Das Haus der dunklen Träume

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2001
  • 2
  • London: Bantam, 1999, Titel: 'Set in Stone', Seiten: 317, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2001, Seiten: 414, Übersetzt: Eva L. Wahser
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Michael Drewniok
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Vom Regen in die Traufe

Nach dem Unfalltod seiner Ehefrau wird der "Headhunter” Tony Sheridan von Matt Prior, seinem Schwager, und dessen Gattin Lucy eingeladen, für einige Zeit Gast in ihrem Haus zu werden. Dort soll der durch seine Trauer völlig aus der Bahn geworfene Mann wieder zu sich finden.

Die Priors handeln nicht ganz uneigennützig. In der Ehe kriselt es, und wie es scheint, haben diese Schwierigkeit zu einem guten Teil mit AnderTraum zu tun, dem seltsamen Haus, das Matt und Lucy in der englischen Grafschaft Leicestershire erworben haben. Landschaftlich idyllisch, aber sehr einsam gelegen, hat hier kurz vor dem I. Weltkrieg der exzentrische Architekt Emile Posnan für den nicht minder exaltierten, aber reichen Geschäftsmann Basil Oates ein ungewöhnliches Projekt realisiert: ein großes, kreisrundes Landhaus, an und in dem es keine Ecken gibt.

AnderTraum gilt als architektonisches Meisterwerk. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass seine Bewohner seit über acht Jahrzehnten durchweg vom Pech verfolgt werden. Erst ist es nur der Versuch sich abzulenken, dann echtes Interesse, das Sheridan dazu bringt, die Geschichte von AnderTraum zu recherchieren.

Er stößt dabei auf eine Kette merkwürdiger ”Zufälle”. Sie setzt ein mit dem unerklärlichen Verhalten Emile Posnans, der nach der Vollendung von AnderTraum nie wieder als Architekt tätig wurde und die letzten Jahrzehnte ein unstetes, vom Alkohol geprägtes Wanderleben führte. Auch Oates wurde nie glücklich in AnderTraum, in dessen Mauern seine Frau früh starb und das nach seinem Tod an die einflussreiche Diplomatenfamilie Milner verkauft wurde.

Mord, Spuk & Landesverrat

1939 wurde AnderTraum Schauplatz eines Mordes. James Milner brachte seine Ehefrau Ann um und wurde dafür gehängt. Die Tat wurde nie wirklich geklärt. Obwohl James alle Schuld auf sich nahm, ging das Gerücht um, tatsächlich sei sein Bruder Cedric, ein berühmter Atomphysiker, der Täter gewesen. Warum hat James buchstäblich den Kopf hingehalten?, fragt sich Sheridan.

Anns Schwester lebt übrigens noch. Die hochbetagte Bildhauerin Daisy Temple wohnt sogar in der direkten Nachbarschaft. Über den AnderTraum-Mord von 1939 spricht sie ungern. Sie war selbst indirekt darin verwickelt: Mit Cedric war sie zum Zeitpunkt der Tragödie verlobt, trennte sich dann aber von ihm.

Cedric Milner selbst entfachte nach dem II. Weltkrieg einen Skandal, als er sich in die Sowjetunion absetzte. Er hatte jahrelang Geheimnisse an die Russen verraten, die dadurch in die Lage versetzt wurden, die Wasserstoffbombe zu bauen, und sah sich in Gefahr aufzufliegen. Nun lebt und arbeitet er in Moskau. AnderTraum wurde an seinen ehemaligen Mitarbeiter Strathallon verkauft, der sich mehrere Jahrzehnte ebenso eifrig wie erfolglos bemühte zu klären, was Milner zum Verräter werden ließ. Entnervt hat er AnderTraum schließlich verkauft und sich in seine schottische Heimat zurückgezogen.

Oder ist Strathallon nicht eher geflohen? Norman Rainbird, der zwielichtige Untermieter von Daisy Temple, der sich über Sheridan Einlass in AnderTraum verschaffen möchte, kann mit weiteren verwirrenden Fakten aufwarten: Strathallons Tochter Rosalind hat 1976 aus ungeklärten Gründen Selbstmord begangen. Ein später aufgefundenes Tagebuch deutet an, dass sie sich in AnderTraum verfolgt und bedrängt fühlte und fürchtete, "sie” könnten Gewalt über sie bekommen.

Sheridan ahnt bald, was damit gemeint sein könnte. Spätestens seit er in Abwesenheit seines Schwagers eine Affäre mit Lucy begonnen hat, ist AnderTraum "erwacht”. Als ihm dann der Geist von Rosalind erscheint, weiß Sheridan, dass er aktiv werden muss, bevor das unheimliche Haus ein weiteres Opfer fordert. Doch der Geist von AnderTraum zeigt sich diesem Katz-und-Maus-Spiel mehr als gewachsen ...

Lebendige Schatten der Vergangenheit

Mit ”Dein Schatten, dem ich folgte” debütierte der britische Schriftsteller Robert Goddard 1990 auf dem deutschen Buchmarkt. Schon dieses frühe Werk gab vor, was die meisten der zahlreichen folgenden Werke (Goddard ist ein fleißiger Autor) auszeichnen sollte: Ein rätselhafter Vorfall in der Vergangenheit - gern greift Goddard auf die Jahre vor oder nach dem I. Weltkrieg zurück - hat über mehrere Jahrzehnte unheilvolle Auswirkungen, die ganze Generationen daran beteiligter Männer und Frauen ins Unglück stürzen.

Nachdem Goddard dieses Muster in den letzten Jahren ein wenig zu stark strapaziert hat, findet er mit ”Das Haus der dunklen Träume” eine interessante Möglichkeit es zu variieren. Das Ergebnis ist zumindest über weite Strecken einer der besten Romane, die ihm bisher gelungen sind.

Traumhaus als "Batterie des Bösen"

Goddard verknüpft den von ihm zwar nicht erfundenen, aber stetig entwickelten ”History-Thriller”mit der ebenfalls nicht gerade neuen Geschichte vom verwunschenen Haus, in dem es möglicherweise umgeht. Er dringt dabei nur so weit ins Reich des Übernatürlichen vor, wie es der Story dienlich ist, und stützt sich in erster Linie auf jene parapsychologische Theorie, nach der ein altes Haus die Emotionen derer, die in ihm leben - und sterben - quasi speichern kann, um diese Energie später in Form dessen, was wir ”Spuk” nennen, wieder abzugeben. Unabhängig davon, ob dies wissenschaftlich haltbar ist (was nicht zutrifft), klingt es auf jeden Fall plausibel genug, um einer fiktiven Geschichte die notwendige Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Und es gibt genug Gefühlsaufwallungen, die in die Mauern von AnderTraum fließen konnten! Eifersucht, Mord, Selbstmord, Spionage, Intrige, Ehebruch - beinahe jede Sünde wurde hier begangen! Goddard knüpft daraus ein kompliziertes Geflecht geschickt miteinander verzahnter Ereignisse, die beinahe ein ganzes Jahrhundert überspannen. Immer wieder neue Aspekte kommen ans Licht, werden erklärt, werfen sogleich weitere Fragen auf, deren Beantwortung weitere überraschende Querverweise schafft - so geht es weiter bis zum allerdings nicht mehr konsequenten Finale, das die tragische Geschichte von AnderTraum zu einem eher beiläufigen Ende bringt.

Der Knoten platzt gedämpft aber gediegen

Das einzige echte Manko besteht - wer hätte es anders erwartet - tatsächlich in der Auflösung des Mysteriums. Wenn der Knoten der Handlung schließlich geschürzt wird, lösen sich zwar die Geheimnisse von AnderTraum nicht "logisch” - und das heißt in der unheimlichen Literatur leider meistens ziemlich banal - auf; in diese Falle tappt Goddard nicht. Das Rätsel bleibt gewahrt, doch leider verlieren es Autor und Leser in der zweiten Hälfte des Romans weitgehend aus den Augen. Statt dessen setzt nun ein konventioneller Spionage-Thriller ein, und zwar mit allem, was dazu gehört: Doppel- und Dreifach-Agenten, Regenschirm-Spritzen, Verfolgungsjagden, konspirativen Treffen an verschwiegenen Plätzen ... Das passt natürlich nicht zu einer Geistergeschichte und fügt sich mit dieser auch nie zu einer harmonischen Einheit.

Gar zu schlimm kommt es aber nicht. Auf keinen Fall verdirbt das Ende das Vergnügen an einem konventionellen, aber handwerklich sauber konzipierten und umgesetzten Thriller mit glaubhaften Figuren, die es leicht schaffen, die Handlung immerhin über 400 Seiten in Schwung zu halten, auch wenn sich die Geschichte - ähnlich wie das verwünschte AnderTraum - sich schon kurz nach der Lektüre in Rauch auflöst.

Das Haus der dunklen Träume

Robert Goddard, Goldmann

Das Haus der dunklen Träume

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