Wie gut ist der deutschsprachige Kriminalroman – und warum gibt es ihn nicht? Eine ausgewogene Polemik

von Dieter Paul Rudolph

Man kann beinahe die Uhr danach stellen. In ziemlich regelmäßigen Abständen erhebt sich die Stimme der deutschsprachigen Kriminalliteratur und beginnt zu jammern, zu zetern, zu heulen. Wie schlecht sie einen doch behandeln, die Damen und Herren Kritiker, wie sie einen nicht »ins Feuilleton« lassen, da können sich sogar die Verlage beschweren, hilft alles nix. Derweil man die anderen hätschelt, die Amis und die Skandinavier, sogar die Italiener und Südafrikaner, wer weiß, bald findet sich gar der erste Laote auf der KrimiWelt-Bestenliste und man selber nicht. Ein Skandal.

Auslöser für diese kleine polemische Kolumne, die eigentlich gar nicht polemisch werden sollte, es dann doch aber wurde, ist ein Facebook-Eintrag der den Unmut darüber artikuliert, dass sich auf der aktuellen Krimiwelt-Bestenliste nur ein einziger deutschsprachiger Titel findet – und das auch noch unter ferner liefen. Wie es der Zufall wollte, hatte kurz zuvor ein durchaus geschätzter Autor einen schönen sinnreichen Spruch bei Facebook gepostet: »Ein Kritiker ist ein Mensch, der böse wird, wenn dem Publikum etwas gefällt, was er nicht mag.« Beide Einträge fanden überwiegend Zustimmung und mündeten in der bekannten Kritikerkritik. Gegen die ist ja nichts einzuwenden, beileibe nicht. Mit der Krimikritik steht es nicht zum Besten, ich kenne keinen Kritiker, der dies nicht unterschreiben würde, sich aber natürlich ausnähme von dieser Kritik an den Kritikern, und natürlich gehöre ich auch dazu. So ist das nun einmal. Im weiteren Verlauf der Diskussion kam dann noch die Behauptung auf den Tisch, Internetforen schätzten den deutschsprachigen Krimi gering und überhaupt gebe es zu wenige davon. Ja, das ärgert mich auch.

Nicht dass es zu wenige Foren gäbe, die dann noch den deutschen Krimi ignorierten, sondern dass man solche Behauptungen niederschreibt, ohne sich zu informieren, was es denn tatsächlich an Foren gibt und was sie alles unternehmen, um dem deutschsprachigen Krimi Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man kommt sich ja inzwischen ziemlich blöd vor, auf die Krimicouch verweisen zu müssen und etwa auch noch darauf, dass dort nicht nur deutsche Krimis heiss diskutiert werden, sondern gar in »Leserunden« gemeinsam mit dem Autor, der Autorin geradezu liebevoll analysiert. Noch blöder kommt man sich allerdings vor, wenn man daran denkt, was man selber und einige KollegInnen seit Jahren blogmäßig veranstalten. Der deutsche Krimi war und ist dabei stets Thema, jedoch – und das ist der Knackpunkt – durchaus kritisch.

Nun verstehe ich das ja sehr gut, bin schließlich nicht nur Kritiker. Der beste Kritiker ist immer der, der einen lobt, tut er das aus unerfindlichen Gründen nicht, hat er halt keine Ahnung und ist überhaupt alles ziemlich ungerecht. Und ein Forum, das einen ignoriert, ignoriert man eben auch. Das erinnert mich an andere, immer wiederkehrende Lamentos, das etwa, in der deutschen Krimikritik schnitten Frauen notorisch schlechter ab als Männer. Belege? Gibt es keine, stimmt nämlich nicht, kann man nachprüfen. Aber wenn man selbst Autorin ist und schlecht abschneidet, neigt man eben zu Verallgemeinerungen. Schon klar. Dass Frauen weniger Krimipreise als Männer einfahren – richtig. Nur, was will man uns damit sagen? Preise werden von denen vergeben, die in den Jurys sitzen. Das Ganze ist willkürlich und am willkürlichsten ausgerechnet bei der Autorenvereinigung Syndikat, die ihre alljährlichen Glauserpreise von Leuten bestimmen lässt, die anscheinend bei drei nicht schnell genug auf den Bäumen waren und deren Qualifikationen als Kritiker in der Regel im Dunkeln bleiben.

Und wozu das alles? Ist der deutsche Krimi etwa am Ende wirklich so schlecht, dass die Kritiker gar nicht anders können, als das auch zu schreiben? Gut, er hat nicht gerade internationales Niveau, wenn man dies an der Häufigkeit der Übersetzungen bemessen möchte. Immerhin wurden in letzter Zeit Autoren wie Sebastian Fitzek oder Jan Costin Wagner unter anderem ins Englische übertragen und gerade sehe ich, dass es Volker Kutschers Der nasse Fisch jetzt auch auf Französisch gibt. Und durchaus gelobt wird. Okay, nicht gerade überwältigend, aber vielleicht liegt es schlicht daran, dass man sich auswärts nicht so für das interessiert, was sich in Sachen Kriminalliteratur jenseits der Landesgrenzen abspielt. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, das sich sehr dafür zu interessieren scheint, was ja nichts Schlechtes ist. In anderen Ländern gibt es eben eine stärkere Krimitradition, bei uns gibt es – ich erwähne es nur kurz, weil ich mich nicht aufregen will – überhaupt keine, es juckt auch niemanden, nicht zu wissen, wo die eigenen Wurzeln verbuddelt sind.

Nein – Polemikmodus vorläufig off – wir erfreuen uns etwa seit der Jahrtausendwende an einer bis dato noch nie erlebten Blüte der deutschsprachigen Kriminalliteratur. In den siebziger bis neunziger Jahren waren es Einzelleistungen, zum Beispiel von Ulf Miehe oder Jörg Fauser, die den Krimi hierzulande aus dem Einerlei zumeist in Zwergendeutsch verfasster Murksromane hervorhoben. Der sogenannte Soziokrimi, von seinen Absichten her ein Sjöwall/Wahlöö-Klon, aber mit weitaus weniger Meisterschaft, stürzte ob seiner thematischen Überfrachtung in sich selbst zusammen und niemand trauerte ihm nach. Neuerungen kamen zumeist über das Medium Fernsehen (für die Serie »Tatort« schrieben viele Autoren, die auch Bücher verfassten) und blieben in der Regel angestrengte, wenn auch gutgemeinte Experimente. Pieke Biermann, die einzige Autorin von internationalem Rang, veröffentlichte vier Kriminalromane, sackte Preise ein – und hinterließ im deutschen Krimi wenigstens eine Ahnung davon, was das Genre leisten könnte, befreite man es aus seiner thematischen, ideologischen und sprachlichen Provinzialität. Ganz allmählich formierte sich in dieser Zeit Kriminalliteratur als ernstzunehmende Kunst- und Unterhaltungsform, stellvertretend seien D.B. Blettenberg und Frank Göhre genannt, die auch heute noch aktiv sind.

Vieles ist seither in der Spitze besser geworden. Horst Eckert und Norbert Horst schreiben ambitionierte Polizeiromane, Astrid Paprotta (momentan nur für Film und Fernsehen tätig) ist eh eine Klasse für sich, die bereits erwähnte Elisabeth Herrmann, Jörg Juretzka, Manfred Wieninger, die Mädels aus dem fruchtbaren Schoß des Ariadne-Verlags (nebenbei: Es gibt mehr Frauen als Männer an der Krimispitze. Das ist so und das freut mich.), Andrea Maria Schenkel ist ebenso umstritten wie erfolgreich, selbst die von mir schon arg gerupfte Anne Chaplet schreibt plötzlich hervorragende Krimis. Es gibt sogar Riskantes, vom leider kaum beachteten Jens Luckwaldt bis zum ebenfalls noch im Halbschatten harrenden Guido Rohm …alle anderen, die ich jetzt nicht nennen kann, bitte nicht böse sein.

Es ist also Grund zur Freude vorhanden und dennoch: Das alles reckt sich aus einem muffigen Sumpf einerseits und ist andererseits immer in der Gefahr, der Hybris zu verfallen, voller Selbstüberschätzung und sportlichem Ehrgeiz, jetzt doch bitte auch bei internationalen Wettbewerben auf dem Treppchen zu stehen. Die meisten wollen zudem auf Teufel komm raus »ins Feuilleton«, als säßen dort die wahren Krimikenner und nicht, wie seit Jahrhunderten, die ewig gleichen Modemacher, deren Literaturkollektionen so häufig und beliebig wechseln wie die Fummel bei Karl Lagerfeld.

Man buhlt um die Kritiker und wendet sich, bleiben alle Liebesbemühungen erfolglos, zürnend von ihnen ab. Dann ist eben alles »Geschmackssache«, ein Kritiker eh eine Art missgünstiger Psychopath, der es selbst nicht geschafft hat, zwischen zwei Buchdeckel zu kommen. An wirklicher Kritik ist man sowieso nicht weiter interessiert, nicht an Theorie oder dem, was außerhalb des eigenen engen Wendekreises geschieht. Als 2006 nach längerer Zeit wieder ein Krimijahrbuch erschien, machte sich der Verleger hoffnungsvoll auf zur »Criminale«, dem alljährlichen Ringelpitz mit Glauserpreisverleihung, den das »Syndikat« veranstaltet. Im Gepäck hatte der wackere Mann etliche Zentner Krimijahrbücher, die er dem Fachpublikum zum Sonderpreis verkaufen wollte. Gute Idee. Am Ende reiste der Verleger traurig wieder ab. Gerade 10 Exemplare waren verkauft worden. Nachdem das Krimijahrbuch 2009 endgültig gescheitert war, konterte das Syndikat mit einem eigenen »Jahrbuch«. Einer der Hauptaufmacher war natürlich die Frage, warum Frauen weniger Krimipreise gewinnen als Männer. Dazu die obligate Selbstbeweihräucherung, als »Criminale«-Reportage getarnt, und ein »Kettenkrimi«, damit möglichst viele zahlende Syndikalisten wieder eine Veröffentlichung mehr in ihrer Bibliografie vorzuzeigen haben. In drei Wörtern: provinziell, selbstverliebt, scheuklappig.

Man könnte anmerken, dass eine deutsche Krimiszene ebenso wenig existiert wie der deutsche Krimi überhaupt. Es wird halt geschrieben, es wird veröffentlicht, es wird verkauft, es wird kaffeekränzchenmäßig über Abwesende gelästert, manche Intrige gesponnen, das gilt nicht nur für die Autoren, sondern auch für die Kritiker. Danach eilt man, so es ein neues Buch zu »promoten« gilt, geschäftig nach Hause, um schnell noch unter falschem Namen eine euphorische Rezension des eigenen Werkes bei Amazon einzustellen oder die gesamte Verwandt- und Bekanntschaft zu nicht weniger überschwenglichen Lesermeinungen bei der Krimicouch und anderen der ach so seltenen und ignoranten Foren zu animieren.

Jetzt ist der Polemikmodus wieder an – und wie. Das ist natürlich alles furchtbar ungerecht, weil es auch diejenigen trifft, die nicht dazugehören oder die nur dazugehören, weil man halt dazugehört. Es ist ein ständiges Kriechen und Lauern, ein Kuschen und Sichaufbäumen, ein Munkeln und Beschwören, ein luftiges Behaupten ins Blaue hinein, ein Schnappen nach jedem Bissen. Doch, ja, es gibt deutsche Krimis. Einige sind wirklich gut, mehr als zuvor, einige verkaufen sich prächtig, einige scheitern ehrenvoll, das Gros ist – wie in allen anderen Ländern auch – einfach nur Mist, der nicht einmal niedere intellektuelle Bedürfnisse befriedigt, aber es ist eben nur das: deutsche Krimis. DEN deutschen Krimi gibt es nicht, kann es nicht geben, aber es könnte so etwas wie eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten existieren, die jenseits der üblichen Ränke und des wohlfeilen Gejammers sich untereinander austauscht. Die mit Kritik vernünftig umgeht, auch einmal den Diskurs mit der Kritik sucht, sich mit ihr streitet, ohne sofort am reichlich mit beleidigter Leberwurst bestrichenen Jammerbrot zu kauen. Aber vielleicht ist das zuviel verlangt. Schade eigentlich.

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