Todesritual von Nick Stone

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Voodoo eyes, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Kuba, 1990 - 2009.
Folge 3 der Max-Mingus-Serie.

  • London: Sphere, 2011 unter dem Titel Voodoo eyes. 469 Seiten.
  • München: Goldmann, 2012. Übersetzt von Heike Steffen. ISBN: 978-3-442-47716-6. 528 Seiten.

'Todesritual' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der ehemalige Detective Max Mingus arbeitet inzwischen als Privatermittler. Er ist verbittert und desillusioniert, denn alle Fälle, die an ihn herangetragen werden, sind schmierige Ehescheidungen. Bis zu dem Tag, an dem sein ehemaliger Chef auf brutale Weise ermordet wird. Max findet Beweise, dass eine frühere Aktivistin der »Black Power«-Bewegung ein sehr starkes Mordmotiv hatte – jedoch ist diese seit Jahren auf Kuba untergetaucht. Und so begibt sich Max in eine gefährliche Welt der dunklen Magie, des Verrats und des Todes.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kuba: Faszinierend anders aber nie libre« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der ehemalige Polizist Max Mingus ist tief gefallen. Sieben Jahre hat er im Gefängnis gesessen. Jetzt muss er sich als Privatermittler in Miami durchschlagen und untreuen Ehepartnern hinterher schnüffeln. Diese traurige Routine wird durch den Mord an Eldon Burns unterbrochen. Der ehemalige stellvertretende Polizeipräsident war einst Mingus´ Chef und Ziehvater in der »Miami Task Force«, die in den 1970er und 80er Jahren verdächtige Schwerverbrecher jagte und oft genug kurzerhand umlegte.

Offenbar wollte sich jemand an Burns und der MTF rächen, was sich bestätigt, als wenig später ein weiteres Ex-Mitglied ermordet wird. Joe Liston war Mingus´ bester Freund und hatte ihn kurz vor seinem Tod um Hilfe gebeten. Offenbar hat sich die ehemalige Bürgerrechtlerin Vanetta Brown auf einem Rachefeldzug begeben, bevor sie der Krebs tötet. Die MFT hatte 1968 im Rahmen einer Razzia das Hauptquartier der Organisation »Schwarze Jakobiner« gestürmt und dabei Browns Ehemann und Tochter erschossen. Sie selbst soll einen Polizisten getötet haben und wird seitdem vom FBI als »Terroristin« verfolgt. Brown konnte sich nach Kuba absetzen, wo ihr Fidel Castro Asyl gewährte, um die verhassten USA zu brüskieren.

Wendy Peck, die Tochter des umgekommenen Polizisten, ist aktuell beim Heimatschutz tätig. Sie will um jeden Preis Vergeltung für ihren Vater und zwingt Mingus unter Beugung des Gesetzes, sich ihr als Instrument zur Verfügung zu stellen. Er soll als Urlauber nach Kuba reisen, um dort Vanetta Brown zu suchen und in die Vereinigten Staaten zu verschleppen. Mingus sagt scheinbar zu, weil er den Mord an Joe Liston klären will.

Kuba ist eine Diktatur im Belagerungszustand. Das Regime lässt Mingus beschatten. Brown wird nicht nur von der Polizei und vom Geheimdienst, sondern auch von ehemaligen Bürgerrechtlern abgeschirmt, die ebenfalls nach Kuba flüchteten. Zu allem Überfluss muss Mingus feststellen, dass sich Brown mit der Abakuà eingelassen hat, einer Sekte, die in Kuba die Rolle der Mafia übernommen hat und vor der sich sogar Castros Schergen fürchten …

Marionette mit Strick um den Hals

Der ehrliche Polizist oder Privatdetektiv ist verloren aber standhaft in einer verdorbenen Welt. Für seine Prinzipien dankt ihm das Schicksal mit miserablen Einkünften, privater Einsamkeit und dem Groll der kriminellen Mächtigen, die ihn regelmäßig ermorden wollen oder ihn wenigstens ausgiebig verprügeln lassen. Der so malträtierte Ermittler wird zum Ritter, der seiner Herrin Justizia in guten (selten) und in schlechten (Normalzustand) Tagen die Treue hält.

Max Mingus gehört in die lange Reihe dieser Helden. Er ist ganz modern sogar besonders tragisch, weil er (scheinbar) gegen den Kodex verstoßen hat: Mingus war in jungen Polizei-Jahren Mitglied einer gesetzlich sanktionierten aber moralisch verkommenen Lynch-Truppe, die dreist Selbstjustiz praktizierte. Später nahm er 20 Mio. Dollar Drogengeld an sich, statt es der Polizei zu übergeben. Im Gefängnis hat er ebenfalls gesessen und es vorzeitig nur verlassen können, weil alte und nicht gerade unbescholtene Freunde im Hintergrund entsprechende Verbindungen spielen ließen.

Aber wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Mingus ist durch seine Fehler erst recht zum Helden geworden – zu einem gefallenen und dadurch menschlichen Helden. Dem Vigilantentum hat er abgeschworen, das meiste Schwarzgeld wohltätigen Zwecken zugeführt. Er schläft schlecht, weil ihn trotzdem das Gewissen plagt. Tatsächlich wirkt er als ermittelnder Schmerzensmann ein wenig übertrieben, wenn ihm Autor Nick Stone quasi im Minutentakt einen neuen Knüppel zwischen die Beine wirft.

Ein neues Land, das alte Unrecht

Die ersten beiden Mingus-Romane spielten zentral auf der Insel Haiti. Die als Krimis aufgezogenen Geschichten dienten Stone der Darstellung eines Unrechts, das dem glücklicheren Rest der Welt unbekannt ist oder verdrängt wird. Haiti war und ist ein Land, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Was dies bedeutet, wusste Stone in Mr. Clarinet (dt. Voodoo) und The King of Swords (dt. Der Totenmeister) ebenso meisterhaft wie drastisch zu verdeutlichen.

Dennoch konnte ein dritter Mingus-Thriller wohl nicht mehr in Haiti spielen, ohne die Wahrscheinlichkeit allzu sehr zu strapazieren (oder die Leser – ein wankelmütiges Volk – zu langweilen). Auf einen moralischen Impetus mochte Stone jedoch nicht verzichten. Er richtete sein Augenmerk auf Kuba, ein weiterer karibischer Inselstaat, dessen Bürger einem Zwangsregime unterworfen sind. Diese Entscheidung birgt bereits den Keim einer Kritik: Stone scheint ein korruptes Regime gegen ein anderes zu tauschen und sich in Wiederholungen bekannter Anklagen zu erschöpfen. Zwar berücksichtigt er die politisch anders gelagerte Situation, schwelgt aber dessen ungeachtet in Schilderungen einschlägiger Übeltaten.

Das macht Stone allerdings mit der bekannten Mischung aus Anschaulichkeit und Unterhaltung, weshalb man ihm das Beharren auf vor allem ihm wichtige Themen verzeiht. Todesritual kann zudem mit einem Plot aufwarten, der dies rechtfertigt. Stone beschränkt sich keineswegs darauf, die Verbrechen des kubanischen Regimes anzuprangern. Er stellt ihnen die Machenschaften einer US-Politik gegenüber, die sich seit mehr als einem halben Jahrhundert darauf beschränkt, Kuba vom Rest der Welt zu isolieren und in den Ruin zu treiben.

Trauriger Mann in schmutziger Welt

Längst hat sich der Konflikt verselbstständigt. In Sachen schmutziger Tricks bleiben sich die USA und Kuba nichts schuldig. Stone beschreibt zwei in alten und veralteten Vorstellungen verkrustete Gegner, die stur fortsetzen, was sie einst vom Zaun gebrochen haben.

Aus der erträumten sozialistischen Muster-Republik Kuba ist ein Armenhaus geworden, dessen Regime sich nur durch Gewalt an der Macht halten kann. Allgegenwärtig sind Geheimpolizisten, Spitzel, Denunzianten, während die Infrastruktur vom Mangel als Normalzustand geprägt ist. Stone sieht keine Hoffnung auf bessere Zeiten: Sollte das Castro-Regime einmal die Flagge streichen, werden die USA und die übrige ´kapitalistische´ Welt umgehend dort anknüpfen, wo sie 1959 aufgrund der »revolución« einhalten mussten, Kuba mit den zweifelhaften Segnungen einer globalisierten Marktwirtschaft konfrontieren und dabei an sich bringen, was die verarmte Bevölkerung nicht halten können wird.

Stone schickt Mingus auf eine lange Autofahrt über staubige Inselstraßen und versucht dabei eine Bestandsaufnahme. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Kuba sich in einer Endzeit befindet. Es muss und wird sich Grundlegendes ändern, doch Grund zum Optimismus gibt es (s.o.) nicht.

Verbrechen als Frage der Definition

Stone nimmt sich Zeit, die Probleme Kubas darzustellen. Der ursprüngliche Plot scheint dabei mehrfach in den Hintergrund zu geraten. "Todesritual ist kein Krimi oder Thriller für Genre-Puristen. Das Verbrechen wuchert für Stone stets dort am üppigsten, wo es instrumentalisiert wird. Also postuliert er auch in den sich vordergründig musterdemokratisch gebenden USA Behörden, Geheimdienste und sogar Todesschwadronen, die mit der verschleierten Billigung einer lobbyistisch unterwanderten Politik lästige ´Gegner´ ausschalten, wobei Drogenbarone und Terroristen problemlos in einen Topf mit Bürgerrechtlern oder allzu neugierigen Journalisten geworfen werden.

In diesem Hexenkessel kann Max Mingus nur deshalb überleben, weil er vom Hauptstrom der Ereignisse immer wieder an einen abgelegenen Strand geworfen wird. Auch dieses Mal kommt er davon, weil die großen Fische einander zu zerfleischen beginnen und er aus ihrem Blickfeld gerät. Allerdings ist dies auch der Zeitpunkt, da sich Stone daran erinnert, dass er ein weiteres Kapitel der Mingus-Saga aufschlagen will. Also klinkt er sich und seinen Helden vom bereits aufgelösten Fall aus und gräbt für einen gewagten Final-Twist Mingus´ alte Nemesis Solomon Boukman wieder aus.

Der haust eigentlich auf Haiti, hat aber wie jedes überlebensgroße und globale Schurken-Genie diverse Filialen gegründet, um auch an anderen Orten seine tückischen Spielchen zu treiben. Zudem stellt sich heraus, dass er viel Zeit darauf verwendet hat, Mingus in den seelischen Ruin zu treiben. An diesem Punkt übertreibt Stone. Die bisher sehr überzeugende Geschichte benötigt diesen Twist und die ihm zugrundegelegte Verschwörung nicht. Sie leidet eher darunter, zumal allzu offensichtlich wird, dass Stone hier ein Hintertürchen für eine Fortsetzung des Ringens Mingus-Boukman öffnet. Weniger darüber sondern über einen weiteren Mingus-Roman würde sich der Leser freuen, denn Stones Talent, Hochspannung mit nicht übertriebenem Anspruch zu kombinieren, sorgt auch ohne Altlasten für intensiven Lektüregenuss.

Michael Drewniok, Oktober 2012

Ihre Meinung zu »Nick Stone: Todesritual«

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Hilgenstock zu »Nick Stone: Todesritual« 10.07.2013
Ich kann dem ersten Kommentator ganz und gar nicht zustimmen, obwohl ich auch die ersten Bände gelesen habe, fand ich das Buch äußerst spannend.Zwar ist die Sich von Kuba schon sehr amerikanisch, ich habe es ganz anders gesehen. Dennoch war ich von Anfang bis zum Ende, das ein wenig "to much" war,gefesselt, und dass, obwohl ich Amerikanische Actionthriller eigentlich nicht bevorzuge.
Sehr empfehlenswert!
Stefan83 zu »Nick Stone: Todesritual« 28.10.2012
Wenn „Endlich“ das erste Wort ist, welches einem nach Zuklappen des Buches durch den Kopf geht, spricht das eigentlich nie für die Qualität des soeben Gelesenen. Und auch „Todesritual“, der dritte Roman um den Privatermittler Max Mingus, macht da keine Ausnahme. Nach dem überaus gelungenen „Voodoo“ und dem diabolisch-düsteren „Der Totenmeister“ fällt Nick Stones neuestes Werk in allen Belangen erheblich ab. Über die gesamte Distanz von fast 580 Seiten wirkt es beinahe so, als hätte man da einen lustlosen Autoren mühsam zum Schreiben prügeln müssen, derart fad und dröge plätschert der Plot dahin, den diesmal selbst die bildreichen Landschaftsschreibungen vom Inselstaat Kuba nicht retten können.

Mingus, der in den 80ern als Cop Miamis Schattenwelt mit skrupelloser, harter Hand aufgeräumt und dabei selbst vor Beweisfälschung, Mord und Zeugeneinschüchterung nicht Halt gemacht hat, ist ein alter, gebrochener Mann geworden. Sein in „Voodoo“ erworbenes Drogengeld ist dahin, seine Frau tot, der Lebensmut verschwunden. Und fast scheint es so, als wäre es seinem Schöpfer ähnlich ergangen. Wie sonst lässt sich diese fehlende Dramatik, diese gänzliche Abwesenheit vom Tempo oder gar einem Spannungsbogen anders erklären? Anfangs noch wohlwollend, bald zunehmend gelangweilt und irgendwann nur noch genervt folgt man Mingus' „Ermittlungen“ auf Castros Kuba, das Stone zwar plastisch zum Leben erwecken weiß, welches aber der schläfrig im ersten Gang dahin schlummernden Handlung auch keine höheren Drehzahlen geben kann. Unglaublich wie man hier eine einstmals interessante Persönlichkeit wie Max Mingus, dessen düstere Vergangenheit soviel Potenzial für eine große Geschichte geboten hätte (James Lee Burke macht es vor), auf solch leichtfertige Weise „verbrennt“ und der bis hierhin so aussichtsreichen Reihe jeglichen Reiz nimmt.

Habe ich noch zuvor über das anders gestaltete Cover von „Todesritual“ bei Goldmann die Nase gerümpft, bin ich nun beinahe froh, dass man eine Zugehörigkeit zu den beiden Vorgängern nicht gleich optisch erkennen kann, die sowohl stilistisch als auch inhaltlich in einer ganz anderen Liga spielen und deren passende Vorlage Stone schlichtweg ungenutzt lässt. Was bleibt ist ein Private-Eye-Thriller, der zwar in Gerüst und Aufbau noch an z.B. „Voodoo“ erinnert, nie aber diese beklemmende Atmosphäre erzeugen kann, welche mich damals dazu gebracht hat, hastig über die Schulter zu gucken und die Seiten schneller zu blättern. Das Mitfiebern, mitleiden, mithoffen - es findet hier schlicht nicht statt. Die Figuren, ihre Ängst und Träume, sie berühren nicht. Und an diesem Punkt, dieser mangelnden Intensität, scheitert „Todesritual“. Nick Stones Geschichte über den verbitterten, desillusionierten Ermittler hebelt sich selbst aus, weil dem Leser das Schicksal des Helden genauso egal ist, wie der letztliche Ausgang seiner Reise.

Wie diese dann endet, passt zum Gesamtbild des Romans. Nick Stone greift tief in die Mottenkiste, um das Finale mit künstlicher Dramatik zu würzen und setzt dem ideenlosen Gesamtbild das Krönchen auf. Weitere Fortsetzungen sind nicht ausgeschlossen. Es bleibt zu hoffen, dass Stone wieder zurück in die Spur findet und sich auf seine alten Stärken besinnt. Ansonsten sehe ich auch hier die Gefahr, dass Max Mingus im Mainstream-Allerlei versumpfen wird. Ein Schicksal, dass diese so facettenreiche Figur, deren Weg ich zuvor so gern mitverfolgt habe, nicht verdient hätte.

Insgesamt ist „Todesritual“ für mich schon jetzt eine der großen Enttäuschungen des Jahres 2012. Kein handwerklich schlechter Roman, aber ein graues, sich müde dahinschleppendes Werk ohne Höhen, das man sich angesichts der so großen, besseren Konkurrenz in diesem Genre einfach mal sparen kann.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Manfred Braun zu »Nick Stone: Todesritual« 29.08.2012
Nick Stone erzählt geradeheraus eine sehr spannende Geschichte um Max Mingus, der dritte Teil dieser Krimi-Serie. Da muß ich einfach weiterlesen, da kann ich keine großen Pausen einlegen. Ich kenne die Karibik persönlich ganz gut und Stone beschreibt die Schauplätze sehr authentisch, die Stimmung stimmt. Bitte beachten: Der Totenmeister ist der erste Teil um Mingus, Vodoo ist der zweite Teil. Es ist sehr schade ,wer die Bücher durcheinander liest und nicht in der richtigen Reihenfolge, da entgeht dem Leser so manches Detail und/oder interessante Info. Nick Stones Krimis sind ja auch immer ein Ausflug in die politische brisante Vergangenheit Haitis und nunmehr Kubas, also Geschichtsunterricht en passant, was will man mehr. Für mich ist Nick Stone einer der besten zeitgenössischen Krimiautoren.88°!

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