Nur ein Toter mehr von Ramiro Pinilla

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Sólo un muerto más, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien, 1930 - 1949.
Folge 1 der Samuel-Esparta-Serie.

  • Barcelona: Tusquets, 2009 unter dem Titel Sólo un muerto más. 274 Seiten.
  • München: dtv, 2012. Übersetzt von Stefanie Gerhold. ISBN: 978-3423249119. 284 Seiten.

'Nur ein Toter mehr' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Getxo, 1945, Nachkriegszeit. Krimis sind Sancho Bordaberris große Leidenschaft. Chandler, Hammett & Co. betet der junge Buchhändler an. Und er eifert ihnen selbst auch nach – sechzehn Krimis hat er schon verfasst, aber keiner wurde von einem Verlag bisher für gut befunden; es fehle ihnen an Realismus.Als Sancho deshalb eines Tages frustriert das letzte Manuskript dem Meer opfern will, fällt sein Blick auf eine Klippe. 10 Jahre zuvor fand man dort die zwielichtigen Altube-Brüder. An einen Metallring festgekettet, war einer bereits ertrunken, der andere konnte gerade noch gerettet werden. Ein »cold case«, der wegen des Bürgerkriegs ungelöst blieb: perfektes Buchmaterial für Sancho! Unterstützt von seiner gewitzten Angestellten Koldobike zieht der leidenschaftliche Büchernarr los, um in der Verkleidung des Privatdetektivs Samuel Esparta seinen nächsten Krimi selbst zu erleben. Francos Schergen gefällt dies allerdings überhaupt nicht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Sam Spade im Baskenland« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Die Grundidee ist, mit Verlaub, reichlich bescheuert. Der krimibesessene Buchhändler Sancho Bordaberri, dessen besondere Lieblinge Hammett und Chandler heißen, versucht sich selbst seit Jahren erfolglos als Autor und beschließt nun endlich, Privatdetektiv zu werden. Wem in der Fiktion nichts einfällt, der muss in der Wirklichkeit nach spannenden Plots suchen. Und da hat es Bordaberri nicht weit, erinnert er sich doch an einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall. Fortan nennt er sich zu Ehren von Sam Spade, seinem detektivischen Vorbild, Samuel Esparta, zieht sich seinen besten Sonntagsanzug an, titelt seine Angestellte Koldobike »Puppe« und inspiriert sie dazu, wie eine waschechte Hardboiled-Krimi-Sekretärin aufzutreten: die Haare blondiert, der Rock eng.

Kein Zweifel: Dieses Buch ist ein sicherer Kandidat für den Stapel der angelesenen und nach zwanzig Seiten fluchend als unnützes Altpapier deklarierten Krimis. Ein naiver Tropf ermittelt, nicht einmal lustig ist das, dagegen wirkt Rita Falk wie ein Ausbund an Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Der Autor – er geht stramm auf die 90 zu – sei, so schwadroniert der Klapptext, »einer der bedeutendsten spanischen Schriftsteller der Gegenwart«. Die Jungs da unten scheinen nicht nur ein Problem mit Immobilienblasen zu haben.

Irgendwie, aus welchem düsteren Grund auch immer, habe ich mich weiter durch die abstruse Geschichte gelesen. Vor zehn Jahren also wurde ein Zwillingspaar an einen Felsen im Meer gekettet, die Flut nahte unerbittlich – und einer der beiden hat es nicht überlebt. Zwei üble Schurken waren das, schon deshalb gab man sich keine große Mühe, den Täter zu ermitteln. »Nur ein Toter mehr«, weiter nichts.

Aber nein, für das Desinteresse der Behörden gab es einen anderen, triftigeren Grund. Denn der Roman spielt nicht »in Spanien«, er spielt in einer baskischen Kleinstadt. Man schreibt das Jahr 1945, der spanische Bürgerkrieg ist offiziell vorbei, Franco mit seinen Faschisten an der Macht, doch der Terror wütet weiter. Die Falangisten in ihren blauen Hemden schüchtern ein, verschleppen, verprügeln, morden, vor allem im Baskenland. All das liegt wie ein Schatten über Bordaberris Ermittlungsversuchen, die zunächst so ablaufen, wie sie sich der Möchtegern-Spade von seinen Idolen abgeschaut hat. Er besieht sich den Tatort, rekonstruiert den Ablauf der Tat, spricht mit Zeugen und dem überlebenden Zwilling – man wird aufmerksam auf diesen komischen Burschen. Ein Besuch der gefürchteten Blauhemden in der Buchhandlung endet schmerzhaft für unseren Helden. Glück für ihn, dass Luciano, der Anführer der Schläger, selbst ein dilettierender Dichter ist, ein furchtbarer Poet in des Wortes doppelter Bedeutung, der gerne auch Krimis schreiben möchte und glaubt, er könne von Bordaberri lernen. Also heftet er sich ihm an die Fersen und behelligt ihn mit seinen Krimiversuchen.

Noch eine komische Figur? Mitnichten. Dieser Luciano ist eine beinahe dämonisch lächerliche Gestalt, ein Dichtersensibelchen mit Mörderseele, ein feinsinniger Schlächter und die Assoziation mit Joseph Goebbels ist nicht nur erlaubt, sie ist geradezu zwingend. Wie denn überhaupt dieser auf den ersten Blick so schlicht gestrickte Krimi unversehens zum historischen Roman mutiert. Wer bisher nicht wusste, worum es beim Konflikt zwischen den Basken und den Spaniern eigentlich geht, der erfährt es hier. Direkt aus den Empfindungen der Opfer und Täter.

Nur ein Toter mehr ist jedoch noch etwas anderes, ein »Metakrimi« nämlich. Mit einem Satz: Metakrimis sind Krimis, die unter anderem davon erzählen, wie Krimis geschrieben werden. Bordaberri, der gescheiterte Autor, hat sich vorgenommen, die Wirklichkeit unmittelbar dann, wenn er sie erlebt (oder erleidet) in Literatur zu verwandeln. Er ist also zugleich der Schöpfer und sein eigenes Geschöpf. Auch sein faschistischer Konkurrent Luciano versucht das, doch seine Wirklichkeit ist falsch. Während also der eine die Geschichte der Unterdrückung quasi »von unten« reportiert, steht der andere als Repräsentant der »offiziellen Geschichte«. Der simple Mord an einem kleinen Ganoven ist Luciano völlig gleichgültig; für Bordaberri aber ist der Tote ein Opfer, das Anspruch auf Gerechtigkeit hat, weil es stellvertretend für die Tausenden von Toten steht, die der Franco-Terror forderte.

Spätestens hier wird auch klar, warum in diesem Roman ständig von den Vorbildern Hammett und Chandler die Rede ist. Wer in der Geschichte des Hardboiled nur ein wenig bewandert ist, erinnert sich unwillkürlich an jenes berühmte Zitat, in dem Chandler seinen Kollegen Hammett dafür preist, dass dieser den Mord denjenigen zurückgegeben hat, die wirklich Grund haben zu morden und nicht nur als Leichenlieferanten brauchbar sind. Pinilla erweitert diesen Satz. »Nur ein Toter mehr« ist ein Roman, in dem der Autor den Krimi denjenigen zurückgibt, die einen wirklichen Grund haben, einen Krimi zu schreiben: den Opfern.

So wird, je weiter man liest, aus dieser anfangs ärgerlichen Geschichte ein hochkomplexes literarisches Gebilde. Ein historischer Krimi, ein Krimi über das Krimischreiben, über seine Existenzberechtigung jenseits der reinen Abfütterung mit Thrill gewissermaßen. Darüber hinaus ist es auch ein psychologischer Krimi über die Leiden der Opfer, wie sie das Erlittene verdrängen, sich damit abzufinden versuchen, bis es doch aus ihnen herausbricht. Die Auflösung des Falles ist übrigens vollkommen logisch und konsequent, weil sie alle diese Ebenen und Stränge des Textes miteinander verbindet. Schade, dass ich das an dieser Stelle nicht weiter ausführen darf …

Fazit: Großartige Kriminalliteratur für Leser, die bereit sind, sich auf die vielfältigen Möglichkeiten von Literatur einzulassen. Ein Kunststückchen, das nicht über den profanen Dingen schwebt, sondern ihnen ihre Würde zurückgibt, nun ja, auch eine Donquichoterie, in der mit der scharfen Lanze des Krimis gegen die unerbittlichen Windmühlenflügel der Geschichte angegangen wird.

Dieter Paul Rudolph, Juni 2012

Ihre Meinung zu »Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Torsten zu »Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr« 05.08.2013
In der Tat ein ungewöhnlicher "Metakrimi", was die Begeisterung von dpr erklärt, der ja für etwas ungewöhnliche Formate und Stile immer zu haben ist.
Leider kann ich seine Begeisterung so gar nicht teilen, denn ausser der ungewöhnlichen Idee hat der Roman irgendwie wenig zu bieten - als Krimi schon gar nicht.
So könnte man zwar tatsächlich alles was dpr da begeistert hinein- und hinausinterpretiert zwar irgendwie tatsächlich wiederfinden - aber doch bei weitem nicht so offensichtlich und so intensiv.
Und warum ausgerechnet dieser Roman "den Krimi denjenigen zurückgibt, die einen wirklichen Grund haben, einen Krimi zu schreiben: den Opfern. " erschliesst sich mir auch nicht wirklich.
In Relation zur ungeheuer hohen Wertung von dpr war das für mich eher enttäuschend.
Darix zu »Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr« 18.06.2013
Wieder einmal ein spanischer „Literatur-Krimi“, aus den 30er-40er Franco – Jahren. Ein als Buchhändler durchschnittlich erfolgreicher Mensch ist von seinen selbst verfassten Krimis enttäuscht. Bis er auf den Gedanken kommt, selbst einen Mordfall aufzuklären.
Der selbsternannte Privatdetektiv handelt ein wenig zögerlich, etwas unglaubwürdig, gekünstelt. Daher entwickelt sich der Plot zögerlich. Der Schreibstil ist jedoch abwechslungsreich, bildstark. Nicht zwingend der Krimi Noir, eher ein Hauch von Krimi als unterhaltsame Bildungsliteratur. Eine kleine Persiflage auf einen Kriminalroman. Der Mörder war?, dass sollte man selbst lesen, denn lesenswert ist das Buch.
Krimitante zu »Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr« 18.10.2012
mehr belleristik als krimi. was ja nicht schlecht sein muss, wenn man belletristik mag. und ich mochte dieses buch. auch wenn ich vieles von dem, was der krimi couch kritiker in das buch hineingelesen hat, nicht finden konnte. (zumindest kann ich es nicht in diesen höchsten tönen loben...) es ist ein buch über/von einen/einem, denn es ich ein ich-erzähler, der krimifan ist und selbst einen schreiben möchte, aber ständig scheitert, da seine geschichten zu ausgedacht sind. also gräbt er einen alten mordfall aus und versucht sich selbst als sam spade. und scheucht dabei den mörder auf. dies alles spielt in einer düstern stimmung, denn es ist 1945 und die falangisten haben in spanien/ im baskenland, das sagen. stimmung und charaktere sind gekonnt geschildert. einen ich-erzähler zu wählen, ist clever, denn es spiegelt den willen des möchte-gern-autors wider, so realistisch als möglich zu schreiben. was mir allerdings fehlt ist die spannung. und die gehört für mich zu einem krimi. muss wirklich nicht der blutigeste thrill sein. aber ein kleines bisschen... fazit: als roman gut, als krimi eher nicht.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Nur ein Toter mehr

Hinweis: Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen. Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre. Werbung ist nicht gestattet. Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.

Seiten-Funktionen: