Eine klitzekleine Geschichte der deutschen Kriminalliteratur

von Dieter Paul Rudolph

Es mag jetzt Scherzkekse geben, die ein dickes Fragezeichen hinter die Überschrift machen. Deutsche Kriminalliteratur, Geschichte? Klingt wie »deutsche Bananen«, wächst hierzulande nicht auf natürliche Weise, sondern, wenn überhaupt, dann nur in hoch technischen Gewächshäusern und schmeckt auch so. Der deutsche Krimi eine peinliche Nachzüchtung der amerikanischen, englischen, französischen Originale. Doch das Fragezeichen ist deplatziert und sollte durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden. Ja, es gibt eine deutsche Kriminalliteratur! Genau, sie hat sogar eine Geschichte! Und eine lange dazu. Die wir hier nur anreißen können, auf vielfachen Wunsch der Krimicouchleser übrigens. Das meiste davon habe ich schon andernorts zur Kenntnis gebracht, googeln hilft hier sehr…

Aber wo beginnt diese Geschichte? Ganz bestimmt nicht bei Schiller, ETA Hoffmann und Co., dem also, was man abgrenzend »Verbrechensliteratur« betitelt. Das Verbrechen als mehr (Schiller, Kleist) oder weniger (ETA Hoffmann) deutliches Vehikel, um in die berühmten moralischen Abgründe der Seele zu gelangen. Mit »Krimi« hat das wenig bis gar nichts zu tun.

Welches ist nun also der erste deutsche »Krimi«? Wäre ich ein Korinthenkacker (okay, bin ich manchmal), müsste ich jetzt sagen, dass der erste »Krimi« irgendein Heftroman aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sein dürfte. Denn der Begriff »Krimi« ist genau zu jener Zeit und in diesem Umfeld entstanden. Sprechen wir also allgemein von »Kriminalliteratur«, da auch der Begriff »KriminalROMAN« nicht passt, wie wir gleich sehen werden.

Das magische Jahr ist 1828, in dem der exzentrische Dramatiker Adolph Müllner (er soll missliebigen Kritikern auch schon mal strafrechtliche Verfolgung und wahlweise Prügel angedroht haben) eine Novelle namens Der Kaliber (nicht »das«!) veröffentlicht. Ein Kriminalrichter wird mit einem Mordfall konfrontiert – und braucht ihn eigentlich gar nicht weiter zu verfolgen, denn der Täter stellt sich und gesteht sein Verbrechen. Doch unser Richter hat seine Zweifel am Tathergang und bleibt am Ball. Tatsächlich war alles anders als zunächst vermutet und die letzte Gewissheit bringt ein Tatsachenbeweis. Genau das ist es, was Verbrechens- von Kriminalliteratur unterscheidet: Es wird ermittelt, es geht um Fakten. Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Barbara Burns identifiziert Der Kaliber nicht nur als »the first German detective story«, sondern verweist pikanterweise auch darauf, dass diese kleine Novelle dreizehn Jahre vor Poes »Der Doppelmord in der Rue Morgue« erschienen ist, jenem Text also, der allgemein als Beginn der Detektivliteratur gilt.

Oho. Haben »wir« ihn also erfunden, den »Krimi«? Nun, von erfinden kann keine Rede sein. Das Genre entwickelt sich. Entscheidend wird dabei, dass immer mehr Zeitschriften gegründet werden, die ihren Leserinnen und Lesern nicht nur Wissenswertes (z.B. das »Pfennigmagazin«), sondern auch spannende Unterhaltung offerieren wollen. Die Leihbibliotheken boomen zudem, was Lektüre auch für weniger begüterte Kreise erschwinglich macht. Im Strafrecht hat es wichtige Reformen gegeben (u.a. werden sie öffentlich), ebenso in der Polizeipraxis (Polizisten sind nicht mehr nur uniformiert, sie können jetzt auch in Zivil, undercover sozusagen, ermitteln).

Der erste relevante deutsche KriminalROMAN dürfte Carl von Holteis Schwarzwaldau von 1856 sein, ein auch heute noch mit Gewinn zu lesendes Werk. Neben der eigentlichen Kriminalhandlung (eine erotische Dreiecksgeschichte, die ihren homosexuellen Hintergrund dem aufmerksamen Leser nicht verheimlicht) gibt es zudem reichlich Einblicke in das Leben im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, vor allem was den Niedergang des Adels und den Aufstieg des Bürgertums betrifft. Auch hier erfolgt die Überführung des Täters durch einen Tatsachenbeweis.

Von Holtei war zu dieser Zeit einer von mehreren Autoren, die für Familienzeitschriften schrieben. Der erfolgreichste und auch wichtigste davon heißt Jodocus Donatus Hubertus Temme. Eigentlich Jurist, muss er nach der Revolution von 1848/49 Deutschland verlassen und emigriert in die Schweiz. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Autor von (überwiegend) Kriminalgeschichten für »Die Gartenlaube«, die verbreitetste und legendärste deutsche Familienzeitschrift. Es entstehen aber auch Romane, die in Buchform erscheinen (und in preußischen Leihbibliotheken nicht angeboten werden dürfen).

Temme ist der vielleicht erste »moderne« deutsche Kriminalschriftsteller, da er nicht nur mit dem (damals noch unüblichen) »Whodunit«-Faktor arbeitet. Im Zentrum steht auch das »Wie«, stehen seelische Konflikte ebenso wie soziale und politische Themen.

Die Zeitspanne zwischen 1850 und etwa 1880 wird somit zur ersten Blüte der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Zu nennen wären noch Autoren wie Adolf Streckfuß oder Friedrich Friedrich, aber auch die Österreicherin Auguste Groner, die mit Joseph Müller den ersten deutschen Seriendetektiv erfindet. Wer sich in diese Zeit (und darüber hinaus) lesend vertiefen möchte, sei auf meine Seite verwiesen, wo Hunderte von PDFs darauf warten, kostenlos auf dem PC gelesen zu werden (ihr könnt auch eure E-Book-Reader mal so richtig zum Brummen damit bringen).

Die große Zäsur erfolgt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist die erste Globalisierung des Genres, eine Art Gleichschaltung, könnte man auch sagen, ausgelöst durch den enormen und weltweiten Erfolg der Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle. Plötzlich wimmelt es auch in der deutschsprachigen Kriminalliteratur von Sherlock-Holmes-ähnlichen Superhelden. Darunter ist, wen wundert’s, sehr viel Mist. Zumindest eine Perle jedoch auch, Robert Kohlrauschs In der Dunkelkammer (1903), eine Holmes-Parodie, die man immer noch mit großem Vergnügen liest.

Diese Internationalisierung betrifft nicht nur Conan Doyle. Andere, allen voran der allseits bekannte Edgar Wallace, werden auch für den deutschen Kriminalroman stilbildend. Das hat etwa zur Folge, dass die Story in England spielt, was jene unfreiwillig komischen Folgen zeitigt, wie sie auch bei den Verfilmungen der Wallace-Krimis in den sechziger Jahren zum Schmunzeln anregen.

Aber die deutsche Kriminalliteratur ist damit nicht endgültig im Einheitsbrei des Genres versumpft. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstehen – parallel zum Siegeszug des Kinos – zahlreiche originelle Krimis, die nicht nur hinsichtlich ihrer Dramaturgie die Dynamik der bewegten Bilder adaptieren, sondern auch experimentierfreudig sind, Artur Landsbergers Justizmord? von 1928 beispielsweise. Daneben entwickelt sich allmählich der Polizeiroman, wie wir ihn heute kennen (Lesetipp: Venus Vulgivaga oder Der letzte Schuss von Otto Schwerin, 1923), es entstehen »psychologische Krimis« (u.a. aus der Feder von Erich Wulffen, Jurist und Kriminologe), vor allem jedoch taucht ein Typus Autor auf, der das Image des Kriminalromans bis in unsere Tage beschädigt: der Vielschreiber.

Stellvertretend sei Walther Kabel erwähnt, der zwar nur 56 Jahre alt wird – aber allein 372 Folgen seiner Serie um den »deutschen Detektiv« Harald Harst verfasst. Er stirbt 1935, nachdem er sich zunächst den Nazis anbiedert, dann aber auf Distanz geht. Denn mit der Machtergreifung 1933 wird eben alles politisch, auch der Krimi. Dass der deutsche »Übermensch« Verbrechen begeht, ist eigentlich unvorstellbar. Und so wimmelt es in den Schaufenstern der Buchhandlungen und den Kiosken auch nur so von »ausländischen Detektiven«, von »ausländischen Autoren« – viele davon Pseudonyme, hinter denen sich Deutsche verbergen. Dennoch: Der Krimi ist den Regierenden ein Dorn im Auge, wie etwa 1937 ein Vertreter der Nazibürokratie feststellt:

Während die Unterwelt längst ausgehoben und verbrannt wurde, lebt noch eine literarische Halbwelt, die in Millionen von Büchern, Romanen und Provinzblättern, in Groschenheften und Illustrierten ihr Unwesen treibt. (…) Hartnäckig widersetzt sich dieses geistige Unkraut den Anstrengungen, es aus dem Volksboden auszurotten.

Gleichwohl weiß die NS-Führung um den Wert der Kriminalliteratur als Massenunterhaltung und Propagandawerkzeug. Sie versucht daher, die massenhaft gelesenen Romane nach ihren Vorstellungen zu lenken. Aus einem Bericht von 1940:

Die »Beratungsstelle für Kriminalschrifttum« hat in Zusammenarbeit mit dem Reichspropagandaministerium die Unterweisung und Ausrichtung von sechs Kriminalschriftstellern aufgenommen. (…) Ziel der Zusammenarbeit ist, den minderwertigen Kriminalroman auszumerzen, die Kriminalschriftsteller durch Anregungen und Vorschläge zu unterstützen und ihnen Gelegenheit zu geben, die wahre Tätigkeit und Bedeutung der deutschen Kriminalpolizei für die Sicherung des Volksfriedens kennenzulernen.

Von einer »nationalsozialistischen Umerziehung« des Genres kann man dennoch nicht reden. Wer sich für dieses Thema interessiert, sei an Carsten Würmann verwiesen, vor allem an seinen Artikel »Volksgemeinschaft mit Verbrechern. Zum Krimi im Dritten Reich«, der im »Krimijahrbuch 2008« erschienen ist und aus dem auch die beiden letzten Zitate stammen.

Jedenfalls geht nach dem Ende der NS-Herrschaft im Genre alles so weiter wie bisher. Kriminalliteratur ist massentauglich, populär, trivial eben, von wenigen Ausnahmen (z.B. Egon Eis) abgesehen. Das bleibt so bis in die sechziger Jahre, als sich im Umfeld der »rororo-Thriller« des Rowohlt Verlags ein neuer Typus Krimi herausbildet, der Soziokrimi. Auch er ist keine originär deutsche Erfindung (stilbildend sind hier die Schweden Sjöwall/Wahlöö), doch er schafft es, den Zeitgeist jener Jahre zu fixieren. Man mag von diesen Krimis halten was man will – als Zeitdokumente sind sie interessant genug und Autoren wie –ky, Michael Molsner, Friedhelm Werremeier, Irene Rodrian oder Helga Riedel bilden auf jeden Fall die Basis dessen, was wir heute als »aktuelle deutsche Kriminalliteratur« bezeichnen können. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Der Start der »Tatort«-Reihe 1970. Hier tummeln sich viele der Soziokrimi-Autoren, verdienen nicht nur gutes Geld, sondern prägen auch den breiten Publikumsgeschmack, den sie allmählich weg vom Groschenroman hin zum »anspruchsvollen Buch« lenken. Der Krimi, keine Frage, wird salonfähig. Auch hier für Interessierte ein weiterführender Literaturtipp: Jürg Brönnimanns Der Soziokrimi – Neues Genre oder ein soziologisches Experiment?, erschienen in der Reihe »KrimiKritik« des NordPark Verlags.

Aber gehen wir noch einmal zurück. Wenn wir heute von »anspruchsvoller« deutschsprachiger Kriminalliteratur reden, von »literarischer« gar, dürfen zwei Schweizer nicht fehlen: Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt. Während Dürrenmatt seine Krimiproduktion von vorneherein als Mittel zum Geldverdienen einsetzt, liegt der Fall bei Glauser anders. Er schreibt stark autobiografisch, ist an soziologischen Phänomenen interessiert und ein ausgezeichneter Beobachter. Dürrenmatt steht dagegen ein wenig auf dem »literarischen« Thron. Er ist – unfreiwillig, gewiss – das Argument der Krimiverächter, dass eigentlich nur wirkliche »Literaten« das Genre aus seinem Milieu des Trivialen herausschreiben können.

Aber Glauser, heute als eine Art Kirchenvater der deutschen Kriminalliteratur verehrt, bleibt bis in die siebziger, achtziger Jahre praktisch ohne Einfluss. Erst die langsam dämmernde Erkenntnis, dass auch Kriminalliteratur »Literatur« ist, bringt ihn ins Bewusstsein von Autoren und Lesern. Kollegen wie Ulf Miehe oder Jörg Fauser widmen sich dem Genre und bereichern es um neue Nuancen. – Aber das habe ich – wie auch den Zustand der neueren deutschen Kriminalliteratur – bereits an anderer Stelle ausgeführt.

Halten wir fest: Wer sich die Geschichte des deutschsprachigen Genres anschaut, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gilt Entdeckungen zu machen, liebgewonnene Vorurteile über Bord zu werfen und sich vorzustellen, was aus der deutschen Kriminalliteratur alles hätte werden können, wäre sie nicht über Jahrzehnte miss- und verachtet, verleumdet und verharmlost worden. Die digitale Technik macht es heute möglich, einige dieser verschollen geglaubten Perlen bequem (und meistens auch noch umsonst) bewundern zu können. Was hält euch noch davon ab?

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