Das geheime Evangelium von Ian Caldwell

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The fifth gospel, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Rütten & Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Vatikan, 1990 - 2009.

  • New York: Simon & Schuster, 2015 unter dem Titel The fifth gospel. 431 Seiten.
  • Berlin: Rütten & Loening, 2016. Übersetzt von Wolfgang Thon. ISBN: 978-3352006661. 555 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2017. Übersetzt von Wolfgang Thon. ISBN: 978-3-7466-3350-3. 555 Seiten.

'Das geheime Evangelium' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Der Vatikan im Jahr 2004, während sich die Herrschaft Johannes Pauls II. langsam dem Ende zuneigt. In den Gärten von Castello Gandolfo wird ein Kurator ermordet, der eine außergewöhnliche Ausstellung betreut hat. Er wollte das Schisma der Kirche überwinden, indem er die Geschichte des Grabtuchs von Turin offenlegt. Alex, ein Priester, der der griechisch-orthodoxen Kirche angehört, wird von seinem Bruder Simon, einem Priester des Vatikans, zum Tatort gerufen. Simon wollte sich dort heimlich mit dem Kurator treffen. Doch während Alex sich noch in den Gärten aufhält, wird in seine Wohnung eingebrochen. Alex beginnt, eigene Ermittlungen anzustellen zumal sein Bruder verdächtigt wird, den Kurator getötet zu haben. Welches Geheimnis hat den Kurator getötet? Was hat es mit dem geheimen Evangelium auf sich? Alex ahnt, dass er der Wahrheit immer näher kommt, denn plötzlich wird er selbst gejagt.

Das meint Krimi-Couch.de: Wenn der Streit um die Deutungshoheit tödlich endet 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Eine Ausstellung mit brisantem Inhalt steht im Vatikan vor ihrer Eröffnung. Deren Initiator, Ugolino Nogara, hat mit viel Mühe und Engagement die bekannten Evangelien studiert. Inspiriert wurde er dabei von einem bislang unbekannten fünften Evangelium, dem so genannten Diatessaron. Dieser in Edessa geschriebene Text ist eine Art Zusammenfassung der aus der Bibel bekannten Evangelien. In der Ausstellung geht es aber auch um das Turiner Grabtuch und vor allem um dessen immer wieder in Frage stehende Echtheit, die Nogara mit Hilfe des Diatessaron zu beweisen hofft.

Pater Simon hat flankierend vorgearbeitet, auf der orthodoxen Seite diplomatisch gewirkt, denn Papst Johannes Paul II. will in seinem letzten Amtsjahr unbedingt noch das Schisma zwischen katholischer und orthodoxer Kirche überwinden. Doch Nogara wird in Castel Gandolfo von Simon tot aufgefunden. Der ruft seinen Bruder Alex zu Hilfe – und gerät schnell unter Mordverdacht. Gegen alle Widerstände versucht Alex, den Fall aufzuklären und die Wahrheit zu finden. Dabei hat er mächtige Feinde – aber auch ebenso mächtige Verbündete.

Caldwell liegt mit seiner Geschichte ziemlich nahe an der Realität

Ian Caldwell hat sich für seinen Vatikan-Thriller einen spannenden Plot ausgedacht. Das berühmte Turiner Grabtuch, ein bisher unbekanntes Evangelium, neue historische Fakten zur Spaltung der Kirchen in Katholiken und Orthodoxe – da wird einiges aufgeboten. Im Unterschied zu Dan Brown setzt Caldwell deutlich mehr auf Hintergrund und Fakten, weniger auf Action und Elemente von Verschwörungstheorien. Damit hebt er sich wohltuend vom Bestseller-Autor ab – es sei denn, man bevorzugt als Leser die spektakuläre Variante.

Aber vermutlich sollte man die beiden Autoren nicht miteinander vergleichen, denn Caldwells Ansatz ist nun mal ein anderer. Es wird deutlich, dass der Autor den Vatikan tatsächlich kennt, die versteckten Orte, die permanente Bautätigkeit, die geheimen Aufzüge. Und das Turiner Grabtuch ist in der Realität tatsächlich so bedeutungsvoll wie umstritten, hier liegt Caldwell mit seinen Schilderungen ziemlich nahe an der Realität.

Krank und körperlich zerfallend – und doch unbeugsam im Willen

Der Autor nimmt den Leser mit in das Machtzentrum der katholischen Kirche. Der Vatikan und seine Bewohner sind für ganze Gilden von Beobachtern ein schier unerschöpflicher Quell an Nachrichten, Gerüchten und Legenden. Die Ränke der machtbewussten Kardinäle, die kaum nachvollziehbare Bedeutung der unterschiedlichen Kleidungsstücke und ihrer Farben, und nicht zuletzt das tägliche Leben der einfachen Menschen im Vatikan-Staat üben eine große Faszination aus, die von Caldwell ausgezeichnet bedient wird.

Macht, Tradition und gelebter Glaube liegen in der Luft, vor allem, wenn es schließlich um den Papst und seine unmittelbare Umgebung geht. Sorgfältig gehütet von seinem Kammerdiener und dem Kardinalstaatssekretär, bewacht von der Schweizer Garde, krank und körperlich zerfallend – und doch unbeugsam im Willen, das Schisma mit der Ostkirche zu überwinden, so zeichnet Ian Caldwell den polnischen Papst in seinem letzten Lebensabschnitt. Für einen Leser, der selbst weder gläubig noch gar katholisch ist, eine höchst faszinierende Lektüre.

Theologische und historische Feinheiten werden ausgebreitet

Man muss als Leser allerdings schon Interesse an den Kernthemen des Romans haben, um sich von der Geschichte einfangen und fesseln zu lassen. Caldwell schildert die Liebe in ihren zahlreichen Facetten – zwischen Brüdern, zwischen Mutter und Kind, zwischen Eheleuten. Der Autor lässt seine Leser tief in das Herz der Protagonisten blicken.

Viel zentraler waren für mich aber die theologischen Erläuterungen zu den Evangelien und zum Diatessaron. Dieser allgemein als Evangelienharmonie bezeichnete Text wurde tatsächlich von Tatian um 170 in Edessa verfasst, und war offenbar in syrischen Gemeinden als alleiniger Evangelientext verbreitet. Daraus seinen Protagonisten einen Beweis zur Echtheit des Turiner Grabtuchs und zu anderen historischen Streitfragen ableiten zu lassen, ist ein spannender Ansatz – der im Roman auch die dadurch freigesetzte kriminelle Energie erklärt.

Caldwell zeigt, dass er über enormes Hintergrundwissen verfügt. Die Erzählung ist dennoch in meinen Augen spannend, auch wenn Freunde konventioneller Thriller die Lektüre zuweilen als trocken empfinden könnten. Aber das ist eben eine Frage der Sichtweise – man muss schon Spaß an solchen Vatikan-Geschichten haben, um diese Geschichte genießen zu können. Wer sich darauf einlässt, wird intelligent und überaus kurzweilig unterhalten.

Andreas Kurth, Februar 2018

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