Ich beschütze dich von Penny Hancock

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Tideline, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • London: Simon & Schuster, 2011 unter dem Titel Tideline. 342 Seiten.
  • München: Goldmann, 2013. Übersetzt von Eva Kemper. ISBN: 978-3-442-31315-0. 382 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2012. Gesprochen von Dana Geissler & Achim Grauer. MP3. ISBN: 3867179654. 2 CDs.

'Ich beschütze dich' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Sonia liebt das alte Haus an der Themse, in dem sie schon ihre Kindheit verbracht hat und in dem sie jetzt mit ihrem Mann Greg lebt. Doch eines Tages geschieht etwas, das ihren geordneten Alltag in den Grundfesten erschüttert – denn es steht ein junger Mann vor ihrer Tür, der sich eine seltene Schallplatte von Greg ausleihen möchte. Vom ersten Moment an übt Jez eine verstörende Wirkung auf Sonia aus, und sie spürt, dass sie von einem dunklen Sog erfasst wird, der stärker ist als sie selbst. Noch kann sie nicht ahnen, dass sich ihr Leben von diesem Moment an unaufhaltsam auf einen Abgrund zubewegt. Denn Jez rührt an die tiefsten Obsessionen ihrer Seele – und Sonia ist bereit, zum Äußersten zu gehen, damit sie endlich ihren Frieden findet.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der süße Duft junger Haut« 75°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Aber seit Kurzem weiß ich, dass Zeit nicht vergeht, sondern alles irgendwie zurückkehrt. So wie der Fluss in Greenwich eine Schleife beschreibt, erscheinen weit zurückliegende Jahre näher als andere, die gerade vergangen sind, und vergessene Augenblicke drängen sich in die Gegenwart.

Als Jez, der 15-jährige Neffe ihrer ehemals besten Freundin Helen, bei Sonia vorbeischaut, entschließt sich die 44-jährige spontan, ihn noch ein bisschen länger zu behalten. Sie betäubt ihn und sperrt ihn im Haus ein. Jez erinnert sie an Seb, ihre einzige Liebe. Nie hat sie jemandem erzählt, was damals mit Seb passierte. Aber als ihr Mann und ihre Tochter zu Besuch kommen und die Polizei nach Jez sucht, wird es immer schwieriger, ihn wieder frei zu lassen. Und eigentlich will Sonia ihn nicht mehr gehen lassen, denn Jez bringt all die schönen Gefühle und die Erinnerungen ihrer Vergangenheit mit Seb zurück. Immer obsessiver »beschützt« Sonia ihren Gefangenen und geht bis zum Äußersten, um ihn nicht zu verlieren.

Der »dunkle Fluss«, so der alte Name der Themse, spielt in Penny Hancocks Debütroman eine wichtige Rolle. In atmosphärischen Szenen wird der Fluss zu einem lebendigen Wesen, schicksalhaft und voller dunkler Geheimnisse.

Der ganze Fluss und der Himmel sind erfüllt vom Rauschen und Klagen von Dingen in ständiger gequälter Bewegung. Von Stöhnen und klappern, Knarren und Ächzen, als würde der Fluss selbst Aufmerksamkeit verlangen.

Auch die Protagonistin birgt unter ihrer Oberfläche dunkle Fantasien und Erinnerungen, die durch Jez Anwesenheit an die Oberfläche steigen und immer gewaltiger heranfluten.

Die Geschichte wird überwiegend aus der Ich-Perspektive Sonias erzählt und schon auf den ersten Seiten schleicht sich beim Leser ein unbehagliches Gefühl ein. In Sonias Blick auf Jez schwingt ein sexueller Unterton mit, der bei dem Altersunterschied und der Geschlechterkonstellation gesellschaftlich tabuisiert ist. Wie sehr Sonia gestört ist, wird beim Fortschreiten der Handlung immer deutlicher. Am Ende überschneiden sich Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie in einem Gänsehaut erzeugenden Finale.

Der Plot weckt Assoziationen an Misery, aber Penny Hancock hat in Interviews versichert, dass sie das Buch vorher nicht kannte. Ihre Hauptfigur unterscheidet sich in vielem von Stephen Kings Protagonistin. Sonia ist kein Monster, sie will ihrem Opfer nicht (willentlich) schaden, sondern sieht ihre Tat als altruistische Handlung. Ihre Verkennung der Realität führt zu grotesken Szenen, die beinah schon wieder witzig sind. Die Sympathie und das Verständnis, das man Sonia am Anfang entgegenbringt, weicht am Ende dem Erschrecken über ihre Amoralität und die Erbarmungslosigkeit, mit der sie ihren Schützling verteidigt. Penny Hancock gibt mit Ich beschütze Dich psychologisch glaubhaft Einblick in eine gestörte Seele. Die zugegeben ungewöhnliche Ausgangssituation entwickelt eine logische Dynamik. Sonias Motivation zu der von Anfang an zum Scheitern verurteilten Tat wird durch die Ereignisse der Vergangenheit nachvollziehbar.

Psychothriller zeigen die Abgründe auf, die hinter der Fassade der Normalität in den Seelen der Mitbürger lauern. Ich beschütze Dich ist dabei keine Ausnahme. Er nimmt sich dabei einer im Genre wenig beachteten Gruppe an: der Frau mittleren Alters. Das erinnert ein wenig an die Heldinnen von Ingrid Noll. Auf einer zweiten Ebene lässt sich der Thriller auch als Ausdruck der Midlife Crisis von Frauen lesen. Die beiden Hauptfiguren des Buches, Sonia und Helen, sind Mitte Vierzig. Die eine fühlt sich als Mutter und Ehefrau unzulänglich und bekämpft ihre Minderwertigkeitsgefühle mit einer Affäre und viel Alkohol. Die andere fühlt sich nicht mehr gebraucht und ist sexuell vom alternden Ehemann abgestoßen. Stattdessen sehnt sie sich nach der Lebendigkeit ihrer Jugend und reaktiviert ihre (wahrlich nicht mütterlichen) Gefühle, indem sie sich in einen Teenager verliebt.

Penny Hancock hat mit Ich beschütze Dich ein bemerkenswertes Debüt geschrieben, in dem sie gleich mehrere Tabus bricht und frischen Wind in die Krimilandschaft bringt. Die Konstellation ist ungewöhnlich, der Plot logisch und spannend konstruiert. Der psychologische Hintergrund ist stimmig und die Charaktere sind realistisch. Der schnelle Einstieg und die lineare Erzählweise schaffen ein zügiges Tempo, das von den in der 3. Person erzählten Passagen mit Helen etwas gedrosselt wird, aber die nötigen Hindernisse für die Handlung schafft. Einzig der Epilog dürfte für viele Leser ein Kritikpunkt sein. Er ist sehr kryptisch geraten, weil er konsequent aus der Sicht der sehr verwirrten Sonia geschildert wird. Wer sich nach der schockierenden Auflösung der beiden Handlungsstränge das Buch ein zweites Mal durchliest, dürfte zu einem eindeutigen Ergebnis kommen.

Brigitte Grahl, April 2013

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anna zu »Penny Hancock: Ich beschütze dich« 03.06.2016
ich fand das buch sehr sehr sehr gut 100 prozent-sehr gut geschrieben -fesselnd und was ganz anderes als sonst-ich bin begeistert
ich lese sehr viel und war so begeistert das eine autoin wagt tabus zu brechen und einen ganz eigenen weg zu gehen-die figuren sind sehr echt und der erzählstil begeistert-es ist eine verstörende geschichte und doch faszienierend 75 prozent ist eine unverschämtheit-das ist meiner meinung nach ein treffer-anfan mitte ende-alles war da und das ist sonst nicht leicht zu finden -man leidet ärgert sich ist entsetzt und es gibt eine auflsung die sehr stimmig ist
Alex zu »Penny Hancock: Ich beschütze dich« 11.04.2014
Alles in allem ein sehr guter Krimi, aber, viel zu lang, zu lang, zu lang. Man hätte die ein oder andere Stelle weglassen können, ohne das der Spannung wie auch dem Verlauf geschadet hätte.
Herrlich naiv (und deswegen auch etwas sonderbar in meinen Augen) die Figur des Jez, die anscheinend überhaupt nicht mitbekommt, das sie gefangen gehalten wird. Obwohl an Beinen und Armen ans Bett gefesselt, dazu noch geknebelt. Da schüttelt man schon mal den Kopf.
Ich schließe mich dem Urteil des Kritikers oben an, 75° reichen. mehr wars dann aber auch wirklich nicht
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