So wie du mir von Frank Göhre & Günther Butkus

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel So wie du mir, bei Pendragon.

  • Bielefeld: Pendragon, 2010 unter dem Titel So wie du mir. ISBN: 978-3865322005. 304 Seiten.

'So wie du mir' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Judenbuche, Sittengemälde, Milieustudie oder Kriminalgeschichte, lässt viel Raum für die eigene Interpretation. Räume, die 19 Autorinnen und Autoren genutzt haben, um die Geschichte weiterzuspinnen, um einzelne Aspekte aufzugreifen und den historischen Stoff in unsere heutige Zeit zu übertragen. Sie schreiben über Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit, über Gewalt bis hin zu Mord und Totschlag, über familiäre Dramen, Alkoholismus, Rache und nicht zuletzt über Schuld und Sühne. Mit der vollständig abgedruckten Geschichte Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff.

Das meint Krimi-Couch.de: »Keine Angst vor (erst)klassischen Stoffen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Tim König

Annette von Droste-Hülshoff war eine Vorreiterin – ihr heute bekanntestes Werk, Die Judenbuche, war im 19. Jahrhundert inhaltlich noch zu drastisch, stilistisch zu experimentell und dazu noch von einer Frau geschrieben, sodass es damals kaum Aufmerksamkeit bekam. Ganz zu schweigen davon, dass das Thema – der Mord an einem Juden – eine ganz eigene Brisanz hatte und immer noch hat, wenn es sich nicht gar verstärkt hat: In der Judenbuche wird ein zweifelhaftes Urteil über den vermeintlichen Täter gesprochen, womit die Schuld ihr eigenes Leben beginnt: sie bleibt nicht beim Täter, sondern geht auf die gesamte Gesellschaft über. Denn diese Gesellschaft ist weder fähig, den Mord zu verhindern, noch ihn aufzuklären.

Die Judenbuche ist aber auch heute akut vom Druckaussterben bedroht: Obwohl seit Jahrzehnten Pflichtlektüre in der Schule, hat sie wohl potentielle Leser eher verschreckt als angezogen. Der Grund dafür ist eigentlich eine Tugend, die besonders Kriminalromanen inne ist oder sein sollte: Die Geschichte zeigt auf die blinden Flecken der Gesellschaft. Dadurch muss man mit einer besonderen Wachheit lesen, die einem Mittelstufenschüler eher abgeht – denn das Verbrechengeschieht hier, auch erzählerisch, hinter verschlossenen Türen oder nächtens in dunklen westfälischen Wäldern.

Ein anderer Aspekt ist, dass diese Abgründe einen in dieser Form einzigartigen Freiraum für eigene Gedankengänge und mögliche Wahrheiten bieten. Eine ,richtige’ Antwort oder eine wahre Erklärung kann es so nicht mehr geben. Daraus sind 19 Kurzgeschichten von modernen Krimiautoren entstanden, die sich von der Judenbuche inspirieren ließen. Diese sind ebenso experimentierfreudig wie drastisch, meistens brisant und schmerzen gerade an den Stellen, an denen man selbst es am wenigsten mag: An den eigenen Vorurteilen. Ein schönes Gift.

Qualitativ rangieren die Variationen auf einem sehr hohen Niveau, werden aber kaum einen Leser finden, der jede Geschichte großartig findet. Man kann grob sagen, dass es 2 Varianten an Texten gibt: Experimente und eher traditionelle Geschichten.

Die Experimente machen bisweilen lyrische Ausflüge, sind purer Dialog oder Bewusstseinsstrom; hier wird die ganze Bandbreite kreativer Textproduktion genutzt, und das meistens in krasser Ausprägung. Manchmal schießt das zwar ziemlich am Leser vorbei, ist aber jedes Mal, wenn man sich darauf einlassen kann, eine Bewusstseinsreise wert.

Aber auch der Krimileser ohne literarische Abenteuerlust findet ,traditionelle’ Geschichten, die sicherlich die meisten Seiten dieses Buches füllen. Und sofern die Autoren nicht den Versuch machen, einfach die Lücken, die die Judenbuche bietet, alleine mit einer plakativen Aussage oder einem niederschmetternden Menschenbild füllen, sind sie stark.

Als Beispiel mag da »Der magische Ort« von Klaus-Peter Wolf dienen, der nicht nur die Gesellschaft aufs Korn nimmt, sondern auch die eigene Psyche im Zusammenspiel mit der diffusen Schuld des halbwüchsigen Mörders bricht. Aber auch der Twist am Ende ist nicht nur überraschend, sondern intelligent, was im Übrigen für die meisten Geschichten gilt: Dramaturgisches Spiel mit der Erwartungshaltung des Lesers ist hier kein Selbstzweck, sondern das einzig mögliche Bild der Wahrheit nach einer solch intensiven Leseerfahrung wie der Judenbuche und ihrer Variationen. Man hat also durchaus etwas, das aus den Abgründen zurückschallt und auch nach dem weglegen des Buches bleibt.

So wie du mir ist in fast jeder Hinsicht zu begrüßen: Es bietet Platz für Experimente, intelligente Spannung und injiziert der großartigen Judenbuche frischstes Blut. Dass es dabei ein paar Ausfälle gibt, ist nicht mal eine Schwäche des Buches, sondern seine besondere Stärke: Unter der großen Vielfalt höchst und unterschiedlich gelungener Geschichten dürfte jeder Leser eigene Favoriten entdecken. Also: 12,90 € investieren und glücklich werden!

Tim König, Juli 2012

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