Das Buch in dem die Welt verschwand von Wolfram Fleischhauer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 1701 - 1800.

  • München: Droemer Knaur, 2003. ISBN: 3-426-19672-7. 448 Seiten.
  • München: Knaur, 2004. ISBN: 3-426-62775-2. 492 Seiten.
  • München: Knaur, 2005. ISBN: 3-426-63315-9. 492 Seiten.
  • München: Droemer, 2007. ISBN: 978-3-426-19778-3. 492 Seiten.
  • München: Droemer, 2007. 492 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: Steinbach, 2005. Gesprochen von Wolfram Fleischhauer. ISBN: 3886986772. 8 CDs.

'Das Buch in dem die Welt verschwand' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Lass dein Herz nicht glauben, was dein Auge sieht! Nürnberg um 1780, kurz vor der Französischen Revolution. Der junge Arzt Nicolai Röschlaub soll im Auftrag des Reichskammergerichts zu Wetzlar einer Reihe beunruhigender Todesfälle nachgehen. Die Opfer weisen ein merkwürdiges Geschwür auf, sind jedoch alle gewaltsam, durch Mord oder Selbstmord, zu Tode gekommen. Ist ein rätselhaftes Gift im Umlauf? Zur gleichen Zeit finden rätselhafte Feueranschläge auf Postkutschen statt. Ihr Ziel sind Bücher. Raubdrucke. Gibt es einen Zusammenhang? Eine geheimnisvolle junge Frau tritt in Nicolais Leben, die ihm klar macht, dass etwas Ungeheuerliches hinter den Vorfällen stecken muss. Misstrauisch geworden, entwendet Nicolai wichtige Unterlagen seines Auftraggebers. Darin findet er eine Landkarte – und macht eine Entdeckung, die seine Vorstellungskraft sprengt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Roman, der Anspruch mit hohem Unterhaltungswert kombiniert!« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Eines Wintertages im Jahre 1780 wird der junge Arzt Nicolai Röschlaub aus Nürnberg vom Kammerherrn Selling in das Schloss des Grafen Alldorf gerufen, der seit längerer Zeit unpässlich ist. Röschlaub findet den Adligen tot, vergiftet – ein Selbstmord, nachdem Alldorf die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen konnte. Vor ihm waren ihr schon sein beiden Kinder und die Gattin zum Opfer gefallen.

Aus einer Tragödie wird ein Skandal, als sich herausstellt, dass Alldorf im großen Stil Immobilienschwindel und Kreditbetrug betrieben und eine ungeheuerliche Geldsumme zusammengetragen hat, die nach seinem Tod verschwunden ist. Offenbar gehörte der Graf einer obskuren Geheimorganisation an, die Übles gegen den Kaiser plante.

Ein Fall für Giancarlo Di Tassi

Bald ist Röschlaub wieder im Schloss. Der gefürchtete Giancarlo Di Tassi, Justizrat des Reichskammergerichts zu Wetzlar, hat sich des Falls angenommen. Gerade hat man den inzwischen verschwundenen Selling aufgefunden: grausam ermordet und verstümmelt, zu Füßen der Leiche eine bewusstlose Frau, die alles mitansehen musste. Magdalena Lahner ist für den notorisch misstrauischen Di Tassi sehr verdächtig. Um sie, in die er sich umgehend verliebt, zu schützen, aber auch um seine Karriere in Gang zu bringen, lässt sich Röschlaub als Berater des Justizrates anwerben. Freilich hat er keine Ahnung, dass dieser auch ihn für einen Komplizen des Grafen hält.

Gemeinsam untersuchen Di Tassi und Röschlaub eine Serie seltsamer Postkutschen- Überfälle: Nichts wird geraubt, nur die Kutschen samt Ladung in Brand gesteckt. Es ergibt sich ein Muster: ein gigantisches, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das ganz Deutschland erfasst! Aber das ist nur eines der unzähligen Rätsel, vor das sich die Ermittler gestellt sehen. Hinter jedem Mysterium tut sich ein neues Geheimnis auf. Für Röschlaub wird aus Spiel Ernst, als er erkennt, dass auch Di Tassi keineswegs der ist, für den er sich ausgibt. Gemeinsam mit Magdalena flieht er vor dem übermächtigen Feind, um nun selbst der Sache auf den Grund zu gehen – doch wer ist eigentlich Magdalena, die so viel mehr weiß als sie bisher zugab ...?

Die gerade skizzierte Handlung gibt nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens wieder. »Das Buch, in dem die Welt verschwand« weist einen komplexen (und komplizierten) Plot auf, der manchmal hinter diversen Erzählsträngen schwer zu erkennen bleibt. So ist es freilich vom Verfasser geplant: Seine Geschichte dreht sich weniger um die Macht obskurer Geheimbünde, sondern mehr um die Kraft oder die Ohnmacht von Ideen.

Als Kriminalstory mit Mystery-Touch fabelhaft

Als reine Kriminalstory mit Mystery-Touch funktioniert »Das Buch ...« über drei Viertel seines Umfangs fabelhaft. Selten liest man – zumal in Deutschland – ein Werk, das so geschickt konstruiert und elegant geschrieben wurde. Der Fan des Genres wird nicht vermissen, was er (oder sie) so liebt: Illuminaten, Rosenkreuzler & andere kapuzinierte Munkelmänner, Meuchelmörder, Räuber, Verschwörer, Geheimagenten, Intriganten, eine Maschine zum Sternenstaubsammeln, das alles dargeboten in der Welt des Jahres 1780. Jede Person spielt ein doppeltes, dreifaches Spiel, niemandem kann getraut werden, eine Hitchcocksche Atmosphäre des Misstrauens ist allgegenwärtig.

Es macht Freude diesen Thriller zu lesen, der sich so geschickt einer vergangenen Zeit zu bedienen weiß. Das alte Deutsche Reich in seinen letzten Zügen, ein seltsames Konglomerat aus unzähligen mittelgroßen, kleinen und kleinsten Fürstentümer und Kirchenstaaten, freien Städten und Abteien, in ihrer Gesamtheit notdürftig als »Deutschland« unter einen Hut gebracht, tatsächlich aber hoffnungslos untereinander konkurrierend, sich verbündend, streitend …Das Leben muss vor allem für den, der viel reiste, ein Albtraum gewesen sein. Fleischhauer lässt seinen Nicolai Röschlaub diese Erfahrung mehr als einmal machen.

Viele Ereignisse knüpfen an diesen seltsamen territorialen Flickenteppich an, können sich nur hier so abspielen. Die oft bizarren Auswirkungen wirken in diesem Umfeld ganz natürlich, zumal Fleischhauer sein Wissen um die Vergangenheit nie aufdringlich doziert, sondern unauffällig in die Geschichte einfließen lässt. Das gilt ebenso für die politischen, religiösen oder wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Epoche. Wir erkennen rasch, wieso der Autor sein Garn gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen lässt.

Die Nahtstelle zwischen Absolutismus und Aufklärung

Dies ist die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Absolutismus und Aufklärung. Auf der einen Seite symbolisiert das Deutsche Reich noch das Mittelalter mit seiner Adels- und Kirchenherrschaft, seinen Glauben an Geister und Hexen, an die Unwandelbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite steht die neue Zeit, deren Repräsentanten sich nicht mehr mit der alten Ordnung abfinden wollen. Die Wissenschaft schreitet voran, politisch weht in Preußen und besonders in Frankreich ein frischer Wind. Die Kirche kann ihre Vormacht nicht mehr halten, die Protestanten sind eine Macht geworden, die sich gegen Rom zur Wehr setzen kann.

Alle Fixpunkte der (deutschen) Existenz sind ins Rollen und Rutschen geraten. Um die Konsequenzen geht es in diesem Roman. Die Vertreter der alten Ordnung kämpfen gegen ihre Angst, dass deren Untergang das Ende der Welt einläuten wird, und natürlich für ihre Privilegien. Dagegen verlangen die Repräsentanten der Moderne den rigorosen Schnitt mit der Vergangenheit, der ihrer Meinung nach der Menschheit den Start in eine glanzvolle Zukunft ermöglichen wird.

Des Lesers Irritation entsteht aus Unwissen

»Das Buch, in dem die Welt verschwand«, verfasst vom Philosophen Immanuel Kant, ist Fleischhauers Symbol für den daraus erwachsenen Konflikt. Die Auflösung der unzähligen Geheimnisse wird viele Leser verwirren. Ihre Irritation entsteht aus Unwissen. Kann denn eine Idee eine ganze Welt aus den Angeln heben? Die Angst davor Menschen umbringen? Es fällt schwer nachzuvollziehen, dass dies wirklich geschehen ist. Zwar überspitzt Fleischhauer aus Gründen der Dramatik die reale Historie, doch es ist eine Tatsache, dass schon das Deutschland von 1835 – dem Datum der Rahmenhandlung – keine Ähnlichkeit mehr mit dem Deutschland von 1780 aufweist. Letzteres ist nach Fleischhauer in der Tat in einem Buch verschwunden – eine interessante, ungewöhnliche Interpretation, die nachhaltiger wirkt als das übliche Schlussgemetzel zwischen »Gut« und »Böse«.

Nicolai Röschlaub, unser »Held«, ist in vielerlei Hinsicht ein reiner Tor. Er ist keineswegs dumm, aber sehr naiv. Mit anderthalb Beinen steht er bereits in der neuen Zeit. Die Ränken in Politik und Gesellschaft sind ihm fremd, für ihn steht die unverfälschte Wahrheit im Vordergrund. Deshalb hat er mit seinen eigenen medizinischen Forschungen kläglich Schiffbruch erlitten – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er nicht über das diplomatische Geschick verfügt, diese Wahrheit über die richtigen Kanäle zu verbreiten.

Echter Forschergeist lässt sich nicht unterdrücken

Aber echter Forschergeist lässt sich nie wirklich unterdrücken. Bald spürt Röschlaub neuen Krankheitserregern nach. Dieses Mal bleibt er bis zum bitteren Ende dabei. Das widerstrebt seinem eigentlichen Wesen, aber es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig. Siehe da, in der Krise entwickelt Röschlaub Überlebensqualitäten. Und zuletzt ist er es, der das Geheimnis des Buches nicht nur entdeckt, sondern überlebt und sogar profitiert.

Magdalena scheint zunächst die übliche weibliche Hauptrolle an der Seite von Röschlaub zu spielen. Auch hier durchbricht Fleischhauer das Klischee: Das angebliche Opfer entpuppt sich als religiöse Fanatikerin und gehört auf ihre Art in dasselbe Lager des Feindes wie Di Tassi. Beide wollen sie die alte Ordnung – ihre alte Ordnung – retten, fürchten sich vor einer Zukunft, die sie nicht mehr lenken, in der sie nicht mehr bestimmen können.

Wobei Di Tassi die politische Reaktion repräsentiert. Er spielt viele Rollen, dient aber letztlich dem Kaiser, das heißt dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen pompöser Titel mit der traurigen Realität kaum noch etwas gemein hat. Fortschritt ist für Di Tassi per se gefährlich und muss aufgehalten werden. Als ihm das nicht mehr gelingt, verschwindet er spurlos aus unserer Geschichte.

Ihre Meinung zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand«

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Walter K. Ludwig zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 18.08.2015
Absolut fantastisch! Eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe! Dass die Kommentare hier zum Teil etwas verhalten sind, liegt wohl daran, dass der Begriff "Krimi" für "Das Buch, in dem die Welt verschwand" viel zu kurz gegriffen ist. Wolfram Fleischhauers Roman ist weit mehr als das. Er verknüpft Geschichte, Medizingeschichte und Philosophie zu einem äußerst spannenden, interessanten und auch noch lehrreichen Konstrukt. Ach ja, und eine Liebesgeschichte ist auch noch dabei. Immanuel Kant zum Mittelpunkt eines Thrillers zu machen, auf die Idee muss man erstmal kommen. Leute, vergesst Dan Brown, wir haben Wolfram Fleischhauer!
Stefan83 zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 23.07.2010
Zur Beruhigung eventuell Interessierter vorneweg: Auch nach der Beendigung der Lektüre von Wolfram Fleischhauers Werk „Das Buch in dem die Welt verschwand“ befand sich alles noch an seinem Platz, drehte sich unser blauer Planet munter weiter. Verschwunden war lediglich die aufgebrachte Zeit von vier Tagen. Und zwar leider unwiderruflich, denn ich hätte sie im Nachhinein besehen wohl weit besser nutzen können. Dabei weckten der interessante Titel sowie der Klappentext anfangs meine Neugier, ließen doch die Grundidee des Romans sowie die zitierten Kritiken ein stilistisch geschliffenes und kunstvoll-philosophisches Buch erhoffen, das neben der genreüblichen Spannung auch langvermissten Tiefgang bietet.

Wolkersdorf, Anno 1836. Nicolai Röschlaub ist in Begleitung seiner Enkelin Theresa als seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und er sich rückblickend an den ereignisreichen Winter des Jahres 1780 erinnert, in dem er eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat:

Röschlaub, ein 21-jähriger Arzt, ist erst seit kurzer Zeit in Nürnberg, nachdem man ihn zuvor aufgrund seiner forschen Art und unwillkommenen neuen Ideen aus Fulda vertrieben hat, als er eines Nachts plötzlich auf das Schloss des Grafen Alldorf zitiert wird. Obwohl die Aussicht auf einen nächtlichen Ritt in winterlicher Kälte dem Adjutanten des Nürnberger Stadtphysikus wenig zusagt, fügt er sich widerstrebend der Aufforderung, insgeheim der Ansicht, es handele sich lediglich um die in Adelskreisen üblichen Unpässlichkeiten. Umso überraschter ist er, als er bei seiner Ankunft mit Kammerdiener Selling, Hausapotheker Zinnlechner und Gutsverwalter Kalkbrenner eine völlig aufgelöste Gesellschaft vorfindet, welche sich vor der verschlossenen Tür zum Salon des Grafen versammelt hat. Dieser hatte kurz vor seiner Erkrankung strikten Befehl gegeben, niemanden einzulassen, um in Ruhe in seiner Bibliothek studieren zu können. Dank Nicolais Einfallsreichtum erlangt man schließlich dennoch Zugang. Jedoch kommt jede Hilfe umsonst. Der Graf von Alldorf ist bereits seit längerer Zeit tot und hat sich offensichtlich mit Gift selbst gerichtet, um die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen zu müssen. Nicolais Neugier ist geweckt, als er vom früheren Ableben von Alldorfs restlicher Familie hört. Bevor er allerdings selbst Nachforschungen diesbezüglich anstellen kann, betritt Giancarlo di Tassi, Justizrat vom Reichskammergericht in Wetzlar, die Bühne.

Dieser bittet den findigen jungen Arzt um Mithilfe und gemeinsam nehmen sie die Verfolgung der drei Herren, welche Nicolai zuvor empfangen haben und noch in der gleichen Nacht verschwunden sind, auf. Bereits nach kurzer Zeit wird Selling brutal ermordet und bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt in einem nahe liegenden Wald aufgefunden. Aufgrund gewisser Hinweise deutet alles auf die Täterschaft Zinnlechners hin. Um genaueres zu erfahren soll Nicolai die einzige mögliche Zeugin der Tat, eine junge, verwirrte Frau namens Magdalena, behandeln und zum Sprechen bringen. Prompt verliebt sich der Arzt in sie, während mysteriöse Postkutschenüberfälle die Aufmerksamkeit Di Tassis in eine andere Richtung lenken. Hängen sie gar mit den Ereignissen auf Schloss Alldorf zusammen? In welchen dubiosen und kriminellen Machenschaften war der Graf verwickelt? Und was hat der Geheimbund der Illuminaten damit zu tun? Schon bald wird Nicolai klar, dass in diesem Fall nichts so ist, wie es zu sein scheint. Mit jedem Schritt wird er weiter in eine gefährliche Verschwörung hineingezogen … Eine Verschwörung, die am Ende gar eine Gefahr für den Thron Preußens darstellen könnte.

Wolfram Fleischhauers Buch ist für mich ein ziemliches Ärgernis, da das Konzept der Handlung Potenzial für ein großartiges und äußerst tiefgründiges Werk geboten hätte. Das es das letztlich nicht geworden ist, liegt an der mangelhaften Fortführung vieler guter Ansätze und den unnötigen Richtungs- und Kursänderungen des relativ schnell nicht mehr zu erkennenden roten Fadens. Es scheint, als hätte Fleischhauer selbst nicht so richtig gewusst wohin die Fahrt denn nun gehen soll. Künstlerischer Historienroman, klassischer Rätselkrimi oder blutiger Mystery-Thriller. Relativ lieblos wirft der Autor alles in einem Topf und mixt so lange, bis auch der Leser nicht mehr weiß, wo das Ganze enden soll. Und dabei ist der Beginn doch mehr als viel versprechend. Äußerst geschickt baut Fleischhauer eine schaurige, von Misstrauen beherrschte Atmosphäre auf, wobei er alle beteiligten Personen ein doppeltes Spiel treiben lässt. Merkwürdige Gifte, Geheimgesellschaften, eine seltsame Landkarte voll mysteriöser Hinweise. Immer wieder wird die Neugier des Lesers angeregt, werden Tempo und Spannung innerhalb der Handlung anzogen. Und leider ebenso oft tritt Fleischhauer dann wieder auf die Bremse, um meist komplette Handlungsstränge brach liegen zu lassen.

All das würde wohl jedoch nicht so sehr ins Gesicht fallen, wäre ihm wenigstens die Zeichnung der Charaktere besser gelungen. Doch sämtliche Beteiligte, einschließlich Erzähler Nicolai Röschlaub, dessen Naivität mitunter gewaltig an den Nerven zerrt und sich außerdem auch irgendwie mit seinem so überlegenen Intellekt beißt, bleiben von Anfang bis Ende eine blasse, gesichtslose Ansammlung seltsamster Gestalten, zu denen man partout keinen Zugang (ob positiv oder negativ) herstellen kann. So schlappt man eher resigniert als begeistert ihren oftmals vergeblichen Spurensuchen hinterher, aus denen Fleischhauer im letzten Drittel dann noch schnell ein feinsinniges Verwirrspiel Dan Brownscher Prägung schmieden will. Damit erleidet er aber – wie mit so vielen anderen Dingen – Schiffbruch. Der Aha-Effekt verpufft irgendwo zwischen philosophischen und theologischen Monologen, in deren Anschluss sich Nicolai stets aufs Neue selbst einen Schwall von unbeantworteter Fragen stellt.

Nun, was fällt positiv ins Gewicht? Wolfram Fleischhauers Wiederbelebung des späten 18. Jahrhunderts ist wirklich aller Ehren wert. Bildreich, wenn auch bar jeder Eleganz, bringt er ein Deutsches Reich auf dem Papier zum Leben, das seinen letzten Tagen entgegensieht und in dessen Mitte sich politische, religiöse und wissenschaftliche Veränderungen vollziehen, welche andeuten, dass man sich auf der Schwelle zwischen altem Absolutismus und neuer Aufklärung befindet. Obwohl das Reich immer noch ein territorialer Flickenteppich aus unzähligen kleiner Fürstentümer, Kirchenstaaten und freien Städten ist, lässt sich, natürlich auch durch den stärker gewordenen Einfluss Preußens, eine Kehrtwendung erahnen. Ein Ruderer in diesem sich drehenden Boot ist Immanuel Kant, auf dessen neuartige Lehren sich letztendlich auch der Titel des Buches bezieht und der mit seinen philosophischen Ansätzen und Ausführungen das gefestigte Weltbild der damaligen Gesellschaft ins Wanken gebracht. Eben diesen Einfluss im Buch abzubilden, ist Fleischhauer leider nicht in der Lage, wenngleich das auf diesen Punkt bezogene Ende wenn schon nicht überraschen, so zumindest noch teilweise etwas versöhnen kann.

Insgesamt ist „Das Buch in dem die Welt verschwand“ eine enttäuschende Ausführung einer sonst bemerkenswerten und interessanten Grundidee, welche letztlich zu sehr die breite Masse bedienen will und den Spagat zwischen konstruierter Spannung und historischen Lehren nicht zu meistern versteht. Lediglich die Tatsache, dass ich mir Kants Werke wohl nun mal genauer anschauen werde, rechtfertigt die für das Buch aufgewendete Zeit.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Penelope zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 28.04.2010
Ich finde die monotone Stimme und die Story an sich ziemlich langweilig und konfus, wie auch schon gesagt, die Idee ist grundsätzlich wirklich interessant, aber was der Autor hier vorstellt, ist auf einen Nenner gebracht langweilig. Mein Mann und ich haben es zusammen gehört, und waren uns anschließend einig in der Bewertung. Vergleicht man die Geschichte mit der Stadt der träumenden Bücher oder die Tintenblut, -herz, -tod Trilogie kann man nur enttäuscht sein. Ich finde, der Autor hat es sich sehr leicht gemacht, es fehlt die Substanz. Oder um mit Brecht zu enden: Und wir sehen betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen. Schade um die Zeit.
HerrHansen zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 16.02.2010
Da ich das Buch im Vergleich zu anderen recht spät gelesen habe gebe ich meinen Senf auch noch einmal dazu:

Das Buch war für mich ein Zufallskauf auf dem Flohmarkt, ich war nicht vorbelastet, was Rezensionen o.ä. angeht und habe auch hier im Vorwege nicht recherchiert.

Meine Meinung zu dem Buch spiegelt die einiger anderer wieder - das Buch wird völlig aus meiner Sicht überbewertet. Den Plot als solches finde ich von der Grundidee gelungen, die Umsetzung ist mangelhaft. Es wird auf Krampf versucht die Handlungsstränge früh zu vereinen und den weiteren Handlungsstrang, der sich im Verlaufe der Seiten so ergibt am Ende schnell wieder einzufangen. Die Handlung überschlägt sich mit der Reise nach Königsberg förmlich, nachdem sie mit der Reise nach Leipzig im Vorwege schon deutlich an Fahrt aufgenommen hat.

in einem Vorgängerkommentar hieß es so schon, dass der Eindruck sntsteht, dass das Lektorat auf ein schnelles Ende bestanden hat. Diesen Eindruck habe ich leider auch.

Die Idee Kant seine Lehren einfließen zu lassen und im Titel unterzubringen ist zwar schön und gut, die Umsetzung jedoch kläglich gescheitert. Es fehlt im Verlauf der Handlung leider daran, dem Leser die Situation der Magdalena noch deutlicher zu machen. Ihre Ansichten und ihre Geheimnisse werde seitens des Autors nicht ausreichend herausgearbeitet. So wird es dem Leser unnötig schwer gemacht.

Alles in allem aber ein durchschnittliches Buch, man sollte seine Erwartungshaltung jedoch deutlich zurückschrauben, deshalb tendenziell LAUWARME Kost.
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A. Henet zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 04.09.2008
Ich habe gerade das ende gehört, nähmlich gibt es diesen buch als hörbuch gelesen von den autor selbst. Ganz oberflächlich gesagt, es ist eine russicher salat von ereigniss, von allem etwas. Angefangen von anfang eine forensiche lehre bis zum liebesroman. Und dazwischen, etlichen spannenden mörderischen idee, philosophische touch und noch viel mehr. Jame Brown könnte vielleicht neidisch werden.
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Teeshan zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 16.05.2008
Das Buch ist der Hammer!
Ich habe es in drei Tagen durchgehabt.
Absolut sehr lesenswert!
Während des Buches bleibt die Handlung und spannung immer treu.
Kein Problem.
Das Buch fesselt mich ohne ende.
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Peter Furlan zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 08.02.2007
Ein ganz gut erzähltes Buch - bis auf den Schluß. Der ist furchtbar.

Da erinnert sich Röschlaub nicht mehr an die Handlung, und wo bis jetzt Detailverliebheit war, gibt es nur einen groben Bericht.

Warum geht Magdalena, die die Kirche hasst, in ein Kloster?
Woher weiß Röschlaub, wo sie ist?
Kann man eine Idee wirklich vernichten, indem man eine einzige Abschrift eines Buchmanuskriptes zerstört?
Bekommt man von Kants Ideen eine Vomica?

Ich habe den Eindruck, dass kurz nach Königsberg der Lektor gesagt hat "Jetzt ist aber Schluß, mein Lieber! Noch 30 Seiten und finito!"

Schade.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Marianne Perez zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 11.08.2006
Ich leb in Kanada, mein Bruder hat mir das Hoerbuch geschickt. Ich bin immer dabei eingeschlafen und musste mir die CD von neuem anhoeren. Gut, etwas sehr langstilig, find ich.

Es sieht so aus, als wenn der Author den DaVinci Code oder Jesus Papers etc. auf deutscher Ebene nachmachen will.

Ist ok, nichts hervor-ragendes... :-)
Tommy zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 18.07.2005
@fischstäbchen:

vielen dank für die sehr gute und zutreffende rezension!
ich fand das buch ebenfalls sehr unterhalsam und überaus lesenswert.
dennoch lassen sich die von dir aufgeführten schwachstellen nicht hinweg diskutieren.

unterm strich bleibt ein überdurschnittlicher bis sehr guter mystischer historien-krimi, der sich wohltuend von vielen anderen werken abhebt, aber dabei trotzdem nicht als referenz für dieses genre gelten darf.

schöne grüße!
Fischstaebchen zu »Wolfram Fleischhauer: Das Buch in dem die Welt verschwand« 18.07.2005
Manchmal kommt man sich so einsam vor. Warum bin ich anscheinend als Einziger der Ansicht, daß dieses Buch völlig überbewertet wird?
Warum, beispielsweise, überfordern die zwei dargebotenen „Handlungsstränge“ – die Kutschbrände und die Morde – die meisten Rezensenten? Geht man nach einem Großteil der Kritiken, könnte man glatt meinen, man hätte es hier mit einem geschickt gewobenen Netz aus verwirrenden, aber doch anregend geschürzten Handlungsknoten zu tun. Tatsächlich – es sind deren zwei.
Zudem – warum wird allerorts der philosophische Anspruch dieses Werkes derart hervorgehoben? Die Einbindung einer Frau Angela Merkel in einen schlechten Witz macht diesen noch nicht zu anspruchsvollem Polit-Kabarett. Ebensowenig machen die Gedankenanregungen, die einem in Fleischhauers Roman zuteil werden, diesen zu einem Füllhorn neuer, aufregender Erkenntnisse. Die Zielgruppe dieses Buches zumindest sollte durch Fragen wie „Wann wird ein Gedanke zur Tat?“ nicht aus der sittlichen Bahn geworfen werden. Mein Weltgebäude muß nach dieser Lektüre auf jeden Fall nicht umgebaut werden.
Und noch eins wollen uns die zahlreichen Rezensionen weismachen: „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ sei auf hohem Niveau erzählt und gut geschrieben. Da muß ich aber entschieden Hohn lachen! – Nehmen wir doch einmal den Anfang des Buches. Die detailliert beschriebenen Ermittlungen im Schloß des ermordeten Grafen hangeln sich recht spannend von Cliffhanger zu Cliffhanger. Jedoch, während die Handlung an dieser Stelle immer nur für wenige Minuten unterbrochen wird, werden in den eingeschobenen Passagen im D-Zug-Tempo Stunden, ja Tage aus dem Leben eines Kutschbrenners abgespult. Das mag ja, wie in vielen Kritiken erwähnt, verwirrend sein – guter Stil ist es für mich jedoch nicht. Apropos Kutschbrenner. Da heißt es beispielsweise auf Seite 51: „Fast alle Reisenden fuhren heutzutage bewaffnet und machten von ihren Pistolen auch schneller als früher Gebrauch, wenn sie sich angegriffen fühlten.“ Fast vierhundert Seiten und ebenso viele Ungereimtheiten später, werden sich dann auch endlich die zündelnden Schurken dieses Umstandes bewußt. Zu spät - denn „Die Gegenwehr aus der Kutsche überraschte die Angreifer völlig. Ohne einen einzigen Schuß abgefeuert zu haben, ritten sie in die Feuersalve der Angegriffenen hinein.“ (S. 429) Schön blöd. Oder doch nur fahrig geschrieben? Was ist zum Beispiel mit Sätzen, wie: „Er schob sich ein Stück gekochte Kartoffel in den Mund, sagte jedoch nichts.“ (S. 170) Ist das ein Manifest gehobener Eßkultur, oder doch nur schludrigen Schreibens? Was soll ich davon halten, wenn sich ein Charakter über mehrere Absätze hinweg Gedanken über einen gewissen Tathergang macht, nicht einen einzigen seiner zahlreichen Sätze mit etwas anderem als einem Fragezeichen beendet, und sich schließlich auf einen Holzschemel setzt und „[…] beginnt, nachzudenken.“(S.249) Ja, was hat der gute Mann denn die ganze Zeit getan? Warum besteht Deutschland nur aus Geheimgesellschaften? Und warum kennt diese ein jeder? Wo ist das Geld des Grafen hin?
Ich bitte die werte Leserschaft, mich nicht falsch zu verstehen. Fleischhauers Buch ist in meinen Augen ein netter Krimi mit mystischem Einschlag – aber nicht mehr. Ich will ja beileibe nicht alles miesmachen. Was ihn zum Beispiel vom Gros der spannenden Lektüren abhebt, ist die Tatsache, daß die Handelnden nicht, wie so oft, klischeehaft gezeichnet sind und nicht mit entweder ausnahmslos guten oder schlechten Charaktereigenschaften gesegnet sind. Aber es gibt einfach zu viele kleine Schwächen in diesem Buch, um von einem anspruchsvollen, gut geschriebenen Werk mit philosophischem Tiefgang zu sprechen.
An dieser Stelle schließe ich meine flammende Anklage, schiebe mir eine heiße Kartoffel in den Mund und verbleibempf mif mjam – Verzeihung … Mahlzeit!
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

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