Interview mit Tom Rob Smith

»Ich habe noch nie gesehen, dass Bücher auf diese Weise gefeiert werden!«

Tom Rob Smith liefert mit Agent 6 den Abschluss seiner Leo-Demidow-Trilogie und sprach mit Jürgen Priester über die realen Hintergründen zu seinen Romanen und die Faszination für totalitäre Staatsformen.

    Krimi-Couch: Herr Smith, Agent 6 ist im September im deutschsprachigen Raum erschienen. Sie waren auf der Frankfurter Buchmesse und haben eine kleine Lesereise gemacht. Wie waren Ihre Eindrücke?

    Tom Rob Smith Es war wirklich interessant und hat Spaß gemacht. Ich war als Kind schon einmal in Frankfurt. Meine Tante lebte dort in der Nähe und ich erinnere mich am Rhein gesessen und gelesen zu haben. Ich habe sogar die Bank gefunden, auf der ich damals gesessen habe. Allerdings war es meine erste Buchmesse in Frankfurt, was unglaublich aufregend war: Ich habe noch nie gesehen, dass Bücher auf diese Weise gefeiert werden! Was die Lesereise betrifft, ich liebe Lesungen in Europa, denn das Publikum ist hier so unglaublich unterstützend und interessiert. Und dieses Mal hat es besonders viel Spaß gemacht, da wir regelrecht gute Freunde wurden das Team, das mich auf der Tour begleitet hat, Wanja Mues, die Schauspielerin, die die deutschen Texte gelesen hat, und ich.

    »Es fühlt sich nach dem richtigen Ende an.«

    Krimi-Couch: Ist mit Agent 6 die Leo Demidow-Reihe endgültig beendet?

    Tom Rob Smith: Ja, Agent 6 ist der letzte Teil der Leo Demidow-Reihe, es fühlt sich nach dem richtigen Ende an.

    Krimi-Couch: War es von vornerein Ihr Konzept, diese Reihe auf drei Folgen zubegrenzen? Das offene Ende von Agent 6 ließe doch eine Fortsetzung zu.

    Tom Rob Smith

    Tom Rob Smith wurde 1979 als Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters in London geboren, wo er auch heute noch lebt. 2001 graduierte er in Cambridge und ging für ein Jahr nach Italien, wo er Creative Writing studierte. In den letzten fünf Jahren arbeitete Tom Rob Smith als Drehbuchautor, unter anderem half er fünf Monate lang in Phnom Penh, Kambodschas erste Soap Opera zu entwickeln. Kind 44 , Tom Rob Smiths erster Roman, wird derzeit in 17 Sprachen übersetzt und ist auf dem besten Weg, ein internationaler Bestseller zu werden.

    Tom Rob Smith: Drei ist eine gute Zahl, wir haben einen historischen Bogen, drei sehr unterschiedliche Zeit-Abschnitte. Aber Sie haben recht, es gibt einen gewissen Grad an Doppeldeutigkeit am Ende, das dem Leser erlaubt sich auszumalen, wie die Geschichte endet. Ich werde diese Frage nicht mit einem weiteren Teil um Leo Demidow beantworten.

    Krimi-Couch: Jetzt ist es also eine Trilogie geworden. Haben Sie ihr einen Namen gegeben?

    Tom Rob Smith: Gott bewahre! Nein, das können andere Leute tun, ich bin nicht wirklich gut darin. Es sind eindeutig Thriller, jeder befasst sich mit einem Verbrechen und gehört zu einer bestimmten geschichtlichen Zeit.

    »Ich hatte nichts, außer einer Idee, an die ich wirklich geglaubt habe.«

    Krimi-Couch: Es begann alles mit Kind 44. Ein fantastischer Erfolg, aber doch unerwartet, oder?

    Tom Rob Smith: Vollkommen unerwartet! Ich hatte keinen Verlag, geschweige denn einen Agenten, als ich Kind 44 geschrieben habe. Ich hatte nichts außer einer Idee, an die ich wirklich geglaubt habe und eine Menge großartiger Geschichtsbücher für die Recherche.

    Krimi-Couch: Kind 44 handelt u.a. von einem Serienmörder in der UdSSR der Stalinzeit. Wie sind Sie auf diese Kombination gekommen?

    Tom Rob SmithKind 44 basiert auf einem realen Fall, dem Mörder Andrei Chikatilo, und schöpft sehr stark aus diesem aktuellen Fall und wie er sich entwickelt. Allerdings war meine Intention eher einen Krimi zu schreiben, in dem die Gesellschaft statt der reine Akte des Mordens im Vordergrund steht, und so beschloss ich die Geschichte in eine für die Bevölkerung extremere Zeit zu verlegen – die Stalin-Ära. Also wählte ich die 50er Jahre, wo ein Aufrühren gegen die Obrigkeit noch mit deinem eigenen Tod enden konnte.

    Krimi-Couch: Die drei Romane beschreiben 30 Jahre Sowjet-Geschichte. Was hat Sie daran fasziniert?

    Tom Rob Smith: Sehr richtig, die drei Romane erzählen nicht nur die Geschichte um Leo und seine Familie, sondern eben auch die des Sowjet-Regimes, was ein sehr wichtiger Teil meiner Geschichten ist. Ich war schon immer sehr interessiert an der historischen Entwicklung einzelner Länder, aber am meisten faszinieren mich totalitäre Staatsformen. Ich finde es interessant, wie diese agieren, denn zu ihrem Funktionieren gehört unter anderem das Neuerfinden der Wahrheit.

    Krimi-Couch: Wie haben Sie recherchiert? Waren Sie an den Romanschauplätzen? Soweit möglich. Auf welche Literatur haben Sie zurückgegriffen?

    Tom Rob Smith: Ich habe viele Schauplätze meiner Bücher besucht – zuviele, um sie hier alle aufzuzählen. Aber im Anhang der Taschenbuch-Ausgaben habe ich die meisten der inspirierendsten Bücher meiner Recherche aufgelistet und ich freue mich immer über E-Mails von Lesern, die darüberhinaus interessiert sind an den Quellen meiner Recherche.

    Krimi-Couch: Das 44. Opfer eines Kindermörders, Chruschtschows »Geheime Rede« und die Taten eines FBI-Agenten sind für mich Wendepunkte im Leben des Helden. Sehen Sie das auch so?

    Tom Rob Smith: Ja, das sind die drei Schlüsselelemente meiner Romane Kind 44, Kolyma und Agent 6.

    »Man erlebt das äußerst selten, dass man eine historische Figur, mit der man total unterschiedlicher Meinung ist, gleichzeitig so sehr bewundert.«

    Krimi-Couch: Agent 6 beginnt mit dem Besuch eines amerikanischen Musikers und Bürgerrechtlers in Moskau im Jahre 1950. Für diese Figur hatten Sie eine historische Vorlage?

    Tom Rob Smith: Jesse Austin basiert ziemlich auf Paul Robeson, den ich total faszinierend finde. Man erlebt das äußerst selten, dass man eine historische Figur, mit der man total unterschiedlicher Meinung ist, gleichzeitig so sehr bewundert. Paul Robeson war ein brillanter Denker und Redner, wenn auch blind für die dunklen Seiten des Sowjet-Regimes. Ich glaube, seine Ideale haben ihn verblendet, was ihn für mich als Autor zu einem interessanten Charakter macht – mit einer eigenartigen Parallele zu Leo Demidov.

    Krimi-Couch: Nach dem Auftakt in Moskau kommt es 15 Jahre später in New York zum entscheidenden Auftritt es Agenten 6. Mehrere Personen werden getötet (Wir verraten nicht wer). Danach geht es in zwei großen Zeitsprüngen ins Afghanistan des Jahres 1980. Vom Agenten 6 ist bis kurz vor dem Schluss nichts mehr zu lesen. Eine harte Geduldsprobe für die Leser. Vielleicht zu hart?

    Tom Rob Smith: Leser sind unglaublich anspruchsvoll: Sie lieben das Mysteriöse, das Rätsel, sie lieben es, wenn es sich durch den kompletten Roman durchzieht, die unbeantworteten Fragen halten sie bei der Stange und es wäre eine Schande das alles zu früh aufzuklären, da es eine große erzählerische Kraft hat.

    Krimi-Couch: Im Vergleich zur ausführlichen Afghanistan-Episode erscheint das Schluss-Szenario recht knapp gefasst. Ist das als dramatischer Höhepunkt so gewollt?

    Tom Rob Smith: Für mich ist der Weg zur Auflösung der wichtigste Teil einer Geschichte. Es wäre aber sicherlich möglich die Struktur der Geschichte anders anzugehen und die Aufklärung des Falls ansich auszudehnen.

    Krimi-Couch: Insgesamt betrachtet sind die drei Demidow-Romane eine individuelle Lebensgeschichte in einem politisch-historischen Kontext. Sind Sie ein politischer Schriftsteller?

    Tom Rob Smith: Ich glaube, dass man als Schriftsteller schwerlich Politik außen vor lassen kann, aber ich bin nicht in dem Sinne »politisch«, dass ich irgendeine bestimmte Ideologie vermitteln will. Meiner Meinung nach spiegeln Verbrechen immer auch die Gesellschaft wider und wenn man sich mit der Ermittlungsarbeit beschäftigt, erforscht man ebenso die Gesellschaft, in der das Verbrechen statt fand.

    Krimi-Couch: Sie arbeiten an einem neuen Roman. Was dürfen wir erwarten?

    Tom Rob Smith: Es ist ein Thriller, ein Kriminalroman, aber nichts historisches, es ist vielleicht etwas riskant, aber nachdem ich eine Trilogie geschrieben habe, ist es Zeit für ein bißchen Risiko. Ich würde gerne sagen, dass ich glaube, dass er ganz anders ist als jeder andere Thriller, der jemals geschrieben wurde, das ist mein Anspruch. Ich bin ziemlich aufgeregt, daran zu schreiben und habe aber gleichzeitig Angst davor.

    Krimi-Couch: Vielen Dank für das Gespräch!

    Das Interview führte Jürgen Priester im Oktober 2011.

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