Ihr wahrer Name von Sara Paretsky

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Total recall, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Illinois / Chicago, 1990 - 2009.

  • New York: Delacorte Press, 2001 unter dem Titel Total recall. 414 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2002. Übersetzt von Sonja Hauser. ISBN: 3-492-04396-8. 492 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2003. Übersetzt von Sonja Hauser. ISBN: 3-492-23906-4. 492 Seiten.

'Ihr wahrer Name' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Lotty Henschel ist nicht nur Vic Warshawskis älteste Freundin, sondern auch eine angesehene Ärztin. Doch als Lotty im Fernsehen den Namen Paul Radbuka hört, verliert sie plötzlich die Fassung: In einem aufwühlenden Interview behauptet Radbuka, das Geheimnis seiner Herkunft gelüftet zu haben und tragisches Opfer des Holocaust zu sein. Unter dem Druck der Ereignisse gesteht Lotty ihrer Freundin Vic, sie habe nach dem Krieg für kurze Zeit den Namen Radbuka annehmen müssen, um ihre wahre Identität zu verschleiern. Was hatte Lotty damals zu verbergen? Vic gerät mit ihrer Freundin Lotty in den tödlichen Strudel einer längst vergessenen Vergangenheit.

Das meint Krimi-Couch.de: »kein 0815-Frau als Detektivin-Roman« 83°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

V.I. Warshawski wird von Isaiah Sommers beauftragt herauszufinden, warum die Ajax-Versicherung die Lebensversicherung seines verstorbenen Onkels nicht ausbezahlt. Angeblich soll sie schon vor ein paar Jahren zur Auszahlung gekommen sein. Die Privatdetektivin besinnt sich auf ihre alte Liebschaft Ralph, der bei Ajax die Leistungsabteilung leitet. Bei einem Besuch lernt sie dort Bertrand Rossy kennen, Chef der Edelweiß-Versicherung aus der Schweiz, die die Ajax vor kurzem übernommen hat. Beide sind nicht sehr kooperativ, aber sie erhält immerhin eine Kopie der damals eingereichten Sterbeurkunde.

Während dieser Untersuchung sieht sie im Fernsehen ein Interview mit einer Person namens Paul Radbudka, der sich durch Hypnose an seine Kindheit zurückerinnert: Er sei in Theresienstadt gewesen und hätte gesehen, wie seine Mutter in einer Kalkgrube umkam. Erst durch die Hypnose will er erfahren haben, dass sein richtiger Name Radbudka sei. Sein Ziehvater habe ihn gekidnappt, um nach Amerika auszureisen und sei Nazi-Kollaborateur gewesen. Zwei ihrer Freunde haben Interesse an diesem Fall: Der Freund ihres Geliebten, der ein Buch über die Therapeutin Rhea Wiell schreiben möchte, die die Erinnerung bei Paul Radbudka ausgelöst hat und Lotty Herschel, Vertraute und Freundin von Victoria, die selbst dem Konzentrationslager entkam, weil sie und ihr Bruder als Kinder von Österreich nach England geschickt wurden. Sie verbindet etwas mit dem Namen Radbudka, doch sie möchte die Hintergründe nicht offen legen, nicht einmal ihren Freunden Carl Tisov und Max Löwenthal, die sie schon seit den Kriegsjahren kennt und die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie sie.

Die Sache wird immer verzwickter für Victoria, als Paul Radbudka animmt, Max sei sein verlorengegangener Cousin und diesen belästigt, Rhea Wiell absolut keinen Einfluss auf den Patienten nehmen will und Demonstrationen vor der Versicherung stattfinden, die von zwei Parteien geführt werden: Die eine unter Führung von denen, die einen Gesetzesentwurf durchbringen wollen, dass Versicherungen ihre Geschäfte mit Holocaust-Opfern offen legen sollen und die andere unter Führung eines Schwarzen, der gegen dieses Gesetz ist, solange nicht die Opfer der Sklaverei ebenso eingebunden werden. Durch ihre Tätigkeit für Isaiah Sommers gerät sie unter Beschuss: eine Weiße, die nur die Versicherungen unterstützt, dabei will sie doch nur ihrem Klienten helfen.

Eine wahrlich verzwickte Situation, die Sara Paretsky für ihre Detektivin V.I. Warshawski hier bereithält. Wie eine wildgewordene Flipperkugel springt sie durch Chicago, so nennt es zumindest jemand aus ihrem Bekanntenkreis. Irgendwie scheint sie zunächst nicht so recht vorwärts zu kommen, immer wieder gehemmt von Ereignissen, die sie nicht beeinflussen kann. Als Leser verspürt man richtiggehend die Spannung, unter der Victoria steht, fiebert mit ihr mit, wenn sie Ergebnisse erzielt und ist enttäuscht, wenn sie wieder zurückgeworfen wird. Spannender als der Fall von Isaiah Sommers ist die Geschichte von Lotty Herschel, die in einigen Einschüben erzählt wird, begonnen mit den Kindheitserinnerungen, bzw. die Story von Paul Radbudka und seiner Hypnose. Dass das alles irgendwie zusammen einen tieferen Sinn ergeben muss, das ahnt man bald. Recht detailreich ist die Schilderung, ohne dass je Langeweile aufkommt. Sara Paretsky verbindet gekonnt die Gegenwart in Chicago mit Erinnerungen an den Holocaust in Europa und dem Versicherungsgeschäft, erzählt dies alles sehr mitreißend, insbesondere für denjenigen, der diesen Teil der Geschichte nicht selbst erleben musste. Die Personen werden mit ihrer Hilfe richtig lebendig. Selbst als man gegen Ende die Zusammenhänge erahnt, ist man gezwungen weiterzulesen.

Mit V.I. Warshawski verband ich persönlich den Untertitel des Films: »Detektiv in Seidenstrümpfen«. Diese Bezeichnung trifft meines Erachtens nur zum Teil zu, denn sie ist nicht zimperlich bei ihren Ermittlungen und geht auch im Blaumann auf Tour, kann sich aber gleichermaßen auch in gehobenen Kreisen bewegen. Im Gegensatz zu einigen anderen Serien-Detektivinnen erscheint die Protagonistin als ausgereifter Charakter und professionelle Ermittlerin, der man anmerkt, dass ihre Erschafferin ihr schon einige Abenteuer auferlegt hat. Es macht Spaß, daran teilzuhaben.

»Ihr wahrer Name« ist kein 0815-Frau-als-Detektiv-Roman, sondern ist vollgepackt mit Hintergründen, mit Erinnerungen und Erlebnissen aus einer Zeit, die die meisten Leser nicht selbst erlebt werden. Trotzdem plätschert die Handlung nicht nur so dahin, sondern ist gut verpackt und mit einem Showdown am Ende ausgestattet (der zugegebenermaßen ein wenig lächerlich wirkt). Dennoch wird diese Art von Krimi nicht jeden Liebhaber von Detektiv-Romanen begeistern – leider war die Kritik so unspezifisch, dass man kaum wiedergeben kann. Was für den einen vielschichtig und interessant ist, kann für einen anderen zäh und mit zu vielen Handlungssträngen ausgestattet sein.

Sabine Reiss, Oktober 2006

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Anja S. zu »Sara Paretsky: Ihr wahrer Name« 01.01.2007
Ein spannender Krimi mit einer ungewoehnlichen Geschichte und vielen geschickt verwobenen Handlungsstraenegen, der mir sehr gut gefallen hat. Der Showdown...nun ja, ist tatsaechlich nicht so richtig gelungen, vielleicht sogar etwa laecherlich, was aber dem Buch keinen Abbruch tut.
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Lady Battery zu »Sara Paretsky: Ihr wahrer Name« 10.07.2003
Hallo Bee
danke fürs nachforschen. Von Krimi-Couch inspiriert, bin ich mittlerweile zu www.saraparetsky.com gesurft und habe mich da ein bisschen im Forum beteiligt. Ganz Toll: Frau Paretsky hat ein Votum von mir so gefallen, dass sie mir persönlich zurückgemailt hat (zumindest war die mail so unterzeichnet...). Ich habs dann gewagt sie gleich auf den Fall Wilkomirski anzusprechen. Sie gab mir zur Antwort, dass Wilkomirski tatsächlich ihr Vorbild war für den gequälten Charakter von Radbuka. Sie wolle jedoch Fiktion und Realität nicht vermischen und darum gibt es in Total Recall keine direkte Anspielung etc. auf Wilkomirski.
Bin immer noch total hin und weg dass Frau Paretsky persönlich mit mir mailt und vergesse sofort alle weiteren kleinlichen und unwichtigen Kritikpunkte!
Liebe Grüsse an alle Paretsky-Fans!
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bee zu »Sara Paretsky: Ihr wahrer Name« 17.06.2003
In der Tat hat die Rezensentin zum ersten Mal ein Buch von dieser Autorin gelesen, aber das hat ja nichts damit zu tun, ob es gefällt oder nicht :-) Somit hat sich eine von den anderen Büchern der Reihe unabhägige Einschätzung ergeben.

Noch ein Link zum Fall Binjamin Wilkomirski:

http://members.vol.at/roemer/2003/roe_0311.htm

Daraus ein Zitat: "Der Fall Wilkomirski ist kein Einzelfall. In den USA wurden Therapeuten, die Patienten „Erinnerungen“ an Vergewaltigungen und andere Verbrechen implantiert hatten, inzwischen gerichtlich verurteilt. Die Dunkelziffer ähnlicher erschreckender Vorkommnisse dürfte hoch sein."
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sozine zu »Sara Paretsky: Ihr wahrer Name« 17.06.2003
Oje, wer diese Rezension geschrieben hat, hat anscheinend zum ersten Mal einen Paretsky-Krimi gelesen! "Detektiv in Seidenstrümpfen" ist ein absolut doofer Untertitel der zu V.I. passt wie die Faust aufs Auge. Der Film ist so lala, aber die Bücher sind ein anderes Kaliber! Leider ist "total recall" nicht das beste darunter. Versucht es lieber mit dem als zweitletztes erschienenen, es heisst auf deutsch "Die verschwundene Frau" und ist meiner Meinung nach das allerbeste V.I.Warshawski-Buch.
Als totaler Paretsky-Fan war ich recht enttäuscht. Die Krimis sind normalerweise super recherchiert (detaillierte technische Hintergründe), die HAuptfigur hat Tiefgang und die Handlung ist trotzdem spannend und auch actionreich. Das ist hier alles etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Es geht sehr viel um die Beziehung zwischen Lotty und Vic. Paretsky war anscheinend der Meinung, dass dies mal ausgebaut werden müsste. Für einen Krimi, geht es darin jedoch zu weit, ein Buch über diese komplizierte Frauenbeziehung ist es deshalb noch lange nicht - kurz, recht unbefriedigend, und blockiert die spannende Handlung. Noch mehr gestört hat mich aber, dass da einige sehr grobe Fehler in der Recherche sind.
Erstens, die ganze Handlung um Radbuka erinnert sehr stark an den echten Fall von "Binjamin Wilkomirski", ein angebliches, aber nicht echtes Holocaust-Opfer. Dessen Fall hat vor ca. 2 Jahren die Schweiz und auch Deutschland sehr bewegt. Ich kann mir nicht erklären, dass Paretsky nirgendwo, weder im Dankeswort noch Nachwort noch sonstwo, darauf eingeht, dass dieser FAll in echt passiert ist. Es gibt zwei Antworten darauf:
1. Sie hat die Story schlicht abgekupfert ohne das offenzulegen. Das fände ich ziemlich daneben.
2. Es könnte sein dass solche Geschichten/Personen in Amerika häufiger auftauchen als bei uns. "WIlkomirsky" hatte sich eine Zeitlang mit einer Amerikanerin zusammengetan, die ebenfalls angab, Holocaust-Opfer zu sein - aber zwei Jahre vorher war sie noch ein Satanisten-Opfer gewesen... In diesem Fall bleibt es trotzdem schade und m.E. schlechte Recherche, wenn Paretsky nicht auf reale Fälle hinweist.
Zweitens, als Schweizerin stört mich dass sich Paretsky mit der Schweiz nicht auskennt. Der HAuptfiesling ist ein Schweizer namens Rossy und spricht französisch. Einen Schweizer der Rossy heisst würde ich aber als Tessiner einordnen. Dann würde er aber italienisch sprechen und ausserdem seinen Namen nie und nimmer mit "y" schreiben. Natürlich ist auch ein Französischsprachiger Schweizer namens "Rossy" denkbar, aber das wäre recht ausgefallen. In meinen Augen hat sich Paretsky um Lokalkolorit bemüht, jedoch schlampig gearbeitet. Schade.... ich freue mich jetzt erst mal auf das nächste Buch!
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