Il silenzio - Das große Schweigen: Ein Anti-Mafia-Polizist erzählt von Gianni Palagonia

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Il silenzio. Racconto di un sbirro antimafia, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Heyne.

  • Casale Monferrato: Piemme, 2009 unter dem Titel Il silenzio. Racconto di un sbirro antimafia. ISBN: 978-8856603880. 347 Seiten.
  • München: Heyne, 2009. Übersetzt von Bruno Genzler. ISBN: 978-3-453-60113-0. 430 Seiten.

'Il silenzio - Das große Schweigen: Ein Anti-Mafia-Polizist erzählt ' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Blutige Schießereien auf den Straßen sind zwar selten geworden, doch die Geschäfte der Mafia gedeihen wie nie zuvor: erschreckend leise und diskret. So die Erfahrung von Gianni Palagonia, der als Polizist seit über zehn Jahren an Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität in Italien beteiligt ist. Er erzählt packend und ungeschönt vom Kampf gegen vermeintliche Saubermänner, von Opfern, die man einfach vergisst, der hilflosen Justiz und einer korrumpierten Gesellschaft, die die Mafia insgeheim um ihr leicht verdientes Geld beneidet.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ex-Mafia-Jäger Palagonia liefert Einblicke in die Arbeitsweise der Ehrenwerten Gesellschaft« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

In letzter Zeit überschwemmen Bücher zum Thema Mafia den deutschen Buchmarkt. Dabei gaben diese zuletzt vor allem Einblicke in die Organisation der »Ehrenwerten Gesellschaft« und stellten deren »schillernde Persönlichkeiten«, allen voran Bernardo Provenzano (Clare Longrigg »Der Pate der Paten«, Andrea Camilleri M wie Mafia), in den Mittelpunkt.
So könnte man meinen, dass Palagonias Werk Il Silenzio – Das große Schweigen eigentlich überflüssig sei, doch erstens kann man auf das Problem der organisierten Kriminalität nicht oft genug hinweisen und zweitens ist da ja noch der Untertitel »Ein Anti-Mafia-Polizist erzählt«. So werden hier zur Abwechslung mal die eigentlichen »Helden« in den Fokus gerückt.

Gianni Palagonia hat als Jugendlicher erstmals Kontakt zur Polizei, wo sein Onkel beim mobilen Einsatzkommando arbeitet. Sehr zum Ärger seiner Eltern entsteht schon früh der Wunsch selbst Polizist zu werden und so den Leuten helfen zu können. 1980 ist es dann soweit. Es folgt der Eintritt bei der Polizei und damit die Versetzung in einen Randbezirk von Rom, wo er sich um Rauschgiftdelikte kümmern soll. Hier lernt Palagonia mit zwanzig Jahren seine erste »Liebe« kennen, doch die junge Paola ist selber abhängig und trotz intensiver Bemühungen von ihrer Sucht freizukommen stirbt sie wenig später.

Statt zu kapitulieren spornt dieses einschneidende Erlebnis Palagonia noch mehr an und so scheint sich sein Lebenstraum zu erfüllen als er im Juli 1984 zur Squadra mobile in seiner Heimatstadt Catania (Sizilien) versetzt wird. Hier arbeitet er zunächst an großen Betrugsfällen und erlebt erstmals hautnah die Methoden der Mafia als Ermittler. Als er seinem verarmten Schulfreund Cirino Cavallaro einen Job in einer Bar vermittelt, deren Besitzerin sich standhaft weigert die üblichen Schutzgelder zu zahlen, übernimmt die Polizei zunächst sporadisch die Überwachung der Bar. Doch kaum ist diese aus personal- und Kostengründen eingestellt, macht eine Bombenexplosion das Geschäft dem Erdboden gleich. Cavallaro, der keinen Schulabschluss hat, ist verzweifelt, weis nicht wovon er seine Familie ernähren soll und wechselt schließlich die Seiten, wo er später einen beeindruckenden Aufstieg erleben wird. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die von dem »dreckigen Geld« nichts wissen will.

Im weiteren Verlauf seiner Laufbahn hat es Palagonia mit Schutzgelderpressung, Kronzeugenregelungen und zuletzt der Jagd nach den Mafiabossen Sapienza und vor allem Spampinato zu tun. Das Buch endet mit der Verhaftung Spampinatos, nachdem zuvor eine ungeahnte Gewalteskalation ganz Italien erschütterte. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang der Anschlag auf den Mafia-Jäger und Richter Giovanni Falcone im Mai 1992. Plötzlich sind auch Morde an Polizisten kein Tabu mehr und so sieht sich Palagonia letztlich gezwungen, seinen »Traumjob« aufzugeben und sich in ein ruhigeres Revier im Norden Italiens versetzen zu lassen, da er und seine Familie massiv bedroht werden. So endet dieses Buch, wobei natürlich auch noch das Schicksal des Jugendfreundes Cavallaro aufgezeigt wird.

»Sagen Sie mir doch mal, was Ihnen dieser Staat, außer der Pistole und dem Polizeiausweis noch gegeben hat? Richtig, nichts. Aber dafür begeben Sie sich jeden Tag in Lebensgefahr, und wenn Sie einen Fehler machen, jagt man Sie mit Fußtritten davon oder bringt Sie hinter Gitter. Wenn Sie aber getötet werden, den Heldentod sterben, reisen all die hohen Tiere zu Ihrer Beerdigung an, um sich vor Ihrem Grab mit betrübter Miene fotografieren zu lassen. Dann versprechen sie wieder mal, mehr Männer und mehr Mittel zu bewilligen, spucken große Töne, die die Leute beeindrucken, und zum Mittagessen sind sie schon wieder daheim: Flug auf Staatskosten, Eskorte auf Staatskosten, 15 Millionen Lire Monatsgehalt, lebenslange Pension, verehrt und beweihräuchert von jedermann. Doch echte Tränen vergießen nur Ihre Angehörigen.« (»Il Silenzio«, S. 114)

Wie schon erwähnt bräuchte dieses weitere Mafia-Buch niemand, wäre es nicht aus der Sicht eines Polizisten geschrieben. Etwas irritierend ist zunächst, dass Palagonia von seiner Arbeit in den Jahren 1980 bis etwa 1992 erzählt und somit – wie oben ausgeführt – Mafiabosse im Mittelpunkt stehen, deren Namen außerhalb Italiens heute nahezu unbekannt sind. Dass der Autor seine Erlebnisse erst über fünfzehn Jahre später veröffentlicht, dürfte in erster Linie einem gesunden Sicherheitsverständnis geschuldet sein. Inzwischen sind viele der genannten Personen verstorben, so dass er – anders als sein Autorenkollege Roberto Saviano (»Gomorrha«) – wohl kaum mit Konsequenzen der Mafia zu rechnen hat.

Palagonia zeigt in seinem Buch die Arbeitsweise der Mafia an Beispielen eindringlich auf. Wie Politiker und andere Entscheidungsträger bestochen, bedroht, korrumpiert und »überzeugt« werden oder wie man sicherstellt, bei allen (!) großen Bauvorhaben ein Stück vom Kuchen abzubekommen, wird ausführlich dargestellt. Fazit, die Mafia ist auf Sizilien allgegenwärtig, was allerdings keine wirklich neue Erkenntnis ist.

Demgegenüber steht ein kleiner Haufen eingeschworener Polizisten, die permanent Überstunden schieben, ihre Familien kaum sehen, ständig Angst um ihr Leben (und das ihrer Familie) haben müssen und zudem nur einen Hungerlohn verdienen. Da die Situation auf Sizilien für die meisten Menschen ohnehin von großer Armut geprägt ist, wird schnell verständlich, warum die Mafia keine Nachwuchssorgen, vor allem bei dem Großteil der ungebildeten ländlichen Bevölkerung hat. Schließlich werden von eingenommenen Geldern zahlreiche Familien ernährt.

So ist Il Silenzio eine gute Ergänzung der bereits vorliegenden Literatur, wobei der Autor einen sehr einfachen Schreibstil pflegt (seiner eigenen Biografie geschuldet), der das Ganze allerdings höchst anschaulich und damit authentisch macht. Bleibt die Frage, ob das Buch Mut macht, dass sich auf Sizilien jemals etwas zum Guten wenden wird? Auch wenn bekanntlich die Hoffnung zuletzt stirbt, auf Sizilien ist dieser Zeitpunkt längst überschritten.

Jörg Kijanski, November 2009

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