99 Särge von Xiaolong Qiu

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Enigma of China, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: China, 2010 - heute.
Folge 8 der Oberinspektor-Chen-Serie.

  • New York: St. Martin's Minotaur, 2013 unter dem Titel Enigma of China. 277 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2014. Übersetzt von Susanne Hornfeck. 288 Seiten.

'99 Särge' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Zhou Keng, Direktor der Behörde für Wohnungsbau in Shanghai, wird in einem Luxushotel erhängt aufgefunden. Er hatte sich öffentlich dafür eingesetzt, die Preise von Immobilien hochzuhalten, und dadurch die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft. Dann tauchte im Internet ein Foto von seinem extravaganten Lebensstil auf. Die Netzgemeinde lieferte weitere Beweise: Der Beamte war korrupt. Die Partei brachte ihn »extralegal« in einem zu einem Hotel umgebauten Märchenschloss unter. War es Selbstmord oder Mord? 99 Särge hielt der Premierminister angeblich bereit, als er der Korruption den Kampf ansagte. Oberinspektor Chen weiß: Dieser Fall wird noch mehr Opfer fordern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Rätsel China« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Zhou Keng, Parteimitglied und Direktor der Shanghaier Behörde für Wohnungsbauentwicklung, befindet sich unter Arrest im Luxushotel Villa Moller, während seine Verwicklung in einen Korruptionsskandal untersucht wird. Chinesische Netzbürger haben Korruptionsbeweise im Internet veröffentlicht. Auffällig wurde Zhou durch Luxuszigaretten der Marke »95 Supreme Majesty«, die exklusiv für führende Kader produziert werden und für sein Einkommen viel zu teuer sind. Behördenmitarbeiter stießen bei einer Recherche zu Zensurzwecken auf Bildmaterial, das ihn diese Zigaretten rauchend und eine Cartier-Uhr tragend zeigt. Die Maßnahme gegen Zhou nennt sich Shuanggui und bezeichnet das >extralegale Festsetzen missliebiger höherer Kader im Kampf gegen die Korruption im Einparteiensystem

Als man Zhou tot auffindet, geht man von Suizid aus. Parteisekretär Li ruft Oberinspektor Chen Cao zur Unterstützung, obwohl Inspektor Liao und sein Assistent, Hauptwachtmeister Wei, den Fall bearbeiten. Chen vermutet, dass die Partei eine Sanktionierung der Angelegenheit durch die Polizei beabsichtigt, die gleichwohl in Fällen von Shuanggui gar nicht zuständig ist. Chen und Wei werden im Hotel von den Parteioffiziellen Jiang und Liu empfangen, die sie bei ihrer Arbeit mehr stören als unterstützen. Die beiden Bürokraten wollen den Fall schnell abgeschlossen wissen, aber Chen und Wei stoßen auf irritierende Unklarheiten. So hatte Zhou in der Nacht seines Todes so viele Schlaftabletten genommen, dass er sich danach unmöglich hätte selbst erhängen können. Und woher kam das Seil in einem von Aufpassern kontrollierten Umfeld? Chen versucht, im Internet Informationen über Zhou zu recherchieren, muss aber feststellen, dass die Seiten über ihn gesperrt sind. Mit Unterstützung der Internetspezialistin Lianping von der Wenhui-Tageszeitung arbeitet Chen weiter an dem Fall, statt ihn wunschgemäß abzuschließen.

Kriminalisierender Dichter  dichtender Kriminalist

Oberinspektor Chen ist ein Dichter und Polizist im heutigen China, eine Figur des 1953 in Shanghai geborenen Qiu Xiaolong, der seit 1988 in den USA lebt. 99 Särge, der achte Chen-Krimi, der siebte in deutscher Übersetzung, trägt den Originaltitel Enigma of China. Chen wollte in jungen Jahren Dichter werden, wurde nach seinem Universitätsstudium jedoch von den Machthabern für eine Karriere bei der Polizei ausgewählt. Im Lauf der Jahre hat er sich zum stellvertretenden Leiter seiner Dienststelle hochgearbeitet. Er hat den Ruf, der Wahrheit und Menschlichkeit verpflichtet zu sein.

Chens Mutter lebt nach einem Schlaganfall in einer betreuten Gruppe. Er möchte sie zu sich nach Hause holen, in seine geräumige Wohnung, und ihr die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen lassen. Sie lehnt seinen Vorschlag ab. Mutter wünscht sich für ihren Sohn eine gute Frau. Und in 99 Särge scheint sich eine Romanze zu entwickeln.

Gespräche über das Kochen und Essen kennen westliche Leser aus einer Vielzahl von Romanen und sind deshalb nicht überrascht, sie auch bei Qiu zu finden. Ungewöhnlich für sie dürfte jedoch sein, dass Qius Figuren häufig Sprichworte und chinesische Dichter zitieren. Nicht nur der intellektuelle Chen hat daran Gefallen. Konfuzius ist wiederkehrendes Zitiergut. Mitunter werden Zitate von Dichtern verwendet, um eine neue Figur in die Handlung einzuführen oder Charaktereigenschaften zu umschreiben. Gelegentlich ist es für eine Romanfigur schwierig, etwas direkt zu sagen, und dann verwendet sie Dichtung, es weniger offen zu beschreiben denn vorsichtig zu enthüllen.

Tour de force durch das heutige Shanghai

Das heutige Shanghai, folgt man dem unbestechlichen Chen Cao, ist eine Welt, in der sich die Menschen gegenseitig täuschen und betrügen, korrumpieren und ausnutzen, in der sie Macht missbrauchen, um mit jemandem Sex zu haben, Gesetze der Mächtigen allein für die Ohnmächtigen gelten und in der Überwachung und Bestrafung an der Tagesordnung sind. Die Menschen denken nahezu ausschließlich in Kategorien von Nutzen und Kosten.

Chen taucht im Zuge seiner Ermittlungen in die digitale Welt ein. Er erfährt, was der Begriff »Menschenfleischsuche« bedeutet: die Jagd auf Menschen im Internet, mit beabsichtigten Konsequenzen in der materiellen Welt. Ziele dieser Art von Recherchen sind primär Neureiche mit großen Vermögen, Intellektuelle, die sich den staatlichen Autoritäten andienen, und korrupte Regierungsvertreter.

Der Roman schließt nicht konsequent, sondern bleibt offen. Der Schluss legt nahe, dass polizeiliche Ermittlungen im Umfeld von Politik und Korruption in China nicht zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden können.

99 Särge ist strukturiert entlang Fragen des Wie und Wer. Das Was und das Warum sind schnell bekannt. Es ist eine Ermittlungsgeschichte der kleinen Schritte. Qiu schreibt unaufgeregt, ohne Cliffhanger oder andere betonte Spannungsmomente. Gewalt, Blut und Sadismus sind offenkundig nicht seine Mittel. Er erläutert dialogisch oder beschreibend Konzepte wie »Shanggui« und »Netzbürger«, kurz, verständlich und meist ohne belehrend zu wirken oder den Erzählfluss zu stören. Das Ende kommt ein wenig überraschend, verweist aber in einer Kreisbewegung auf den Anfang des Romans. Qiu gibt wenig vor, die Leser sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Almut Oetjen, März 2014

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Su Ele zu »Xiaolong Qiu: 99 Särge« 09.02.2017
Von allen Kommisar-Chen-Krimis hat dieser am wenigsten Spannung und enthält die meiste Lyrik (gefühlt jedenfalls). Eigentlich geht es im letzten Drittel der Geschichte - statt einer Aufklärung - nur noch darum, wie der Kommissar es schafft, sich und die Menschen in seinem nahen Umfeld einigermaßen glimpflich aus den viel zu großen Rädern der Kaderpolitik herauszuretten. Dass er unter solchen Umständen letztlich keine Möglichkeiten mehr hat, die beiden Todesfälle, um die es geht, aufzuklären, ist ebenso realistisch wie deprimierend. Wer es fernöstlich mag, wartet da lieber auf den nächsten Fall von Doktor Siri.
Uwe Huntenburg zu »Xiaolong Qiu: 99 Särge« 16.04.2014
Eine sehr chinesisch-poetische Lösung nach dem taoistischen Grundsatz des Wu Wei, nach dem auch die Mönche des Shaolin ihre Gegner überwinden. Außerdem ein schöner Beweis dafür, dass der "Regen aus der Wolke" manchmál die ideale Lösung ist, auch im Konflikt mit Staatskadern.
Eines der wichtigsten Bücher zum "Selbstverständnis" der KPCh, leider weiß die das nicht.
Uwe Huntenburg zu »Xiaolong Qiu: 99 Särge« 17.03.2014
Ich finde diese Umschreibung für den Vorgang sehr poetisch, ich werde das Buch mit Sicherheit lesen. Die anderen kenne ich schon und finde sie hervorragend. Sie sollten alle zur Pflichtlektüre für die parteikader werden und Putin sollte sie auch lesen. Selten wird mit so viel Sachkenntnis fiktiv über die Nachteile der Kaberwirtschaft geschrieben. Im übrigen ist die Bezeichnung Prinzlinge für die Erben der Kader einfach unübertrefflich.
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