Der große Jäger von Xavier-Marie Bonnot

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel La première empreinte, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Zsolnay.
Folge 1 der Michel-de-Palma-Serie.

  • Marseille: Ecailler du sud, 2002 unter dem Titel La première empreinte. 464 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2008. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 978-3-552-05423-3. 464 Seiten.

'Der große Jäger' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

An einem Dienstag im November verlässt Christine Autran, Dozentin für Ur- und Frühgeschichte in Marseille, abends ihre Wohnung, um ans Meer zu fahren. Einen Monat später findet man die Leiche einer Frau im kalten Wasser der Calanques, unter einem Felsen eingeklemmt. Commandant Michel De Palma vom Morddezernat soll den Fall aufklären, dabei ist er bereits mit einem weiteren komplizierten Fall betraut: Ein Serienmörder hat wieder zwischen Marseille und Aix-en-Provence zugeschlagen. Neben den Leichen der getöteten Frauen pflegt er den Abdruck einer Hand zu hinterlassen, der an prähistorische Malereien in einer Unterwasserhöhle in den Calanques erinnert. Haben all diese merkwürdigen Todesfälle etwas miteinander zu tun? Ein spannender Kriminalroman an einem faszinierenden Schauplatz.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der erste Mord in der Geschichte der Menschheit« 80°

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Ein Krimi aus Frankreich, und er spielt in Marseille. Das alleine ist für viele Rezensenten normalerweise Grund genug, die Messer für einen scharfen Verriss zu wetzen und sich genüsslich über die Unzulänglichkeiten des vorliegenden Werks im Vergleich zu denen des großen – und leider viel zu früh verstorbenen – Meisters Jean-Claude Izzo auszulassen. Erst recht, wenn es sich bei dem unglückseligen Autor um einen Neuling handelt. Bei Xavier-Marie Bonnot liegt die Sache allerdings ein wenig anders. Sein Werk wurde in Frankreich hoch gelobt, mit Preisen bedacht und hat nach gut fünf Jahren endlich den Weg auf den Schreibtisch eines deutschen Übersetzers gefunden (Tobias Scheffel, der seine Arbeit hervorragend gemacht hat).

Ein Serienmörder mit frühgeschichtlichen Motiven

Die Leiche einer Frau wird in der Calanques, einer Küstenregion bei Marseille, aus dem Wasser gefischt. Es handelt sich um Christine Autran, eine bekannte Dozentin für Ur- und Frühgeschichte, deren Spezialgebiet die Le Guen Höhle war. Eine Höhle, die, weil ihr Eingang unter der Wasseroberfläche des Mittelmeeres liegt, erst kurz zuvor entdeckt wurde und faszinierende Höhlenmalereien beherbergt.

Ein aufsehenerregender Fall aber keiner für den »Baron«, Commandant Michel De Palma, ein in die Jahre gekommenes Kind von Marseille, geprägt von diesem Schmelztiegel, dessen Verbrechen ihn im Laufe der Jahre zum besten Bullen der Polizei von Marseille haben werden lassen. Er ist mit anderen Morden und mit sich selbst beschäftigt. Der Mord an einem sieben Jahre alten Jungen lässt ihm genauso wenig Ruhe, wie die gerade beendete Beziehung zu Marie. Doch beide Probleme werden überlagert: es tauchen zerstückelte Frauenleichen auf und der Mörder hinterlässt eine Signatur, den Negativabdruck einer Hand, wie sie auch an den Wänden der Le Guen Höhle zu finden sind.

Der Baron ist der erste, der Verbindungen sieht. Reihen entwickelt, wie er es nennt, die er in seinem akribisch geführten Notizbuch festhält und die zum brutalsten Verbrechen seiner Laufbahn führen.

Zwei Jäger und ein Marseille das mehr ist als Kulisse

Ein Erstlingswerk, das sich aufgrund der Kullisse mit Izzo messen muss, und eine Geschichte um einen Serienmörder, von denen der Krimimarkt geradezu überschwemmt wird. Da ist Skepsis angebracht aber die erweist sich bereits nach kurzer Zeit als unbegründet. Xavier Bonnot sucht nicht den an Schockeffekte gebundenen Thrill einer brutalen aber seichten Geschichte, sondern er wollte einen interessanten Ermittler erschaffen, der in einer authentisch wirkenden Umgebung agiert, die ihn geprägt hat.

Das ist ihm gelungen. Michel De Palma ist ein Großstadtbulle, der die Verrohung der Gesellschaft zwar wahrnimmt, sich aber selbst keiner Moral besonders verpflichtet fühlt. Trotzdem ist er sensibel und feingeistig. Er liebt die Oper und muss – bei aller Härte – in manchen Situationen gegen Tränen ankämpfen. Der Baron ist in die Jahre gekommen, denkt an die Pensionierung und muss mit jungen Kollegen zusammenarbeiten, was ihm im Falle des jungen Ermittlers Vidal besonders schwer fällt. »Mein Sohn« nennt er ihn und höchst ungern weiht er ihn in seine Gedankengänge ein, sondern gibt lieber Handlungsanweisung, die ihm erlauben, alles unter Kontrolle zu behalten.

Neben den interessanten Figuren ist es vor allem Bonnots Blick auf Marseille, der seinen Roman auszeichnet. Bonnot war Dokumentarfilmer und in der Tat lesen sich seine Beschreibungen wie Kamerafahrten. Er versteht es, die Stimmung der Umgebung einzufangen und in starken Bildern zu beschreiben. Der Baron sieht die Veränderung der Gesellschaft, die »Moralschicht in Placken abfallen« und die Entwicklung hin zur Barbarei. Bonnot illustriert diese Stimmung mit eindrucksvollen Bildern einer sich entsprechend verändern Großstadt.

Nicht ganz so virtuos gelingt Bonnot die Konstruktion der Krimihandlung. Der erfahrene Krimi-Leser wird dem Täter schneller auf die Schliche kommen, als das »As« De Palma. Das nimmt vor allem dem Mittelteil ein wenig die Spannung. Vielleicht hat Bonnot das ganz bewusst so angelegt, um den Fokus des Lesers auf die Hintergründe zu lenken, die allerdings auch ein wenig konstruiert wirken. Hier muss Bonnot genauso kapitulieren, wie viele andere, bei dem Versuch, die Handlung einer Mordserie glaubhaft und schlüssig psychologisch aufzulösen.

Doch es überwiegen bei weitem die positiven Aspekte von Der große Jäger, was zu einer klaren Empfehlung führt und dem ausdrücklichen Wunsch, dass der nächste Roman von Bonnot weniger als fünf Jahre bis zum Erscheinen in deutscher Sprache benötigt.

Thorsten Sauer, April 2008

Ihre Meinung zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger«

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F-70 zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 15.07.2010
Würde gerne französ. Krimis lesen die mir gleichzeitig einiges über das tägliche Leben in Frankreich vermitteln, Wie Peter Robinson von England, oder Liza Marklund in Schweden. Unschlüssige Handlung. Langweilig. Nicht zuende gelesen. Nach Seite 50 war Schluß. Ich kann mich nur Georgs Meinung anschließen.
Stefan83 zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 12.08.2008
Ein Krimi aus Frankreich? Ich gebe zu, zuletzt bin ich was das angeht sehr skeptisch geworden, denn immer öfter endete der literarische Ausflug ins schöne Nachbarland mit einer Enttäuschung. Nun taucht mit Xavier-Marie Bonnot ein neuer Name auf dem deutschen Buchmarkt auf. „Der große Jäger“ ist sein Erstlingswerk und wurde in seiner Heimat mit gleich mehreren Preisen bedacht. Zugegebenermaßen nicht immer ein Kriterium für gute Qualität, zumal der gebürtige Marseiller hier in Deutschland natürlich zwangsläufig mit Größen wie Jean-Claude Izzo verglichen wird. Beide beackern jedoch zwei verschiedene Bereiche des Genres und haben auch sonst nicht allzu viel gemeinsam. Bonnots Debütroman um den Commandant Michel de Palma, der von allem nur Baron genannt wird, vollzieht gewissermaßen den Spagat zwischen dem klassischen Kriminalroman und dem Thriller alla Grangé und Chattam. Der Hauptprotagonist ähnelt wohl nicht ganz unabsichtlich Adamsberg von der Kollegin Vargas und schwimmt mit seiner brüchigen Vita, der gescheiterten Ehe und dem übermäßigen Alkoholkonsum auf der derzeitigen Erfolgswelle vergleichbarer Ermittler des Genres. Trotzdem besitzen „Der große Jäger“ und sein Held de Palma mehr als genug Eigenständigkeit, um zu funktionieren, was nicht zuletzt auch an dem einfach spannenden Plot liegt. Der ist schnell erzählt: Bei Calanques, einer Küstenregion Marseilles, wird die Leiche der bekannten Dozentin für Ur- und Frühgeschichte, Christine Autran, aus dem Wasser gefischt. Ihr Spezialgebiet war die Le Guen Höhle, welche unterhalb der Wasseroberfläche des Mittelmeeres liegt und erst einige Zeit zuvor entdeckt worden war. Sie enthält einige Höhlenmalereien, welche die bisherigen Theorien zu den frühesten Menschen in den Grundfesten erschüttert haben. De Palma, der auf einen Serienmordfall angesetzt wird, in dem der Mörder seine Opfer, jedes Mal Frauen, zerstückelt und im Beisein einer Negativhand hinterlässt, entdeckt schon bald einen Zusammenhang mit dem mysteriösen Tod von Autran. Gemeinsam mit seinen Kollegen Maxime Vidal und der schönen Anne geht er den Verbindungen nach und beginnt die Jagd auf einen Mörder, der ihm stets einen Schritt voraus zu sein scheint. Bonnot schreibt präzise, knapp und trifft das Flair des südlichen Frankreichs auf den Punkt genau. Obwohl der Leser streckenweise von französischen Ortsangaben erschlagen wird (eine Karte wäre hier mehr als nützlich gewesen), scheint man stets mitten im Geschehen zu sein, die Marseiller Vororte und Küstenstreifen vor Augen zu sehen. Das Tempo des Romans ist konstant hoch, wenngleich sich Bonnot mit der letztendlichen Auflösung eine Menge Zeit lässt. Dies ist auch sein einziger Fehler, denn selbst das ungeübte Auge wird ab der Mitte des Buches die Identität des Mörders entschlüsselt haben. Einen Spannungsabfall erfährt „Der große Jäger“ deshalb aber nicht. Im Gegenteil: Die sich zuspitzenden Ereignisse fesseln bis zur letzten Seite, die mich, trotz des amerikanisch angehauchten Endes, völlig zufrieden zurückgelassen hat. Insgesamt ist „Der große Jäger“ ein absolutes gelungenes, packendes Debüt mit wenigen Schwächen, das ich besonders Liebhabern der Provence ans Herz legen kann.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Schrodo zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 31.05.2008
Endlich mal wieder ein Serienmörder, und dann zerstückelt der auch noch Frauen. Ein Bulle Namens De Palma, dem ist gerade seine Frau davongelaufen, so ist der dann auch nicht besonders gut drauf.
Die Story dreht sich um den Kommissario und den Killer, der sich für einen urzeitlichen Schamanen hält (ja ja ziemlich abgedreht). Das Ganze geht etwa so: Schamane jagt Frau…Bulle jagt Schamane…Schamane jagt Frau…Bulle jagt Schamane…Schamane jagt…usw.
Das Ende gipfelt im für mich enttäuschenden Showdown, da das zu schnell und unbefriedigend endet. Ich fand das Buch wenig spannend…hab auch eine ganze Woche gebraucht bis ich das durchhatte.
Georg zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 14.05.2008
Kann den bisherigen Kommentaren absolut nicht zustimmen. Ich fands einfach stinklangweilig. Eines der ganz wenigen Bücher, die ich nicht ein Mal zu Ende gelesen habe.
vargas zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 12.04.2008
Der Rezension ist absolut zuzustimmen. Das Buch ist sprachlich top, die Personen sind stimmig und Stadt und Umgebung werden sehr lebhaft beschrieben. Kleinere Schwächen bei der Handung fallen da nicht so ins Gewicht.

Hervorzuheben ist jedenfalls die sehr eigenwillige, teilweise sogar unsympathische Art des Ermittlers, die ihn aber umso interessanter macht.

Insgesamt ein Spitzenkrimi.
JaneDoe zu »Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger« 08.04.2008
Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen.
Der Autor verwendet unterschiedliche Stilmittel, um dem Leser die Geschichte nahe zu bringen. Den Kommissar lässt er Opernarien hören, die zu seiner jeweiligen Stimmung passen, den Täter lässt er brutal agieren und beschreibt das auch mit drastischen Worten. Und zum Glück gibt es kein hollywoodreifes, dafür ein sehr stimmiges Ende.
Im Original sind bereits 2 Fortsetzungen erschienen, die hoffentlich auch wieder Tobias Scheffel übersetzen wird.
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