The Lost von Jack Ketchum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel The lost, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Heyne.

  • New York: Leisure Books, 2001 unter dem Titel The lost. 394 Seiten.
  • München: Heyne, 2011. Übersetzt von Joannis Stefanidis. ISBN: 978-3-453-67551-3. 420 Seiten.

'The Lost' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Ein Campingplatz im Wald. Ein heißer Sommertag. Zwei Frauen. Opfer für den Teenager Ray, der töten will. Ein Blutbad, bei dem seine Freunde tatenlos zusehen. Ray kommt ungeschoren davon. Nur zwei Cops lassen nicht locker. Sie wollen den Mörder, um jeden Preis. Ray sieht nur einen Ausweg. Sein Amoklauf explodiert in einem Inferno von Hass, Gewalt und Blut. Ein Alptraum, der alle mit sich reißt. Der psychopathische Ray Pye wird von seinen Freunden Jennifer und Tim gefürchtet und vergöttert. Sie ahnen nicht, wie weit der Größenwahn des charismatischen Ray geht: An einem idyllischen Sommertag wird er zum Mörder. Vor ihren Augen löscht er brutal die Leben zweier Frauen aus. Fünf Jahre später: Obwohl Ray der Hauptverdächtige war, konnte er nie überführt werden. In jenem Sommer, in dem Amerika seine Unschuld verliert und die Charles-Manson-Morde der Love&Peace- Generation alle Illusionen nehmen, lebt er immer einen Schritt vom Abgrund entfernt. Dann bröckelt seine Scheinwelt aus Drogen, Sex und krankhaftem Egoismus. Ray dreht durch – und für Tim und Jennifer beginnt der Horror von Neuem. Ray Pye ist Jack Ketchums Sinnbild für die zerstörten Träume einer verlorenen Generation. Mit psychologischem Feingefühl und sprachlicher Finesse beschreibt er die aufgestauten Aggressionen, die hinter der Fassade der Gesellschaft lauern – und sich in einer Gewaltexplosion von alptraumhafter Intensität entladen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn das Weltbild eines Verlierers zerbricht« 76°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Ein Haufen kaputter Existenzen in einem Kaff am Ende der Welt. Das ist die Kulisse für den neuen Roman von Jack Ketchum. Und wie sein großes Vorbild Stephen King walzt der Autor die Nichtigkeiten in dem amerikanischen Provinzort gnadenlos und bis zum Exzess aus. Der Prolog spielt sich jedoch zunächst auf einem Campingplatz im Wald ab. An einem heißen Sommertag werden zwei junge Frauen zum Opfer für den psychopathischen Teenager Ray, der sie einfach töten will, weil er die Möglichkeit dazu hat. Seine Freunde Tim und Jennifer sind völlig hilflos und schauen tatenlos zu. Ray kommt zunächst ungeschoren davon, aber zwei Provinz-Cops lassen nicht locker. Während Ed Anderson längst den Dienst quittiert hat, weil er es nicht mehr ausgehalten hat, gibt Charlie Schilling keine Ruhe, und stellt neue Nachforschungen an, als das zweite der angeschossenen Mädchen nach vier Jahren qualvoll stirbt.

Charlie will Ray zur Strecke bringen, um fast jeden Preis. Das Problem für den Detective ist, dass der psychopathische Ray Pye von seinen Freunden Jennifer und Tim gefürchtet und vergöttert wird – sie halten absolut dicht, denn sie ahnen nicht im Geringsten, wie weit der Größenwahn des in ihren Augen charismatischen Ray geht. Und dann überstürzen sich die Ereignisse, in jenem Sommer, in dem Amerika von zwei Ereignissen geprägt und neu definiert wird. Das Woodstock-Festival der Love&Peace-Generation führt alle Illusionen über ein anderes, friedliches Leben zu einem Höhepunkt, der zum Mythos für viele Jahre wird. Aber die brutalen Manson-Morde an der Schauspielerin Sharon Tate und ihren Freunden inspirieren ganz andere Typen von Menschen. Und zu ihnen gehört Ray Pye.

Er lebt ohnehin immer nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Seine kleine Scheinwelt aus Drogen, Sex und krankhaftem Egoismus dreht sich nur um ihn selbst und seinen »Hofstaat«. Aber dann wird er von einigen Mädchen zurück gewiesen, in seinen Augen sogar herum geschubst – und dreht völlig durch. Es kommt zu einer Orgie von Gewalt, die unvorstellbare Dimensionen annimmt. Tim und Jennifer stecken mitten drin – und es gibt ein mehr als dramatisches Finale.

Das in Deutschland neu veröffentlichte Werk von Jack Ketchum zu beurteilen ist nicht so ganz einfach. Also nähern wir uns schrittweise an. Zunächst würde ich das Buch in keinem Fall als Horror-Roman einstufen – warum es bei Heyne unter dem Label »Hardcore« erscheint, ist mir ein Rätsel. Die Morde am Anfang leiten einen Kriminalfall ein, der seine Fortsetzung Jahre später findet. Der Amoklauf des Killers ist recht brutal, aber für einen Horror-Roman bräuchte es schon ein wenig mehr. Zwischen dem Prolog und den letzten 100 Seiten des Buches erzählt Ketchum akribisch und detailfreudig die Entwicklung der einzelnen Personen zwischen dem Ableben des zweiten Mordopfers, das Jahre im Koma lag, und dem finalen Gewaltausbruch bei Ray Pye. Es wird dabei nie wirklich langweilig, und durch den Prolog hat man auch ständig das Gefühl, es könnte ständig etwas Entscheidendes passieren, aber zuweilen fehlt es mir etwas an Sprachwitz und Originalität. Der Roman ist insgesamt solide und unterhaltsam erzählt, aber irgendwie nicht wirklich innovativ.

Immerhin wird die malerische Kleinstadt Sparta, im Lake District westlich von New York gelegen, als Synonym für die amerikanische Provinzialität hervorragend geschildert. Zur Happy Hour kommen immer die gleichen, abgehalfterten Typen zusammen. Zum Dorfklatsch gehört vor allem, dass Ed Anderson ein Verhältnis mit einer unter 20-Jährigen pflegt. Aber auch der Alkoholismus seines Ex-Kollegen Charlie Schilling prägt das Bild. Früher haben die beiden Cops noch Katzen aus Regenrinnen geholt, und dafür gesorgt, dass die Kinder unbeschadet zur Schule kommen. Nun nagt der unaufgeklärte Mord an ihnen, Ed quittiert resigniert den Dienst, Charlie macht weiter und sucht Trost im Alkohol.

Prägend für die Geschichte ist allerdings vor allem die Gestalt des jungen und durchgeknallten Ray Pye. Er dealt ein wenig, nutzt dabei seinen Kumpel Tommy aus, hat ständig wechselnde Mädchen im Bett, und wenn keine will, kommt Jennifer wieder zum Einsatz. Im Grunde eine armselige Existenz ohne Zukunft. Und um seine geringe Größe zu kaschieren trägt dieser Verlierer auch noch Stiefel, in die er zusammen gedrückte Bierdosen stopft, um größer zu wirken. Dazu passt perfekt, dass er im Motel seiner Eltern den großspurigen Titel Geschäftsführer trägt, aber als Mann für alle Fälle auch die verstopften Toiletten in den Zimmern wieder reinigen muss. All das ist durchaus unterhaltsam zu lesen – könnte allerdings einen Schuss mehr Originalität vertragen.

Dennoch hebt sich das Buch vom Durchschnitt ab, gehört zu den guten Kriminalromanen, weil es wirklich unterhaltsam und spannend ist. Bei den sehr guten allerdings in der untersten Punktebene. Eine bessere Gradzahl wäre drin gewesen, der Plot ist eigentlich vielversprechend. Aber dazu hätte es zwischendurch noch einiger Highlights bedurft, und das Finale hätte etwas mehr als die letzten 100 Seiten einnehmen dürfen. Insgesamt aber ein aus meiner Sicht durchaus empfehlenswertes Buch, nicht nur für Ketchum-Fans.

Andreas Kurth, Februar 2011

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HeJe zu »Jack Ketchum: The Lost« 22.07.2011
Wieder mal ein gelungener Ketchum. Das Buch fängt schon ziemlich rasant und spannend ab, flaut dann aber auch genauso schnell ab, als der erste Zeitsprung kommt. So zieht sich das ganze Geschehen und es ist eher eine Erzählung der Lebensweisen, als ein hartgesottener Thriller. Aber dann zum Ende wird es wieder spannend und lesenwert.

Mir persönlich war das Buch, wenn ich es mit anderen Ketchums vergleiche, noch zu "harmlos". Klar, es war brutal und schockierend, aber irgendwie hatte ich mir einfach mehr versprochen, nach dem Klappentext und dem Cover.

Für den gelungenen Anfang und das Ende: 80 Grad
Alexi1000 zu »Jack Ketchum: The Lost« 22.01.2011
Meine Rezi bezieht sich auf das Original, welches ich schon vor längerer Zeit gelesen habe, als es hier noch schwierig war an Ketchums heranzukommen.
Mittlerweile erlangt er einen immer größeren Bekanntheitsgrad und das zurecht!
Ketchum schreibt Thriller, die den Leser oftmals wie ein Tritt in die Magengrube treffen; bleibt aber trotz aller Deitailfreudigkeit in den Gewaltdarstellungen nie plakativ und setzt sich so mit Leichtigkeit über eine ganze Horde von "Horror"-Autoren hinweg!

Im vorliegenden THE LOST verarbeitet er ein amerikanisches Trauma, was ein öfter wiederkehrendes Element bei Ihm ist.
Ray Pye ist ein Psycho allererster Güte, gesellschaftliche Konventionen spielen für Ihn keine Rolle; alles was Ihm irgendwie in die Quere kommt wird beseitigt...das ganze muss zwangsläufig in einer Gewaltexplosion kulminieren.

Für mich einer der intensivsten Ketchums (bis dato), ich hoffe für den deutschen Leser, das Heyne-Hardcore bei der Übersetzung nicht "geschönt" hat!

Als Sammler habe ich mir das Buch selbstverständlich zugelegt und freue mich drauf, es trotz der Kenntnis des Originals irgendwann einmal wieder zu lesen!

wirklich verdiente 90°.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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