Unter Trümmern von Jürgen Heimbach

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Mainz, 1930 - 1949.

  • Bielefeld: Pendragon, 2012. ISBN: 978-3865323415. 448 Seiten.

'Unter Trümmern' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Mainz 1946: Der Winter ist hart und die Bevölkerung leidet unter Kälte und Hunger. Die Stadt ist zerstört. Die Menschen kämpfen ums Überleben und sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Der Schwarzmarkt blüht. Nach zwölf Jahren kehrt Paul Koch nach Deutschland zurück. Die Polizei braucht jeden politisch »Unbelasteten«. Doch Kollegen und Vorgesetzte begegnen dem Kriminalkommissar mit Misstrauen. Bei einem Überfall auf ein Warendepot wird ein Wachmann getötet. Einer der Täter bleibt schwer verletzt zurück. Seine Ermittlungen führen Koch zu dem wohlhabenden Bauunternehmer Helmut Brunner. Zunächst kann der Kommissar dem aalglatten Lebemann nichts nachweisen. Und dann stirbt auch noch der einzige Zeuge unter dubiosen Umständen. Jetzt ist Kochs Ehrgeiz endgültig geweckt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Packender Krimi vor zeithistorischer Kulisse.« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Mainz, 1946: Paul Koch war seit über zehn Jahren nicht mehr in Deutschland, da es ihn Anfang der 30er Jahre zunächst nach Frankreich und später nach Spanien zog, wo er gegen Franco kämpfte. Doch jetzt ist er wieder zuhause und fragt sich zunehmend, warum er eigentlich zurückgekehrt ist. Als Kriminalkommissar sucht er den Mörder eines Wachtmannes, der bei einem Einbruch in ein Warenlager erschossen wurde. Zwei Tätern gelang die Flucht, ein dritter Beteiligter, Franz Hartmann, liegt schwer verletzt und nicht ansprechbar im Krankenhaus. Während Koch darauf wartet, dass ihm sein einziger Zeuge befragt werden kann, geschieht ein weiterer Mord. Peter Gerber wird erstochen auf dem elterlichen Bauernhof aufgefunden, doch obwohl es einige Unstimmigkeiten gibt, wird Koch von seinem Chef Arnheim angehalten, den Fall zum Abschluss zu bringen. Schließlich kommt es immer wieder vor, dass sogenannte DP (Displaced persons) in ihrer Not vor nichts zurückschrecken.

»Vielleicht hat sich der Mann ja getäuscht. Es war kein Mercedes. Oder er hat die Geschichte einfach erfunden, damit wir ihn in Ruhe lassen.«
Nun platzte all der Ärger aus Koch heraus. »So einen Mist habe ich mir eben erst anhören müssen. Haben Sie sich das mit Arnheim gemeinsam überlegt? Auf wessen Seite stehen Sie, Siggi, auf wessen Seite…?«

Aber so einfach mag es sich Koch nicht machen, aber wem kann er in seiner Umgebung eigentlich trauen? Er, der zur Nazizeit im Ausland lebte, wird von seinen Kollegen gemieden, er selber wittert wiederum an jeder Ecke einen alten Nazi. Einmal dabei, immer dabei. Nur in Gerhard Reuber, der für Raub- und Schwarzmarktdelikte zuständig ist, sowie in seinem jungen Partner Siegfried Maus findet er Verbündete.

Diese sind auch nötig, denn plötzlich stirbt Franz Hartmann durch einen Verkehrsunfall. Aber wie konnte der Schwerverletzte das Krankenhaus überhaupt verlassen, um von einem LKW überfahren zu werden? Immer wieder führen die Spuren zu dem ebenso zwielichtigen wie aalglatten Unternehmer Helmut Brunner. Aus Sicht von Koch ein Kriegsgewinnler und damit der neue Klassenfeind schlechthin…

Unter Trümmern entführt seine Leser in das Jahr 1946. Genauer gesagt nach Mainz, welches von den Franzosen besetzt ist. Die Kriegsauswirkungen sind unübersehbar, viele Ortsteile liegen in Schutt und Asche, es fehlt am Nötigsten. So zum Beispiel an Medikamenten wie Dorothea »Dorle« Becker immer wieder erfahren muss. Ihr Sohn Rolf verlor im Krieg ein Bein, hat unerträgliche Schmerzen und kann selbst nachts kaum schlafen. In ihrer Not wendet sich Dorle an Brunner, der ihr verspricht zu helfen, freilich nicht ohne Hintergedanken. Zunächst aber soll Dorle für Brunner und dessen hochrangigen französischen Gast Lewwerknepp zubereiten. Schmecken die Lewwerknepp gibt es die Medikamente. Sollte es Ihnen jetzt gehen wie mir beim Lesen des Buches und Sie nicht wissen was die – gefühlt – hundert Mal erwähnten Lewwerknepp sind, dann »beschweren« Sie sich bitte beim Autor. Dieses eine Wort hätte gerne mal an einer Stelle ins Hochdeutsche übersetzt werden dürfen. So, hätten wir also einen Kritikpunkt gefunden.

Ansonsten ist Unter Trümmern nämlich eine spannende und durchweg unterhaltsame Geschichte, die in zwei Erzählsträngen (teilweise zeitversetzt) abläuft. Da sind die Ermittlungen von Paul Koch und das beschwerliche Leben der Dorle. Dorle benötigt nämlich für die Lewwerknepp (da sind sie schon wieder) Fleisch und das ist kaum zu bekommen, zumal wenn man nichts mehr hat, was man auf dem Schwarzmarkt eintauschen könnte. So sucht sie Peter Gerber auf, der mit ihrem Sohn Rolf vor Hitlers Machtergreifung eng befreundet war. Doch dieser weigert sich zu helfen. Dorle bricht daraufhin bei ihm ein, wird überrascht und greift als Peter zudringlich wird zum Messer (nein, kein Spoiler). Das schlechte Gewissen wird jedoch zunächst zurückgestellt, denn es geht um ihren Rolf. Endlich hat sie die wichtigen Medikamente erhalten, aber kaum zu Hause angekommen, erwartet sie ein weiterer Schock. So erzählt Unter Trümmern nicht nur zu was die Menschen in ihrer Notlage fähig sind, sondern auch von der Verrohung, die ein Krieg und/oder eine Diktatur auslösen können.

»Der alte Gerber hat ein Kopfgeld ausgesetzt für den, der ihm den Mörder seines Sohnes liefert.«
»Und? Was zahlt er?«
»Drei Kilo Fleisch.«

Paul Koch geht es kaum besser. Sein Nachbar verdient verbotener Weise sein Geld mit pornografischen Aufnahmen, hat aber dadurch immer reichlich Alkohol im Hause, den er gerne mit dem Kommissar teilt. Dieser sieht überall Nazis rumlaufen und macht sich so nur wenige Freunde. Auch der Umstand, dass seine Fäuste recht häufig in Bewegung sind, sorgt für Ärger im Büro und das er gar gegen den einflussreichen Brunner ermitteln möchte – und zwar nur gegen Brunner – dass bringt das Fass bei seinem Vorgesetzten zum Überlaufen. Man könne ja zumindest mal in Erwägung ziehen, dass es auch noch andere Tatverdächtige geben könnte.

Unter Trümmern ist eine detaillierte und nachdenklich stimmende Bestandsaufnahme des Nachkriegsdeutschlands. Hier ist nur wenigen Menschen klar, dass man das Geschehene zwar nicht vergessen darf, aber nach vorne schauen muss, damit es weitergeht. Ein packendes, zeithistorisches Werk.

Jörg Kijanski, November 2012

Ihre Meinung zu »Jürgen Heimbach: Unter Trümmern«

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fritzdoedl zu »Jürgen Heimbach: Unter Trümmern« 11.12.2014
Jürgen Heimbach präsentiert eine spannende, inhaltlich überzeugende Geschichte mit glaubhaftem historischem Hintergrund. Was allerdings aus dem Rahmen fällt und das Buch vom Niveau deutlich absenkt, ist die häufig bedeutungsschwangere Sprache. Ansonsten kann man nur hoffen, dass der Folgeroman hier lesbarer wird
Torsten zu »Jürgen Heimbach: Unter Trümmern« 18.07.2014
Ich kann mich dem Lob und den durchweg sehr hohen Bewertungen nun gar nicht anschliessen - ich fand das Buch letztlich schlicht langweilig und zäh.
Die Kriminalfälle treten gegenüber der Schilderung des Zeitgeschehens, bzw. der Umstände unter denen die Bevölerung damals leben musste natürlich in den Hintergrund, trotzdem ist der Krimianteil sehr sehr dünn, beschränkt er sich doch eigentlich nur auf die Bestätigung der Vermutung dass ein "Geschäftsmann" auch in der Nachkriegszeit weiter macht wie zuvor indem er mithilfe seiner Beziehungen agiert - und das Kommissar Koch diese Beziehungen Steine in den Weg legen.
Ein anderer Todesfall wird dann gleich ganz unbeachtet und ungelöst gelassen - sehr eindeutig für den nächsten Band der Reihe aufgespart.
Leider hat mir auch der Rest überhaupt nicht gefallen. Ich fand vieles viel zu überzeichnet und schablonenhaft, z.B. die Haltung Kochs, sein jähzorniges und auch völlig unsinniges Verhalten.
Auch Dorle fand ich kaum glaublich naiv gezeichnet - ob sich tatsächlich jemand, auch unter diesen sehr besonderen Umständen, derart hilflos und naiv verhält? Sogar die "Liebesgeschichte", die ja bislang erst aus den jeweils für sich behaltenen Gefühlen besteht, fand ich viel zu dick aufgetragen, ja manchmal schon mehr als schnulzig beschrieben.
Dazu kommt noch dass ich mit dem Schreibstil überhaupt nicht warm geworden bin. Oft wechselt die Rede kaum nachvollziehbar hin und her, die Beziehungen wer was sagt und reagiert sind teils ziemlich durcheinander.
Insgesamt eine Enttäuschung bei der meine Wertung ganz extrem von der der KC abweicht.
Rainer Kracht zu »Jürgen Heimbach: Unter Trümmern« 21.10.2013
Dem Autor des Romans "Unter Trümmern" gelingt es hervorragend, den Leser in die Nachkriegszeit in der französisch besetzen Zone Deutschlands zu versetzen. In einer äußerst spannenden Handlung werden die Menschen des Jahres 1946 mit ihren seelischen und materiellen Nöten lebendig.
Kommissar Koch sieht sich Menschen gegenüber, die ganz unterschiedlich auf die Vergangenheit reagieren.
Ein faszinierendes Buch für alle, die sich für Romane der Nachkriegszeit in Deutschland interessieren.
Sabine Dierke zu »Jürgen Heimbach: Unter Trümmern« 18.12.2012
Selten entsprechen Klappentext und Inhalt einander - das Buch ist die angenehme Ausnahme.
Die Figuren sind klar gezeichnet und erlauben eine Entwicklung mit der Handlung - der etwas jähzornige Kommissar Koch lernt, sich etwas zurück zu halten und sein Nachbar, der Pornofotograf, der in einer Grauzone sein Leben fristet, stellt sich am Ende den neuen Anfängen. Sehr viel Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit, viel Verständnis für die Nöte und Zwänge der einfachen Menschen und das alles in einer sehr lebendigen, interhaltsamen Form und einer spannenden Geschichte.
Ich möchte eigentlich mehr von diesem rauen Kommissar und seinen Mitstreitern - wie geht es weiter mit Koch, Dorle, Reuber, Bousson.
Sabine

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