Die Behandlung von Mo Hayder

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel The Treatment, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 2 der Jack-Caffery-Serie.

  • London: Bantam, 2001 unter dem Titel The Treatment. 497 Seiten.
  • New York: Doubleday, 2002. 497 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. Übersetzt von Christian Quatmann. ISBN: 3-442-30870-4. 497 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Christian Quatmann. ISBN: 3-442-45626-6. 497 Seiten.
  • München: Goldmann, 2006. Übersetzt von Christian Quatmann. 497 Seiten.
  • München: Goldmann, 2007. Übersetzt von Christian Quatmann. 497 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Random House Audio, 2002. Gesprochen von Dietmar Bär. 6 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-442-45626-6, 512 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Englischen von Christian Quatmann

Als alles vorbei war, musste sich Detective Inspector Jack Caffery von der Mordkommission Südlondon eingestehen, dass ihn an jenem wolkenverhangenen Juliabend in Brixton am meisten die Krähen aus der Fassung gebracht hatten.

Sie waren schon da, als er aus dem Haus der Familie Peach trat – gut zwanzig Vögel, die ihn vom Rasen des Nachbargartens aus zu beobachten schienen und sich weder um die Polizeiabsperrung scherten noch um die Neugierigen oder die Beamten von der Spurensicherung. Einige der Krähen hatten den Schnabel geöffnet, während andere nach Luft zu schnappen schienen. Sie starrten ihn an, als wüssten sie, was in dem Haus passiert war. Als machten sie sich insgeheim darüber lustig, wie sehr ihn der Anblick schockiert hatte, der sich ihm am Tatort geboten hatte, und als spotteten sie über seine unprofessionelle Reaktion, darüber, dass er die ganze Geschichte viel zu persönlich nahm.

Erst später gestand er sich ein, dass das Verhalten der Krähen völlig normal gewesen war, dass sie keinesfalls seine Gedanken gelesen oder gewusst haben konnten, was der Familie Peach Schreckliches zugestoßen war. Doch in diesem Moment ließ ihn bereits der Anblick der schwarzen Vögel erschaudern. Am Ende des Gartenweges blieb er stehen, streifte den Schutzanzug ab und reichte ihn einem Kriminaltechniker. Dann schlüpfte er in die Schuhe, die er jenseits des Absperrbands aus Plastik hatte stehen lassen, und ging auf die Vögel zu. Sie schlugen mit ihren blauschwarzen Flügeln, flatterten hoch und setzten sich ein Stück entfernt in einen Baum.

Der Brockwell Park im Süden Londons ist ein aus Baumgruppen und Wiesenflächen bestehendes, riesiges Dreieck, dessen Spitze bis zum Bahnhof Herne Hill reicht. Wie ein Riegel schiebt sich die knapp zwei Kilometer lange Grünfläche durch die Stadtlandschaft. Westlich des Parks liegt Brixton, wo die Gemeindearbeiter am frühen Morgen manchmal Sand auf die Straße streuen, um das nachts vergossene Blut zu bedecken. Im Osten grenzt der Park an den Stadtteil Dulwich mit seinen blumengeschmückten Altenresidenzen und neoklassizistischen gläsernen Kuppeldächern. Donegal Crescent, wie die Adresse des Tatorts lautete, lag umittelbar am Rand dieses Parks. Am Anfang der ruhigen, kleinen Straße lag eine mit Brettern vernagelte Kneipe, an ihrem Ende ein indischer Lebensmittelladen. Ansonsten war sie von Reihenhäusern des sozialen Wohnungsbaus aus den Fünfzigerjahren gesäumt. In den Vorgärten wuchsen weder Bäume noch Blumen, und die Fenster und Türen waren braun gestrichen. Nach vorne gingen die Häuser auf eine ungepflegte, hufeisenförmige Grasfläche hinaus, wo sich gegen Abend Kinder auf ihren Fahrrädern austobten. Caffery konnte sich gut vorstellen, dass sich die Peaches hier ziemlich sicher gefühlt hatten.

Er stand mit hochgekrempelten Ärmeln vor dem Haus und war froh, endlich wieder an der frischen Luft zu sein. Er drehte sich eine Zigarette und schlenderte dann zu einigen Beamten hinüber, die neben dem Einsatzwagen der Spurensicherung standen. Als er näher kam, brachen die Männer ihr Gespräch ab. Er wusste genau, was sie dachten. Obwohl Caffery erst Mitte dreißig und durchaus kein hohes Tier war, eilte ihm in Südlondon ein gewisser Ruf voraus. Ja, die Police Review hatte ihn sogar einmal als einen »unserer jung-dynamischen Aufsteiger« bezeichnet. Er wusste also, dass er in Polizeikreisen hohes Ansehen genoss, und fand diese Vorstellung eher komisch. Wenn die wüssten, dachte er nur und hoffte, dass keiner der Beamten seine zitternden Hände bemerken würde.

»Und?« Er zündete die Zigarette an und starrte auf eine versiegelte Plastiktüte, die ein junger Kriminaltechniker in der Hand hielt. »Was gefunden?«
»Wir haben das hier drüben im Park entdeckt, vielleicht zwanzig Meter hinter dem Haus der Familie Peach.«
Caffery betrachtete den Inhalt der Tüte, einen Kinderturnschuh von Nike, der kaum größer war als seine Handfläche. »Wer hat den gefunden?«
»Die Hunde, Sir.«
»Und?«
»Kurz darauf haben sie leider die Spur verloren. Zuerst waren sie ganz wild, kaum zu halten.« Ein Sergeant, der das blaue Hemd der Hundeführerstaffel trug, stand auf den Zehenspitzen und wies über die Dächer zu der Stelle, wo in der Ferne die Bäume des Parks dunkel in den Himmel ragten. »Zuerst sind sie die ganze Zeit dem Weg am westlichen Rand des Parks gefolgt, aber nach ungefähr einem Kilometer war plötzlich Schluss.« Er blickte skeptisch zum Abendhimmel auf. »Und jetzt wird es auch noch dunkel.«
»Ja, leider. Am besten, wir fordern Suchhubschrauber an.« Caffery gab dem jungen Mann den Turnschuh zurück. »Verwahren Sie das Ding in einer luftdichten, sterilen Tüte.«
»Wie bitte?«
»Haben Sie etwa nicht gesehen, dass Blut daran klebt?«

Die Scheinwerfer des Helikopters flammten auf und tauchten das Haus der Familie Peach und die Bäume unten im Park in gleißendes Licht. Im Vorgarten untersuchten Beamte der Spurensicherung in blauen Gummianzügen Zentimeter für Zentimeter den Rasen auf Spuren. Und jenseits des Absperrbandes standen die schockierten Nachbarn in kleinen Gruppen rauchend und flüsternd beisammen und umdrängten sogleich neugierig jeden Kripobeamten, der ihnen zu nahe kam. Auch die Presse war schon da und wartete ungeduldig auf Neuigkeiten.

Caffery stand neben dem Wagen der Einsatzleitung und blickte nachdenklich auf das Haus, ein zweistöckiges Reihenhaus mit grobem Kieselputz. Die Fensterrahmen waren aus Aluminium, über der Haustür sah man einen feuchten Fleck, und oben auf dem Dach war eine Satellitenschüssel installiert. In den Fenstern hingen weiße Gardinen, dahinter zugezogene dunkle Vorhänge.

Caffery hatte die Familie Peach – beziehungsweise das, was von ihr noch übrig war – zwar erst hinterher zu Gesicht bekommen, aber die Leute kamen ihm dennoch bekannt vor. Beziehungsweise nicht sie selbst, sondern der Typ, den sie verkörperten. Die Eltern, Alek und Carmel, gehörten nicht unbedingt zu jenen Opfern, die automatisch das Mitgefühl der Ermittler weckten: Beide waren Alkoholiker, beide waren arbeitslos, und Carmel Peach hatte sogar die Sanitäter beschimpft, als man sie zum Rettungswagen gebracht hatte. Den neunjährigen Rory, den einzigen Sohn des Paares, hatte Caffery allerdings nicht gesehen. Als er am Tatort eingetroffen war, hatten die Beamten des zuständigen Reviers schon das halbe Haus auseinander genommen und bereits in sämtlichen Schränken, auf dem Dachboden, ja sogar hinter der Wandvertäfelung nach dem Jungen gesucht. In der Küche hatte man einen Blutspritzer auf der Fußleiste entdeckt und in der Tür, die nach hinten in den Garten hinausführte, eine zertrümmerte Scheibe. Gemeinsam mit einem anderen Beamten war Caffery zu einem mit Brettern vernagelten Nachbarhaus gegangen, hatte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt und war dann auf dem Bauch durch ein Loch in der Hintertür in das Haus hineingekrochen. Entdeckt hatten die beiden allerdings nur die üblichen Obdachlosen-Hinterlassenschaften. Ansonsten kein Lebenszeichen. Auch von Rory Peach keine Spur. Alles in allem sprachen die Fakten eine sehr deutliche Sprache, und für Caffery beschworen sie zudem Ereignisse aus seiner Vergangenheit herauf, Erinnerungen, gegen die er sich nicht wehren konnte. Hör endlich auf mit dem Schwachsinn, Jack. Pass auf, dass du nicht noch mal völlig ausrastest.

»Jack?« Wie aus heiterem Himmel stand plötzlich seine Chefin, Chief Inspector Danniella Souness, neben ihm. »Alles in Ordnung?«
Er sah sie an. »Danni, mein Gott, gut, dass Sie da sind.«
»Was ist hier eigentlich los? Sie sehen ja verboten aus.«
»Danke, Danni.« Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht und streckte seine Glieder. »Ich bin ja auch schon seit Mitternacht in Bereitschaft.«
»Und was genau ist hier los?« Sie zeigte auf das Haus. »Hab ich recht verstanden – ein kleiner Junge wird vermisst? Rory?«
»Ja. Eine ganz üble Geschichte. Der Junge ist erst neun Jahre alt.«

Souness atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. Sie war stämmig gebaut und nur eins sechzig groß, doch in ihrem Männeranzug und den schweren Stiefeln brachte sie glatt siebzig Kilo auf die Waage. In diesem Aufzug, mit ihrem kurz geschorenen Haar und ihrer blassen Haut sah sie eher wie ein jugendlicher Straftäter bei seinem ersten Gerichtstermin aus als eine vierzigjährige Chefinspektorin. Doch das täuschte. Sie nahm ihren Job ausgesprochen ernst. »Und was sagen die Kollegen von der Kripo?«
»Die haben sich hier noch nicht blicken lassen.«
»Typisch – die faulen Säcke.«
»Die Jungs vom zuständigen Revier haben schon die ganze Bude auseinander genommen, aber bisher nichts gefunden. Ich hab Suchtrupps und Hundestaffeln in den Park geschickt und Suchhubschrauber angefordert.«
»Und woher wissen Sie, dass der Kleine sich im Park befindet?«

»Die Häuser hier stehen alle direkt am Rand des Parks.« Er wies auf die Bäume, die hinter den Dächern aufragten. »Außerdem gibt es einen Zeugen, der gesehen hat, wie irgendetwas das Haus Nummer dreißig durch die Hintertür verlassen hat und dann zwischen den Bäumen verschwunden ist. Im Übrigen war die Hintertür nicht abgeschlossen, und dann gibt es noch ein Loch im Zaun. Außerdem haben unsere Jungs am Rand des Parks einen Schuh gefunden.«
»Okay, okay. Klingt plausibel.« Souness verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete aufmerksam die Kriminaltechniker, die Fotografen und die Beamten des zuständigen Reviers, die geschäftig herumliefen. Im Eingang des Hauses überprüfte gerade ein Kameramann seinen Batteriegürtel und verstaute dann seine schwere Betacam vorsichtig in einer Kiste. »Sieht fast so aus, als würde hier irgendein verdammter Film gedreht.«
»Die Kollegen von der Spurensicherung wollen die ganze Nacht durcharbeiten.«
»Und was ist mit dem Rettungswagen? Die Idioten hätten mich vorhin fast über den Haufen gefahren.«
»Ach so, das war die Mutter. Man hat sie zusammen mit dem Vater ins King’s Hospital verfrachtet. Sie kommt auf jeden Fall durch, aber den Mann hat’s böse erwischt. Hat offenbar einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, der arme Kerl«, sagte Caffery und legte sich die Hand in den Nacken. Dann sah er sich um, neigte sich ein wenig zu ihr vor und sagte leise: »Danni, es gibt da ein paar Fakten, von denen die Schmierblätter auf keinen Fall Wind bekommen dürfen.«
»Zum Beispiel?«
»Wir haben es hier nicht mit einem Streit um das Sorgerecht zu tun. Der entführte Junge ist das Kind beider Eltern, es gibt also sonst niemanden, der Anspruch auf den kleinen Rory erheben würde.«
»Also Erpressung?«
»Nein, auch das nicht.« Die finanziellen Verhältnisse der Familie Peach waren nun wahrlich nicht dazu angetan, einem potenziellen Erpresser Hoffnungen zu machen. »Wenn ich Ihnen erzähle, was in dem Haus sonst noch so alles passiert ist, werden Sie sofort kapieren, wieso wir die Schmuddelpresse da raushalten müssen.«
»Also, was ist denn nun wirklich passiert?«

Caffery wies mit dem Kopf auf die Journalisten und die Nachbarn. »Am besten, wir verziehen uns in den Wagen dort drüben.« Er legte Souness die Hand auf den Rücken. »Ich möchte auf keinen Fall, dass uns jemand belauscht.«
»Also gut.« Souness kroch in den Wagen der Spurensicherung, und Caffery schob sich hinterher. Innen hingen Spaten, Schneidewerkzeuge und sonstige Hilfsmittel an den Wänden, und in der Ecke summte ein Kühlschrank, der offenbar zur Aufbewahrung verderblicher Beweisstücke diente. Er schloss die Tür und schob Souness mit dem Fuß einen Hocker zu. Als sie sich gesetzt hatte, nahm er ihr gegenüber Platz, stützte die Hände auf die Knie und sah sie aufmerksam an.
»Ja, und?«
»Ziemlich beunruhigend, die ganze Geschichte.«
»Was heißt das?«
»Der Täter muss sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten haben.«

Souness legte die Stirn in Falten und schüttelte konsterniert den Kopf. Offenbar hatte sie das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte. »Er hat sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten?«
»Genau. Und zwar rund drei Tage. Er hat die Leute gefesselt und ihnen weder etwas zu essen noch zu trinken gegeben. Detective Sergeant Quinn behauptet sogar, dass spätestens innerhalb der nächsten zwölf Stunden einer von ihnen gestorben wäre.« Er hob die Augenbrauen. »Das Schlimmste ist allerdings der Gestank.«
Souness verdrehte die Augen. »Klingt verlockend.«
»Und dann ist da noch dieses Geschmiere an der Wand.«
»Herrgott.« Souness lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch ihr Borstenhaar. »Klingt ganz schön pervers.«
Er nickte. »Ja. Aber der Kerl kann noch nicht weit sein. Wir haben den ganzen Park abgeriegelt, den kriegen wir.«
Er wollte schon wieder aus dem Wagen steigen.
»Jack?«, hielt Souness ihn zurück. »Da ist doch noch etwas.«

Er stand einen Augenblick schweigend da und rieb sich mit der Hand den Nacken. Fast kam es ihm vor, als ob sie mit ihren wachen Augen direkt in seinen Kopf geschaut hätte. Sie mochten einander, ohne genau sagen zu können, worauf ihre wechselseitige Sympathie beruhte. Jedenfalls arbeiteten sie gerne zusammen. Trotzdem gab es da ein paar Dinge, über die er auch mit ihr lieber nicht sprach.

»Nein, nein, Danni«, murmelte er schließlich und brachte umständlich seinen Schlips in Ordnung. Er wollte lieber gar nicht wissen, wie weit sie ahnte, was in ihm vorging. »Am besten, wir gehen jetzt los und schauen uns mal etwas im Park um.«

Draußen war inzwischen die Nacht hereingebrochen. Über dem Brockwell Park stand tief und rot der Mond am Himmel.
Vom hinteren Ende des Donegal Crescent aus schien es, als würde sich der Brockwell Park kilometerweit erstrecken und den gesamten Horizont ausfüllen. Seine Hügel waren fast kahl, bis auf ein paar schäbige, unbelaubte Bäume auf der Kammlinie und eine Gruppe immergrüner Exoten auf dem höchsten Punkt. Am Westhang hingegen drängten sich auf einer mehrere Fußballfelder großen Fläche zahllose Bäume dicht aneinander: Bambus, Silberbirken und Kastanien. Die Bäume gruppierten sich um vier stinkende Weiher und sogen sogar die Feuchtigkeit aus dem Boden ringsum. Man konnte sich hier beinahe wie im Dschungel fühlen, und im Sommer schien es manchmal, als ob die Weiher dampften.

Nur ein paar Minuten, bevor die Polizei gegen 20 Uhr 30 den Park abriegelte, ging an diesem Abend unweit der Tümpel ein einzelner Mann spazieren, dessen Miene seine innere Anspannung verriet. Roland Klare war ein einsamer Mann, der fast das Leben eines Einsiedlers führte, mit merkwürdigen Gewohnheiten und Phasen völliger Lethargie. Nur hier und da überkam ihn plötzlich eine unbegreifliche Sammelwut. Klare war gewissermaßen das menschliche Gegenstück eines Aaskäfers und konnte einfach alles gebrauchen. Den Park kannte er wie seine Westentasche, und er kam des Öfteren hierher, um Abfalleimer zu durchstöbern oder unter Parkbänken nach interessanten Fundstücken Ausschau zu halten. Die Menschen mieden ihn. Schon der penetrante Gestank, den er verströmte – eine Mischung aus ranzigem Schweiß und Urin -, hielt die Leute von ihm fern.

Jetzt stand er, die Hände in den Taschen, unter den Bäumen und starrte auf einen Gegenstand vor seinen Füßen. Er hob das Objekt auf, betrachtete es aufmerksam und hielt es ganz nahe vor sein Gesicht, da es inzwischen fast völlig dunkel geworden war. Eine Pentax-Kamera – gute Marke, auch wenn das Gerät schon reichlich mitgenommen aussah. Roland Klare interessierte sich für Kameras. Zwischen all dem Müll, den er zusammengetragen hatte, verwahrte er irgendwo in seiner Wohnung drei kaputte Kameras und sogar diverse Bestandteile einer Dunkelkammer. Er steckte die Pentax rasch in die Tasche. Dann wühlte er in der Hoffnung auf weitere Fundstücke noch ein wenig mit den Füßen im Laub. Erst am Morgen hatte es kräftig geregnet, doch die gnadenlose Nachmittagssonne hatte das lange Gras bereits wieder getrocknet. Knapp einen Meter entfernt lag ein Paar rosa Gummihandschuhe, die Klare zusammen mit der Kamera in seiner Tasche verschwinden ließ. Als er nichts mehr fand, setzte er schließlich seinen Weg in der Dämmerung fort. Unter einer Straßenlaterne inspizierte er die Gummihandschuhe und fand, dass es sich nicht lohnte, sie zu behalten. Zu abgetragen. Also warf er sie in der Railton Road in einen Mülleimer. Aber die Kamera? Nein, eine solche Kamera, von der trennte man sich nicht so leicht wieder.

Es war ein ruhiger Abend für India 99, den zweimotorigen Squirrel-Hubschrauber vom Luftstützpunkt Lippits Hill. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Hitze und die niedrig hängende Wolkendecke machten der Mannschaft zu schaffen, also flogen die Männer möglichst rasch die zwölf Standardziele ab, die zu ihrer Runde gehörten – Heathrow, den Millennium Dome, Canary Wharf, etliche Kraftwerke, darunter auch das in Battersea. Sie wollten gerade einen weiter gehenden Kontrollflug unternehmen, als sich die Zentrale meldete. »Hallo, India Lima an India neun neun.«
Der Kommandant hielt sich das Mikrofon vor den Mund. »Was ist los, India Lima?«
»Wo sind Sie?«

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