Geheime Melodie von John Le Carré

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel The Mission Song, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei List.

  • London: Hodder & Stoughton, 2006 unter dem Titel The Mission Song. 339 Seiten.
  • Ber: List, 2006. Übersetzt von Sabine Roth & Regina Rawlinson. ISBN: 978-3-471-79547-7. 413 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2007. Übersetzt von Sabine Roth & Regina Rawlinson. ISBN: 978-3-548-60756-6. 413 Seiten.

'Geheime Melodie' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Bruno Salvador führt in London ein ruhiges Leben als Dolmetscher. Bis er einen Auftrag vom Britischen Geheimdienst erhält. Für zwei Tage wird er an einen geheimen Ort gebracht. Er dolmetscht eine inoffizielle Konferenz, an der auch afrikanische Politiker teilnehmen. Auf dem Spiel steht die Zukunft des Kongo. Doch die krisengeschüttelte und an Rohstoffen reiche Region ist Brunos Heimat. Bahnt sich in dem fernen Land eine Katastrophe an? Gemeinsam mit seiner jungen Geliebten Hannah sucht Bruno Verbündete, die mit ihm für eine demokratische Zukunft des Kongo streiten. Doch plötzlich werden Hannah und er zu Gejagten, denn in Brunos Besitz befinden sich wertvolle Dokumente …

Das meint krimi-couch.de: »Schwarz-weiß gestreifter Spion« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Frank A. Dudley

Wie wohl die meisten Autoren von Spionagethrillern stand auch John le Carré nach dem Ende des Kalten Krieges vor der Frage, aus welchem Garn er seine Geschichten nun stricken soll. Mit seinem Roman »Der Spion, der aus der Kälte kam« hat er schließlich eine Ikone des Genres verfasst, in der er die rücksichtslose und inhumane Vorgehensweise von Regierungen thematisiert. Mittlerweile sind im Zuge der Globalisierung längst multinationale Konzerne und Fondsgesellschaften zu den wahren Herrschern der Erde aufgestiegen. In seinem 20. Roman erhebt le Carré erneut die Stimme gegen die Macht der Multis.

Vor sechs Jahren kämpfte »Der ewige Gärtner« des walisischen Thriller-Autors gegen die Ausbeutung der Armen Afrikas durch einen verbrecherischen Pharmakonzern. Nachdem le Carré in »Absolute Freunde« den Initatoren des letzten Irakkrieges eine fingierte Beweislage und politische Manipulation vorwarf, nicht zu Unrecht, wie wir mittlerweile wissen, kehrt er in seinem aktuellen Roman wieder in das politisch und wirtschaftlich gebeutelte Afrika zurück.

Komplott im Kongo

Bruno Salvador, genannt »Salvo«, ist der anfangs gutgläubige Protagonist in »Geheime Melodie«. Er ist ein Sprachgenie, beherrscht Englisch, Swahili und diverse afrikanische Kleinsprachen wie Bembe, Shi und Kinyarwanda. Salvo wurde im Kongo als Kind eines irischen Missionars und einer kongolesischen Mutter geboren, er ist verheiratet mit einer weißen Engländerin, hat aber eine heiße Affäre mit einer schwarzen Krankenschwester aus dem Kongo. Neben seinem Tageslicht tauglichen Beruf als Top-Dolmetscher hat er sich als Teilzeitkraft an den britischen Secret Service verdingt. Dabei sitzt er im so genannten Chatroom, belauscht die Unterhaltungen afrikanischer Staatsgäste und übersetzt sie für seinen Auftraggeber.

Sein erster großer Auftrag bringt Salvo und beunruhigenderweise auch diverse Söldner in einem unmarkierten Flugzeug auf eine namenlose Insel im Norden Europas. Dort soll er für ein anonymes Wirtschaftssyndikat auf einer hochgeheimen und hochkarätigen Konferenz nicht nur dolmetschen, sondern auch die kongolesischen Teilnehmer, ein Trio von berüchtigten Warlords, abhören. Schnell wird Salvo klar, dass die internationalen Profitgeier mit Hilfe der Provinz-Potentaten einen Umsturz im Kongo planen: Vor den anstehenden Wahlen soll ein Marionettendiktator an die Macht geputscht werden, der schon jetzt zusagt, dass das Syndikat die reichen Bodenschätze des Kongos ausbeuten darf. Etliche Millionen werden dabei fließen, allerdings nicht zugunsten des Volkes. Als Salvo Ohrenzeuge der Folterung eines widerspenstigen afrikanischen Konferenzteilnehmers wird, ist ihm klar, dass er handeln muss. Also stiehlt er etliche Kassetten mit Beweismaterial, um von England aus das Schlimmste zu verhindern. Doch das ganze Ausmaß der Intrige geht ihm erst nach und nach auf.

Ironie und Schärfe

Mit dem sympathischen Bruno Salvador stellt le Carré seinen ersten nicht-weißen Protagonisten vor. Ihm gelingt es nicht nur, die innere Zerrissenheit des irisch-kongolesischen Mischlings mit viel Seele zu beschreiben, am Beispiel des nach einer bürgerlichen Existenz strebenden Salvo und der Personen aus dessen nächster Umgebung skizziert er auch ein bissiges Bild des Immigrantenlebens in England. Als Dolmetscher muss sich Salvo ständig in andere Mentalitäten und Persönlichkeiten hineinversetzen, le Carré nimmt dabei sowohl die Europäer als auch die Afrikaner in ihren eingefahrenen Verhaltensweisen aufs Korn. Die Ironie, mit der er auch schon in seinem letzten Buch den Hauptdarsteller noch facettenreicher gemacht hat, setzt er auch jetzt mit großem Gewinn für die Spannungskurve ein. Keinesfalls kann man dem mittlerweile 74jährigen le Carré nachsagen, er sei zum »angry old man« geworden.

Obwohl von Salvo im Präsens erzählt, dauert es ungefähr einhundert Seiten, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt, bevor überhaupt klar wird, worum es geht. Dies, und dass die Schilderung der geheimen Konferenz ein wenig zu lang geraten ist, mag man als einzige Kritikpunkte anmerken. Spätestens ab der nervenaufreibenden Schilderung der Folterszene steigt die Geschwindigkeit von Seite zu Seite.

»Geheime Melodie« bietet alles, was John le Carré ausmacht: Einnehmende Charaktere, messerscharfe Einsichten, sprachliche Verve und einen komplexen Plot. George Smiley und Bruno Salvador würden sich gut verstehen.

Ihre Meinung zu »John Le Carré: Geheime Melodie«

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KeoKSK zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 07.01.2016
Das Buch hat mich leider etwas verwirrt und enttäuscht. Ich kannte JLC aus seinem früheren Werk "Der Spion, der aus der Kälte kam" und habe seinen Schreibstil und Plot sehr gemocht. In seinen Krimis kommt nicht viel Action und Ballerei vor, obwohl seine Werke in die Ecke der Geheimagentenromane einzugliedern sind. Die Spannung wird subtil durch verdeckte Ermittlungen, Verhöre, ungeahnte Wendungen und Intrigen im Agentenalltag erzeugt. Das Leben eines Agenten wird so dargestellt, wie es tatsächlich hätte sein können.
In "Geheime Melodie" haben mir jedoch viele Element gefehlt. Ich habe keine großen Aha-Effekte und Wendungen im Plot erlebt. Für mich war die Aufklärung und Pointe der Geschichte schwach. Auch sind viele Passagen sehr langatmig.
Vielleicht war der Krimi dann auch zu subtil für mich. Sonst solide geschrieben, flüssig zu lesen und liebenswerte Charaktere.
Jossele zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 26.01.2014
John le Carré ist einfach der Meister des Agentenromans. Wie er diese Geschichte auflöst mit all ihren Verwicklungen ist brillant. Die Figur des Haj scheint mit persönlich etwas zu arg unwahrscheinlich als real existierende Person, und dafür auch die Abzüge, aber sei es drum.
EIn großer Roman mit viel Spannung. Was mir - nebenbei bemerkt - bei le Carré auch immer gut gefällt ist die leicht ironisch angehauchte Sprache, die dankenswerterweise durch die Übersetzer im Regelfall prima wiedergegeben wird.
Der Klappentext meiner Ausgabe allerdings (List Verlag, 1. Auflage 2007 als Taschenbuch) ist eine Schande: derjenige, der das geschrieben hat, hat das Buch wohl nicht gelesen. Aber dafür kann le Carré ja nichts. 85°
Hans Hermes zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 26.02.2008
EIn so intelektueles Buch wie ich schon seid langem nicht mehr gelesen habe. Ein Traum von Buch. Ich hoffe das weitere Bücher folgen werden. Ps euer hans Hermes
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
reinhard beck zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 25.02.2008
die sache wird dann noch mal absolut rund wenn man ewige nacht von ilkka remes liest. und... wer wird jetzt nach den wahlen im kongo noch reicher.ok-verkürzt ader es ist nicht daran vorbei zu kommen
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Pela zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 01.03.2007
Le Carré verfeinert, was er bei "Der ewige Gärtner" bereits begonnen hat: Eine Abrechnung mit der Profitgier der modernen Industriestaaten, ein Schulterschluss mit den Menschen in Ländern der Dritten Welt. "Geheime Melodie" ist kein Roman für LeCarré-Einsteiger, man sollte zwischen den Zeilen lesen können. Dann jedoch ist der Zorn des Mr. LeCarré zu greifen dick, der Roman hervorragend!
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dr.H.Schubert zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 09.01.2007
Ein etwas langatmiges,aber anscheinend sehr gut recherchiertes Buch, das sich mit der heutigen Situation afrikanischer Staaten bestens auskennt und die noch immer starken europäischen Einflüsse sichtbar macht. Afrika und speziell der an Rohstoffen reiche und damit bestrafte Kongo sind ein symtomatisches Beispiel dafür was die Gier der sogenannten zivillisierten ersten Welt in Zusammenarbeit mit der korrupten und inhumanen "Führungsschicht"der afrikanischen Staaten anrichtet. Die seit "Leopolts Kongo"in dieser Region begangenen Verbrechen gehen wirklich nicht auf die sogenannte Kuhhaut. Sehr gut sind auch die immer schlimmer werdenden Verbrechen sogenannter "Heuschrecken"und anderer Finanz-und Investierungsgesellschaften beschrieben. Etwas zu simpel wird die private Situation des Protagonisten dargestellt. Da kommt ein wenig noch der alte Brite durch. Man kann von einem Imigranten nicht erwarten, dass wenn er Gelegenheit hat die wirkliche westliche Welt kennenzulernen, noch so etwas wie Achtung vor ihr hat. Ein wichtiges und wie ich finde gutes Buch.
Michael Angrick zu »John Le Carré: Geheime Melodie« 17.12.2006
John Le Carré ist 75 Jahre alt geworden, Pünktlich zu diesem Ehrentag erscheint sein neuer Roman, der in der deutschen Übersetzung „Geheime Melodie“ heißt. Der Roman ist mäßig spannend, ein wenig zu naiv ist sein Hauptdarsteller dargestellt und interessant ist nur, daß auf dem Umschlag des Buches ein Zebrakopf abgebildet ist. Das hat seine Bedeutung und die geheime Melodie ist als Titel nicht so überzeugend gewählt, auch nicht das Original „Mission Song“. Das Zebra wäre viel besser gewählt gewesen. Aber mehr sage ich nicht zum Inhalt und nicht zu dem Buch, weil es mehr als ein netter Zeitvertreib nicht ist.
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