Interview mit Ernesto Mallo

»Wider das Vergessen«

Wolfgang Franßen sprach mit Ernesto Mallo über seinen neuen Krimi Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin, die Narben, die die Diktatur in Argentinien hinterlassen hat und warum kein Buch die Welt verändern kann.

Krimi-Couch: Señor Mallo, herzlich willkommen auf der Krimi-Couch. Die Sprache ihres neuen Romans Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin ist auf das Wesentliche beschränkt und schildert menschliche Abgründe. Man fühlt sich, als ob man durch eine schwarz-weiße Szenerie wandert. Wenn »El Topo« aus dem Gefängnis entlassen wird, erinnert es mich an die französischen oder amerikanischen Kriminalfilme der 40er oder 50er Jahre. Die Handlung startet sofort mit dem Wesentlichen. Interessieren sie sich für die europäische und amerikanische Tradition des Genres? Zum Beispiel Manchette, Chandler oder Hammett?

Ernesto Mallo: Um ehrlich zu sein, habe ich Manchette nie gelesen. Die beiden anderen schon. Amerikanische und europäische Krimiautoren haben tolle Literatur geschrieben und tun dies immer noch. Oftmals sind diese Bücher auch Vorlagen für gute Filme. Amerikaner schreiben großartige Dialoge, während Europäer oft eine philosophische Fragestellung in den Mittelpunkt rücken. Momentan sind auch Asiaten mit recht hartgesottenen Romanen sehr erfolgreich. Lateinamerikanische Schriftsteller sind sensibler gegenüber sozialen und politischen Problemen. Also ja, es gibt eine weltweite Krimi-Tradition, die mich sehr interessiert, weil sie durch jedem neuen Autor bereichert wird. Man muss aber auch sehen, dass wir gerade einen richtigen Krimi-Boom erleben, der auch sehr schlechte Bücher hervorbringt. So ist der momentane Rummel um schwedische Autoren in dem Maße nicht gerechtfertigt. Es gibt einige Gute, aber größtenteils schreiben sie alle dasselbe. Aber man muss das so sehen: Für jeden Shakespeare braucht es eben 300 mittelmäßige Schriftsteller.

Krimi-Couch: Miranda hat weniger Angst vor der Zukunft, denn vor einer eventuellen AIDS-Erkrankung. Lascano ist auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe Eva. Aber sie haben kein Recht auf eine Intimsphäre. Gibt es keine Möglichkeit für ein rein persönliches Schicksal?

Ernesto Mallo: Ich denke, dass sich Miranda Sorgen macht, wie viel von ihrer Zukunft noch vor ihr liegt. Aber ich denke, alles an ihnen ist privat. Der Roman handelt vor allem von ihren Privatleben, ihren Gedanken und Empfindungen. Privatsphäre ist kein Recht, es ist ein Zustand. Selbst die prominentesten Personen haben ihre privaten Momente, ihre Gefühle und ihre Geheimnisse. Auch die erfolgreichsten Männer oder Frauen verdanken Glück einen Teil ihres Erfolges und Pech einen Teil ihres Misserfolges. Wenn man von einem Begriff des privaten Schicksals ausgeht, müsste es auch ein öffentliches Schicksal geben. Ich glaube nicht an so ein Konzept. Schicksal ist Schicksal, ob gut oder schlecht.

Krimi-Couch: Ihr Roman handelt zu der Zeit kurz nach der Diktatur. Im Kontrast zum momentanen wirtschaftlichen Aufschwung zeichnen sie Argentinien in grauen Farben. Hat Argentinien die Jahre der Diktatur verarbeitet? Macht die Demokratie Fortschritte?

Ernesto Mallo: Jede Diktatur hinterlässt tiefe Narben, von denen manche niemals heilen. Der 2. Weltkrieg ist nun 65 Jahre Geschichte, und wir fragen uns immer noch, wie so etwas geschehen konnte. Immer noch werden Täter aus der Zeit der Diktatur Videlas angeklagt. Jeden Tag hört man von ihren Verbrechen. Und sie bedauern nichts. Sie behaupten, nur das getan zu haben, was sowieso getan werden musste, und sie würden es wieder tun. Aber das wahre Problem sind nicht die Kriminellen, sondern die einfachen Bürger. Die staatliche Gewalt in einer Diktatur spiegelt immer nur die soziale Gewalt der Gesellschaft wider. Eine Diktatur ist so gesehen eine Art Spiegel, in dem sich die Gesellschaft selbst betrachtet. Demokratie ist kein perfektes politisches System, es ist voller Fehler und Mängel. Aber es ist das »am wenigsten schlechte« aller politischen Systeme. Und wie überall in der Welt, vor allem in ärmeren Ländern, entwickelt sich die Demokratie im Schneckentempo, während sich soziale, wirtschaftliche und bildungspolitische Probleme rasant ausbreiten.

Krimi-Couch: Um ein Buch wie das ihre zu schreiben, muss man die Hoffnung haben, dass die Zeiten, die man dem Leser vor Augen führt, niemals wiederkehren. In Deutschland gibt es den Ausdruck »Wider das Vergessen«. Man soll niemals vergessen, sondern aus der Vergangenheit lernen, damit sich diese Verletzungen der Menschenwürde nicht wiederholen. Ist das auch ihr Antrieb, um so eine Geschichte zu schreiben?

Ernesto Mallo: Ich hoffe, dass diese Zeiten niemals wiederkehren, aber man weiß nie. Nach dem 1. Weltkrieg hat man gedacht, mit ihm alle Kriege beendet zu haben. Stattdessen wurde durch ihn bereits die Grundlage für den 2. Weltkrieg gelegt. Der Schrecken kann immer wieder auftauchen. Überall. Erinnerung spielt eine wichtige Rolle, um solche Zeiten ein für alle mal hinter sich zu lassen. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen. Jemand hat einmal gesagt, ein Mensch, der seine Vergangenheit nicht kennt, sei verdammt, sie zu wiederholen. Ich denke, dass mein Roman den Menschen vielleicht hilft, sich ihrer Vergangenheit bewusst zu werden. Daran habe ich aber nicht gedacht, als ich mein Buch begonnen habe. Ich habe einfach eine Geschichte aus einer Zeit geschrieben, die nicht nur mich, sondern das ganze Land, tief verletzt hat. Irgendwie musste ich sie mir von der Seele schreiben. Ich will die Menschen aber nicht belehren oder mich auf eine spezielle Seite stellen. Ich habe einfach eine Geschichte so erzählt, wie ich sie gesehen habe.

Krimi-Couch: Stimmt es, dass Comisario Lascano der erster Kommissar in Argentinien ist, der zum Mittelpunkt eines Krimis wird?

Ernesto Mallo: Ich kenne keinen anderen argentinischen Roman, der einen Kommissar porträtiert. Das muss aber nicht heißen, dass keinen gibt.

Krimi-Couch: Lascano ist kein klassischer Held. Er sieht wie ein Verlierer aus und kämpft weniger für die Unterdrückten, denn um sein eigenes Leben. Wie »El Topo«. Muss man sich als argentinischer Schriftsteller durchs Leben schlängeln, um nicht vom Land zerrissen zu werden?

Ernesto Mallo: Ja, definitiv! Das gilt aber für jedes Land. Jeder Neuaufbau, der sogenannte Fortschritt, muss zuerst zerstören. Einem typischen Fabrikarbeiter wird in seinem Arbeitsleben alle Energie ausgesogen. Im besten Fall wird er mit einer Rente belohnt (massig Freizeit), hat aber keine Kraft mehr, sie zu genießen.

Krimi-Couch: Ist das Ausdenken von Geschichten auch ein Weg, sein Leben trotz schlechter Politik erträglicher zu gestalten?

Ernesto Mallo: Ich sage meinen Schülern immer, dass Literatur im Prinzip eine Reise in unser Innerstes ist. Wie wir Realität empfinden und wie wir handeln. Jeder Schriftsteller schreibt im Grunde über ein – und nur ein – Thema: sich selbst!

Krimi-Couch: Durch ihr Buenos Aires streifen diese zwei Männer. Was bringt sie dazu, sich in ihrem Leiden verbunden zu fühlen, als zwei Seiten derselben Medaille?

Ernesto Mallo: Ein gemeinsames leidvolles Schicksal schafft starke Bindungen zwischen den Menschen. Leute, die eine Katastrophe gemeinsam überstanden haben, werden sozusagen zu Verwandten. In Extremsituationen hängt das Überleben oft von dieser Bindung ab. Menschen sind soziale Tiere, sie brauchen einander. Und sie haben sich trotz ihrer offensichtlichen Schwächen gegen stärkere und wildere Tiere durchgesetzt, indem sie diese Bindungen eingehen und effektiv zusammenarbeiten.

Krimi-Couch: Gibt es im heutigen Argentinien Verschwörer wie »Die Apostel«, die sie in ihrem Buch beschreiben?

Ernesto Mallo: Da gibt es keinen Zweifel. Jede Gesellschaft hat ihre Mafia, ihr Netz des organisierten Verbrechens.

Krimi-Couch: Sie schreiben auch Schauspiele und sind Radioredakteur. Schreiben sie realitätsnah, oder formen sie sich ihre eigene Wirklichkeit? Basieren ihre Geschichten auf wahren Geschehnissen?

Ernesto Mallo: Immer wenn mir der Sinn nach fantastischer Literatur steht, dann nehme ich die Bibel zur Hand. Aber Phantastik ist nicht mein Lieblingsgenre. Ich denke, dass die Realität und wirkliche Begebenheiten weitaus attraktiver sind als die bunteste Phantasie.

Krimi-Couch: In der Welt Ernesto Mallos gibt es keine Erlösung. Es bleibt nichts außer der Flucht. Sind wir alle verdammt? Hält nur noch die Liebe Miranda und Lascano am Leben?

Ernesto Mallo: Für Menschen gibt es keine Erlösung. Irgendwann sterben wir alle, und wenn die Zeit gekommen ist, wird die menschliche Rasse komplett untergehen. Es gibt nichts, was wir dagegen unternehmen können, kein Ort, an den wir flüchten können. Das ist uns bewusst. Deswegen erzählen wir Geschichten, um unsere Sterblichkeit zu vergessen und sie gleichzeitig zu betonen. Es ist wichtig, sich seine Sterblichkeit bewusst zu machen. Denn wenn man weiß, dass man eines Tages einfach verschwinden wird, dann wird einem klar, dass man nichts besitzt außer der Zeit, die einem bleibt. Davor verschließt man gerne die Augen. Aber was man heute nicht macht, macht man vielleicht nie. Borges sagte einmal: Zeitalter kommen und gehen, aber Fakten werden nur in der Gegenwart geschaffen. Das Jetzt ist alles, was wir haben.

Krimi-Couch: Hat sich Lascano seit »Der Tote von der Plaza Onze« weiterentwickelt? Ist er weiser geworden oder hat er sich schlicht seinem Schicksals ergeben?

Ernesto Mallo: Lascano ist kein Fatalist, er lernt immer noch dazu. Um wahre Weisheit zu erlangen, muss man sein ganzes Leben lang lernen. Die Sioux sagen, dass ein weiser Mensch jemand ist, der zu sterben gelernt hat. Letztlich denke ich, dass ein guter Tod das Resultat eines guten Leben ist.

Krimi-Couch: Sind Verbrecher die wahren Helden, weil sie rebellieren? Weil sie gegen ihr Schicksal ankämpfen? Weil sie sich gegen die göttliche Ordnung stellen?

Ernesto Mallo: Ich glaube nicht an Helden und ich mag sie auch als Charaktere nicht. Rebellen und Verbrecher sind keine Helden. Jeder Kampf gegen sein Schicksal ist ein verlorener Kampf. Früher oder später ereilt jeden seine Bestimmung. Wir tun nicht, was wir tun wollen, sondern was wir tun können. Der Begriff »Held« ist ein soziales Etikett, und wie jedes andere Etikett ist es falsch. Ein menschliches Wesen lässt sich nicht in eine Schublade stecken.

Krimi-Couch: Bertold Brecht sagte einmal: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.« Trifft das auch auf ihre Welt zu?

Ernesto Mallo: Brecht war einer der vielen großen Denker, die Deutschland der Welt geschenkt hat. Der Satz ist absolut wahr. Sobald es Menschen an Nahrung mangelt, und das Gehirn unterversorgt wird, dann neigen sie dazu, moralische Werte zu vergessen. Wenn du verhungerst, dann ist Nahrung das einzig Wichtige, und sei es in Form eines anderen Menschen. In Schulen in armen Gegenden ist das nur all zu gut bekannt. Bevor Lehrer ihren Schülern überhaupt etwas beibringen können, müssen sie sie füttern. Keine Idee erreicht das Gehirn eines leeren Magens. Und Moral ist vor allem eine Idee.

Krimi-Couch: Sie schildern verlorene Gestalten und Figuren im Schatten, zum Beispiel Major Garibaldi. Welcher Charakter fasziniert sie mehr? Garibaldi oder Lascano?

Ernesto Mallo: Ich muss mich in meine Charaktere verlieben. Manchmal ist es eine richtige Liebe, wie bei Lascano, manchmal eine Hassliebe, wie bei Garibaldi. Als Schriftsteller schätze und verstehe ich beide Formen. Der Charakter, der mich mehr fasziniert, ist immer derjenige, an dem ich gerade schreibe.

Krimi-Couch: Ihre Protagonisten leben in ihren eigenen Kulissen. Sie jagen einander. Trotz des wunderbaren Finales ihres Romans habe ich nicht das Gefühl, dass hinter der Grenze das Paradies wartet. Ist es für jemanden, der ein Schicksal wie Lascano erlitten hat, überhaupt möglich, sich jemals wiederzufinden?

Ernesto Mallo: Seit den alten Griechen stellen sich die Menschen drei essenzielle Fragen: Woher komme ich? Was mache ich hier? Wohin gehe ich? Whitman sagt, es gebe kein Paradies und keine Hölle außerhalb des Hier und Jetzt. Leben heißt, nach Antworten zu suchen, die man niemals bekommen wird. Wenn du dich selbst finden willst, ist das recht einfach: Schau, was dir widerfährt; du bist, was dir widerfährt.

Krimi-Couch: Die unglückliche Lieb zu Eva wirkt auf mich wie ein Tango. Für einen kurzen Moment der Ekstase und der absoluten Harmonie laufen sie Gefahr, sich in der Leere und der ständigen Sehnsucht zu finden. Ein Gefühl, das ihnen bekannt vorkommt?

Ernesto Mallo: Jeder, der einmal geliebt hat, kennt dieses Gefühl. Da bin ich keine Ausnahme.

Krimi-Couch: Kennen sie Richard Stark oder Garry Disher? Beides Autoren, deren Protagonisten Kriminelle sind, die ständig scheitern. Genau wie »El Topo« und »El Perro«?

Ernesto Mallo: Ich habe diese Autoren nicht gelesen.

Krimi-Couch: Ich weiß nicht, ob ihnen jemand den deutschen Titel ihres Romans übersetzt hat. Er ist sehr poetisch. Von Poesie findet man in der rauen Realität von Der Tote von Plaza Onze und Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin wenig. Spielt Poesie für ihr Werk eine Rolle?

Ernesto Mallo: Poesie spielt sowohl in meinen Geschichten, als auch in meinem Leben eine wichtige Rolle. Verleger sagen immer, Poesie ließe sich nicht verkaufen. Und es ist wahr. Poesie liegt in unseren Augen, in der Art, wie wir die Welt betrachten. Es ist ein Kissen, das uns vor der rauen Wirklichkeit schützt. Ich sage immer, dass ich als alter, weiser Mann nur noch Gedichte schreiben werde. Für jemanden, der kein Deutsch spricht, scheinen die spanischen Titel poetischer zu sein als im Deutschen. Das scheint anders herum auch der Fall zu sein.

Krimi-Couch: Wenn man in Deutschland über südamerikanische Literatur spricht, denkt man zuerst an Marquez, Borges oder Juan Carlos Onetti. Ist deren »Magischer Realismus« wichtig für sie?

Ernesto Mallo: »Magischer Realismus« ist ein Etikett, dass Literaturkritiker erfunden haben. Jeder einzelne der erwähnten Autoren war und ist sehr wichtig für mich. Aber ich glaube nicht, dass sie vorgaben, »Magischen Realismus« zu verfassen. Sie haben einfach großartige Geschichten geschrieben. Es ist wie mit den Literaturgenres. Es gibt nur drei Formen von Literatur: Gute, Mittelmäßige und Schlechte. Wobei die mittelmäßige Literatur die Schlimmste ist.

Krimi-Couch: Sie waren Mitglied der Revolutionären Streitkräfte. Schreiben sie, um die Welt zu ändern? Oder erschaffen sie ein Bild einer Gesellschaft ohne Chancen?

Ernesto Mallo: Kein Buch wird jemals die Welt verändern. Genauso wenig wie irgendein Krieg, Untergrundkämpfer oder Politiker. Nichts wird die Welt oder die Gesellschaft verändern. Das einzige, was wir ändern können, sind wir selbst. Und das auch nur bis zu einem gewissen Grad. Ich bin nur ein subjektiver Zeuge meiner Zeit.

Krimi-Couch: Vielen Dank, Señor Mallo, es war mir eine Freude, mit ihnen zu reden, und ich freue mich schon auf ihren nächsten Thriller. Vielleicht sieht man sich das nächste Mal in Deutschland?

Ernesto Mallo: Norman Mailer hat einmal gesagt, man könne nicht intelligenter sein als derjenige, der einen interviewt. Danke für ihre intelligenten Fragen. Ich hoffe, man trifft sich irgendwann in Deutschland. Ein Land, das ich lieben gelernt habe und in das ich gerne zurückkehre.

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