Der Zauberer von Soho von Guy Cullingford

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel Conjurer´s Coffin, deutsche Ausgabe erstmals 1963 bei Desch.

  • New York: J.B. Lippincott, 1954 unter dem Titel Conjurer´s Coffin.
  • London: Hammond, 1954.
  • München, Wien, Basel: Desch, 1963. Übersetzt von Stefanie Neumann. Die Mitternachtsbücher; Bd. 132.
  • Zürich: Diogenes, 1991. Übersetzt von Irene Holicki. ISBN: 3-257-21975-X. 333 Seiten.

'Der Zauberer von Soho' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Empfangsdame eines maroden Hotels in London verdächtigt einen Gast des Frauenmordes. Damit steht sie allein, zumal der mutmaßliche Mörder ein fähiger Bühnenmagier ist, der sich mit diversen Tricks aus der Affäre zu ziehen versucht ... 

Das meint Krimi-Couch.de: »Mordzauber der zeitlos klassischen Art« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

ADas Hotel ABellevue@ im Londoner Stadtteil Soho hat im Krönungsjahr der jungen Königin Elizabeth II. 1953 seine guten Tage lange hinter sich. Nur dank der Starrsinnigkeit der Eigentümerin, der verschrobenen Madame Lefevre, und seiner niedrigen Preise hält es mühsam seine Pforten geöffnet. Frequentiert wird es vor allem von chronisch erfolglosen Varietékünstlern auf der Durchreise, denen Madame Sondertarife einräumt.

Gut in den Mikrokosmos schrulligen Hotelpersonals und exzentrischer Gäste fügt sich Miss Jessie Milk ein, die seit kurzem an der Empfangstheke des ABellevue@ sitzt. Sie ist nicht mehr jung und dennoch naiv; ein spätes Mädchen vom Land, das nur diesen Job finden konnte und heillos überfordert ist.

Zu den Dauergästen des Hauses gehören der grämliche Bühnenzauberer Gene Gorman, seine biedere Gattin Stella und die hübsche, aber recht unkultivierte Assistentin Gay Shelley. Die beiden Frauen bekriegen einander heftig, wobei Gay schön und Stella vermögend ist. Gern würde die Gattin die Nebenbuhlerin verdrängen, doch Gay hat deutlich gemacht, dass sie sich dies nie gefallen lassen würde.

Dann ist Stella eines Tages plötzlich verschwunden. Offenbar ist sie spurlos aus ihrem von innen verschlossenen Zimmer verschwunden. Miss Milk verdächtigt den Zauberer, kann aber keine Beweise vorlegen. Nachdrücklich aus ihrem Alltagstrott gerissen, beobachtet sie Gorman nunmehr genau. Der schlaue Magier ist ihr indes über, und kurz darauf verschwindet auch Gay. Als wenig später Stellas Leiche gefunden wird, ist Jessie Milk von Gormans Schuld überzeugt. Leider hat er sich ein perfektes Alibi verschafft, und die Polizei tappt im Dunkeln. Erst der Zufall bzw. die unwiderstehliche Anziehungskraft, die Königin Elizabeth auf ihre Untertanen ausübt, hilft Miss Milk, einen scheinbar perfekten Mörder in die Enge zu treiben …

Mord als kleine Ungelegenheit

Was lässt den einen Kriminalroman zum AKlassiker@ reifen, während der andere in Vergessenheit gerät? Wieso kennt jede/r Leser/in Agatha Christie, doch kaum jemand Guy Cullingford? Die Qualität gibt keineswegs den Ausschlag, wie die Lektüre des hier vorgestellten Werks eindeutig belegt. ADer Zauberer von Soho@ ist englische Krimikunst vom Feinsten. Plot, Kulisse und Figurenzeichnung gehen dank der schriftstellerischen Fähigkeiten der Autorin jene bemerkenswerte Einheit ein, die den angelsächsischen AWhodunit?@ der Spitzenklasse kennzeichnet. Nie wurde schnöder Mord so elegant, ernsthaft und dennoch heiter in Szene gesetzt wie von den Meistern – und erstaunlich vielen Meisterinnen – dieses Genres.

ADer Zauberer von Soho@ kann da – zumindest in der ungekürzten, neu übersetzten Ausgabe des Diogenes-Verlags – locker mithalten, obwohl der Purist sich wahrscheinlich über das Mäandrieren der Story um einen Plot mokiert, der mehr Leitstern als fixes Ziel ist. Cullingford hält sich nicht mit einer Einführung des Handlungsortes auf, sondern führt direkt ins Geschehen. Die Schilderung des bizarren AAlltags@ im heruntergekommenen ABellevue@ macht uns Leser mit den Hauptfiguren und ihren exotischen Manieren und Manierismen bekannt. Erst im zweiten Kapitel liefert uns Cullingford Hintergrundinformationen. Da hat sie uns längst am Haken und dirigiert uns nach Belieben dorthin, wo sie uns sehen möchte, während sie mit trockenem Humor ihr aberwitziges Garn spinnt.

Dem gelegentlichen Krimileser mag es viel zu lange dauern, bis endlich ein Verbrechen geschieht. Deshalb abzuspringen wäre schade, denn Cullingford verbirgt in ihren zahlreichen Abschweifungen diverse Hinweise auf das, was kommen wird. Die Mordtat steht hier nicht am Beginn der Geschichte, sondern fließt quasi ein. Bis es soweit ist, gießt die Verfasserin mit den lang und breit geschilderten ersten Arbeitswochen der Jessie Milk das Fundament für ein Geschehen, das nachträglich durchaus konsequent erscheint.

Wer da im ABellevue@ mordet, ist im Grunde kein Rätsel. ADer Zauberer von Soho@ ist in diesem Punkt kein klassischer AWhodunit?@-Krimi. Die Geschichte mündet im Duell zwischen dem Täter und Miss Milk, der scheinbar für diese Rolle denkbar ungeeigneten Person, die allerdings alle Beteiligten sowie die Leser überrascht.

Anders zu sein ist immer verdächtig

Künstler sind gelitten, wenn sie auf der Bühne ihr Programm abspulen und anschließend spurlos verschwinden, denn sobald die Scheinwerfer erlöschen, gelten sie dem Durchschnittsbürger als fahrendes = in finanziellen Dingen und moralisch lockeres Volk, dem keinesfalls zu trauen ist. Dieses unschöne Vorurteil greift Cullingford auf, macht es sich aber nicht zu Eigen, sondern spielt geschickt mit ihm. Die Realität sieht ohnehin anders aus, das Künstlerleben ist zumindest für die Gäste, die im ABellevue@ absteigen, ganz und gar kein Zuckerschlecken. Für wenig Geld ziehen sie unstet durch das Land. Haben sie Glück, kommen sie so gerade über die Runden, aber in der Regel gibt es immer wieder finanzielle Durststrecken, sind Erfolglosigkeit und Pleite sind stets präsente Wegbegleiter. Etwaige Träume von Ruhm & Reichtum hegen diese Fließbandarbeiter der Unterhaltung längst nicht mehr. Der magenbittere Magier Gorman zieht seine eigenen Konsequenzen und handelt entsprechend. Ein Leben wie dieses prägt. Cullingford führt ihre Figuren nicht als grelle Aliens vor, sondern schildert sie ebenso witzig wie einfühlsam als Menschen mit einer unkonventionellen Berufung und einem ungewöhnlichen Beruf. AAnders@ zu sein ist hier keine ASchwäche@.

Künstler bleiben notgedrungen unter sich – die Arbeitszeiten bringen es mit sich – und kultivieren auf diese Weise ihre Eigenheiten. Allerdings trifft dasselbe auf das Personal des ABellevue@ zu. Das alte Hotel dient auch hinter den Kulissen als Auffangbecken für diverse Randexistenzen. Die Eigentümerin weigert sich, die triste Gegenwart zu sehen, sondern gaukelt sich vor ihrem geistigen Auge das ABellevue@ der Vergangenheit vor, die eigentlich schon mit dem I. Weltkrieg ihr Ende fand. Ihre ältere Tochter wirkt leicht irrsinnig, der APraktikant@ ist schon seit sechs Jahren im Dienst. Zum Personal gehören außerdem ein Koch, der seinen Job am liebsten von denen erledigen lässt, die sich von ihm einschüchtern lassen, und eine eisenharte Putzfrau ohne Furcht und (T)Adel. Diese Menschen komplettieren die AFamilie@, die im Kampf gegen die Außenwelt im ABellevue@ zusammenfindet.

Naivität kann eine schreckliche Waffe sein

Jessie Milk passt besser hierher als sie sich selbst eingestehen würde – wäre sie dazu in der Lage, ist sie geistig doch sehr schlicht gestrickt. Mit großen Augen und in Vertretung der Leser betritt sie diese in Seltsamkeit erstarrte kleine Welt. Verzweifelt versucht sie deren Regeln zu begreifen. Das gelingt ihr schneller als erwartet: ADer Zauberer von Soho@ erzählt auch von der Emanzipation der Jessie Milk, die sich im ABellevue@ nicht nur behauptet, sondern auch auf Mörderjagd geht – und sogar eine späte Liebe erfährt. Cullingford versteht es, die graue Maus zur sympathischen Figur aufzuwerten.

Gleichzeitig wird sie zur unerwarteten Gegnerin für einen Mörder, der sich für ein wenig zu schlau gehalten hat. Hinter der Naivität der Jessie Milk steckt auch ein nüchterner Intellekt, der sich nicht beirren, sondern höchstens manipulieren lässt. Freilich beschwört genau das neue Gefahr herauf, die im Duell der Empfangsdame mit dem AZauberer von Soho@ gipfelt inmitten des Trubels der Krönungsfeierlichkeiten, was die Verfasserin so spannend zu gestalten weiß, dass uns das harsche Urteil angelsächsischer Kritiker über Cullingford als Krimi-Autorin überrascht: ACan write, can=t plot@ wird der weiter oben erwähnte Purist womöglich unterschreiben. Lässt man sich als Leser/in indes nicht von Genregrenzen einengen, kann ADer Zauberer von Soho@ seinen nostalgisch charmanten Unterhaltungswert voll ausspielen.

Michael Drewniok, August 2007

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