Antihero feat. Charles Willeford von Frank Nowatzki (Hg.)

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2001 .

  • Berlin: Maas, 2001. ISBN: 3929010666. 247 Seiten.
  • Berlin: Pulp Master, 2009. ISBN: 978-3927734111. 247 Seiten.

'Antihero feat. Charles Willeford' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Protagonisten dieses Buches sind Antihelden: Abzocker, Verlierer, Arschlöcher, Verbrecher, Serienmörder oder Auftragskiller. Das ist in der Welt der Crime- und Pulpfiction jedoch nichts Ungewöhnliches, ist doch die Figur des Antiheros hier ein beliebtes Stilmittel, um einen Blick in die Schattenbereiche der Zivilisation zu riskieren und dem Leser eine andere Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse zu bieten. Je mehr die Antiheros von Dekade zu Dekade mutierten, desto bizarrer und gewagter wurden die Storys. Das Kernstück dieser Anthologie ist Charles Willefords Debütroman Der Hohepriester: Im San Francisco der 50er inszeniert der selbstgefällige Gebrauchtwagenhändler Russel, ein Macho-Arsch par excellence, seine Interpretation des American-Way-of-Life und manipuliert seine Mitmenschen gnadenlos. Paul Cain, Fletcher Flora, Dan J. Marlowe, Derek Raymond, Joe R. Landsdale und Buddy Giovinazzo lassen weitere Vertreter der Spezies Antihero auf uns los.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ich bin geboren, ein Arschloch zu sein« 60°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Die Pulp-Master Reihe aus dem Maas-Verlag ist eine Referenz an die Pulp-Magazine, die ab den 1930er Jahren all jenen Krimiautoren eine Heimat geboten haben, die sich Konventionen widersetzten und Themen wie Gewalt und Sexualität oder aber auch Drogenmissbrauch in das Zentrum ihrer Erzählungen setzten. Von der Kritik gerne als Schund» abgetan, legten in den Pulp-Magazinen Autoren wie Hammett, Chandler oder Burroughs den Grundstein ihrer Karriere. In der Pulp-Master Reihe finden sich Klassiker wie Paul Cain und Gerald Kersh, in erster Linie aber zeitgenössische Autoren wie Garry Disher und Buddy Giovinazzo. Hinzu kommen Autoren wie Derek Raymond, Joe R. Lansdale oder eben Charles Willeford; stilprägende und brillante Erzähler, deren Werk in Deutschland viel zu wenig bekannt ist.

Die Anthologie Antihero bietet anhand einiger Kurzgeschichten und Willefords erstem Roman Der Hohepriester einen groben Überblick über eine für Pulp recht typische Figur. Die Figur des Antihelden. Der Antiheld bietet dem Autor exzellente Chancen, den Blick des Lesers auf die Schattenseite der Gesellschaft zu werfen. Ob einfach nur ein Arschloch oder ein Betrüger, Gauner, Krimineller, Serienmörder: Wir begleiten Menschen, denen die meisten Leser am liebsten nie begegnen würden.

Willefords Debüt

Unter die erste Kategorie, nämlich die Kategorie «Arschloch» fällt der Protagonist in Willefords Der Hohepriester, Russel Haxby. Wer eine Beschreibung eines überheblichen Obermachos sucht, der schlage hier nach. Russel ist Autoverkäufer und manipuliert gerne. Wenn er das bei seinen Kunden, seinem Chef und den Preisen seiner Gebrauchtwagen beließe, wäre das noch kein Problem, aber sein besonderes Interesse gilt Frauen. Für Russel ist es ein Sport, von einem One-Night-Stand zum nächsten zu hecheln. Doch eines Abends begegnet er der hübschen Alyce, jung, attraktiv und offenbar total naiv. Trotzdem schafft er es nicht auf Anhieb in ihr Bett. Doch das spornt einen wie Haxby erst recht an. Er erschleicht sich Freundschaften und erfährt, dass Alyce verheiratet ist, ihr Mann jedoch nach gerade erst überstandener Syphilis geistig nicht mehr auf der Höhe ist.

Keine Frage, solange der Mann weiter auf der Bildschirmfläche ist, hat Russel bei Alyce keine Chance. Also manipuliert er seine Mitmenschen kräftig weiter, lügt, schwindelt, betrügt und benutzt alle Mittel, um zu seinem Erfolg zu kommen.

Willeford betreibt in seinem Debütroman, der nicht ganz 120 Seiten umfasst, von Anfang an eine grundsolide Charakterstudie. Sein Antiheld Russel Huxby bekommt alle Facetten eines schmierigen Machoarsches verpasst. Sein zielgerichtetes handeln und manipulieren dient einzig der Zerstreuung eines inhaltlosen Lebens als gestrandeter Gebrauchtwagenverkäufer ohne Perspektive und so gelingt dem Debütanten Willeford eine fast komplett gelungene Geschichte. Fast – denn er vergisst lediglich dabei, seine Leser zu begeistern.

Antihelden – 1930 bis 2000

Die anderen Erzählungen kommen nicht über die Länge einer Kurzgeschichte hinaus. Paul Cain, einer der Vorreiter des Pulp, beschreibt in seinem «Ausputzer" noch einen Ermittler-Typ, der zwischen Gesetz und Illegalität schwankt, ein abgebrühter Überlebenskünstler. Fletcher Flora schickt den schon weitaus weniger sympathischen Looser Frankie ins Rennen, der endlich einmal Glück im Leben zu haben scheint. Nach Willeford folgen dann Dan J. Marlowe mit einem zum Tode verurteilten Gewaltverbrecher, Derek Raymond mit einem cholerischen Serienmörder, Joe R. Lansdale mit einem Nachwuchs-Auftragskiller und schließlich Buddy Giovinazzo mit einem postmodernen, psychopathischen Verschnitt von Bonnie und Clyde. Deutlich wird, wie sehr sich die Figur des Anithelden in sieben Erzählungen über sieben Jahrzehnte weiter entwickelt hat. Auch bei den Kurzgeschichten gibt es Licht und Schatten, doch finden sich hier durchaus knifflige Ideen und schockierende Lebenseinstellungen, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Antihero ist eine mit Sorgfalt zusammengestellte Anthologie, die die Pulp-Master Reihe komplettiert. Die Höhepunkte der Reihe jedoch sind anderswo zu finden. Gleiches gilt für Willefords Der Hohepriester: Zahlreiche Romane Willefords, aber insbesondere sein Spätwerk mit den vier Romanen um Hoke Moseley, können die breite Leserschaft mehr begeistern.

Thomas Kürten, Februar 2009

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