Die Adlon-Verschwörung von Philip Kerr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel If the Dead rise not, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Wunderlich.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.
Folge 6 der Bernhard-Gunther-Serie.

  • London: Quercus, 2009 unter dem Titel If the Dead rise not. ISBN: 978-1847249425. 455 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2010. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3805208901. 572 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3-499-25378-2. 572 Seiten.

'Die Adlon-Verschwörung' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Gerade sind die Nazis an die Macht gekommen, und Bernie Gunther will als Privatdetektiv im Hotel Adlon so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Doch dann stirbt ein Hotelgast. Als auch noch die Leiche eines jüdischen Boxers im Landwehrkanal auftaucht, gerät Gunther in den Strudel krimineller Machenschaften um den Bau des Olympiastadions. Doch die Amerikaner drohen die Spiele zu boykottieren. Entschiedene Befürworterin eines Boykotts ist die wunderschöne jüdisch-amerikanische Journalistin Noreen Charalambides. Bernie erliegt ihrem Charme. Beide geraten ins Fadenkreuz der Nazis.

Das meint Krimi-Couch.de: »Fünf Ringe sie zu knechten, sie alle zu finden…« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Deutschland des Jahres 1934 haben die Nationalsozialisten buchstäblich die Macht ergriffen. Seitdem verlieren sie keine Zeit in dem Bemühen, ihre verquasten Ansichten über »Volk« und »Rasse« in die Tat umzusetzen. Nachdem die politischen Gegner ausgeschaltet sind, widmen sich die Nazis nun verstärkt der Eliminierung der Juden.

Bernhard Gunther gehört zu denen, die mit den neuen Herren über Kreuz sind. Seine Stellung als Polizist bei der Kriminalpolizei von Berlin hat er verloren. Gunther ist als Hoteldetektiv im vornehmen Hotel Adlon untergetaucht. Dort langweilt sich der fähige Ermittler zwar, doch er ist in einem blinden Winkel des nationalsozialistischen Blickfeldes.

Nazideutschland hat sich als Austragungsstätte der Olympischen Spiele von 1936 beworben. Eine allzu offensichtliche Diskriminierung der Juden könnte einen Boykott provozieren, was das Regime, das auf weltweite Anerkennung hofft, durch Täuschung und Bestechung der angereisten Beobachter und Mitglieder des internationalen Olympia-Komitees zu verhindern versucht. Als einer von ihnen tot in seinem Bett im Hotel Adlon liegt, beginnt Gunther zu ermitteln. Er findet mehr heraus, als den Eingeweihten lieb ist: Olympia-Geld versickert in einem Gewirr eigens gegründeter Scheinfirmen, deren ´Eigentümer´ sich Unsummen in die Taschen stecken.

Gunther lernt die US-amerikanische Journalistin Noreen Charalambides kennen, die hinter die Nazi-Kulissen blicken möchte. Als Gunther ihr hilft, erregt er das Aufsehen skrupelfreier Regime-Funktionäre, die auf keinen Fall dulden, das ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Mit einem Bein bereits im Konzentrationslager und im Visier der Gestapo setzt Gunther seine Suche nach der Wahrheit fort, die zwanzig Jahre später und jenseits des Atlantiks eine unerwartete Wendung und Fortsetzung nehmen wird …

Braver Mann im braunen Sumpf

Für jene, die nicht auf der braun beschienenen Sonnenseite standen, brachen 1933 mit der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten finstere Zeiten an. Die triumphierenden Herren begannen sogleich mit der »Gleichschaltung«, die den Start in ein »neues Deutschland« vollkommen machen sollte. Gesetz und Recht wurden ganz in den Dienst der Sache gestellt, d. h. den geänderten Erfordernissen bei Bedarf notfalls nachträglich angepasst oder gleich mit Füßen getreten. Vor allem begann die Eliminierung »undeutscher Elemente«. Ganz oben standen auf der Liste der wirren Regimeherren die Juden, aber sie erfasste auch Sozialisten, »Ostvölker«, »Zigeuner«, Homosexuelle, Zeugen Jehovas u. a. Gruppen, die entweder nicht ins halluzinierte Nazi-Weltbild passen oder sich ihm nicht unterordnen wollten.

 Irgendwo dazwischen stand der deutsche Durchschnittsbürger, der entweder froh war, von den Segnungen dieser neuen Zeit zu profitieren oder sich glücklich schätzte, nicht unter die Nazi-Räder zu geraten. Bernhard »Bernie« Gunther ist scheinbar ein Exemplar dieser schweigenden Masse, deren Mitglieder rasch lernen, den Mund dort zu halten, wo die Schergen der Regimes ihre Ohren offenhalten.

Ein deutscher Mitläufer wäre eine interessante Romanfigur, aber Philip Kerr will auch und offenbar sogar vor allem einen sympathischen (Anti-) Helden. Also stilisiert er Gunther zum Modell des »guten Deutschen« – und schafft damit ein ernstes Problem.

Holzhammer für historienschwache Leser

Die Adlon-Verschwörung bietet als Historienkrimi einen soliden Plot, der gut im zeitgenössischen Ereignisgefüge verankert ist. Die Olympischen Spiele waren für die Nazi-Machthaber ein wichtiges Instrument zur positiven Selbstdarstellung vor einer Welt, die zumindest misstrauisch das stetig lauter werdende Säbelrasseln aus Deutschland vernahm. 1936 sollte das Ausland sehen, dass die neuen Herren ihr Reich in einen Musterstaat verwandelt hatten. Siege in der Arena waren ebenfalls süß aber nicht so wichtig wie das mediale Echo.

Doch nazi-üblich gründete sich Olympia 1936 auf Pump, Ausbeutung und Lüge. Dieser primär den Historikern bekannte Aspekt bildet das Gerüst für die Krimi-Handlung der Adlon-Verschwörung. Der deutsche Titel ist schlecht gewählt und weist höchstens darauf hin, dass die geschilderten verbrecherischen Aktivitäten innerhalb einer gar nur vorgeblich vornehmen Oberschicht stattfinden; zudem geschieht dies ´zufällig´ dort, wo Bernie Gunther sich aufhält und ins Geschehen geraten kann.

Kerr selbst geht etwas gelehrter (oder pompöser) an die Sache heran: Der Originaltitel »If the Dead Rise Not” verweist auf den (im Vorspann zitierten) ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther und dort auf folgende Stelle: «Habe ich nach menschlicher Meinung zu Ephesus mit wilden Tieren gefochten, was hilft’s mir? Wenn die Toten nicht auferstehen, lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!» Paulus tadelte so die Bürger von Ephesus, die einem falsch verstandenen Glauben anhingen und deshalb sündigten. Diesen Vorwurf macht sich auch Bernie Gunther, was ihn im Kuba-Teil dieser Geschichte seine über Jahrzehnte perfektionierte Deckung zu verlassen und sich im Namen der Menschlichkeit in Lebensgefahr zu begeben.

Ein Nazi-Krimi-Märchen

Deutschland war auch unter den Nazis keineswegs der von Kerr geschilderte Rund-um-die-Uhr-Überwachungsstaat. Die manchmal peinlichen und auf die Dauer in ihrer Häufung lästigen Klischees fallen zwar unter die Rubrik «dichterische Freiheit»: Kerr übertreibt, wo er ohnehin die Realität verkürzen muss, um Anschaulichkeit und leserliche Emotionen zu generieren. Dabei geht ihm Penetranz vor Andeutung. Die Adlon-Verschwörung wäre als Buch vermutlich nur halb so dick, würde Kerr seinen Bernie Gunther nicht ständig zwingen, Stellung zu beziehen. Wo dieser steht & geht, gilt es Nazi-Roheiten zu beobachten und zu kommentieren.

Dabei versteckt Gunther seinen Weltschmerz mehr schlecht als recht hinter (vielleicht nur hölzern übersetzten) sarkastischen aber nie originellen Äußerungen. Er kann trotzdem einfach den Mund nicht halten, bis ihm der Leser zurufen möchte: «Bernie, es reicht – wir wissen, dass du einer von den Guten bist! Kümmere dich endlich um deinen Fall.» Der ist vermeintlich verwickelt, entpuppt sich aber als simpel genug, dass ein kaltgestellter Ermittler wie Bernie Gunther im Alleingang den bösen Nazis und ihren gierigen ausländischen Verbündeten auf die Schliche kommen kann.

Unerwartete Wende zum Spannenden

Ohnehin entwickelt sich Gunthers Suche nach der Wahrheit schon vor dem Saulus/Paulus-Moment auf Kuba immer mehr zur Selbsttherapie. Was würde es ihm auch nützen, die schmutzigen Details der Olympia-Verschwörung ans Tageslicht zu bringen? Wir Leser sind ohnehin schlauer und wissen, dass die Olympiade 1936 in Berlin stattgefunden hat. «Die Adlon-Verschwörung" erzählt damit zwangsläufig vom Scheitern jener, die den Betrug offenbaren wollten. Damit ließe sich lesen, wenn Kerr den Weg dorthin spannender gestalten würde. Doch der braune Sumpf legt sich schwer um Bernie Gunthers Knöchel. Er kommt schrecklich langsam vom Fleck, zumal er ja – s. o. – seine Anmerkungen zum Unrechtsstaat machen muss.

Somit droht sich diese Episode der Bernie-Gunther-Serie nur träge ins Finale zu schleppen. Dass doch noch Thriller-Stimmung aufkommt, liegt an einem zweiten Teil, der 1954 auf der Insel Kuba kurz vor der Revolution spielt. Hier wirft Gunther das Büßergewand ab, in das Kerr ihn in Nazi-Deutschland zwang, und wird zum gewieften Ermittler und Überlebenskünstler in einem neuen Sumpf. Dieses Mal bekommt er es mit prominenten US-Gangstern, korrupten Militärs und rücksichtsarmen Revolutionären zu tun.

Hinzu kommen unerfreuliche Wiederbegegnungen mit Personen aus Gunthers Vergangenheit sowie die genretypischen Verwicklungen im Zusammenhang mit einer schönen aber undurchsichtigen Frau. Sogar ein Soap-Opera-Sahnehäubchen setzt Kerr dem turbulenten Geschehen auf, das ohne den mahnend erhobenen Zeigefinger aus dem ersten Teil endlich auch in seinen tragischen Momenten funktioniert: Der Bernie Gunther der 1930er Jahre ist ein Schwätzer. Auf die weiteren Abenteuer des alten Bernie Gunther darf der Leser hingegen mit Recht gespannt sein.

Michael Drewniok, September 2011

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Jossele zu »Philip Kerr: Die Adlon-Verschwörung« 12.03.2013
Für mich ein sehr gelungener Krimi. Die Handlungsstränge sowohl in Deutschland 1934, als auch in Kuba 1954 wurden in sich logisch aufgelöst. Einzig der "Zufall", dass sich alle Hauptpersonen in Kuba 20 Jahre später wieder treffen und wieder miteinander zu tun haben, ist mir ein wenig zu gewagt, weil unwahrscheinlich. Und die bilderreiche Sprache schätze ich gerade an Kerr. Ich habe das Buch mit Genuss gelesen und war nie gelangweilt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mikes zu »Philip Kerr: Die Adlon-Verschwörung« 29.03.2012
ich kann die Kritik meiner Vorredner nicht wirklich teilen. Für mich war es ein durchaus spannendes und überzeugendes Buch. Sicher haben sich einige historische Übertreibungen und Fehler eingeschlichen. So ist Gunter im Jahre 1934 bestimmt nicht durch die Clay-Allee gefahren. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass die (wenigen) Gegner des Regimes damals in etwa so empfunden haben wie die Hauptfiguren dieses Romans. Zumindest in der englischen Originalfassung, die ich gelesen habe, funktionieren auch die chandleresken Vergleiche, mögen sie auch nicht die Qualität des Meisters erreichen. Vielleicht liegt´s an der deutschen Übersetzung. Insgesamt spannende Unterhaltung vor historischer Kulisse.
koepper zu »Philip Kerr: Die Adlon-Verschwörung« 24.10.2011
Bernie Gunther ist dem Kerr Leser bereits aus der Berlin Trilogie bekannt. Er ist die Hauptperson in dem Krimi „Die Adlon Verschwörung“ Der Besprechung von Michael Drewniok kann ich weitgehend zustimmen. Die Geschichte, die Kerr erzählt könnte interessant sein, aber diesmal ist Kerr allzu geschwätzig. Die Story zieht sich zäh wie Kaugummi dahin. Gelegentlich kommt Spannung auf. Störend jedoch sind die sich ständig wiederholenden politischen Aussagen über das Unrechtsregime. Ich empfand das als störend und mit Fortgang der Geschichte auch als überflüssig, da die politische Haltung der Hauptpersonen sehr schnell klar war. Kerr bemüht in fast jedem zweiten Satz Metaphern, die zum Teil schon peinlich daneben sind. Auch die Dialoge sind nicht gerade gut gestaltet, nervig, dass Gunther für Frauen scheinbar kein anderes Wort hat als „mein Engel“. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, aber sprachlich ist das Ganze von minderer Güte.
Philip Kerr hat schon sehr, sehr gute Krimis geschrieben. Die „Adlon Verschwörung“ gehört für mich nicht dazu.
ChristianG zu »Philip Kerr: Die Adlon-Verschwörung« 04.09.2011
Kein uninteressantes Thema, und sicherlich auch dicht geschrieben.

Allerdings nerven diese Vergleiche ungemein: "...steht an der Ecke wie...", "...sieht aus wie..." usw usf.

In jedem dritten Satz, stört erheblich den Redefluß, wenn man sich die teils weit hergeholten Vergleiche erst mal vorstellen muss.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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