Von Streichelzoos und Dauerjammer

über Sinn und vor allem Unsinn des Deutschen Krimi Preises 2004

von Lars Schafft

Der Deutsche Krimi Preis 2004 geht an …Ja, jetzt erwartet man den Trommelwirbel, gespannte Gesichter, die auf nicht minder angespannt lächelnde Moderatoren starren, elegant gekleidete Zuschauer, blendende Scheinwerfer, einen geöffneten Umschlag, den strahlenden Gewinner, Blitzlichtgewitter – aber halt! Wir sind hier beim Krimi und bleiben bitte bei der recht biederen Realität. Und die sieht so aus, dass die Gewinner schon zehn Monate vor der Preisverleihung feststehen.

Die Kunst, sich selbst zu feiern, scheint dem »Genre«, wie man Anhänger des Kriminalromans vom Autor über Verleger und Kritiker bis schlussendlich, fast hätte man´s vergessen, Leser gerne tituliert, völlig fremd zu sein. Mehr oder weniger lieblos flattern die Pressemitteilungen herein, dass D.B. Blettenberg den besten deutschsprachigen Krimi 2003 (Berlin Fidschitown) abgeliefert hätte. Auf internationaler Seite steht neben ihm die Französin Fred Vargas (Fliehe weit und schnell) auf dem Podest. Platz zwei geht an, na wer war´s gleich?, Anne Chaplet (Schneesterben) bzw. gleich zwei mal George P. Pelecanos (Eine süße Ewigkeit, Schuss ins Schwarze). Das Treppchen komplettieren auf deutscher (bitte um Entschuldigung, österreichischer) Seite Heinrich Steinfest (Ein sturer Hund) und der Kanadier Christopher G. Moore mit Stunde null in Phnom Penh auf der internationalen. Ende der Vorstellung.

Ein tristes Gütesiegel?

So trist kann man einen Preis verleihen. D.B. wer? Fred Var was? Ein paar Sätze zu den Autoren, die der Durchschnittsleser sicherlich kaum kennt, Verlagstexte zu den einzelnen Titeln, kein Sterbenswörtchen zur Begründung der Preisverleihung. Hauptsache, »Deutscher Krimi Preis« darf bald wieder mehr Cover verunzieren und man knabbert nicht nur am Preisschild sondern auch an dem »DKP-Aufkleber«. Deutscher Krimi Preis klingt natürlich auch unglaublich wichtig und bedeutungsschwer, fast so wie »Deutscher Preis von Hockenheim« oder schlichtweg »Deutscher Meister« – nur wo »Deutscher Krimi Preis« draufsteht, ist auch guter Krimi drin? Ein Gütesiegel, wie der »Blaue Engel« oder der »Grüne Punkt«?

Ja, vermeintlich, liebe Leser. Aber Vertrauen ist gut, Kontrolle natürlich besser. Zwar wird kein Kritiker abstreiten, dass Blettenberg zu den wohl von der breiten Leserschaft am meisten unterschätzten Autoren hierzulande gehört. Sicher: Auch Fred Vargas gibt dem neo polar eine ganz eigene Note. Und selbstverständlich: Christopher G. Moores Zeitporträt nach dem Kambodscha-Krieg ist wertvolle Kriminalliteratur. Doch zurück auf den Boden: Der Deutsche Krimi Preis wird von (selbst)ernannten Experten vergeben, Kritikern wie Buchhändlern.

Damit gelten schon andere Regeln als für den »Markt«, denn was der Kritiker gut findet, darf die Leserschaft eigentlich noch gar nicht kennen – sonst wäre der Kritiker ja kein Experte, der mit »Geheimtipps« um sich wirft und sich so als Kenner legitimiert. Und das, was auf dem Markt Erfolg hat, nein, bitte schön, das hatten wir doch vor ein paar Jahren schon einmal. Zu oft kritisiert der Kritiker am Leser also vorbei, weswegen man gerade Jury-Preise mit Argusaugen beobachten sollte.

Andererseits: Die Auszeichnungen erweisen eine bemerkenswerte Kontinuität. Blettenberg ist bereits zum dritten Mal in der Geschichte des DKP auf Platz 1, für George P. Pelecanos und Anne Chaplet ist es auch nichts neues, den Preis verliehen zu bekommen. Frei nach dem Motto: Volk, lies endlich diesen Autor!

Drei Stimmen reichen für Platz 1

Soweit ließe sich der Deutsche Krimi Preis ja noch einordnen, aber jetzt geht´s mit dem Rechnen und Spekulieren los. Die Zahl der veröffentlichten Krimis im Jahr liegt im Vierstelligen, die der Jury-Teilnehmer überschreitet gerade die magische dreißig. Es ist insofern nicht vermessen zu behaupten, dass sehr wahrscheinlich, nehmen wir mal optimistische zwei Krimis pro Woche pro Juror an, der – vorsichtig ausgedrückt – ein oder andere Roman an der Jury schlichtweg vorbeigegangen ist. Offiziell gab´s auch keine Nominierten – also: Wie hoch mag die Schnittmenge der Krimis sein, die mehr als ein Juror wirklich gelesen hat? »Klein«, will man aus der Ecke rufen, »zwei bis drei maximal!«. Und belegen kann man´s dann auch noch.

Netterweise eröffnet einem das Internet fast ungeahnte Recherche-Möglichkeiten: Schauen Sie doch mal nach, was unsere Juroren dieses Jahr so gelesen haben und wie sie es fanden: Tobias Gohlis, Michaela Pelz, Christian Koch, Jan Christian Schmidt, Robert Schekulin und und und. Habe ich etwas übersehen dieses Jahr oder finde ich die plazierten Titel auf kaum einer Seite herausgehoben oder auch nur erwähnt?

Lassen wir dazu die Juroren selbst den DKP einordnen. Jan C. Schmidt schränkt auf kaliber38.de die Bedeutung des Deutschen Krimi Preises selbst ein:

»Bei der Fülle an Neuerscheinungen, die jedes Jahr den deutschen Krimi-Markt überfluten, ist es verständlich, dass die meisten Titel nur von einem oder zwei Juroren überhaupt zur Kenntnis genommen werden. Da es keine Endrunde gibt, genügen teilweise schon zwei oder drei abgegebene Stimmen, um ein Buch auf das Siegerpodest zu hieven.«

Und Robert Schekulin schreibt gar:

»Dass deutsche Krimipreise für internationale Bestseller-Autoren eh sinnlos sind, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung, ob sie nun Henning Mankell oder Donna Leon oder Andrea Camilleri heißen«.

Da passt es gut ins Bild, dass der renommierteste deutsche Krimikritiker, Thomas Wörtche, in der internationalen Kategorie erst gar nicht zu Wort kommen durfte – er wird sich aber als Herausgeber der metro-Reihe umso mehr über Moores dritten Platz freuen.

Wer braucht diesen Krimi-Preis eigentlich?

Unterm Strich liegt so die Vermutung nahe, dass schon ganz wenige Stimmen ausreichten, Platz 1 vom letztplazierten zu unterscheiden. Und dementsprechend aussagelos sind die Ergebnisse. Krimi-Preis hin, Krimi-Preis her. Gerade die Bekanntgabe 2004 drängt wieder die Frage in den Vordergrund: Wer braucht diesen Preis eigentlich? Wer möchte sich danach richten, was ihm eine sogenannte Experten-Jury nach völlig unersichtlichen Abstimmungsmethoden schlussendlich als die besten Krimis des letzten Jahres überhaupt präsentiert? Frei nach dem Motto: Lies das, wirst schon merken warum. Traue dem Experten. Hinterher weißt du warum. Hinterher ist man immer schlauer, also warum nicht einfach vorher den freundlichen Buchhändler um die Ecke fragen?

Wem nutzt also solch ein Preis? Dem Leser de facto nicht, er bekommt etwas vor die Füße geworfen, was er bitteschön zu verdauen und zu konsumieren hat. Reihenfolge beliebig. Warum? Wieso? Weshalb? Hinterher, lieber Leser, hinterher. Nutzt er den Autoren? Interessiert es einen Kanadier langfristig wirklich, dass dreißig Leutchen in Good Ol´ Germany seinen vor einer Dekade (!) geschriebenen Roman nun mit wahrscheinlich 3:2 Stimmen zum drittbesten internationalen Krimi des vergangenen Jahres gewählt haben? Außerdem: Wer kann sich darüber freuen, für einen der besten deutschsprachigen Krimis ausgezeichnet zu werden, wenn man das ganze Jahr dafür argumentiert, dass der sog. Deutschkrimi erwachsen geworden ist und den Vergleich mit den internationalen nicht scheuen muss? Nein, solche Kategorisierungen erinnern dann doch eher an Streichelzoo und Naturschutzpark und sollten schleunigst überdacht werden.

Warum also der ganze Spaß? Wer in Jurys sitzt ist wichtig, was wir alle nicht erst seit »Deutschland sucht den Superstar« wissen. Und wer schlägt schon ein Angebot aus, zu den wichtigsten seiner Zunft zu gehören und das beste Produkt seiner Zunft mit auszuzeichnen?

Nebenbei gibt es aber auch noch Dauerjammer-Einrichtungen, die geradezu frohlocken, wenn eine Auszeichnung wie der Deutsche Krimi Preis hereinflattert: die Verlage. Verständlich, nur zu verständlich um die eigene Reihe, den eigenen Roman auch optisch durch entsprechende Vermerke aus dem Wust an Veröffentlichungen auffällig erscheinen zu lassen. Und ganz ehrlich: Um wieviel besser hört sich »Deutscher Krimi Preis 2004« denn an als ein einzeiliges Zitat der Baltimore Sun? Auch wenn die Zeitung aus Übersee wenigstens ein Argument für das Buch gegeben hätte, »Deutscher Krimi Preis« klingt solide und gut – damit kann man nichts falsch machen.

Lassen Sie sich als Leser von fragwürdigen Auszeichnungen also bitte nicht täuschen. Fragen Sie lieber Menschen, die eine Empfehlung auch begründen können und wollen. Ein zugegeben plakativer Krimi-Preis macht noch lange keinen guten Roman. Vor allem, wenn dieser Preis sich anmaßt, den absolut besten eines ganzen Jahres identifizieren zu können.

Aber nach der Preisverleihung ist vor der Preisverleihung. Sind wir also gespannt, was uns der Friedrich-Glauser-Preis im April bescheren wird. Eins ist gewiss: Der Vorgang ist halbwegs transparent und wir erhalten wenigstens eine Begründung für die einzelnen Auszeichnungen. Ein Preis für den mündigen Leser sozusagen, den es noch interessiert, warum er ein Buch lesen sollte …

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