Die Nacht der Macht. Der Spion und der Präsident von Liaty Pisani

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel La spia e il presidente, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Diogenes.
Folge 5 der Ogden-Serie.

  • Mailand: Sperling & Kupfer, 2002 unter dem Titel La spia e il presidente. 306 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2002. Übersetzt von Ulrich Hartmann. ISBN: 3-257-06328-8. 344 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2004. Übersetzt von Ulrich Hartmann. ISBN: 3-257-23432-5. 344 Seiten.

'Die Nacht der Macht. Der Spion und der Präsident' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

New York, August 2001. Oligarch Borowski wird nervös: Seine Wahrsagerin hat ihn verlassen. Kurz bevor ein Anschlag auf den russischen Präsidenten stattfinden soll. Solange sie ihre Visionen hatte, fühlte er sich sicher. Nun plagen ihn Alpträume. Was hat sie gesehen? Eins ist sicher: Sie weiß viel. Für Agent Ogden und seinen Dienst Grund genug, sich um sie zu kümmern. Denn Ogden hat von höchster Stelle den Auftrag erhalten, den russischen Präsidenten zu schützen und seine Feinde auszuschalten. Wäre da nur Borowski, der Auftrag wäre schnell erledigt. Aber das Netzwerk gegen den Präsidenten spannt sich über die ganze Welt: von Afghanistan über Tschetschenien bis in die usa. Auch in Europa wird am Staatsstreich gearbeitet. Mafiaboss Kachalow ist kurz davor zuzuschlagen. Zu dumm, dass Borowski so unberechenbar geworden ist. Mit seiner Nervosität gefährdet er die ganze Aktion. Kachalow zitiert ihn nach Paris, doch die Situation ist bereits aus dem Ruder gelaufen …Liaty Pisani scheut sich nicht, die Probleme des neuen Jahrtausends beim Namen zu nennen: Machtstreben, Terror und Haß. Unerbittlich läßt sie ihre Figuren einen Kampf austragen, bei dem es am Ende nur Verlierer geben kann. Verloren wird: die Menschlichkeit. Mit wenigen Ausnahmen.

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Oliver Wieters, M.A. zu »Liaty Pisani: Die Nacht der Macht. Der Spion und der Präsident« 27.10.2005
Ein bombensicherer Charakterpanzer
Liaty Pisanis Thriller Die Nacht der Macht

von Oliver Wieters

Es ist Hochsommer und Ogden, der Top-Spion des größten regierungsunabhängigen Geheim-dienstes der Welt, will einen Mord begehen: Sein Opfer, dem er bis in eine russische Kirche in Paris gefolgt ist, heißt Pawel Borowskij und ist einer der mächtigsten Oligarchen Rußlands, die nach Glasnost ein Vermögen in kolossaler Höhe geraubt haben. Aus den Augenwinkeln beobachtet Ogden den von schweren Gewissensnöten heimgesuchten Schwerverbrecher, der gerade vor einer Ikone um Vergebung für seine zahllosen Sünden betet, darunter die Versen-kung des größten Unterseeboots der russischen Flotte. Vorsichtig zieht Ogden seine Pistole aus der Manteltasche und geht langsam auf ihn zu. Doch noch ehe er abdrücken kann, greift sich Borowskij mit den Händen an die Kehle und fällt mit einem Klagelaut tot zu Boden: Herzinfarkt infolge einer Überdosis von Antidepressiva und Wodka.
Der italienischen Thriller-Autorin Liaty Pisani verdanken wir die Einsicht, daß auch knall-harte Spione von Zeit zu Zeit zum Psychiater müssen. In ihrem ersten Ogden-Roman "Der Spion und der Analytiker", 1991 im italienischen Original und drei Jahre später auf Deutsch erschienen, legt sie ihren Helden auf die Couch eines Wiener Psychoanalytikers und läßt ihn zu einer nicht unbedingt schmeichelhaften Selbsterkenntnis gelangen, zu der sein von Selbst-zweifeln verschonter Kollege James Bond unfähig war: "Um sich in diesem Beruf als Profi zu fühlen, genügt es, psychisch angeschlagen zu sein. Je gestörter, desto geeigneter, das ist al-les."
Auch Ogden, der weltgewandte, sympathische Spion ohne Vornamen mit einer Vorliebe für maßgeschneiderte Anzüge aus der Saville Road, ist alles andere als ein normaler Mensch. Bereits als Kind wurde er von Casparius, dem verstorbenen Gründer des mächtigen Söldner-geheimdienstes, zum Agenten ausgebildet. Die Narben seiner unglücklichen Kindheit haben sich Ogden tief eingegraben: Er ist unfähig zur Freude, empfindet für die Gesellschaft tiefe Fremdheit und hat sich als Schutz vor menschlicher Nähe - so Piatys von Wilhelm Reich ent-liehene Bezeichnung - einen "bombensicheren Charakterpanzer" zugelegt. Um in einer Welt von abhörsicheren Krypto-Handys, geheimen Gästehäusern und gepanzerten Limousinen ü-berleben zu können, muß ein perfekter Spion auch emotional "perfekt" sein: Seine größte Ge-fahr sind kleine, scheinbar harmlose Offenbarungen, im allgemeinen post coitum. Dies gilt um so mehr, wenn er sich wie Ogden den Luxus eines Gewissens leistet.
In ihrem neuesten Roman "Die Nacht der Macht" zeigt Liaty Pisani auf ebenso spannende wie hintersinnige Weise, daß nicht nur Spionen, sondern auch Gewohnheits-Verbrechern das Gewissen zu schaffen machen kann. Zumindest wenn man so abergläubisch ist wie jener Pa-wel Borowskij, der zwar seine Gegner, nicht aber sein schlechtes Gewissen ausschalten konn-te. Kurze Zeit vor seinem unrühmlichen Ende in der Kirche sagt ihm sein privates Medium Irina auf den Kopf zu, daß die durch seine Schuld auf dem Meeresgrund begrabenen Seeleute Rache fordern. Das Instrument dafür haben sie schon gefunden: In Gestalt des russischen Prä-sidenten Wladimir Sablin, einem Ex-KGB-Offizier, der den Oligarchen und der Mafia überra-schend den Krieg erklärt hat. Sablin hat insgeheim den Dienst damit beauftragt, die Verant-wortlichen für den Untergang zu eliminieren, hinter dem er zu Recht russische und tsche-tschenische Mafiosi, Oligarchen, ehemalige Genossen und ihre Handlanger vom einstigen KGB vermutet. Für Ogden, seinen Chef Stuart und die anderen Mitarbeiter des in Berlin an der Spree beheimateten Dienstes eine doppelt bezahlte Aktion vom „Typ A“ mit hoher Wahr-scheinlichkeit, zu töten oder getötet zu werden. Der Sieger steht für sie fest: "Bald wirst Du tot sein, Genosse!"
Nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten wird man Liaty Pisanis fünften Og-den-Roman mit anderen Augen lesen, denn er spielt vor dem Hintergrund global operierender Verbrecher, deren Geschäfte von einer so enormen Größenordnung sind, daß sie Banken und Regierungen strammstehen lassen können. Sie verfügen – darin Ogdens Dienst nicht unähn-lich – über eine veritable Privatarmee, einen eigenen Satelliten und eigene Flugzeuge und sind sogar in der Lage, mit Hilfe islamistischer Terroristen einen Krieg in Tschetschenien zu ent-fachen, um den russischen Präsidenten zu diskreditieren und die eigenen Kriegsgeschäfte zu erweitern.
Die Welt im Würgegriff der kriminellen Globalisierung: So könnte das Motto des Romans lauten, dessen Illustrierung die italienische Autorin, wie im Thriller üblich, den manchmal etwas zu lang geratenen Dialogen auflastet. Das im Roman mehr essayistisch als erzählerisch behandelte Themenspektrum reicht von der russischen Invasion in Afghanistan, über den Tod eines Demonstranten während des Globalisierungsgipfels in Genua bis hin zu gewagten Spe-kulationen über Osama Bin Ladens vermeintliches Engagement in Tschetschenien. Daß der Roman mit der Zerstörung des World Trade Centers endet, zeigt, wie sehr Pisani mit heißer Nadel gestrickt hat. Der deutsche Titel des Buches unterstreicht diesen Umstand noch: laylat al-qadr, die Nacht der Macht, nennen Muslime eine der letzten zehn Nächte des Ramadan, an dem der Koran herabgesandt wurde. Ein gläubiger Muslim, der in der Nacht des Ramadan betet, kann mit der Sündenvergebung Gottes rechnen. Von islamistischen Terroristen ist aller-dings im Roman nur am Rande die Rede. Pisani geht es nicht um die religiös motivierten, sondern um die politischen Hintergründe des Terrors. So gesehen hätte es der Verlag besser bei dem Originaltitel Der Spion und der Präsident belassen sollen, der nahtlos an die Titel der früheren Ogden-Romane Der Spion und der Analytiker, Der Spion und der Dichter, Der Spi-on und der Bankier und Der Spion und der Schauspieler, angeschlossen hätte.
Wer die Ogden-Romane gelesen hat, weiß um Pisanis Einzigartigkeit in der heutigen Spio-nage-Literatur. Sie vermag nicht nur Spannung bis zum Zerreißen zu erzeugen, sondern zeichnet auch einfühlsame Porträts von Menschen, die sich in ihrer Welt so fremd fühlen wie Spione, die von Berufs wegen Außenseiter sind. Da verwundert es nicht, daß zu den literari-schen Vorbildern der 1950 in Mailand geborenen Autorin, die als Dreizehnjährige zunächst mit Lyrik hervorgetreten ist, nicht nur Thriller-Klassiker wie Eric Ambler und John Le Carré gehören, sondern auch Altmeister der Menschenkunde wie Marcel Proust und Vladimir Na-bokov. Zu den privaten Vorlieben Pisanis gehört zudem die Parapsychologie, die auch in "Die Nacht der Macht" wie selbstverständlich das Geschehen vorantreibt.
Pisani versteht es meisterhaft, einen spannenden Plot mit einem guten Stil zu verbinden. Seit ihrem ersten Ogden-Roman hat Liaty Pisani eine ganze Reihe brisanter Themen aufge-griffen, darunter den Absturz eines italienischen Zivilflugzeugs im Jahr 1980, das geraubte Vermögen von Nazi-Opfern in Tresoren Schweizer Banken und diesmal den Untergang des russischen Atom-Unterseeboots "Kursk". Pisanis Romane treiben ein schillerndes Spiel mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Was fasziniert so viele Leser an diesen ebenso spannenden wie brillant geschrieben literarischen Thrillern? Eine mögliche Antwort findet sich in Pisanis neuem Roman selbst: Während der Leser Ogden in Erfüllung seines Auftrags durch halb Europa folgt, geht es ihm ein wenig wie Verena, Ogdens neurotischer Geliebter: Der melancholische Spion und sein Dienst, so räsoniert sie, zeigen ihr immer wieder von neu-em, daß es tatsächlich unzählige Gründe gibt, Angst zu haben und daß die Welt wirklich ein furchtbarer Ort ist.

Liaty Pisani, Die Nacht der Macht. Der Spion und der Präsident. Roman, aus dem Italieni-schen von Ulrich Hartmann, Diogenes September 2002 (Originaltitel: La spia e il presidente).
Euro 21.90 / sFr 37.90, Leinen, 352 S. ISBN: 3-257-06328-8
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