Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi von Horst Bosetzky

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Gmeiner.
Folge 1 der Mannhardt-&-Enkel-Serie.

  • Meßkirch: Gmeiner, 2009. ISBN: 978-3839210253. 230 Seiten.

'Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Hans-Jürgen Mannhardt, pensionierter Kommissar und nebenamtlicher Dozent, besucht mit seinen Studenten die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Dort wird er von dem ehemaligen Profi-Fußballer Karsten Klütz angesprochen, der wegen Mordes zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden ist. Klütz behauptet, unschuldig zu sein. Mannhardt und sein Enkel Orlando machen sich auf die Suche nach der Wahrheit. Der Fall liegt zehn Jahre zurück und die Beweise waren erdrückend, doch dann liefert ihnen ausgerechnet Fontanes Roman »Unterm Birnbaum« einen entscheidenden Hinweis.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn man Kirschen mit Birnen verwechselt« 25°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Horst Bosetzky hält Theodor Fontane für »den Vater des deutschen Kriminalromans«. Das sind überraschende Meriten für einen Mann, der zwar einige Kriminalerzählungen, aber keinen einzigen Kriminalroman geschrieben hat. Sogar ein Buch hat Bosetzky zu seiner These verfasst (»Mord und Totschlag bei Fontane«), in dem er mit seinem Vorbild munter in einen Dialog tritt. An der Unsinnigkeit der These ändert dies freilich nichts; und ob Fontane nach »Unterm Kirschbaum« noch einmal mit Bosetzky reden würde  wie haben da unsere begründeten Zweifel.

Denn »Unterm Kirschbaum« will nichts Geringeres sein als eine Art moderne Fassung von Fontanes klassischer Kriminalerzählung »Unterm Birnbaum« (1885). Das Ganze ist in eine schlichte Rahmenhandlung eingebetet. Der pensionierte Kommissar Mannhardt, der nebenbei als Unidozent arbeitet, besichtigt mit seinen Studenten die Strafanstalt Berlin-Tegel. Dies nutzt der dort wegen Mordes am Ehemann seiner Geliebten inhaftierte Karsten Klütz, ein ehemaliger Fußballprofi, und steckt dem Ex-Kriminalisten einen Zettel zu. Er habe die ihm zur Last gelegte Tat nicht begangen, Mannhardt möge den Fall noch einmal aufrollen. Und Mannhardt rollt. Doch bevor er dies gemeinsam mit seinem Enkel tun kann, rollt auch Bosetzky mächtig auf, Fontanes Erzählung nämlich.

Das könnte irgendwie alles ganz nett sein. Ein »Unterm Birnbaum«-Remake  was Hollywood kann, traut sich Bosetzky schon lange zu. Aus dem Fontane’schen Gasthaus wird ein In-Fresstempel,  das Personal behält weitestgehend Namen und Professionen bei, auch die Motivlage für den Mord bleibt gleich. Der Gläubiger drängt auf Rückzahlung der Schulden, der Schuldner beseitigt den Gläubiger. Doch ach, zwei Dinge aus Fontanes Repertoire verwendet Bosetzky nicht. Der Meister aus der Mark Brandenburg nämlich konnte schreiben, ziemlich gut sogar; ein Talent, mit dem Bosetzky schon zu Zeiten, da er sich »-ky« abkürzte, nicht gerade hausieren ging. Auch besaß Fontane einen durchaus speziellen Humor, während sich sein selbsternannter Nachfahre mit munterer Kalauerei und gelegentlichen Witzischkeiten zur Lage der Nation über Wasser halten muss.

 So verwandelt Bosetzky über ca. 150 der insgesamt 230 Seiten ein tatsächlich gelungenes Werk deutscher Erzählkunst in eine ebenso neckische wie seicht dahingeplauderte Mordgeschichte, der vor allem eines fehlt: Spannung jeglicher Art. Ein ideales Buch für Leser, die partout Literatur mit Bosetzkyschen Fresstempeln verwechseln, in denen das Menü weichgekocht und vorgekaut serviert wird, nicht mehr verdaut werden muss, sondern nach Verzehr umgehend ausgeschieden werden kann. Mannhardt und Enkel erkennen natürlich sofort, dass der aktuelle Mord fast genau so schon von Fontane beschrieben worden ist. Alles weitere ist folglich Routine, muss man doch nur das Ende der literarischen Vorlage lesen, um das Verbrechen aufzuklären. Die Polizei in Gestalt eines unglaublich witzigen Beamten und seines beständig an der Frührente arbeitenden Kollegen hat selbstredend keine Ahnung und macht alles falsch. Die übrigen durch die Handlung gescheuchten Figuren sind von charakterlicher Beliebigkeit und werden zu willenlosen Opfern von des Autors schnörkellos in die Belanglosigkeit driftender Plauderei.

 Eines Gutes hat »Unterm Kirschbaum« ja vielleicht: Man bekommt wieder Lust auf souveräne Erzählkunst, sprich: auf Fontane und seine Birnbaum-Geschichte. Die so ziemlich das Gegenteil von Bosetzkys Kirschbaumabklatsch ist, also lesenswert. 

Dieter Paul Rudolph, November 2009

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Vincent zu »Horst Bosetzky: Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi« 07.02.2014
Lieber Herr Rudolph, ich bin ganz und gar nicht Ihrer Meinung. "Unterm Kirschbaum" von -KY ist in meinen Augen eine wahre Krimi-Perle in der Unterhaltungsliteratur. Ich greife gerne Ihre These auf, dass Fontane mit Herrn Bosetzky nicht würde reden wollen. Hierzu werde ich mir demnächst "Unterm Birnbaum" zu Gemüte führen. Wen eine andere Meinung zu diesem Buch interessiert --- Meine Rezension ist unter: http://krimis-berlin.de zu lesen. Beste Grüße aus Berlin!
Dr.Dieter Rohnfelder zu »Horst Bosetzky: Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi« 10.01.2010
Knapp daneben, d.p.r., ich bin schon in der 7. Klasse... Im Ernst: Ich habe Ihre Kritik nicht fachlich abqualifiziert, sondern mir lediglich erlaubt, eine gewisse Humorlosigkeit herauszulesen. Und wenn die Kritik von Krimi-Couch.de schlicht "akzeptiert" werden muss, wozu ist dann hier das Meinungsfeld eingerichtet? So what??
d.p.r. zu »Horst Bosetzky: Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi« 09.01.2010
Mein lieber Herr Doktor, ich will Ihnen ja nicht den Spaß unterm Kirschbaum nehmen. Aber ich möchte einmal erleben, dass auch akzeptiert wird, wenn ein Kritiker anderer Meinung ist. Ich nenne ihren Kommentar ja auch nicht ahnungslos und auf dem Niveau eines Sechstklässlers. Ich gönne es Ihnen, Romane zu lesen, bei denen nicht eine einzige Überraschung den Lesefluss hemmt. Gönnen Sie mir bitte, dass ich das einfach langweilig finde.

bye
dpr
Dr.Dieter Rohnfelder zu »Horst Bosetzky: Unterm Kirschbaum: Ein Theodor-Fontane-Krimi« 09.01.2010
Liebe Fans von Horst Bosetz-ky, lasst Euch von der miesepetrigen und ungerechten Kritik von Krimi-Couch.de nicht den Spaß am Lesen nehmen. Die "verschrobenen, verbitterten und vergeistigten Gestalten", die die Buchhandlung der Mutter von Sandra Schulz´ frequentieren (S.101), sollen natürlich ausschließlich das Original "Untern Birnbaum" von Fontane lesen. Dass sich Bosetzky ernsthaft mit dessen Schreibkunst messen will, hat er nie behauptet. Es handelt sich vielmehr um eine Paraphrase, also eine freie Bearbeitung (s. S. 174), und eine solche ist meistens weit vom literarischen Niveau des Vorbilds entfernt (vgl. die vielen modernen Versionen von "Romeo und Julia"). Es ist ein typischer Krimi von -ky (der ja bereits in "Spreekiller" eine moderne Version von Fontanes "Schach von Wuthenow" eingebaut hatte), mit deren bekannten Stärken und Schwächen. Der Humor ist teils umwerfend (der hypochondrische Kriminalbeamte Hinz!), teils nervend (die Kalauer). Spannung steht bei -ky nie im Vordergrund. Sehr gut geschildert ist die Entstehung des falschen Geständnisses von Karsten Klütz. Insgesamt lesenswert, von mir75°.
Den Untertitel "Ein Theodor-Fontane-Krimi" hätte -ky allerdings (da sehr irreführend) besser weggelassen...
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