»Der talentierte Mr. Ripley« - Ein Roman und seine Lesemodelle

Von Dieter Paul Rudolph

Zwei Dinge kamen für diese Kolumne zusammen. Einmal meine in einer früheren Kolumne geäußerten Überlegungen zum Mehrfachlesen eines Krimis – und jenes stattliche und hübsche Buch der Edition Büchergilde, das jüngst auf meinem Schreibtisch landete und nach Besprechung verlangte. Dabei kannte ich es ja längst. Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley, 1955 zum ersten Mal erschienen, ist ein Klassiker des Genres. Jetzt kommt es als »erster Thriller in 3D« zu Ehren, denn für die Büchergilde-Ausgabe hat die junge Künstlerin Alexandra Rügler eigens 3D-Zeichnungen angefertigt, die mit Hilfe einer beiliegenden Brille plastisch zu bestaunen sind. Und wozu das alles? Die Künstlerin selbst gibt ihre Motivation preis: »Meine Intention war, dem Leser Räume zu eröffnen, die das Befremdliche, Bizarre der Situationen unterstützten.« Interessant ist das allemal; aber eigentlich hat dieser Roman Räume genug, um sich darin zu verlieren.

Nun sind Bücher immer Räume, durch die man sich einen Weg bahnen muss. Man könnte diesen Weg ein »Lesemodell« nennen, eine bestimmte Art der Interpretation also, mit der sich der Leser, die Leserin durch den Text bewegt. Je komplexer ein Buch, desto komplexer der Raum – und desto mehr Wege – Lesemodelle -, die durch diesen Raum führen. Deshalb eignen sich solche Bücher, wie schon an anderer Stelle bemerkt, sehr gut zum nochmaligen Lesen, denn sie erlauben es, ein neues Modell zugrunde zu legen, »neu« zu interpretieren. Genau das habe ich jetzt mit Highsmiths Klassiker vor. Welche Lesemodelle gibt es dafür? Wie viele Wege führen durch den »talentierten Mr. Ripley«?

Dieser erste der fünf Ripley-Romane hütet ein Geheimnis und dieses Geheimnis heißt Geheimnislosigkeit. Man kann diesen »Krimi« von vorne bis hinten nacherzählen, ohne wirklich »zu viel zu verraten«. Und, Obacht, das werde ich auch tun. Wer also auf Spoiler generell allergisch reagiert, sollte hier aufhören zu lesen – und zwar SOFORT! Obwohl Der talentierte Mr. Ripley notorisch spoilerlos ist und wer das Buch liest, um zu erfahren, wer es denn nur war, der wird fürchterlich enttäuscht werden. Denn: Ripley war’s, wer sonst. Und alle Welt weiß es. Der Clou des Romans liegt also darin, dass wir alles »in Echtzeit« erfahren und nicht erst im Nachhinein durch das Genie eines Detektivs. Wir MÜSSEN geradezu wissen, dass Tom Ripley ein Mörder ist, weil sonst das ganze Buch nicht funktioniert. Es gibt kein Geheimnis, Punkt. Ripley mordet und kommt ungeschoren davon – und darin steckt auch gleich das zweite Geheimnis. Denn eigentlich wäre Ripley kinderleicht seiner Verbrechen zu überführen. Aber der Reihe nach. Eine knappe Inhaltsangabe.

Tom Ripley, 25, fristet ein unbefriedigendes Leben als Angestellter und Möchtegernkrimineller. Das ändert sich, als ihn Herbert Greenleaf, der Vater eines flüchtig Bekannten, bittet, seinen Sohn dazu zu überreden, wieder nach Hause zu kommen. Das Reizvolle: Dieser Sohn, Dickie, weilt in einem kleinen italienischen Fischerort und genießt als malender Dilettant die Freuden des Bohème-Daseins. Ripley willigt ein, denn Greenleaf senior zahlt alles. Er freundet sich mit Dickie und dessen Begleiterin Marge an, schließlich zieht Tom sogar bei Dickie ein. Es beginnt ein sorgenfreies Leben, Geld ist genug da, man reist, vergnügt sich, nur Marge wird eifersüchtig auf Tom. Als sich auch Dickies Verhalten allmählich zu Ungunsten des neuen Freundes zu verändern droht, handelt dieser. Er tötet Dickie während einer Bootsfahrt, lässt die Leiche im Meer verschwinden und nimmt die Identität des Opfers an. Mit gefälschten Unterschriften greift er fortan Dickies Vermögen ab. Auch ein Freund Dickies muss sterben, als er Tom zu durchschauen droht. Die Polizei ermittelt – und zwar gegen den verschwundenen Dickie, weil man annimmt, dieser habe Tom getötet… Trotz einiger brenzliger Situationen gelingt es dem Mörder, seine Taten zu verbergen. Am Ende erbt er dank eines gefälschten Testaments sogar noch Dickies gesamten Besitz.

Liest sich ziemlich krimi-like? Schon; zwei Morde, Täuschungen und Verwicklungen – aber ach, was für Schlampereien! Jeden unbedarften Verfasser von Regionalkrimis würde man schon für weniger an die Wand nageln, völlig zu Recht übrigens, und das hier soll ein Klassiker des Genres sein? Die Polizei ist von markerschütternder Dummheit und wird darin nur noch von den arglosen Verwandten und Freunden Dickies übertroffen. Man wird den schlimmen Verdacht nicht los, dass sich Ripleys Talent vor allem aus der Talentlosigkeit seiner Schöpferin speist. Er selbst ist ein Dilettant, ein gescheiterter Kleinganove. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass er mit Hilfe gefälschter Formulare brave Bürger zu angeblichen Steuernachzahlungen veranlasst. Nur leider: Die stellen ihre Schecks auf die Behörde selbst aus und Ripley kommt nicht an das Geld. Dumm gelaufen. Auch die Morde sind alles andere als überlegt. Es gibt Zeugen, Ripley verstrickt sich in Widersprüche – doch niemand merkt es. Nein, als handelsüblicher Krimi fällt Der talentierte Mr. Ripley mit Karacho durch. Unser erstes Lesemodell, mit dessen Hilfe wir uns ein paar spannende Genrelesestunden versprechen, scheitert kläglich. Also wählen wir ein anderes.

Dieses zweite Lesemodell beginnt ebenfalls auf der Textebene, reicht dann aber über diese hinaus. Es fällt auf, dass Tom Ripley keinen Sexualtrieb zu haben scheint, ja, dass generell Sexualität in diesem Roman vermieden wird. Sogar zwischen Dickie und Marge scheint kein erotisches Verhältnis zu bestehen. Sie küssen sich zwar (was Ripley angeekelt heimlich beobachtet) und Marge ist unzweifelhaft in Dickie verliebt, dennoch erfolgt kein »Vollzug«. Marge wiederum ist eifersüchtig auf Tom, den sie Dickie gegenüber offen als »warmen Bruder« bezeichnet. Später, nach dem Mord, wird Tom versuchen, Dickies Rückzug von Marge damit zu erklären, dass er jetzt mit ihm, Tom, zusammenlebt.

Tatsächlich liebt Tom Dickie – und ist gleichzeitig über diese Tatsache schockiert. Das Motiv für den Mord liegt also in dieser verqueren Mischung aus ersehnter und verabscheuter Sexualität, es ist Ausdruck einer mehr als verklemmten Haltung. Die natürlich perfekt in die Zeit, Mitte der fünfziger Jahre, passt, in der Homosexualität in vielen Ländern noch Straftatbestand und per se moralisch verwerflich war. Gewiss ist es Zufall, dass 1955 auch ein anderes Werk der Weltliteratur erschien, das – jedenfalls auf der Oberfläche – ein noch heikleres sexuelles Tabu thematisierte, Vladimir Nabokovs Lolita. Auch hier übrigens – dies als kleine allgemeinliterarische Abschweifung – führt die Spur in die Biografie des Autors, wenngleich völlig anders als man denkt. Lolita ist kein »pornografisches Kinderschänderwerk«, sondern eine Verarbeitung von Nabokovs durch die russische Revolution jählings beendeter Jugend. Bei Highsmith sind die biografischen Spuren noch eindeutiger. Sie hatte zeitlebens Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung und lagerte diese in die Figur des Tom Ripley aus.

Dieses Lesemodell ist natürlich nicht abendfüllend, sondern lediglich ein Zwischenschritt zur zentralen Problematik des Romans: der Identität. Ripley übernimmt die Rolle Dickies beinahe perfekt, er liebt ihn, er hasst ihn, so wie er sich und seine unterdrückte Veranlagung liebt und hasst. Das wiederum tangiert die wohl essentiellste Frage von Kriminalliteratur, die von Gut und Böse, die ja auch eine Identitätsfrage ist. Wer ist gut, wer ist böse, wo soll die Grenze gezogen werden?

Jenseits aller Verweise auf Toms sexuelle Misere ist Der talentierte Mr. Ripley ein Roman über den perfekten Identitätswechsel, eine Flucht aus dem eigenen Ich also. Und hier zeigt sich die ganze Meisterschaft von Patricia Highsmith, der es souverän gelingt, die übliche Täter-Opfer-Konstellation ad absurdum zu führen. Ripley ist beides, der Böse und der Gute, er ist auch ein »perfekterer« Dickie als dieser selbst es war. Beide sind voneinander abhängig, sie sind eins. Als Tom später gezwungen wird, wieder »er selbst« zu werden, kommt es ihm so vor, als sei er Dickie, der Tom spielt… Highsmith führt uns vor, wie diese Sehnsucht nach einer anderen Identität psychologische Verwirrungen hervorruft, wie man sich immer wieder gezwungen sieht, in die Wirklichkeit (= Tom) zurückzukehren, um die Fiktion (= Dickie) nicht zu verlieren. Wie sie das macht, hat nichts, aber auch gar nichts mit jenen »Psychothrillern« zu schaffen, die uns gemeinhin als »Blicke in die menschlichen Abgründe« verkauft werden. Die Autorin geht sehr viel weiter – indem sie sehr nahe am Alltäglichen bleibt, wo wir die Verstellungen und Inszenierungen an uns selbst beobachten können, ohne dafür jemand anderes ermorden zu müssen.

Hier nun schließt sich ein letztes Lesemodell an. Die Besonderheit des Romans liegt zuallererst darin, dass wir Leser etwas geradezu Unerhörtes tun: Wir sympathisieren mit einem kaltblütigen Mörder. Der ist nicht, wie etwa Arsène Lupin, ein »Gentlemanganove«, nein, Tom Ripley ist ein wahrer Bösewicht – und dennoch, wie schon erwähnt, auch sein eigenes Opfer. Dass wir mit ihm sympathisieren, hat zunächst eine banale Ursache: Der Roman ist vollständig auf Tom konzentriert, wir folgen stets nur seiner Sicht der Dinge, wir denken seine Gedanken und wandeln in seinen Spuren. Die Welt des Lesers wird so zur Welt Ripleys, eine Welt, die nach den Wünschen des Protagonisten geformt wird, der schlauer ist als die anderen. Was nicht schwerfällt, denn die anderen sind dumm und naiv. Die Leser verstehen das. Hier hat jemand geradezu das Recht, sein Leben in andere Bahnen zu lenken, ein armer Waisenjunge, der endlich eine Chance hat und sie auch nutzt. Selbst wenn er dafür morden muss.

Es entsteht eine Komplizenschaft zwischen Ripley und den Lesern. Das ist nur möglich, weil Highsmith zunächst einmal die Trennung von Gut und Böse aufhebt und den Grundstein für jedes Sich-Identifizieren legt: Tom Ripley nämlich nimmt uns mit auf seine Flucht und gerade weil er so ein schillernder Charakter ist, der gute Gründe hat, so zu handeln, ist es eine reizvolle Angelegenheit, mit ihm zu flüchten.

Wenn wir diese drei entwickelten Lesemodelle betrachten, so fällt zweierlei auf. Zunächst: Sie gehören zusammen. Die nicht gerade spektakuläre »Krimi«-Handlung mit ihren gezielt platzierten Schwächen, die sexuelle Unterfütterung des Ganzen mit ihrem Verweis auf die Biografie der Autorin und schließlich der Schulterschluss, den wir Leser mit Tom zulassen, weil das Lesen generell und das von Genreliteratur im Besonderen immer auch ein Spiel mit wechselnden Identitäten ist, eine risikolose Flucht in Scheinwelten. All das bereitet Patricia Highsmith meisterlich vor, sie verwischt Grenzen (Gut, Böse), sie gibt uns die Möglichkeit, ohne selbst schuldig zu werden für 300 Seiten Tom Ripley zu sein. Man könnte das ein »Spiel mit dem Genre« nennen, in Wirklichkeit jedoch ist es kein Spiel, sondern eine ernste Angelegenheit. Der talentierte Mr. Ripley erlaubt es uns, ein literarisches Werk voll auszukosten. Wir müssen es nicht – aber wir dürfen es.

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