was vor vielen Jahren in Nordirland geschah, als Vega noch im Dienst der Kirche stand, versucht er zu vergessen. Bis eines Tages ein Mann vor seiner Tür steht und Antworten fordert..."(Quelle: Buchrückentext)

In diesem Kriminalfall, in dem der erst 15-jährige Deano Stowe ermordet im selben Waldstück aufgefunden wird wie Jahre zuvor Tom Healey, ermitteln Detective Richard Vega, einst Militärseelsorger und ein Mann Gottes sowie seine Vorgesetzte DI Daria Rosen gemeinsam: Sarah Bailey schafft es, von Beginn bis zum Ende des Krimis eine subtile Spannung aufzubauen, die gegen Ende noch an Fahrt aufnimmt.

Im Verlauf der kriminaltechnischen Ermittlungsarbeit, die detailreich und sehr gut, stimmig wie auch atmosphärisch beschrieben wird, wird der Leser auch mit der speziellen Zusammenarbeit von Vega und Rosen konfrontiert, das ebenso wie der Fall selbst eine Eigendynamik besitzt und spannend bleibt: Sympathieträger ist für mich Vega, während die Verhaltensweisen Rosens mir oftmals schleierhaft blieben, ich ihr Verhalten hinterfragte: Das emotional etwas unübersichtliche Beziehungsgeflecht, das in diesem Krimi immer wieder in den Vordergrund rückt, gibt ihm durchaus eine "besondere Note", bei der Vega hier für mich jedoch die authentischere, ehrlichere Rolle spielte.

Der Krimi enthält jede Menge aktuellen sozialkritischen und explosiven Sprengstoff, der berührt und auf gesellschaftliche Missstände und kriminelle Machenschaften übelster, menschenverachtendster Art aufmerksam macht. Zudem beschreibt er auch hervorragend manipulierbare Jugendliche sowie Menschen, die "den Mantel der Unbeflecktheit" über sich ausbreiten, um darunter zuweilen die Kriminellsten zu sein, während sie nach außen hin "Gutes tun".
Auch Abhängigkeit von familiären Strukturen spielt bei diesem Fall eine erhebliche Rolle und wie schnell junge Menschen in Situationen hineingeraten können, die durch "falsche Kontakte" der Eltern entstehen und sehr negative Auswirkungen haben können, da diese "Kontakte" das Alter manipulierbarer Jugendlicher für sich zu nutzen wissen; besonders wenn es sich um skrupellose Psychopathen handelt, die ihrerseits eine mehr als schwierige Sozialisation aufweisen.

Der spannend und sehr flüssig geschriebene Krimi wird getragen von tragischen Verstrickungen, die teils in der Vergangenheit liegen und auch mit Tom, dem ersten Mordopfer, in Verbindung stehen. DS Vega und besonders Zaid Khan, der junge Assistent und Constable, wirken in ihrer Ermkittlungsarbeit sehr menschlich, Vega fast mit altruistischen Zügen ausgestattet, auf mich; daher hat mir das Ende des Kriminalromans besonders gut gefallen.

Ich hoffe, die weiteren Fälle werden ebenfalls in übersetzter Fassung erscheinen und empfehle diesen Krimi mit "besonderer Note" und von wissender Hand geschrieben gerne weiter!
92° auf der "Krimi-Couch" und 4*
Ihr Kommentar zu Die Namen der Toten

Hinweis: Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen. Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre. Werbung ist nicht gestattet. Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.

Seiten-Funktionen: