Out of Sight von Elmore Leonard

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Out of Sight, deutsche Ausgabe erstmals 1998 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1990 - 2009.

  • New York: Delacorte Press, 1996 unter dem Titel Out of Sight. ISBN: 0385308485. 296 Seiten.
  • München: Golmann, 1998. Übersetzt von Jörn Ingwersen. ISBN: 3-442-44295-8. 253 Seiten.
  • München: Goldmann, 1998 Zuckerschnute. Übersetzt von Jörn Ingwersen. ISBN: 3-442-43819-5. 253 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2012. Übersetzt von Jörn Ingwersen. ISBN: 978-3518462911. 254 Seiten.

'Out of Sight' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Jack Foley ist eine Legende, der berühmteste Bankräuber der USA. Im Knast bringt ihm das eine Menge Respekt ein. Aber was ist schon Respekt, gegen ein Leben in Freiheit? Foley bricht aus – und da steht Karen Sisco, Deputy US Marshall Karen Sisco, blond und schön, und zielt mit ihrer .38er Sig Sauer auf ihn. Aufhalten kann sie Foley trotzdem nicht und findet sich unversehens an seiner Seite im Kofferraum des Fluchtautos wieder. Dort kommen die beiden sich näher, jedenfalls bis es Karen gelingt zu fliehen. Als die beiden sich das nächste Mal begegnen, sind die Karten neu verteilt. Und Karen gibt ihr Bestes, um den größten Coup in Jacks Karriere zu vereiteln.

Das meint Krimi-Couch.de: »Rasanter Mix aus Pulp, Augenzwinkern – und einer skurrilen Liebesgeschichte.« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Jack Foley strahlt Selbstsicherheit aus und Stil, er ist wegen seiner rund zweihundert Banküberfälle berühmt im ganzen Land – aber ausgerechnet die Frau, mit der er nun im Kofferraum ihres Wagens liegt, die sich so angenehm anfühlt und so gut riecht, dass er sich auf der Stelle in sie verliebt, ausgerechnet die hat noch nie von ihm gehört. Also wird er redselig, die beiden entdecken eine Art Geistesverwandtschaft, und so erzählt er ihr viel mehr, als es sich für einen soeben entflohenen Sträfling gehört.

Auch Glenn Michaels, einer von Fowleys Fluchthelfern, redet zu viel, das hat aber andere Gründe: Denn ihn kennt US Marshal Karen Sisco von einem Gefangenentransport her. So verstört wie Fowley darüber ist, dass die Frau ihn nicht kennt, so sehr wirft Glenn das Wiedererkennen aus der Bahn:

»Wirklich wahr? Wo?«
»Letzten Herbst«, sagte Karen. »Ich hab Sie vom County-Gefängnis Palm Beach zum Bundesgericht gefahren, zweimal. Sie sind Glenn Michaels. Ich vergesse nie jemanden, den ich an Händen und Füßen gefesselt habe.«

Und schon versucht Glenn, sich aus der Sache herauszuwinden, indem er eben redet. Dieses doppelte Ausplaudern, von Jack Fowley und Glenn Michaels, liefert der Polizistin eine ausreichende Fährte für den ganzen Krimi.

Natürlich: Das ist eigentlich nicht genug für eine kompakte Story, aber Elmore Leonard geht es immer um andere Dinge als einen guten, vielfältigen Plot, auch wenn er den in diesem Roman fast bietet – es geht ihm darum, dass sein Personal sich um Kopf und Kragen redet und sich ebenfalls durch Reden aus aussichtslosen Situationen herauszuwinden versucht. Denn das ist eine seiner größten Stärken: eine nahezu perfekte, messerscharfe und humorgetränkte Dialogführung, die nie hölzern oder aufgesetzt wirkt. Die wirklich große Kunst dabei: Bei all dem Blödsinn, den die Leute von sich geben, verkommen sie zu keiner Sekunde zu Comicfiguren.

Damit Jack Fowley in jenem Kofferraum landen kann, muss er erst mal aus dem Gefängnis ausbrechen; davon handeln die ersten gut dreißig Seiten von Out of Sight (auf Deutsch erstmals 1999 als Zuckerschnute erschienen und mit dem dritten Platz beim Deutschen Krimipreis ausgezeichnet). Dabei fährt Leonard von Anfang an eine ausgefeilte Schnitttechnik mit kleinen Rückblenden und schnellen Ortswechseln auf, die, unterstützt von kurzen, oft unvollständigen Sätzen, die Rasanz der Geschichte effektvoll vorantreibt. Schade nur, dass die Übersetzung gerade in der Anfangsphase durch einige Zeitfehler den Lesefluss stört.

So läuft dieses Buch scheinbar von selbst auf Hochtouren; wie ein Film, bei dem man nach Szenenwechseln einen Moment braucht, bevor man weiß, wo man sich befindet. Es ist genau genommen ein Liebesfilm: Denn Fowley und Sisco beschäftigt die Begegnung der sonderbaren Art gleichermaßen. Fowley macht sich allen Ernstes Gedanken darüber, was passiert wäre, wenn er Karen beispielsweise in einer Cocktailbar kennen gelernt hätte – und Karen wiederum überlegt sich, was sie tun würde, wenn sie ihn ganz allein erwischen würde.

Im Klappentext steht: »Doch als die beiden sich das nächste Mal begegnen, sind die Karten neu gemischt ...« Das ist Blödsinn; denn es kommt im Laufe des Romans gleich zu mehreren Begegnungen. Und dann: Sind die Karten am Ende wirklich neu gemischt? Spielt das eine Rolle? Nein. Out of Sight lebt nicht unbedingt von dieser Spannung. Dass es am Ende wieder eine Begegnung gibt, liegt sowieso auf der Hand.

In der Zwischenzeit folgen wir den beiden: Sisco spricht unter anderem viel mit ihrem Vater, einem erfahrenen Privatdetektiv, der sie bei der Suche nach Fowley und dessen Partner Buddy unterstützt; und Fowley denkt ununterbrochen an die Frau im 3000-Dollar-Kostüm. Kann er als Bankräuber eine Chance bei einem US Marshal haben? Immerhin ist er ein charmanter Gentleman-Gangster, der keine Waffe braucht, weil er genügend andere Tricks auf Lager hat. Andere Verbrechen liegen ihm fern – eigentlich:

Fowley schüttelte den Kopf. »Ich könnte kein Einbrecher sein, das ist mir zu hinterhältig. Und es ist harte Arbeit. Klaut man Fernseher, braucht man einen Laster. Klaut man Schmuck, muss man wissen, ob er was wert ist.«

Wir dürfen allerdings nur einen einzigen Bankraub erleben, was zur größten Schwäche des Buches wird: Jack Fowley verlässt entgegen obiger Aussage sein Metier und lässt sich auf einen Raubüberfall ein. Das ist unglaubwürdig – zumal er sich mit Leuten zusammentut, von denen er weiß, dass er ihnen nicht trauen kann. Aber offenbar fand Leonard keinen anderen Showdown, der im Wiedersehen der Protagonisten gipfelt. Immerhin bringt er seinen Bankräuber mit witzigen Dialogen dazu, auch in neuen Gefilden seine Selbstsicherheit zur Überheblichkeit werden zu lassen:

Buddy checkte die 38er, stand vom Sofa auf, um sie in seinen Hosenbund zu schieben, und sah auf Foley herab, der die Beretta in Händen hielt.
»Weißt du, wie man sie bedient?«
»Das sollte ich. Ich hab es oft genug in Filmen gesehen.«

Also ist Out of Sight eine Farce, die sich nicht allzu ernst nimmt – wodurch nicht einmal die Liebesgeschichte stört. Die kommt eben auch nicht wie Pilcher-Dutzendware daher. Der angelegte Flirt gewinnt auch durch den sehr harten Kontrast zur teilweise enormen Brutalität des Buches: Es gibt kaltblütige Morde und derbe Vergewaltigungen. In diesen Hard-boiled-Szenen fehlt natürlich auch das sonst fast allgegenwärtige Augenzwinkern – der »Leonard-Touch«. Das ist echter Pulp. Im besten Sinne.

Im Kino galt die Mischung aus witzigen Dialogen, absurden Liebesgeschichten und ausufernder Brutalität schon 1996, als dieser Roman im Original erschien, als typisch für Quentin Tarantino. Diesen Mix hätte es ohne die Bücher von Elmore Leonard sicher nicht so gegeben: Tarantino ist ein ausgewiesener Fan des Autors; Jackie Brown ist sogar eine Leonard-Verfilmung. In Out of Sight lässt sich für alle, die mit dem Tarantino-Frühwerk vertraut sind, so etwas wie eine Rückkoppelung ablesen: Leonard beeinflusste Tarantino nachhaltig, der dann wiederum durch seine Filme die Sicht- und Schreibweisen von Elmore Leonard auf ein neues Niveau brachte. Genau deshalb sind die Dialoge hier noch gewagter und verrückter als in früheren Leonard-Krimis, genau deshalb nehmen Filme hier einen so großen Raum ein.

Schon im Kofferraum wird über Filme geredet, die Dialoge könnte teilweise tatsächlich als Abgleichen gemeinsamer Interessen auf einer Cocktailparty durchgehen. Da sind es vor allem Bonnie und Clyde und Die drei Tage des Kondors, die sowieso jeder Krimifan auf dem Radar haben sollte; überrascht war ich, dass Leonard später gleich zwei meiner Lieblingsfilme aus den Achtzigern mehrfach zitiert: Stranger Than Paradise von Jim Jarmusch, der ein Gefühl für die Stimmung in Detroit vermittelt, wo der Roman in der zweiten Hälfte spielt – und Repo Man von Alex Cox, den Leonard auch aus einem anderen Grund zu erwähnen scheint: Wenn ich ihn richtig verstehe, warb er um eine Verfilmung von Tarantino oder wenigstens Jim Jarmusch mit Harry Dean Stanton in der Hauptrolle:

Repo Man, ein klasse Film, den er schon mehrmals gesehen hatte. Der alte Harry Dean Stanton zog mal wieder den Kürzeren. Machte aber Spaß zuzusehen. Das war der Film, bei dem sie den Kofferraum aufmachen, und man sieht ein seltsames Leuchten. Wie in Rattennest der merkwürdige Glanz in der Kiste im Schließfach, und in Pulp Fiction hatte man es noch mal verwendet. [...] Er mochte diese Art Film.

Wenn das keine halboffizielle Bewerbung ist! Rattennest übrigens ist die Verfilmung eines Romans von Jim Thompson, ein literarischer Vorfahre Leonards der direktesten Linie.

Es kam anders. Mit der Verfilmung von Out of Sight kam Steven Soderbergh aus der Independent-Ecke raus, George Clooney und Jennifer Lopez wurden zu Weltstars. Auch hier stehen die Dialoge mit Flirts und Lügengeschichten über der Krimihandlung. Immerhin umschifft der Film die Unglaubwürdigkeit des Buches ein bisschen – da werden aus den Komplizen Konkurrenten. Kein schlechter Kniff. Aber leider fehlt dem Film jede Underground-Attitude; außerdem mangelt es ihm an Brutalität. In Filmkritiken war die Rede davon, Soderbergh habe einen Film über die Zeit gemacht. Das stimmt, aber Out of Sight ist auch ein Buch, in dem die Zeit eine enorme Rolle spielt. Nur ein kleines Beispiel:

»Guck auf deine Uhr«, sagte Buddy. »Es ist zwanzig nach elf. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier, um zehn vor zwölf. Wenn du nicht auftauchst, komm ich um zwanzig nach zwölf wieder. Wenn du dann immer noch nicht da bist, sehen wir uns in dreißig Jahren wieder.«

Ein Wort noch zur Wiederveröffentlichung: Als in den Neunzigern der Rotbuch-Verlag damit anfing, die Romane von Mickey Spillane neu aufzulegen und damit einer neuen Leserschicht zu erschließen, waren manche entsetzt. Damals hätte man sagen können: Fehlt nur noch, dass Suhrkamp mit Elmore Leonard kommt. Jetzt ist es passiert; endlich. Schade, dass sich die Suhrkamp-Leute nicht die Mühe gemacht haben, wenigstens die Tippfehler in der Übersetzung von Jörn Ingwersen zu entfernen. Etwas mehr Respekt hätte der neue Suhrkamp-Autor durchaus verdient.

Matthias Kühn, März 2012

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