Machos und Macheten von Joe R. Lansdale

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Captains outrageous, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Golkonda.
Folge 6 der Hap-und-Leonard-Serie.

  • New York: Mysterious Press, 2001 unter dem Titel Captains outrageous. 319 Seiten.
  • Berlin: Golkonda, 2014. Übersetzt von Heide Franck. ISBN: 978-3944720197. 277 Seiten.

'Machos und Macheten' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Einmal im Leben wollen Hap und Leonard sich einen richtigen Urlaub gönnen, doch schon an der Küste Mexikos wird’s kompliziert. Kaum eingetroffen, verstrickt eine schöne Fischerstochter die beiden in ihre dubiosen Machenschaften mit einem gewissen Juan Miguel, seines Zeichens Mafioso und Nudist. Als Hap sich selbst in seiner miefigen Wohnung in East Texas nicht mehr vor Miguel und seinen Handlangern sicher sein kann, muss etwas geschehen. Ein genialer Plan wird geschmiedet, mit allem, was dazugehört: Waffen, Chloroform und einem Treffpunkt auf einer Kreuzung um Mitternacht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Harte Jungs ohne Plan aber mit Knarren« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Hap Collins und Leonard Pine verdienen sich ihren kargen Lohn als Wachmänner in einer Geflügel-Schlachterei. Die Arbeit ist zwar langweilig und geruchsintensiv aber leicht, und Jobs sind rar in Ost-Texas. Als Hap eines Tages der Tochter des Chefs das Leben rettet, nimmt das Leben der beiden Freunde eine unerwartete Wende: Der dankbare Vater zahlt Hap 100000 Dollar, was diesen veranlasst, zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub im Ausland zu machen.

Leonard begleitet ihn, ist aber in Sachen Erholung ebenso unerfahren wie Hap. Sie entscheiden sich ausgerechnet für eine Karibik-Kreuzfahrt, benehmen sich an Bord jedoch derart daneben, dass man sie in einem mexikanischen Hafen ´vergisst’ und ohne sie weiterfährt. Die perplexen Freunde versuchen das Beste aus der Situation zu machen, geraten aber bereits am ersten Abend unter Banditen. Leonard wird verletzt, doch der alte Fischer Fernando greift rettend mit seiner Machete ein.

Da die Angreifer sich als mexikanische Polizisten entpuppen, die sich nach Feierabend etwas dazuverdienen wollten, gehen Hap und Leonard lieber auf Tauchstation. Fernando nimmt sie mit zu sich, wo Hap seine schöne Tochter Beatrice kennen- und lieben lernt. Vater und Tochter stecken in der Klemme, denn sie sind einem Gangsterboss Kreditgeld schuldig. Um die Schuld zu tilgen, ist Beatrice sogar bereit, sich zu prostituieren, was an Haps ritterlicher Ader rührt.

Der zynische Leonard warnt ihn zwar, doch Hap geht in die Liebesfalle. Er will helfen, ohne zu wissen, worauf er sich einlässt: Juan Miguel ist nicht nur ein Gangster, sondern auch ein Psychopath (und Nudist), der Widerstand ahndet, indem er seinen Kontrahenten den monströsen Schläger »Hammerhead« ins Haus schickt – ein Auftrag, der keineswegs abgeblasen wird, als Hap und Leonard nach Texas heimkehren …

Vom Regen in die Traufe

Sie hatten von Geburt an eine ungünstige Startposition ins Leben. Den Rückstand konnten sie niemals aufholen, da sowohl die Umstände als auch das Schicksal gegen sie waren. Hap Collins ist zwar weiß, doch er gehört zum »white trash« des US-Staates Texas, ist also arm und ungebildet sowie ohne Chance, daran etwas zu ändern. Für Leonard Pine kam es noch dicker, denn er ist darüber hinaus sowohl schwarz als auch schwul.

Einzeln wären sie wohl unter die Räder gekommen, doch gemeinsam sind sie unüberwindlich: Hap und Leonard wurden Freunde und blieben es, denn die gemeinsame Herkunft und der Kampf gegen eine unterschichtfeindliche Welt einen sie über alle Gegensätze hinaus. Diese Freundschaft ist intensiver als manches Blutsband; auch in Machos und Moneten, dem sechsten Band der Serie, wird dies ausführlich thematisiert: Als Hap Collins den Entschluss fasst, den Mafia-Schlächter Juan Miguel zur Rechenschaft zu ziehen, ist es für Leonard Pine keine Frage, dass er dabei ist. Auch intensive Bitten seines besorgten Liebhabers können ihn nicht umstimmen: In diesem Mikrokosmos ganz unten steht ein Freund wie Hap höher als ein Lebensgefährte oder Familienmitglied.

Hap und Leonard erwarten nicht viel bis gar nichts vom Leben. Die Erfahrung gibt ihnen Recht. Allerdings sind sie weder wehrlos noch bereit, sich alles gefallen zu lassen – eine Einstellung, die ihre Gegner immer wieder übersehen. Sie sind es gewohnt, dass arme Menschen eine Dienstbotenmentalität an den Tag legen und nach der Pfeife der Reichen und Mächtigen tanzen. In Mexiko treffen Hap und Leonard den betuchten Proleten Billy, der sich die in Schuldnot geratene Beatrice buchstäblich kauft, um sie als Sklavin behandeln zu können.

Der Krug und der Brunnen

Während Beatrice sich – nicht zum ersten Mal – in ihr Schicksal fügen würde, ziehen Hap und Leonard einen deutlichen Strich: Bis hierher und nicht weiter! Wer diesen Strich überschreitet, tut es auf eigene Gefahr. Zu einer typischen Hap-&-Leonard-Geschichte gehört es, dass genau dies geschieht. Dann lernt man die beiden weder ehrgeizigen noch rebellischen Männer von einer ganz anderen Seite kennen.

Hap und Leonard sind arm aber ehrlich. Außerdem besitzen sie Stolz und Grundsätze. Nach Ansicht eines reichen, rücksichtslosen Amerikas muss man sich beides leisten können. Hap und Leonard stellen unter Beweis, dass dies ein Irrtum ist. Der erste, der es dieses Mal zu spüren bekommt, ist der bereits genannte Billy, der seine Herrenmenschen-Spielchen zu seinem Pech vor den beiden Freunden treiben will.

Juan Miguel ist nur scheinbar ein anderes Kaliber. Er begeht wie Billy den Fehler, die Wertvorstellungen seiner Gegner zu ignorieren bzw. zum eigenen, kranken Vergnügen vorsätzlich gegen sie zu verstoßen. Miguel ist aufgrund seiner Rücksichtslosigkeit ein gefürchteter Mann, der sich einfach nicht vorstellen kann, dass sich jemand gegen ihn stellt. Doch Hap und Leonard kennen die Mechanismen der Macht besser, als sie zugeben würden. Deshalb sind sie in der Lage, den Spieß herumzudrehen.

Die Tücke des Objekts

Theoretisch jedenfalls, denn praktisch gibt es ein Problem, das Kumpel Jim Bob treffend so zusammenfasst:

»Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit euch seid ihr so verbissen wie Pitbulls, aber so schlau wie zwei Scheiben Mortadella, die auf trocken Brot aneinanderreiben.« (S. 185)

Damit liegt er völlig richtig, denn Hap und Leonard ziehen nicht nur den Ärger magisch an. Wenn sie zur Gegenattacke übergehen, scheitern ihre Pläne mit hässlicher Regelmäßigkeit. Auch dieses Mal kommt alles anders, als es gedacht war. Für den glücklicherweise nicht betroffenen Leser wird dies spannend, für unsere beiden Helden vor allem schmerzhaft. Fehler werden in den Kreisen, in denen sie viel zu oft verkehren, auf handfeste und meist endgültige Weise geahndet.

Dieses Mal sind es die schöne Beatrice und ihr freundlicher Vater, die vor allem Hap belügen und manipulieren. Die Strafe ist furchtbar und lässt die Freunde ihren Zorn vergessen: Sie verwandeln sich in Ritter von vielleicht trauriger Gestalt, was sie durch Entschlossenheit und schwere Waffen ausgleichen. Das Finale ist typisch: Abgerechnet wird nicht im Namen der Gerechtigkeit, sondern schmutzig, hinterhältig und blutig. Diese Ritter machen sich ihre Rüstungen schmutzig.

Autor Lansdale erzählt seine Hap-&-Leonard-Romane in einem trügerisch leichten Ton. Doch die Frozzeleien der beiden Hauptfiguren verbergen durchaus tiefere Gefühle. Vor allem Ich-Erzähler Hap lässt mehrfach durchblicken, dass er unzufrieden mit seinem Leben ist, sich vor dem Alter fürchtet und unter den Folgen früherer Abenteuer körperlich wie seelisch leidet.

Der erwähnte Stolz lässt weder ihm noch Leonard eine Chance, dem Ärger zu entgehen. Die beiden müssen sich einmischen, wie auch das zweite Kapitel dieses Romans belegt. Es hat mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun. Lansdale möchte einem Freund und wahrem Helden ein Denkmal setzen, der einer Frau das Leben rettete und sich dabei einem durch Drogen völlig enthemmten Schläger entgegenstellte, ohne mögliche Folgen zu fürchten.

Schmuckes Gewand für schmutzige Geschichte

Ein Hap-&-Leonard-Roman dürfte keine geringe Herausforderung für einen Übersetzer – hier ist es eine Übersetzerin – darstellen. Dort, wo sich unsere Helden tummeln, kommuniziert man vorzugsweise umgangssprachlich. Zoten verbergen Gefühle, sind also nicht Selbstzweck, sondern besitzen eine zweite Verständnisebene. Dies zu bewahren, ohne dabei beim deutschen Leser Krämpfe auszulösen, ist eine Kunst. In diesem Fall ist es erfreulicherweise gelungen.

Ebenfalls eine Erwähnung wert ist die schöne und durchaus aufwändige Gestaltung der deutschen Buchausgabe. Das Cover wurde eigens für die gezeichnet und ist ebenso schräg wie eindrucksvoll geraten. Das Buch selbst ist schön gedruckt und sauber gebunden: Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist es heutzutage leider nicht, weshalb Ausnahmen umso stärker im Gedächtnis jener bleiben, die ihre Lektüre noch gedruckt vorziehen.

Michael Drewniok, Juli 2014

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