Menschenfischer von Jan Seghers

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Kindler.
Folge 6 der Robert-Marthaler-Serie.

  • Berlin: Kindler, 2017. ISBN: 978-3-463-40670-1. 480 Seiten.

'Menschenfischer' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

1998: Man hatte dem Jungen die Kehle durchschnitten, ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel entnommen, die Hoden abgetrennt. Spielende Kinder entdecken die Leiche. Der Mord an Tobias Brüning löst eine der größten Polizeiaktionen der Nachkriegsgeschichte aus. Obwohl es ein Phantombild gibt, wird der Täter nie gefasst. 2013: Kommissar Marthaler erreicht aus der französischen Kleinstadt Marseillan der Hilferuf eines alten Kollegen. Touristen haben den Mörder angeblich gesehen. Als Marthaler ans Mittelmeer fährt, um die Akten zu übernehmen, gibt es einen neuen Hinweis. Und endlich auch einen Namen. Die Spur führt in ein finsteres Tal am Rhein, nicht weit von der Loreley. Dort sind gerade zwei Roma- Jungen spurlos verschwunden. Kommissarin Kizzy Winterstein, selbst eine Romni, ist nicht glücklich über die Ermittlungen des Frankfurter Kollegen auf ihrem Gebiet. Während die beiden noch Zuständigkeiten diskutieren, werden die Kinder gefunden. Tot. Da begreifen die Polizisten, dass sie am selben Fall arbeiten. Und es mit einer Bande brutaler Menschenhändler zu tun haben.

Das meint Krimi-Couch.de: Das Spinnennetz des Bösen 85°Treffer

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Robert Marthaler macht sich wieder mal unbeliebt. Während seine Kollegen bei der Polizei alle Kräfte gebrauchen könnten, um einen vermeintlichen terroristischen Anschlag auf den amerikanischen Präsidenten (hier noch Obama) aufzuklären, fährt er lieber nach Frankreich zu einem pensionierten Kollegen, der behauptet, in einem alten, ungelösten Fall auf eine neue Spur gestoßen zu sein. Dabei ist Marthalers Triebfeder eigentlich die Flucht vor seiner scheiternden Beziehung zur On/Off-Freundin Tereza.

Rudi Ferres war der Ermittlungsleiter bei einem spektakulären und bis dato nicht aufgeklärten Mord an einem 13-jährigen. Der Fall hat ihn seine Karriere und seine privaten Beziehungen gekostet, weil er von der Suche nach dem Täter besessen war. Nach der langen Anreise nach Frankreich ist Marthaler verständlicherweise verärgert, als er bemerkt, dass ihn Ferres hergelockt hat, ohne eine wirklich neue Spur zu haben. Aber als Marthaler knapp einem tödlichen Anschlag entgeht, ist er bereit, die Ermittlungen seines Kollegen weiterzuführen. In Frankfurt kreuzen und verweben sich nicht nur der alte Fall mit einem aktuellen, sondern auch die Wege von Robert Marthaler und der Polizistin Kizzy Winterstein.

Seghers bleibt auf der Gegenwartsebene und macht damit das Lesen leichter. Während sich der erste Teil dem alten Fall widmet, aber aus der Gegenwartsperspektive erzählt, widmet sich der zweite Teil einem neuen Handlungsstrang in der Gegenwart. »Menschenfischer« handelt – wie so viele Kriminalromane – von Kindesmissbrauch und -prostitution. Aber es ist leider auch eines der »Kerngeschäfte« des modernen organisierten Verbrechens, und begegnet uns beinahe täglich in den Schlagzeilen. Marthaler gewinnt dem Thema aber noch einen neuen, hochaktuellen Aspekt ab, indem er einen alten Fall raffiniert mit aktuellen Missständen verknüpft.

Ins Privatleben des Ermittlers kommt wieder Bewegung

Die gute Meldung: In Marthalers Privatleben tut sich wieder was. Er schließt endlich mit Tereza ab und nimmt die Damenwelt wieder wahr. Die neue Kollegin Kizzy Winterstein, die in der Mitte des Buches erstmals eingeführt wird, ist ein ebenso schwieriger und eigenwilliger Mensch wie Marthaler und weiß, mit ihm umzugehen. Und er macht sich sogar einen neuen Freund in Frankreich. Vielleicht kommt es ja zukünftig zu einer internationalen Zusammenarbeit.

In »Menschenfischer« nimmt sich der Autor, wie schon in vorangegangenen Büchern der Reihe, einen echten Kriminalfall vor und verknüpft ihn mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Diesmal dient der immer noch ungelöste Fall des ermordeten Frankfurter Jungen Tristan Brübach als Blaupause.

Seghers hat gründlich recherchiert: Die Fakten übernimmt er detailgetreu. Er kennt auch die neuen, inoffiziellen Theorien zu Täter und Motiv und zieht daraus seine eigenen Schlüsse, die sehr überzeugend klingen. Den wahren Fall aus dem Jahr 1998 verschachtelt er kunstvoll mit einem aktuellen, fiktiven Fall, der 2013 spielt.

Ein beeindruckendes gesellschaftskritisches Panorama

Es ist beeindruckend, wie Seghers beide Fälle und alle Handlungsfäden zusammenführt und daraus ein gesellschaftskritisches Panorama entwickelt, in dem auch das hochaktuelle Flüchtlingsthema seinen Platz findet. Das alles gelingt ihm auf 427 Seiten, ohne dass Personen, Atmosphäre und Handlungen zu kurz kommen. Nebenbei entwickelt er das Privatleben des kantigen Kommissars weiter und führt neue Personen ein, ohne dass die Haupthandlung darunter leidet.

»Menschenfischer« ist eine rundum gelungene Lektüre: Ein spannender Fall mit unvorhersehbaren Wendungen und einer schlüssigen Auflösung, und eine straffe Handlung mit einem dynamischen Erzähltempo. Trotzdem gibt es in »Menschenfischer« immer wieder Platz für Atmosphäre und Gefühl, ja sogar Poesie. Seghers wird immer besser!

Brigitte Grahl, Dezember 2017

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Karin Lenz zu »Jan Seghers: Menschenfischer« 03.06.2018
Am 24. April 1998 wurde Tobias Brüning ermordet, der Überfall auf den "Wintergarten" fand am 28. August 2013 statt. Am Anfang des Buches ist korrekt davon die Rede, dass Marthaler die Ermittlungen nach 15 Jahren wieder aufnimmt. Zum Ende des Buches wird an mehreren Stellen von "nach 18 Jahren" berichtet. Genau so wie der ehemalige Schulfreund von Tobias inzwischen über 30 ist (13 + 15 = 28 Jahre). Das mag vielleicht klüngelhaft erscheinen, wenn man so etwas an einem Buch kritisiert. Mich aber stört es gewaltig, wenn der Autor voraussetzt, dass der Leser nicht rechnen kann. Als dann noch diese nassforsche Kizzy mit ihrer unsympathischen Art ins Bild kam, wollte ich das Buch schon fast abbrechen.
Die vorausgegangenen Bücher des Autors haben mir sehr gut gefallen.
elke17 zu »Jan Seghers: Menschenfischer« 18.12.2017
Robert Marthaler ist zurück. Der Frankfurter Kommissar löst in „Menschenfischer“, dem sechstem Band der Reihe, gleich zwei Fälle. Zum einen geht es um einen ungelösten Mordfall an einem männlichen Jugendlichen, der in das Jahr 1998 zurückdatiert, zum anderen um zwei Roma-Jungen, die verschleppt und in einem stillgelegten Bergwerksstollen unterhalb der Loreley ermordet aufgefunden werden.

Jan Seghers, Pseudonym von Matthias Altenburg, Journalist und Schriftsteller aus Frankfurt, greift hier einen ungelösten Mordfall auf, der Ende der neunziger Jahre im Frankfurter Großraum für Furore sorgt: In Frankfurt-Höchst wird der verstümmelte Leichnam eines Jungen gefunden und trotz Zeugenaussagen und Phantombild verlaufen alle Ermittlungen im Sande. Bis heute ist/sind der/die Täter noch immer nicht gefasst.

Was wäre wenn…? Diese Frage mag sich Seghers gestellt haben, als er den Mordfall Tristan B. seinem aktuellen Kriminalroman mit Kommissar Marthaler als Ausgangspunkt zugrunde legt und eine Geschichte drum herum konstruiert, die so oder so ähnlich tatsächlich passiert sein könnte. An Brisanz gewinnt diese Annahme natürlich auch dadurch, dass sich Vergleiche mit unserer aktuellen bundesrepublikanischen Wirklichkeit aufdrängen, denn an Stelle der beiden Roma-Jungen aus dieser Story könnten das hier und heute auch unbegleitete Flüchtlingskinder sein.

Die Marthaler-Krimis zeichnen sich zwar durchgängig durch ihren Realitätsbezug aus, wirken aber trotz der detaillierten Beschreibungen der Polizeiarbeit nie trocken oder langatmig. Das liegt vor allem daran, dass Seghers seinem Protagonisten immer interessante „Typen“ zur Seite stellt. In diesem Fall sind es neben seinem Freund Carlos (Pathologe mit Hang zur Völlerei und den Lesern bereits aus den Vorgängern bekannt) auch noch ein ehemaliger Kollege, Rudi Ferres, mittlerweile im Ruhestand und ins sonnige Südfrankreich abgewandert, wo er die Tage zwischen Suff und privaten Nachforschungen in dem Mordfall aus 1998 verbringt und Marthaler einen entscheidenden Hinweis liefert. Und dann wäre da noch Kizzy Winterstein, die unkonventionelle Kommissarin aus Wiesbaden mit jüdischen und Roma-Wurzeln, die nach den beiden aktuell verschwundenen Jungen sucht und sich im Laufe der Ermittlungen mit Marthaler zusammenschließt, um die für die Morde Verantwortlichen dingfest zu machen. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, die für die Zukunft hoffen lässt.

Spannend wie immer und am Puls der Zeit – sehr empfehlenswert!
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