Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens von Oliver Bottini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei DuMont.

  • Köln: DuMont, 2017. ISBN: 978-3832197766. 512 Seiten.

'Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Banat/Rumänien 2014: Ioan Cozma hat abgeschlossen mit der Welt. Der Kripo-Kommissar lebt allein, es sind nur noch ein paar Jahre bis zu seiner Pensionierung; wenn er nicht groß auffällt, wird auch niemand in seiner Vergangenheit wühlen. Es ist besser so. Doch die Welt will ihn nicht in Ruhe lassen. Ausgerechnet Cozma wird die Ermittlungsleitung in einem brutalen Mordfall übertragen: Die junge Lisa Marthen, eine Deutsche, wurde erstochen aufgefunden. Ihrem Vater gehört ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, und der Verdacht fällt auf einen seiner jungen Feldarbeiter, der in Lisa verliebt war und seit ihrem Tod verschwunden ist. Als eine Spur nach Mecklenburg führt, macht Cozma sich auf den Weg und muss feststellen, dass er dort nicht der Einzige ist, der für Gerechtigkeit sorgen will.

Das meint Krimi-Couch.de: Auf die Diktatur folgt die Globalisierung 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Nach der Wende wurden Großkonzerne der Agrarindustrie politisch gefördert, Kleinbauern hatten zumeist das Nachsehen. Nicht immer ging es bei den LPG-Umwandlungen rechtmäßig zu. Jörg Marthen, Bauer aus Prenzlin, zog 2011 Konsequenzen und mit Frau und Tochter nach Rumänien, wo er seitdem seinen Traum lebt.

Im September 2014 scheint der Traum ausgeträumt, die Frau ist längst zurück in Deutschland, die 18-jährige Tochter liegt ermordet im Wald. Der Täter scheint bereits festzustehen, ein junger rumänischer Mitarbeiter, der wohl vergeblich ein Auge auf die Tochter des Chefs geworfen hatte. Er war zum Zeitpunkt am Tatort, im Kamin seiner Wohnung finden sich Überreste seiner verbrannten Kleidung, an dieser Blutspuren der Toten.

»Auf seiner Kleidung ist Blut.«
»Wie kommen Sie an seine Kleidung?«
»Lag im Kamin. Er hat sich umgezogen.«
»Selbst wenn es ihr Blut ist: Würde das beweisen, dass er sie getötet hat?«
»Es würde nahelegen, dass er auf ihr gelegen hat, als sie blutete. Ersparen sie mir solche Spitzfindigkeiten bitte.«
»Darauf hinzuweisen, dass das Naheliegende nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, nennen Sie spitzfindig?«

Kommissar Ioan Cozma von der Kripo in Temeswar sieht seinem nahenden Ruhestand entgegen, taucht mit seinem Kollegen Ciprian »Cippo« Rusu schon lange unter dem Radar. Bloß nicht auffallen oder anecken, sollen die anderen Kollegen die Mordfälle lösen. Beide haben hierfür ihre Gründe.

Cozma verfolgt seine dunkle Vergangenheit, denn in Zeiten der Diktatur war er bereits als Polizist tätig, nicht immer wurden rechtsstaatliche Methoden angewandt. Währenddessen steht Cippo auf der Liste der DNA, der Antikorruptionsbehörde; zu oft hat er sich schmieren lassen. Jetzt also noch mal ein Mordfall, dessen Auflösung offensichtlich erscheint. Allein ein grüner Polo, der zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesichtet wurde, stört die Ermittlungsarbeit, denn der Hauptverdächtige floh zu Fuß.

Die Ermittlungen schlagen bald hohe Wellen, der Verdächtige flieht nach Prenzlin, dort wo seine unnahbare Liebe aufgewachsen ist. Cosma versucht ihn dort aufzufinden und merkt schnell, dass er nicht alleine unterwegs ist. Ein Wettrennen gegen Zeit beginnt …

Parallelen zwischen Rumänien und Ostdeutschland

Oliver Bottini ist einer der wichtigsten deutschen Krimiautoren der Gegenwart, liefert er doch regelmäßig neben spannenden Plots auch gleichzeitig schonungslose politische Analysen. Im vorliegenden Fall mit dem sperrigen Titel »Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« geht es unter anderem um die Folgen der Globalisierung am Beispiel der Agrarindustrie sowie um Einblicke in die Diktaturen in Rumänien sowie in der DDR und deren Auswirkungen auf die Gegenwart.

»Wenn es so einfach gewesen wäre.«
»Einfach nicht, aber dafür friedlich. Eine friedliche Revolution.«
»Richtig, ihr hattet keine Toten.«
»Vorher und nachher schon.«
»Nachher?«
»Selbstmorde. Stasi-Leute, Offiziere. Parteikader. Und bei Euch?«
»Über tausend. Die meisten erst nach der Hinrichtung von Ceausescu am 25. Dezember. Ist noch nicht ganz klar, was genau geschehen ist. Welche Rolle haben Ceausescus Gegner in der Kommunistischen Partei, das Militär, die Securitate gespielt. Deshalb nennen es die einen «Revolution», die anderen «Staatsstreich».«

Während, wie eingangs erwähnt, durch die Subventionierung der Großindustrie die ostdeutschen Kleinbauern das Nachsehen hatten und in Folge die ländlichen Gebiete zunehmend veröden (billige Arbeitskräfte aus Osteuropa verrichten die Feldarbeit, junge Einheimische wandern ab), breiten sich in Rumänien ausländische Investoren immer mehr aus. Große landwirtschaftliche Flächen gehören arabischen, libanesischen oder eben auch deutschen Firmen. Die rumänischen Kleinbauern haben das Nachsehen, leben in Armut und wenden sich verstärkt – wie in Ostdeutschland – rechten Bewegungen zu.

»Keine Lügen diesmal.«
»In diesem Land retten Lügen manchmal Leben.«
»Die Zeiten sind vorbei.«
»Schau ins Parlament, Polizist, und du weißt, dass es nicht vorbei ist.«
»Rumänien ist nicht das Parlament oder die Sozialdemokraten oder Victor Ponta.« Cippo bückte sich, hob einen Klumpen Erde hoch und hielt ihn Voinea entgegen. »Das ist Rumänien.«
»Nein, das ist jetzt Deutschland.«

»Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« ist ein großartiges Buch, dessen Themenpalette lange über das pure Leseerlebnis hinaus wirkt. Man denkt über die Folgen der Globalisierung nach, das politische Geschwätz vom »Wachstum über alles«, aber auch über die Folgen persönlicher Schicksalsschläge.

Davon bietet das Buch reichlich, an vielen Stellen heißt es durchatmen. Fans von Friedrich Ani kommen in dieser Hinsicht voll auf ihre Kosten. Doch wartet bei all der Trauer und Einsamkeit am Ende Erlösung? Nein, nur die Erkenntnis über die Zusammenhänge. Bis dahin sterben zahlreiche Menschen, nicht nur die Bösen. Das ist ebenso mutig wie konsequent und verstärkt den bleibenden Eindruck.

Jörg Kijanski, Januar 2018

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wampy zu »Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« 28.12.2017
Buchmeinung zu Oliver Bottini – Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

Meine Meinung:
Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen, denn sowohl Sprache als auch Handlung sind fordernd. Die Hauptfigur Ioan Cozma ist ein erfahrener Ermittler mit dunkler Vergangenheit, der nur mit seinem Kollegen Ciprian Ruzu die Zeit bis zur Rente absitzen will. Doch dann wird er mit der Leitung der Ermittlungen in einem Mordfall an einer jungen Deutschen beauftragt. Bald merkt er, dass er den Fall schnell und mit einem gewünschten Ergebnis abschliessen soll.
Cozma ist wie sein Kollege Ruzu kein ausgesprochener Sympathieträger und doch fiebert man mit ihm mit, weil er den Kampf gegen die Strippenzieher im Hintergrund aufnimmt. Im Laufe der Geschichte erfährt man viel über die Vergangenheit der beiden Ermittler und versteht, warum sie so geworden sind wie sie sind. Diese Vergangenheit droht sie einzuholen und doch lassen sie sich nicht abhalten, weiter zu ermitteln. Der Roman schildert ein dunkles Bild Rumäniens nach der totalitären Zeit unter Ceausescu. Es gibt fast nur Verlierer und die Gewinner haben es nicht verdient. Der Autor sieht Gemeinsamkeiten mit den Zuständen in Ostdeutschland nach der Wende. Cozma folgt dem Tatverdächtigen nach Deutschland und trifft dort auf Menschen, die ihren Weg gefunden haben, mit den Zuständen zu leben. Dieser Roman enthält Stellen großer Grausamkeit und Brutalität, die dennoch angemessen wirken. Cozma will den Fall lösen und lässt sich nicht einschüchtern. Das Gefühl, eine Marionette in der Hand der mächtigen Hintermänner zu sein, will er unbedingt los werden. Es gibt den kleinen Kriminalfall mit dem Mord und den großen Kriminalfall mit Wirtschaftskriminalität, in dem es um unglaublich viel Geld geht. Der kleine Fall ist spannend, auch wenn der Täter bald bekannt ist. Die spannende Frage danach ist, ob die Hintermänner ermittelt und überführt werden können.
Das düstere Bild Rumäniens und auch Ostdeutschlands wird durch die angeschlagenen Figuren verstärkt. Alle tragen zusätzlich noch eine Last aus vergangener Zeit mit sich, die ihr Leben weiter erschwert. Aber auch einige der Gewinner sind unglücklich und suchen nach Wegen, ihre Schuld abzutragen. Ganz sicher ist dies ein starker Roman mit einer klaren politischen Aussage.

Fazit:
Ein starker Roman in präziser Sprache mit akkurat gezeichneten Figuren. Die Handlung ist komplex und läuft auf mehreren Ebenen ab. Dieser Roman hat mich trotz einiger sehr brutalen Stellen überzeugt. Gerne vergebe ich fünf von fünf Sternen (95 von 100 Punkten). Ich empfehle das Buch gerne an Leser, die bereit sind, sich intensiv mit dem Buch zu befassen.
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