Nachts, wenn mein Mörder kommt von Deborah Bee

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The last thing I rembember, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Atrium.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • London: twenty7, 2017 unter dem Titel The last thing I rembember. 293 Seiten.
  • Zürich: Atrium, 2018. Übersetzt von Tim Jung. ISBN: 978-3855350230. 250 Seiten.

'Nachts, wenn mein Mörder kommt' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: Soziale Probleme als Thriller deklariert 50°

Krimi-Rezension von Carola Krauße

In Kürze:

Ein Krankenhaus in London: Eine junge Frau, Sarah, liegt im Koma. Sie kann, was keiner bemerkt, alles hören, ist aber ansonsten bewegungs- und kommunikationsunfähig, sie ist »locked-in«. Durch die Gespräche in ihrem Zimmer erfährt sie, dass ihr Mann Adam ermordet wurde und sie nur knapp mit dem Leben davon kam. Nicht nur die Erinnerung an dieses Ereignis fehlt Sarah, sie steht dem kompletten Vergessen gegenüber. Eine Frage beängstigt sie besonders: Wer ist der Mann, der sie nur dann besucht, wenn niemand sonst sich im Zimmer befindet? Erst im Laufe der Zeit kommt die Erinnerung an ihre Identität, ihr soziales Umfeld und ihre Freundin Kelly langsam zurück.

Die vierzehnjährige Kelly ist völlig verzweifelt. Sarah ist ihre einzige Freundin. Ohne Sarah ist Kelly verloren. In ihrer Schule herrschen Mobbing, Gewalt und Resignation. In ihrem Wohnviertel haben Gangs das Sagen. Trotz des Altersunterschiedes ist das Band zwischen den beiden Frauen stark. Kann Kelly Sarah ins Leben zurückholen, bevor man sich entschließt die Apparate abzuschalten?

London mal anders

Das London der Touristen mit Tower, Buckingham Palace und Big Ben ist nur die eine Seite der Stadt. Neben den zahlreichen Hotspots gibt es genauso zahlreiche soziale Brennpunkte. Tottenham im Norden Londons ist so einer. Hier sind Kelly und Sarah zu Hause. Kelly wohnt hier schon immer, mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder. Sie geht auf die örtliche Schule, welche gleichzeitig ihr größtest Problem ist. Hier herrscht Kathryn mit ihrer Gang. Ein normaler Schulalltag ist völlig undenkbar.

»Essensgeld, Handys, Ohrringe, Hausaufgaben, Stifte, Chips, Lipgloss, Haustiere – es gibt nichts, was Kathryn Cowell nicht einsacken würde.« Wer nicht spurt, wird mit physischer Gewalt und psychischem Druck gefügig gemacht. Um diesem Brei aus Nötigung und Mobbing zu entkommen, versucht Kelly sich anzupassen, mit »krassen Klamotten« statt korrekter Schuluniform und Härte in Sprache und Umgang. »Wenn man hart war, dann gehörte man dazu, war einer von ihnen«.

Bis Sarah nebenan einzieht. Warum die gebildete, gut aussehende und gutsituierte Verlagsmitarbeiterin mit ihrem Mann Adam ausgerechnet nach Tottenham zieht, bleibt vorerst im Dunkeln. Aber sie sieht Kellys Probleme und macht sich daran die Situation zu optimieren. »Optisch unauffällig« ist das Schlüsselwort. Bald fliegt Kelly unter dem Radar, wird von der Gang und ihrem größten Feind Wino nicht mehr wahrgenommen und kann jetzt ihr eigenes Ding machen. Das Sarahs Leben nicht so rosig ist, wie es erscheint wird erst im Laufe der Geschichte offenkundig. Ihre Ehe läuft schlecht, Adam trinkt und sie will die Scheidung. Aber Sarah und Kelly halten zusammen, bauen sich gegenseitig auf und sind Freundinnen.

Soziale Probleme – wo man hinsieht

Sicher, das Umfeld der handelden Personen ist für das Verständnis von Plot und und Charakteren wichtig, aber muss es auf gefühlt 267 der 268 Seiten ausgebreitet werden? Die beiden Protagonistinnen mit ihren Problemen treten in den Vordergrund und, das in einem Buch mit dem Titel Nachts, wenn mein Mörder kommt! Der unbekannte Mann, der nachts kommt, wird nur wenige Male ganz am Rande des Geschehens erwähnt.

Ziemlich irreführend! Und so beschränkt sich denn auch die einzige Spannung auf die Fragen: Kommt Kelly mit ihren Problemen, ihrer Verzweiflung zurecht? Und wird Sarah rechtzeitig genug aufwachen, bevor ihre ahnungslose Familie den Stecker zieht? Der Mord an Adam und der Angriff auf Sarah sind zur Nebensache degradiert.

Schreibstil rettet Geschichte vor dem frühen Tod durch Weglegen

Das man trotzdem weiterliest liegt an Bees eingängigen flüssigem Schreibstil. Die Handlungsorte und die verschiedenen Charaktere sind differenziert und gut vorstellbar beschrieben, ein Interesse an beiden sofort gegeben. Das Leben in einem sozialen Brennpunkt mit allen seinen Problemen wird eingehend und sehr gut plastisch beleuchtet, die Gewalt und auch die Trostlosigkeit sind nahezu spürbar.

Beide Protagonistinnen sind zudem sehr schön durch ihre Art des Sprechens, in Sarahs Fall eher Denkens, charakterisiert. Kelly verfällt immer wieder in Jugendsprache zurück, während Sarah durch ihre tadellose Ausdrucksweise gut als Gegenpol auszumachen ist. Durch diese zwei »Sprachwelten« wird die Problematik des Lebens in Tottenham zusätzlich greifbar- und für unbedarfte Außenstehende auch begreifbar. Zwei Welten – zwei Ausdrucksweisen.

Spannung mit irreführendem Titel

Wer aufgrund des Titels einen klassischen Thriller mit Schwerpunkt auf Tat und Bedrohung durch Mörder erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Der deutsche Titel ist irreführend und tut dem Buch nicht gut, impliziert er doch genau das.

Die typischen Thriller-Elemente spielen jedoch nur am äußersten Rand der Geschichte eine Rolle. Eine exaktere Übersetzung des Originaltitels hätte der Ausgabe mehr als nur gedient. Denn, ja, das Buch ist ansprechend von Anfang bis Ende, aber nicht, weil der Mörder sich nachts anschleicht.

Das Leben und die Probleme von Kelly und Sarah stehen im Vordergrund. Erst bei der überraschenden und viel zu kurz beschriebenen Aufklärung auf den letzten vier Seiten wird klar, dass die 264 vorhergehenden nicht umsonst waren. Aber, dass wird nur noch der Leser erfahren, der bis dahin nicht das Handtuch geworfen hat.

Hätte, wäre, wenn – das Buch mit einem passenderen Titel und einer passenderen Deklaration hätte den Inhalt besser präsentiert.

Wer sich davon aber nicht ins Bockshorn jagen lässt, die 268 Seiten durchhält, findet eine interessante Milieugeschichte mit periferem Mordgeschehen vor, die eingehend geschrieben ist und die den Leser mit den Protagonistinnen mitfühlen lässt, die aber von einem richtigen mit Spannung aufgeladenem Thriller weit entfernt ist.

Carola Krauße, März 2018

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