Die Kleptomanin

  • Atlantik
  • Erschienen: Januar 1958
  • 13
  • New York: Dodd, Mead & Company, 1955, Titel: 'Hickory, dickory, death', Seiten: 241, Originalsprache
  • Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1958, Seiten: 191, Übersetzt: Dorothea Gotfurt
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1975, Seiten: 192, Übersetzt: Dorothe Gotfurt
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1978, Seiten: 192, Übersetzt: Dorothea Gotfurt
  • Bern; München; Wien: Scherz, 0, Titel: '1991', Seiten: 196, Übersetzt: Dorothea Gotfurt, Bemerkung: überarbeitete Fassung
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2002, Seiten: 272, Übersetzt: Jürgen Ehlers
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2004, Seiten: 196, Übersetzt: Jürgen Ehlers
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009, Seiten: 271, Übersetzt: Jürgen Ehlers
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2005, Seiten: 6, Übersetzt: Martin Maria Schwarz, Bemerkung: ungekürzt
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2012, Seiten: 336, Übersetzt: Jürgen Ehlers
  • Hamburg : Atlantik Verlag/Verlag Hoffmann und Campe [17. September] 2016. Übersetzung: Jürgen Ehlers. 240 Seiten.
  • Hamburg : Atlantik Verlag/Verlag Hoffmann und Campe 2016 [eBook]. Übersetzung: Jürgen Ehlers. 0,83 MB [ePUB].
Die Kleptomanin
Die Kleptomanin
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Michael Drewniok
55°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2021

Kleine Diebstähle mit mörderischer Wirkung

Normalerweise nimmt Privatermittler Hercule Poirot Miss Felicity Lemon nur als tüchtige Sekretärin wahr. Als deren Arbeit schockierend leidet, erkundigt er sich notgedrungen nach dem Grund und erfährt von der Existenz einer Schwester, die sich mit einem kuriosen Problem herumschlägt: Die verwitwete Mrs. Hubbard arbeitet als Hausdame in einer Pension an der Hickory Road in London. Hier leben 15 Mieter durchweg jugendlichen Alters - meist Studenten, die Vollpension zu erschwinglichen Preisen genießen.

Aktuell wird die ohnehin lebhafte Gesellschaft durch sinnlose, aber lästige Diebstähle in Aufruhr versetzt. Die verschwundenen Gegenstände sind ohne Wert: Schuhe, Modeschmuck, Glühbirnen, eine alte Hose etc. Zudem wurde ein Schal zerschnitten und ein Rucksack zerrissen. Wirklich ärgerlich ist es, dass ein wichtiges Manuskript mit Tinte getränkt wurde.

Wie so oft ist es die Absurdität des ‚Verbrechens‘, die Poirots Interesse weckt: Hinter den ‚Streichen‘ wittert er Böses, weshalb er sich in die Pension einladen lässt. Recht schnell hat er den ‚Fall‘ gelöst bzw. die Täterin so in Panik versetzt, dass diese gesteht: Celia Austin gibt vor, als scheinbare „Kleptomanin“ das Interesse des Psychologiestudenten Colin McNabb wecken zu wollen, mit dem sie sich nunmehr verlobt.

Am nächsten Tag ist Celia tot. Offenbar hat sie sich mit Morphium vergiftet - doch Poirot kann nachweisen, dass sie ermordet wurde. Der mit der Ermittlung betraute Inspector Sharpe hat nichts gegen fachkundige Unterstützung einzuwenden, weshalb Poirot umgehend damit beginnt, seine wie üblich (nur) scheinbar unwichtigen Fragen zu stellen, ohne damit weitere Todesfälle verhindern zu können …

Was ihr (Leser) wollt …

1955 ließ Agatha Christie ihre Erfolgsfigur Hercule Poirot in seinem 27. Roman-Fall ermitteln. Der Titel war wieder eine Anspielung auf einen alten englischen Kinderreim (Hickory Dickory Dock), wobei sich diese auf den Ort des Geschehens - die Hickory Road - beschränkte. Übersetzen ließ er sich sinnvoll nicht, und in Deutschland war er unbekannt, weshalb der Roman hierzulande als Die Kleptomanin erschien.

Die Kritik reagierte 1955 zwiespältig: Einerseits war Christie eine Bestsellerautorin und Poirot eine Institution, die man gern in einem weiteren Kriminalfall agieren sah. In ihren Sechzigern war Christie eine erfahrene Schriftstellerin, die das Genre, ihre Figur und die seitens der Leserschaft geforderten ‚Poirotismen‘ kannte, beherrschte und lieferte.

Andererseits spürte Christie einen Drang zur (milden) Aktualität, dem sie nur bedingt gerecht wurde. Während sie später mehr und mehr auf die Nostalgie-Schiene einbog, kündet Die Kleptomanin vom Bemühen, gesellschaftliche Veränderungen der 1950er Jahre zu berücksichtigen. Allerdings fand schon die zeitgenössische Kritik diesen Versuch bemüht oder sogar misslungen.

Ein Stall voller Jungvolk

Christie schildert den Alltag in einem Studentenheim, das von jungen Männern und Frauen bewohnt wurde. Obwohl sie sich auf Andeutungen beschränkt, macht sie deutlich, dass es sich hier nicht um ein Kloster handelt. Darüber hinaus bereichert sie den Kreis der Bewohner um einige ‚dunkelhäutige‘ Studenten aus (West-)Indien und Afrika, die allerdings entweder gar zu beflissen ‚gleichberechtigt‘ dargestellt werden, aber zumindest in einem Fall dennoch für ‚erheiternde‘ Exotik zuständig sind. Anders ausgedrückt: Christies ‚bunte‘ Schar wirkt (erst recht heutzutage) angestrengt ‚locker‘.

Dies fällt vor einem routiniert präsentierten, jedoch alles andere als raffinierten oder plausiblen Plot besonders auf. Anfänglich stellt uns Christie vielversprechend ein Bündel kryptischer Anzeichen drohenden Unheils vor, die wieder einmal nur Hercule Poirot als solche erkennt. Die sich anschließende Auflösung zerfasert episodisch in der teilweise beliebigen Aufklärung diverser Subrätsel, wodurch dem Gesamtfall die Absonderlichkeit entzogen wird. Was bleibt, wird mit einem kruden und altmodischen Schmuggel-Plot verschmolzen, den auch Edgar Wallace nicht trivialer hätte entwickeln können. Hinzu kommt eine wenig überzeugende, ebenfalls verstaubte Familientragödie, die erst im Finale aufgedeckt wird. Von einer ‚fairen‘ Darstellung des Ermittlungsablaufs, die dem Leser ein Miträtseln ermöglicht, kann keine Rede sein - und Poirot verleimt im genretypischen Finale die losen Fäden eher, als sie zum ‚runden‘, zufriedenstellenden Fall zu verknüpfen.

Hinzu kommt die kopfstarke Schar allzu offensichtlicher Verdächtiger, deren Motive sich mehrheitlich als ziemlich belanglos entpuppen. „Jugend“ ist für Christie ein Synonym für naive Unerfahrenheit bzw. Großtuerei, die mindestens durch eine allgegenwärtige Aufsichtsperson überwacht werden muss. Eventuelle ‚Ausreißer‘ gegen Gesetz und Moral müssen stets büßen - oder geben im Finale ihre Verlobung bekannt.

Die Kleptomanin im Fernsehen

Hickory Dickory Dock wurde 1995 für die zwischen 1989 und 2013 entstandene britische TV-Serie Agatha Christie's Poirot (Staffel 6, Episode 2) verfilmt. In der Hauptrolle spielte David Suchet, der jedoch nicht Inspector Sharpe, sondern Chief Inspector Japp begleitet. Außerdem wurden die Ereignisse in die 1930er Jahre verlegt.

Auch für die französische Serie Les Petits Meurtres d'Agatha Christie wurde Hickory Dickory Dock aufgegriffen (2015; Staffel 2, Episode 8), wobei nicht Hercule Poirot, sondern Commissaire Jean Larosière und sein tumber Assistent Inspecteur Émile Lampion als Ermittler agieren.

Fazit:

In seinem 27. Roman-Fall gerät Detektiv Hercule Poirot über Lappalien in eine kriminelle Verschwörung, deren Auflösung sich ihm so lange entzieht, bis einige Morde die wortreiche, aber ereignisarme Handlung in Gang gebracht haben. Der Fall klärt sich eher fantasiereich als nachvollziehbar, weshalb dieser Poirot-Roman nicht zu den Highlights der Serie zählt.

Die Kleptomanin

Agatha Christie, Atlantik

Die Kleptomanin

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